Proteste gegen Meisner
Gut gelaunt verteilten Mitglieder des Landesverbandes NRW des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) am Morgen des 10. Januar ein eigens zu Erzbischof Meisners Soldatenpredigt erstelltes Flugblatt auf der Kölner Domplatte. In den vergangenen Jahren hatte Meisner zu diesem Anlass immer wieder Menschen, die nicht an Gott glauben, diffamiert und ihnen unter anderem die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zugeschoben. Es war also geboten, die Bevölkerung darüber zu informieren, welche hasserfüllten Predigten da regelmäßig im Dom gehalten werden.
Dies bereitete den Ordnungshütern offensichtliches Unbehagen. Mehrfach ließen sie sich die behördliche Genehmigung vorzeigen, doch der ausreichend mit Material ausgestattete Info-Tisch stand genau am richtigen Platz – nämlich vor dem Domforum, also genau dort, wo Meisner unter dem Schutz von Sicherheitskräften ankommen und zum Dom geleitet werden sollte – und auch das Verteilen von Flugschriften außerhalb der Standfläche war ausdrücklich erlaubt.
Und: die Passanten zeigten Interesse, der informativ gestaltete Flyer ging wie geschnitten Brot! Innerhalb einer Stunde – noch vor dem Beginn des Gottesdienstes – waren etwa 200 Stück unter die Leute gebracht. Doch dann wurde das weitere Verteilen bis zum Ende des Gottesdienstes untersagt, mit der Begründung: Die Fußgänger auf dem Weg zum Dom würden in der freien Religionsausübung behindert, wenn Ihnen auf dem Weg ein Flugblatt angeboten werde – als ob jeder Passant zwischen Hauptbahnhof und Fußgängerzone am Soldatengottesdienst teilnehmen wollte! Hierzu wurde ein Auszug aus einem Urteil vorgelegt, welches das Recht auf Meinungsäußerung zugunsten der Religionsausübung einschränkt. Allerdings wurden weder das Aktenzeichen bekannt gegeben noch wurde uns eine Kopie des Urteils überlassen.
Zeitgleich fand auf der Domplatte eine Mahnwache des Kölner Friedensforums statt. Hier wurde lauter Protest vorgetragen gegen das Bündnis aus Predigern und Generälen, das seit jeher Krieg reibungsloser führbar macht. So wurden – trotz des Wermutstropfens “Flugblattverteilverbot” – viele Leute erreicht und man kam überein, im Laufe des Jahres weitere Info-Tische durchzuführen.
Rainer Ponitka
Podiumsdiskussion in Göttingen
Am 21. November diskutierten die Göttinger Landtagskandidaten der fünf großen Parteien und der Chefredakteur von hpd-online Carsten Frerk in einer Podiumsdiskussion die Frage, ob die geplante Einführung des islamischen Religionsunterrichtes in Niedersachsen ein Zukunftsmodell darstelle oder eher als Weg in die Parallelgesellschaft führe. Zur vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) unterstützten Diskussion geladen hatte das “Bündnis für Laizismus”, die Göttinger Hochschulgruppe der Laizisten. Gute 90 Minuten debattierten die Teilnehmer vor den Augen der etwa 80 Besucher im Hörsaal 101 der Universität Göttingen über das Für und Wider des Islamischen Religionsunterrichtes, aber auch über den konfessionell gebundenen Religionsunterricht im Allgemeinen. Von Beginn an zeichnete sich eine klare Frontenbildung ab. Auf der einen Seite bekannten sich Hilmar Conrad von der FDP, Patrick Humke-Focks (LINKE) und Carsten Frerk eindeutig zur strikten Trennung von Staat und Kirche und folglich auch gegen jeglichen konfessionellen Religionsunterricht. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Stefan Wenzel, sowie Gabriele Andretta (SPD) argumentierten erst mit der Gleichberechtigung im Privileg für einen Islamunterricht, räumten später aber eine persönliche Affinität zum überkonfessionellen Religionskundeunterricht ein. Harald Noack (CDU) zeigte sich hingegen ganz auf Linie seiner Partei und verteidigte die Einführung des Islamunterrichtes vehement. Dass kein Zuhörer den Saal vorzeitig verlassen hat, zeigt, dass die spannende und zeitweise auch amüsante Diskussionsrunde ihre Atmosphäre nicht nur dem Landtagswahlkampf zu verdanken hat.
