Editorial 4/07

von Christoph Lammers

Gottes Wahn

Man mag es kaum und vor allem nicht glauben wollen, aber es ist unübersehbar: Atheisten erobern die Medienlandschaft in Deutschland. Ob öffentlich-rechtliche oder private Sendungen, Zeitschriften oder Zeitungen, in den letzten Wochen und Monaten wurde mit und vor allem über die so genannten “Neuen AtheistInnen” und ihren Kampf gegen die fundamentalistischen Auswüchse der Religionen diskutiert. Grund genug, dass sich die MIZ dieser Debatte annimmt und die Entwicklung kritisch begleitet.

Zu den Vordenkern des “Neuen Atheismus” zählt in erster Linie der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins – Preisträger des Karlheinz-Deschner-Preises 2007 der Giordano Bruno Stiftung. Bereits 2006 veröffentlichte Dawkins sein Buch The God Delusion (dt. Der Gotteswahn, 2007) und stand damit über Wochen in den Bestsellerlisten in den USA und in Großbritannien. Geprägt von den Erlebnissen um den 11. September 2001, der zunehmenden Radikalisierung des religiösen Fundamentalismus in den arabischen Ländern und den USA und dem Erstarken des Kreationismus, sucht Richard Dawkins nach den Ursachen für Krieg, Terror und Unterdrückung in unserer Gesellschaft und gelangt zu dem Schluss, dass die Religionen maßgeblich das demokratische Gleichgewicht stören. Die radikale Ablehnung von übernatürlichen Phänomenen zur Welterklärung – sei es die berühmte Teekanne im Orbit oder der Erzoberosterhase im Himmel –, stößt verständlicherweise nicht nur auf Sympathien. Es vergeht kaum eine Woche, dass nicht ein neuer Kommentar zum “Neuen Atheismus” erscheint. Die Debatte ist jedoch nicht neu, zumindest nicht in den USA. Seit längerer Zeit versuchen sich dort Intellektuelle dezidiert von den negativen Entwicklungen unter der Präsidentschaft George W. Bush zu distanzieren und dem wissenschaftsfeindlichen Vormarsch der religiösen Rechten Einhalt zu gebieten. Im Zuge dieser Entwicklung gewann das naturalistische Weltbild unter den AtheistInnen eine herausragende Stellung. Dieses Weltbild prägt die 2003 entstandene Brights-Bewegung. Neben Dawkins sind vor allem der Journalist und Literaturkritiker Christopher Hitchens (Gott ist kein Hirte, 2007), der Schriftsteller Sam Harris (Das Ende des Glaubens, 2007), die Philosophen Daniel C. Dennett und Michel Onfray (Wir brauchen keinen Gott, 2006) sowie der italienische Mathematiker Piergiorgio Odifreddi (Warum wir keine Christen sein können) berühmt geworden. Sie alle eint die radikale Kritik an dem vorherrschenden theistischen Weltbild unserer Gesellschaft.

Die Chancen, Vernunft statt Glauben regieren zu lassen, hängen in erster Linie von der Resonanz in der Öffentlichkeit ab. Wenngleich Religionskritiker seit jeher um die öffentliche Anerkennung ihrer Positionen kämpften, machen die “Neuen AtheistInnen” gegenüber den Religionsvertretern an Boden gut. Inwieweit von diesem Diskurs tatsächlich eine gesellschaftliche Veränderung ausgeht, wird sich zeigen müssen.

Die Medienrealität mahnt uns zu einer vorsichtigen Einschätzung. Ob Janosch bei Sandra Maischberger oder Richard Dawkins bei Johannes B. Kerner, eines wird deutlich. In den Fernseh-Talkshows mit großer Reichweite wird nicht auf gleicher Augenhöhe diskutiert. Oft wird vernunftgeleiteten Argumenten kein Platz eingeräumt bzw. sie werden der Lächerlichkeit preisgegeben. Wie ist es sonst zu erklären, dass der ZDF-Wissenschaftsmoderator und Physiker Joachim Bublath am 30. November 2007 die Sendung Menschen bei Maischberger vor laufender Kamera verließ. Die Anwesenden, unter ihnen die UFO-Gläubige Nina Hagen, diskutierten in einer Art “Kuriositätenkabinett” – so Bublath – über Engel und Ufos. Bublath sah offenbar keine Möglichkeit, in diesem Rahmen die Stimme der Vernunft zur Geltung zu bringen, wollte aber auch nicht als “kritisches Feigenblatt” herhalten – also stand er auf und ging. Die Sendung kann als Beispiel gelten, dass solche Diskussionen zerredet werden, weil die an was auch immer gläubigen Plaudertaschen quatschen können, bis jedes Argument im irrationalen Wortbrei untergeht, ohne dass die Moderatoren klarstellen, dass hier Quatsch geredet wird.

