Christopher Hitchens: Der Herr ist kein HirteWie Religion die Welt vergiftet. München: Blessing Verlag 2007. 352 Seiten, gebunden, Euro 17,90, ISBN 978-3-89667-355-8
Um es gleich vorweg zunehmen: Die Grundthesen in Christopher Hitchens im Spätsommer 2007 auf deutsch erschienenem Buch God is not Great. How Religion Poisons Everything (original: Twelve Books, 2007) sind nicht neu – die Lektüre des Buches lohnt sich aber trotzdem. Denn der prominente und als “enfant terrible” verschriene US-Journalist Hitchens bietet unterhaltsam und kurzweilig vorgetragenen Argumentationsstoff, weshalb Religion und der Glaube an einen Gott von Menschen gemachte Dinge sind, die, wie Hitchens es formuliert, “alles vergiften”; zudem trägt er wichtiges Detail- und Hintergrundwissen vor. Er untersucht und beschreibt historisch-kritisch die Entstehungsgeschichte der zentralen monotheistischen Religionen und kommt zu dem Ergebnis, dass diese nichts anderes sind, als “Plagiate eines Plagiates von Hörensagen über Hörensagen über die Illusion einer Illusion”. Eindringlich beschreibt er den negativen und teils maßgeblichen Einfluss von Religion in den verschiedensten militärischen Konflikten.
Standardbehauptungen, nach denen Religion ein natürliches Bedürfnis des Menschen sei oder ihn gar zu besserem, menschlicherem Handeln anleite, widerlegt er ebenso gekonnt, wie die These, “Gott” sei die plausible Antwort auf unlösbare Fragen: Das Postulat eines “Designers” oder Schöpfers bringe nur wieder die Frage auf, wer diesen Designer oder Schöpfer erschuf.
Hitchens anekdotenreiches Buch und dessen Erfolg – wochenlang war es in der Bestsellerliste der New York Times – ist auch zu sehen als Reaktion auf das Erstarken evangelikaler Fundamentalisten in den USA, die viele Menschen inzwischen satt zu haben scheinen. (Auch das bereits als “Bibel des neuen Atheismus” bezeichnete Werk des in Oxford lehrenden Evolutionsbiologen Richard Dawkins The God Delusion [2006, dt.: Gotteswahn] verkaufte sich ungewöhnlich gut: Allein die Hardcover-Ausgabe ging 500.000 mal über den Ladentisch.) Selbstverständlich geht Hitchens auch auf den Kreationismus ein und zerlegt elegant die vor allem in den USA weit verbreitete modernisierte Religionsidee des “Intelligent Design”.
Der gebürtige Brite Hitchens, der im April 2007 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, propagiert die säkulare Tradition der Vereinigten Staaten und bezieht sich auf das Amerika von Thomas Paine und Thomas Jefferson, über die er bereits Biographien verfasst hat. Er plädiert für die religiöse Entzauberung der Welt und wünscht sich eine Öffnung der Sinne für den Zauber von Kunst, Literatur und Musik. Mit Recht weist er darauf hin, dass ethische Dilemmata bei Shakespeare, Tolstoi, Schiller oder Dostojewski viel besser dargestellt sind als in den so genannten Heiligen Schriften. Kritiker halten ihm vor, dass sich diese Klassiker doch unbestreitbar auch aus religiösen und mystischen Quellen speisen. Auf diesen Vorwurf geht Hitchens jedoch leider kaum ein: So ist es ihm beispielsweise egal, ob Homer eine Person war oder mehrere, oder ob Shakespeare ein heimlicher Katholik war oder bekennender Agnostiker. Auch wenn man diese Einschätzung vielleicht nicht ganz nachvollziehen kann, bleibt Hitchens Buch ein unbedingt lesenswertes Standardwerk zu den negativen Auswirkungen des Glaubens und der Religion.
David Goldner
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Artikel aus MIZ 4/07
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