Matthias Bergmann
Rücktrittsforderung
Der atheistische Verein freidenker.at hat den österreichischen Vize-Kanzler Wilhelm Molterer zum Rücktritt aufgefordert. Dieser war Ende November mit der Forderung an die Öffentlichkeit getreten, alle konfessionslosen Schülerinnen und Schüler sowie alle jene, die sich vom Religionsunterricht abmelden, sollten einen verpflichtenden Ethikunterricht besuchen Diese Forderung erhob er im Zusammenhang mit Überlegungen zum Thema “Gewalt an Schulen”.
Der Vorsitzende von freidenker.at Karl Linek hat dem ÖVP-Chef daraufhin vorgeworfen zu suggerieren, dass Kinder, die keinen Religionsunterricht besuchen, verantwortlich für Gewalt an Schulen seien. Als Verstoß gegen das Recht auf Freiheit von Religion sieht Linek den Vorschlag an, dass Religionslehrer diesen Unterricht erteilen sollen. Damit stelle sich Molterer außerhalb des Rahmen der Verfassung.
Der aktuelle Vorstoß, so freidenker.at, sei ohnehin nur die Spitze eines Eisbergs: regelmäßig würden die Rechte Ungläubiger verletzt. Immer wieder komme es vor, dass aus fadenscheinigen Gründen von den zuständigen Behörden der Austritt aus der Kirche verweigert werde. An höheren Schulen würden Schüler, welche sich vom Religionsunterricht abmelden wollen, gezwungen, eine mehrseitige Begründung zu schreiben und beim Direktor vorzusprechen. Obwohl in Österreich mittlerweile über eine Million Konfessionslose leben, werden solche Vorgehensweisen stillschweigend geduldet. Selbst die zuständige Volksanwältin Theresia Stoisits, die als eine Art Ombudsfrau dazu angehalten wäre, derartige Missstände in der Schulverwaltung zu überprüfen, hat sich solcher Fälle bisher nicht angenommen.
Verfahrenseinstellung
Mit einer Einstellung des Verfahrens wegen Geringfügigkeit endete der Prozess gegen den Aktionskünstler Wolfram Kastner. Diesem war nach einem Auftritt während des Papstesbesuches im September 2006 in München, der von der Polizei unterbunden wurde (siehe MIZ 3/06), ein Strafbefehl in Höhe von 1.500 Euro zugestellt worden. Kastner hatte, unterstützt vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) München, Widerspruch eingelegt und so kam es mehr als ein Jahr nach dem Vorfall zur Verhandlung vor dem Amtsgericht München.
Von der ursprünglichen Anklage wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes, Verstoß gegen das Abzeichengesetz sowie gegen das Versammlungsgesetz war nur der letzte Anklagepunkt übrig geblieben. Zwar blieben die als Zeugen vernommenen Polizeibeamten bei ihrer Auffassung, dass bereits eine Ansammlung von zwei Personen gegen das Versammlungsgesetz verstoße, doch folgte das Gericht dieser Auffassung nicht und stellte das Verfahren ein. Für den Künstler hat dies zur Folge, dass er seine Anwaltskosten selbst tragen muss.
Bei Prozessbeobachtern entstand allerdings der Eindruck, dass es sich nicht um eine “Geringfügigkeit”, sondern um eine gar nicht geringfügige Verletzung von Grundrechten durch die Polizei handelte. Dies war im Zuge des Papstbesuches mehrfach vorgekommen, so dass der Schluss naheliegt, dass der bayerische Staat bemüht war, im betreffenden Zeitraum eine “protestfreie Zone” in Bayern einzurichten. So war es auch auffällig, dass die befragten Zeugen ihrerseits den Eindruck erwecken wollten, die unterbundene Aktion habe nicht im Zusammenhang mit dem Papstbesuch gestanden und sei von der Polizei auch nicht unter diesem Blickwinkel betrachtet worden. Unbeantwortet blieb freilich die Frage, warum die Polizei unmittelbar bei Beginn der Aktion schon vor Ort war.