Auf den ersten Blick entwickelt sich die Wahrnehmung in der Presse positiv. VertreterInnen aus dem konfessionsfreien Spektrum werden öfter zu Talkshows und zu Podiumsdiskussionen eingeladen als noch vor Jahren. Allerdings möchte ich davor warnen, die Einladung zu einer Talkshow mit der Akzeptanz der Argumente gleichzusetzen. Mir scheint es, dass die Einbindung kritischer Argumente, ob sie aus dem konfessionsfreien Spektrum oder aus anderen kritischen Denkrichtungen kommen, in erster Linie dem Konzept der Sendungen geschuldet ist. Fernsehdiskussionen leben von der Kontroverse, und genau diese Rolle wird Dawkins & Co. zugewiesen: Sie sollen die “Gegenrede” halten. Es besteht daher die Gefahr, dass die Aufmerksamkeit weniger ihren durchaus differenzierten Argumenten geschenkt wird, als ihrer Funktion als “Widersacher” der Kirchenvertreter. Diese einfache Polarisierung dient nicht unbedingt der Emanzipation, sondern fördert eher das “Lagerdenken”. Den Medien hingegen kommt  sie gelegen, denn es geht Maischberger, Kerner und Co. nicht darum, den Argumenten wider den religiösen Wahn ein Podium zu verschaffen, sondern um die Erfüllung der Quote.

Je mehr die Debatte über den “Neuen Atheismus” den Gesetzen der Medien gehorcht, desto weniger wird sie den Weg in die gesellschaftliche Wirklichkeit findet. Für diese Sichtweise sprechen das stets kurzfristige Interesse der Presse und des Fernsehens, die fehlende Tiefe der Diskussionen und die herausragende Stellung, die einzelnen Personen zugesprochen wird. Die Verbände mühen sich seit vielen Jahren um mehr Aufmerksamkeit und stärkeren Einfluss auf die politische Agenda. Es ist fraglich, ob sich ein notwendiger Politikwechsel in Sachen Religion mit Einzelkämpfern bewerkstelligen lässt.

Dawkins polarisiert und provoziert, was nicht bei allen AtheistInnen und AgnostikerInnen auf Gegenliebe stößt – von den VertreterInnen eines weichgespülten Säkularismus à la Jürgen Habermas ganz zu schweigen. Nicht nur KirchenvertreterInnen sehen in Dawkins’ Kritik eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft. Skeptiker, wie der amerikanische Wissenschaftler Michael Shermer, kritisieren die ‘Militanz’ in der Argumentation von Dawkins und anderen “Neuen Atheisten”. In einem offenen Brief, den die MIZ in diesem Heft abdruckt, betont Shermer den rationalen Diskurs des Atheismus.

Dawkins und seinesgleichen kämpfen aber nicht nur mit den Gegenargumenten aus den eigenen Reihen beziehungsweise mit der Kritik der Religionsvertreter. Die Argumente, die in den Medien transportiert werden, sind oftmals einseitig und stark verkürzt. Kommt es dennoch zu einem Zusammentreffen der verschiedenen Parteien, verlassen die ModeratorInnen die neutrale Ecke und beziehen Position. Religion ist gut, der Mensch zuweilen schlecht. Liegen die Argumente, wie es bei Dawkins der Fall ist, deutlich auf Seiten des Religionskritikers, müssen gleich drei Religionsvertreter herangezogen werden, um den mit einer miserablen Übersetzung kämpfenden Dawkins zu entkräften. Dies war der Fall, als am 15. November 2007 der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, der Ex-Jesuit Heiner Geißler und der katholische Weihbischof Hans Joachim Jaschke, gemeinsam mit Gastgeber Johannes Baptist Kerner, verzweifelt gegen Dawkins zu argumentieren versuchten.

Obwohl mehr als ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung konfessionsfrei ist, fehlt ihnen bis heute die politische Lobby zur Durchsetzung ihrer Rechte. Bestes Beispiel hierfür ist die in dieser MIZ angesprochene vor kurzem eingegangene Klage gegen die Kirchenaustrittsgebühr vor dem Bundesverfassungsgericht. Allein diese bürokratische Hürde zeigt das Auseinanderklaffen von Verfassungsanspruch (niemand darf wegen seiner Weltanschauung diskriminiert werden – und darunter fällt eigentlich auch das Recht, seine Weltanschauung ohne größeren Aufwand zu wechseln) und Verfassungswirklichkeit. Auf der Ebene der Institutionen sind Konfessionsfreie derzeit noch weit davon entfernt eine Position einzunehmen, wie sie die christlichen Kirchen in Deutschland traditionell innehaben und wie sie von den muslimischen Vereinigungen angestrebt werden. Inwieweit der “Neue Atheismus” im rationalen Diskurs eine wichtige Rolle spielen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Entscheidend ist, dass sich die VertreterInnen dieser Richtung nicht zur Preisgabe ihrer Auffassungen zwingen lassen. Für uns ist das Grund genug, dem “Neuen Atheismus” einen MIZ-Schwerpunkt zu widmen und dieses Thema auch in den kommenden Ausgaben kritisch mit Artikeln zu begleiten.

Last but not least: Die MIZ ist wieder einmal spät dran. Die Redaktion bemüht sich diesen Rückstand aufzuholen und gelobt Besserung.
 


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