Buchbesprechungen MIZ 3/08

Vom Virus des Glaubens. Deschner-Preis 2007

(Schriftenreihe der Giordano Bruno-Stiftung, Bd. 2), Aschaffenburg: Alibri Verlag 2008, 42 Seiten, geheftet, Euro 5.-, ISBN 978-3-86569-201-6

 Am 12. Oktober 2007 wurde erstmals der Deschner-Preis der Giordano Bruno-Stiftung verliehen. Er ging an den Evolutionsbiologen und Religionskritiker Richard Dawkins, der an jenem Tag in der Aula der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M. auch mit einem Festakt geehrt wurde. In der Begründung des Stiftungsvorstandes hieß es, Dawkins habe mit seinem Buch Der Gotteswahn in „herausragender Weise zur Stärkung des säkularen, wissenschaftlichen und humanistischen Denkens beigetragen“. Unter dem Titel Vom Virus des Glaubens erschien nun eine Broschüre zur Erinnerung an die erstmalige Verleihung des Deschner-Preises, benannt nach dem bekannten Kritiker der Kriminalgeschichte des Christentums Karlheinz Deschner. Sie enthält die Texte der ebendort gehaltenen Vorträge des Oxforder Evolutionsbiologen als Preisträger, von Deschner als Namensgeber des Preises, von dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon als Vorstandsprecher der Stiftung und von dem Wiener Biologen und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits als Laudator.

Schmidt-Salomon hob Dawkins gedankliche Klarheit bei der Argumentation und die Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch seine evolutionstheoretischen und religionskritischen Publikationen als Gründe für die Auswahl des Preisträgers hervor. Deschner benannte in seinen Betrachtungen wichtige Kriterien – von der Duldung der Agnostiker über die aufwieglerische Wirkung von Schriften bis zur Solidarität mit den Tieren – für die zukünftige Vergabe des nach ihm benannten Preises. Wuketits beschrieb und würdigte in seiner Laudatio insbesondere die Bedeutung von Dawkins für die Verbreitung der Einsichten über die Evolution. Und Dawkins selbst lieferte in seiner Dankesrede einen kursorischen Überblick zu seiner Nebenprodukt-Theorie der Religion, „laut der die Religion selbst keinerlei biologisch-darwinistischen Überlebensvorteil besitzt, sondern ein Nebenprodukt einer psychischen Veranlagung darstellt, die auf eine andere Weise, auf einer anderen Ebene, einen biologischen Vorteil hat“ (S. 36).

Die Dokumentation von Reden zu Festakten wirkt häufig als Aneinanderreihung von Huldigungen. Dies gilt zu großen Teilen auch für die Texte des Bandes. Gleichwohl gibt es auch beachtenswerte und diskussionswürdige Aussagen. Deschner lieferte aus seinem Verständnis als skeptischer Agnostiker eine Spitze gegen Atheisten, die „Pfaffen auf ihre Weise sind“ (S. 15). Wuketits betonte gegen manche Vertreter der Soziobiologie, die Menschen seien weder Marionetten Gottes noch der Gene und können die „eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst ... reflektieren“ (S. 26). Dawkins selbst irritierte allerdings durch eine Deutung der religiösen Motivation islamistischer Terroristen: „Aber wie nett sie auch gewesen sein mögen, ihre Gehirne waren von einem schrecklichen Parasiten entführt worden, von dem Virus des religiösen Glaubens“ (S. 32). Inwieweit er hier von einer metapherhaften oder realen Beschreibung ausging, blieb in seiner Deutung etwas unklar. Allein die drei Beispiele stehen aber für die Diskussionswürdigkeit der Redeinhalte.

Armin Pfahl-Traughber 

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Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums

Bd. 9: Mitte 16. – Anfang 18. Jahrhunderts, Reinbek: Rowohlt 2008, 459 Seiten, gebunden, Euro 29,90, ISBN 978-3-498-01327-1

Der auch als Romancier und Aphoristiker bekannte Karlheinz Deschner zählt weltweit zu den bedeutendsten wie umstrittensten zeitgenössischen Kritikern des Christentums. Seit fast einem halben Jahrhundert arbeitet der mittlerweile 84-jährige, im unterfränkischen Haßfurt lebende Literat an einem Sittengemälde des Christentums und hat dazu wie kaum ein anderer in über 30 Büchern dessen dunkle Geschichte ausgeleuchtet. Seine Schriften sind mittlerweile in mehr als einer Million Exemplaren verbreitet und in zwölf Sprachen übersetzt.

Seit 1986 erscheint sein monumentales Hauptwerk über die vergangenen zwei Jahrtausende: Kriminalgeschichte des Christentums, das auf zehn Bände konzipiert ist. Mit dem nunmehr erschienenen Band 9 betritt Deschner die Frühe Neuzeit. Angesichts der durch die weltweite Ausbreitung des Christentums vorliegenden Quellen ist er im Vergleich zu seinen Vorgängern zu kurz ausgefallen. Auch im neuen Band bietet der Kriminalhistoriker ein erschreckendes Panaroma von Lug und Trug, Blut und Mord im Zeichen des Kreuzes; statt der verheißenen Heilsgeschichte die eines „monströsen Unheils“.

Sichtbar wird dieses auch in der reformatorischen Kirche, besonders im calvinistisch-theokratischen Genf, wo zur „Ehre Gottes“ zahlreiche „Ketzer“ auf dem Scheiterhaufen landeten. Eine breite Blutspur findet der Autor auch im konfessionellen Zeitalter (ca. 1540-1648) mit seinem von religiösem Hass befeuerten „grässlichen Gemetzel“ des Dreißigjährigen Krieges. Hauptakteure jener Epoche waren die vom „Kadavergehorsam“ und „Kriegsdienst für Gott“ beseelten Jesuiten, die weltweit agierten.

Über Europa hinaus kommt Deschner – allerdings etwas zu knapp – auf die weltweite Expansion des christlichen Abendlands zu sprechen, die bekanntlich verheerende Folgen besaß. Dem Ausgreifen auf Afrikas, das den Beginn des Sklavenhandels markiert, folgt die Eroberung Amerikas („amerikanischer Holocaust“). Dort wurden Abermillionen der Indigenen vernichtet: im Norden von den protestantischen Briten, im Süden von den katholischen Spaniern und Portugiesen, wobei „das Blut der Häuptlinge wie Wasser floss“ (so eine aztekische Chronik). Die „Jahwe-Kriege“ des Alten Testaments mitunter als Vorbild ansehend, spielte dabei der Missionsgedanke eine entscheidende Rolle, der in den Ureinwohnern „gottlose Ungeheuer“ sah. Papst Johannes Paul II. wusste dieses „Völkermorden“ – man kann es kaum glauben – als von Gott bewirkte „Zeit des Heils“ zu legitimieren (so 1979 während seines Haiti-Besuchs).

Auch im neuen Band, der mit dem absolutistischen, „allerchristlichsten Sonnenkönig“ Ludwig XIV. (1638-1715) endet, geht es dem humanistischen Autor nicht um eine „ausgeklügelte“ Darstellung; vielmehr schreibt er, mitunter in sarkastischem Unterton, als ein moderner Voltaire, der das Geschehen durch die Augen der Opfer zu sehen sucht. So hat er mit seiner in farbiger Sprache dicht erzählten Kriminalgeschichte eine quellenreiche Alternative zur herkömmlichen Kirchenhistoriographie geschaffen, die noch immer unter ermüdend apologetischen Vorzeichen steht.

Werner Raupp 

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