Säkularismus DeLux
Im Großraum Trier-Luxemburg hat sich ein Bündnis für die Trennung von Staat und Kirche etabliert. Ausgangspunkt der Initiative war das Problem der “Zwangskonfessionalisierung”. So heißt es in der ersten Erklärung der Initiatoren: “Viele soziale und medizinische Einrichtungen im Großraum Trier-Luxemburg, sind in kirchlicher Hand. Obwohl vom Staat finanziert, bestimmen die Kirchen, wer als Erzieher, Ärztin, Sozialarbeiter oder Psychologin arbeiten darf.” Die Dominanz der christlichen Kirchen im sozialen Bereich, so Sprecherin Fiona Lorenz, dürfe nicht einfach so hingenommen werden, weil Menschen dadurch ausgerechnet “in den schwächsten Momenten ihres Lebens dem Einfluss der Kirchen ausgesetzt” würden.
Ein erster “Think Tank” zur Frage, wie wir unsere Welt säkularisieren können, hat bereits stattgefunden. Dabei ging es nicht zuletzt darum, dass die Teilnehmer sich kennenlernen und ein weiteres gemeinsames Vorgehen planen können. Beschlossen wurde, die Zusammenarbeit grenzübergreifend anzulegen.
Weitere Informationen können bei der Sprecherin Fiona Lorenz eingeholt werden: wozubiegott@email.de.
Deschner Preis für Dawkins
Die in Mastershausen ansässige Giordano Bruno Stiftung hatte am Rande der Buchmesse anlässlich der ersten Deschner-Preis-Verleihung in die Aula der Frankfurter Universität geladen. Den mit 10.000 Euro dotierten Preis erhielt der britische Evolutionsbiologe Richard Daw-kins. Nach Ansicht der Stiftung hat er “in herausragender Weise zur Stärkung des säkularen, wissenschaftlichen und humanistischen Denkens beigetragen”.
Eingeleitet wurde die Verleihung des Preises durch den Film “Heidenspaß statt Höllenqual: Eine kurze Geschichte der GBS” von Ricarda Hinz. Darin präsentierte die Filmemacherin die Arbeit der Stiftung und der befreundeten Verbände. In seiner Preisbegründung betonte Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon, dass sich die Beiräte darin einig waren, dass es keinen geeigneteren Kandidaten als Dawkins gegeben habe. Wie kaum ein anderer verkörpere er das Ideal der Stiftung “Klartext zu sprechen”. Auch gesellschaftlich etablierte “Wahnideen” dürfen sich nicht einer kritischen Überprüfung entziehen. Wer sich für ein naturalistisches und humanistisches Weltbild einsetze, komme an seinen Werken nicht vorbei, betonte Michael Schmidt-Salomon.
Nach der Preisbegründung ging es mit einer weiteren Filmeinspielung weiter. Ricarda Hinz hatte hier einige der bekannt scharfen Aphorismen von Karlheinz Deschner filmisch aufbereitet und präsentierte diese unter dem Titel “Aufklärung ist Ärgernis”. Im Anschluss an die Einspielung betrat dann Karheinz Deschner selbst die Bühne. Deschner, der in den Augen Vieler bereits eine lebende Legende ist, wurde vom Publikum überaus begeistert empfangen. Er äußerte drei Wünsche, was zukünftige Preisträger “mitbringen” sollten. Nach seiner Bemerkung, dass er weder christgläubig, islamgläubig, europa-gläubig noch wissenschaftsgläubig sei, wünschte er sich, dass Wissenschaftler berücksichtigt werden sollen, die weder die “Illusion objektiver Gewissheit” noch die “Kollateralschäden” der Forschung verschleiern. Als zweiten Wunsch äußerte er, dass künftige Preisträger die Not der Menschen immer im Auge haben sollten und drittens (wie er betonte, sein ganz besonderer Wunsch), dass die künftigen Preisempfänger sich auch um das Wohl der Tiere verdient machen sollten.
Im Anschluss daran war es an Franz M. Wuketits, die Laudatio auf den Preisträger zu halten. Der Wiener Evolutionsbiologe betonte die enorme Bedeutung, die vor allem Dawkins Buch Das egoistische Gen für die Entwicklung der modernen Soziobiologie gehabt habe. Als junger Student sei er fasziniert gewesen von Dawkins’ Antwort auf die Frage, warum es Menschen gebe. Neben seinen wissenschaftlichen Verdiensten stellte Wuketits aber auch das humanistische Weltbild Daw-kins’ in den Vordergrund.
Die Preiverleihung erfolgte durch die beiden Stiftungsvorstände Herbert Steffen und Ernst Salcher. Unter der musikalischen Untermalung mit John Lennons Friedenshymne Imagine und mit stehenden Ovationen wurde Dawkins die Preisurkunde überreicht. Dawkins, der an diesem Tag aus London angereist war und vor der Verleihung noch einige Medientermine auf der Frankfurter Buchmesse wahrgenommen hatte, bedankte sich mit einer fulminanten Rede, in der er wesentliche Aspekte seines Buches Gotteswahn referierte und die von den Zuhörern begeistert aufgenommen wurde.
Wer diesen überaus gelungenen Abend nicht selbst verfolgen konnte, für den gibt es ein Trostpflaster. Die Stiftung plant derzeit eine umfassende filmische Dokumentation der Preisverleihung. Diese soll dann auf der Website www.deschner-preis.de veröffentlicht werden. Ein kurzer Zusammenschnitt der Veranstaltung ist auch schon jetzt zu sehen.
Podiumsdiskussion in Köln
Unter dem Motto “Aufklären statt Verschleiern” hatte die Giordano Bruno Stiftung am 1. Dezember zu einer Diskussionsrunde nach Köln geladen. Podiumsgäste waren die beiden Schriftsteller und Journalisten Ralph Giordano und Günter Wallraff sowie die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime (ZdE) Mina Ahadi. Die Moderation übernahm gbs-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon. Im voll besetzten Hörsaal entwickelte sich sehr schnell eine spannende Diskussion. Insbesondere das Thema “Bau der Kölner Großmoschee” wurde hitzig diskutiert. Günter Wallraff und Ralph Giordano hatten deutlich von einander abweichende Positionen. Während Wallfraff im Bau der Moschee keine Gefahr sah, bekräftigte Giordano nochmals seine Ablehnung und erntete dafür viel Applaus. Immer wieder betonte Giordano das Gefahrenpotential des Islams und berichtete auch intensiv von den gegenüber ihm ausgesprochenen Morddrohungen. Wallraff dagegen plädierte dafür, hier mehr zu differenzieren und verwies darauf, dass es auch Integrationsforschritte gäbe. Einig war man sich aber darin, dass den Islamisten Einhalt geboten werden muss. Unterschiedliche Positionen gab es auch zum Thema Kopftuchverbot an Schulen.
Während Ahadi und Giordano hier für ein generelles Verbot plädierten, um den “mentalen Kindesmissbrauch” (Ahadi) zu verhindern, wies Wallraff daraufhin, das ein Verbot kein Allheilmittel sei. Mit einem Verbot könne man unter Umständen sogar das Gegenteil erreichen. Insgesamt wurde deutlich, dass das Thema Islam zu kompliziert ist, um es in einer solchen Veranstaltung angemessen zu diskutieren. Daher ist es begrüßenswert, dass die gbs für dieses Jahr eine groß angelegte Konferenz zum Thema angekündigt hat.
Weitere Informationen und Dokumentationen zur Veranstaltung mit Ahadi, Giordano und Wallraff finden sich auf der Webseite www.kritische-islamkoferenz.de.
Heidenspaß-Party
Nachdem am Karfreitag 2007 in München wegen der Bestimmungen des bayerischen Feiertagsgesetzes keine “Heidenspaßparty” hatte stattfinden dürfen, wurde diese im November nachgeholt. In der Max-Emanuel-Brauerei feierten zahlreiche Partygäste mit den Bands Screwed und Heilig ein ausgelassenes, fröhliches Fest. Doch um 24 Uhr war Schluss – denn mit Bedacht hatten die Veranstalter vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) München den Vorabend des Volkstrauertages als Termin für die Heidenspaßparty gewählt. So wurden alle Gäste daran erinnert, dass die Feiertagsgesetze in mehreren Bundesländern an sog. Stillen Tagen, die meist einen religiösen Hintergrund haben, Feierlichkeiten gravierende Beschränkungen auferlegen.
Gegen das seinerzeitige Verbot der “Heidenspaßparty” hat der bfg München Feststellungsklage eingereicht.
Nachtcafé
In der SWR-Talkshow Nachtcafé wurde in der Zeit um den Jahreswechsel herum gleich zweimal über Themen geredet, bei denen diesseits- und jenseitsorientierte Positionen aufeinanderprallen.
Anfang Januar ging es um die Frage: “Engel, Geister und Dämonen – alles Hokuspokus?” Aus der Geisterwelt eingeladen hatte Moderator Wieland Backes eine Katholikin, die nach eigenen Angaben bei einer Teufelsaustreibung den “Leibhaftigen” gesehen haben will, die feministisch angehauchte Hexe Luisa Francia und das Engelchen Jana Haas. Kritisch standen dem “Hokuspokus” gegenüber der Fernseh-Physiker Jean Pütz, Peter Mulacz, der sich als wissenschaftlich arbeitender Parapsychologe versteht, sowie Colin Goldner vom Forum Kritische Psychologie. Ein Erlebnis der besonderen Art war die österreichische Schriftstellerin Lotte Ingrisch, die mit angeblich selbst erlebten Geistergeschichten, vor allem aber mit ihren geifernden Tiraden gegen den “ärgsten Aberglauben” Materialismus, den “Irrenhäusler” Auguste Comte und die “positivistisch verseuchte” Wissenschaft als lebendes Beispiel dafür diente, wie leicht Gespensterglaube in psychotisches Wahngeschehen umkippen kann.
Im Laufe des unterhaltsamen Abends wurde dem Publikum ein aufschlussreiches Kuriositätenkabinett vor Augen geführt: die kichernde Jana Haas sah einen Schutzengel über ihrem Kritiker Colin Goldner schweben, die Exorzismushelferin wusste vom Pferdefuß des Teufels zu berichten und Luisa Francia erzählte, dass sie eine viel befahrene Bundesstraße durch magische Rituale als Unfallschwerpunkt entschärft habe. Die Statements waren auf ihre Weise so eindrucksvoll, dass für diejenigen Zuschauerinnen & Zuschauer, die ihre Sinne beieinander haben, auch ohne kritische Kommentierung alles klar gewesen wäre.
Auf Seiten der Kritiker zeigte sich, dass die Positionen nur bis zu einem bestimmten Punkt übereinstimmten. So betonte Peter Mulacz die Leistungen der Wissenschaft, verwies auf die Möglichkeiten der Wahrnehmungstäuschung und lehnte jegliche Behauptungen über das Jenseits als unseriös ab; andererseits ging er davon aus, dass Telepathie und Psychokinese reale Phänomene sind. Jean Pütz hingegen erwies sich als rheinischer Katholik: einerseits erklärte er sehr plastisch, wie sich bestimmte Erlebnisse nur in der Vorstellung des Erlebenden abspielen, dann aber plauderte er über die positive Wirkung des Glaubens an Schutzengel, den er selbstverständlich auch seinen Kindern vermittelt habe. Colin Goldner, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.), hingegen stellte klar, dass kein prinzipieller Unterschied zwischen den Angeboten des esoterischen Marktes und der alteingesessenen Kirchen besteht. Beide gingen sie an der Realität vorbei, brächten den Menschen, die daran glauben, keinen Nutzen und könnten im schlimmsten Fall sogar zu anhaltenden psychischen Schäden führen.
“Weihnachten abschaffen?” hieß das Thema in der Woche vor dem Fest. Auch hier ließen sich die Gäste aufgrund ihrer Aussagen als diesseits- oder jenseitsorientiert einstufen, doch zeigte die Trennlinie einen überraschenden Verlauf. Im engeren Sinn verstand nur noch der württembergische Landesbischof Frank O. July das Weihnachtsfest als Gedenkveranstaltung für die Geburt eines Religionsstifters. Zwar sah auch die Unternehmerin Siggi Spiegelburg das Datum noch als Kirchenfest, ebenso wichtig war ihr jedoch, die Tage im Kreise der Familie zu begehen. Diese sehr weltliche Funktion, soziale Kontakte zu pflegen, haben die Weihnachtstage auch für Schauspielerin Anne-Sophie Briest; in der DDR groß geworden begeht sie das Fest aber ganz ohne religiösen Bezug. Was wiederum beide bestätigen: die vorgeblich so besinnliche Zeit ist eher geprägt von Stress. Backen, die Wohnung schmücken, die Kinder adventszeitlich bespaßen – Weihnachten erfordert offenbar eine Vielzahl vorbereitender Tätigkeiten, die allesamt nicht sonderlich religiös sind. Noch profaner ist die Freude über Weihnachten beim “Printenkönig” Hermann Bühlbecker. “Ohne Weihnachtsgeschäft”, bekannte er freimütig, “müsste ich einen Großteil meiner Mitarbeiter entlassen” (und würde weniger Profit erzielen, ließe sich hinzufügen).
Überwog schon bei denen, die Weihnachten auf konventionelle Weise begehen, die Gestaltung einer diesseitigen “Wohlfühlatmosphäre” gegenüber dem christlichen Bezug, stand die Orientierung aufs “gute Leben” für Christine Grän im Mittelpunkt. Weil das Fest ihrer Auffassung nach mit viel zu hohen Erwartungen hinsichtlich eines harmonischen Familienlebens verknüpft ist, verzichtet sie darauf. Einen Nutzen zieht die Krimiautorin freilich indirekt: die unausweichlichen Streitigkeiten verwendet sie als Stoff für ihre Kriminalromane. Und Carsten Frerk, Leiter des Humanistischen Pressedienstes (hpd), schlug vor, das Fest umzuwidmen: Nichts sei gegen Feierlichkeiten einzuwenden, auch der Zeitpunkt (wenn die Tage allmählich wieder länger werden) sei in Ordnung – aber von der christlichen Drohbotschaft sollte das Fest zum Jahresende doch besser befreit werden.
Eine Sonderstellung nahm Wolfgang Kimmig-Liebe in der Diskussion ein. Der Handwerker nimmt seinen gesamten Jahresurlaub dafür her, in der Vorweihnachtszeit Menschen in Altenheimen zu besuchen. Als Nikolaus verkleidet will er den Betagten eine Freude machen und damit dazu beitragen, “dem Weihnachtsfest mehr Menschlichkeit im christlichen Sinne zu geben”. Dass auch er damit letztlich ein weltliches Ziel verfolgt und durch seine Maskerade lediglich die kulturell geprägten Erwartungen der Besuchten bedient, schmälert nicht sein persönliches Engagement; doch wird deutlich, dass auch er Weihnachten funktionalisiert. Letztlich traf Carsten Frerk den Nagel auf den Kopf, als er von einem großen Werbeplakat berichtete, das er auf einem Italienurlaub entdeckt hatte: “Christmas Is the Coca Cola Side of Life” – und in diesem Slogan eine tiefe Wahrheit erblickte: Weihnachten ist süß, klebrig, keiner weiß so genau, was drin ist, es ist nur mit Alkohol zu ertragen, aber lässt sich weltweit verkaufen.
Brights im Rhein-Main-Gebiet
Unter der Bezeichnung Brights haben sich weltweit Menschen mit einem naturalistischen Weltbild zusammengefunden (siehe auch MIZ 4/03, S. 57f.). Anfang 2007 hat sich eine Regionalgruppe Rhein-Main der Brights formiert, die in der bislang kurzen Zeit ihrer Existenz bereits einige Aktivitäten vorweisen kann. So konnte Initiator Volker Radek die Gruppe im lokalen Sender rheinmain-TV vorstellen, und im Oktober gab es einen Infostand in der Frankfurter Innenstadt. Auf der Zeil, einem Ort, an dem sich regelmäßig fundamentalistische Prediger betätigen, wurden religionskritische Materialien vorgestellt und Informationen über säkulare Verbände ausgelegt.
Infos zur Regionalgruppe sind im Internet unter www.brights-rhein-main.de zu finden.
Artikel aus MIZ 4/07
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