Blätterwald MIZ 3/08

Humanismus aktuell

Das „Böckenförde-Diktum“ wird gerne angeführt, wenn es darum geht, Religion als unabdingbare moralische Grundlage des säkularen Staates darzustellen oder wertorientierende Unterichtsfächer, die nicht in Regie der Religionsgemeinschaften angeboten werden, als verfassungswidrig zu denunzieren. Der ehemalige Verfassungsrichter hatte in einem Aufsatz 1976 geschrieben: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt, mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren versuchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

Eine von der Humanistischen Akademie organisierte Tagung setzte sich im November 2007 kritisch mit dem „Böckenförde-Diktum“, seinen möglichen Interpretationen und der Folgen auseinander. Die Beiträge, unter anderem von Hubert Cancik, Tatjana Hörnle, Johannes Neumann und Rosemarie Will, sind nun als 22. Heft der Zeitschrift humanismus aktuell erschienen. Es ist gleichzeitig die vorletzte Ausgabe der „Hefte für Kultur und Weltanschauung“, denn ab 2009 werden diese in eine Schriftenreihe des Humanistischen Akademie Berlin überführt.

humanismus aktuell 22. Humanismus und „Böckenförde-Diktum“. Hrsg. von der Humanistischen Akademie. Berlin 2008. 91 Seiten, kartoniert, Euro 10.-, ISBN 3-937265-10-4

 


Kritik an Senatsbroschüre

Die „Landesstelle für Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung“ hat unter dem Titel „Mit dem Kopftuch außen vor?“ ein 16-seitiges Dokument publiziert, das zu einer Versachlichung der Kopftuchdebatte und zum Abbau der „tatsächlich bestehende Diskriminierung Kopftuch tragender Frauen“ beitragen soll. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat auf die darin vertretenen Positionen mit Kritik reagiert. Unverständlich, so Geschäftsführerin Christa Stolle, sei ihr, wie sich eine staatliche Institution für ein Verständnis des Kopftuches einsetzen könne, das an religiösen Grundsätzen orientiert sei und der im Grundgesetz verankerten Gleichstellung der Geschlechter entgegen stehe.

Nach Auffassung von Terre des femmes ist das Kopftuch kein religiöses Symbol sondern „Symbol einer patriarchalisch fundierten Geschlechterhierarchie“. Die Organisation verweist zur Begründung ihrer Einschätzung auf ihre alltägliche Beratungsarbeit. Hier zeige sich, dass häufig Frauen diskriminiert werden, die sich gegen das Tragen des Kopftuches entscheiden. In Teilen der muslimischen Community werde insbesondere gegenüber Mädchen und jungen Frauen Druck aufgebaut, indem als „Hure“ beschimpft werde, wer kein Kopftuch trage. Auch die Unterscheidung in „ehrbare“ und „nicht ehrbare“ Frauen „kann nicht im Sinne einer aufgeklärten und emanzipatorischen Gesellschaft sein und ist mit Werten wir Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung nicht vereinbar“, schreibt Christa Stolle.

 


Schwarzbuch Waldorf

Wieder einmal versucht der Bund der Freien Waldorfschulen eine kritische Veröffentlichung mit juristischen Mitteln zu verhindern. Betroffen ist das Schwarzbuch Waldorf des Journalisten Michael Grandt, der seit langem im Bereich Anthroposophie ermittelt und bereits mehrfach ins Visier der Anhänger Steiners geraten ist. Das Vorgehen der Waldörfler folgt auch diesmal dem bekannten Muster: indem ein (tatsächlicher oder vermeintlicher) Detailfehler in dem Buch aufgespürt wird, soll die Verbreitung des Werkes unterbunden werden.

Zwar ließ der Bund der Freien Waldorfschulen verlauten, Grandts Studie lasse „jeglichen Ansatz journalistischer Sorgfalt vermissen“ und verwies auf angeblich 120 fehlerhafte Stellen im Buch, die am 11. September ergangene Einstweilige Verfügung stützte sich jedoch nur auf einen Punkt. Im Buch werden Zitate aus einem Erziehungsratgeber wiedergegeben, der seit 1951 in der Schriftenreihe der Pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen erscheint. Diese deuten darauf hin, dass der Verfasser körperlichen Strafen einen positiven Wert beimisst: „Das Schmerzerlebnis [hat] eine seelisch-reinigende und zugleich eine das Bewusstsein aufweckende und aufhellende Wirkung. Dabei kann solcher Schmerz in der Strafe von der aller verschiedensten Art sein. Er kann rein physischer Schmerz sein, wie bei einem Schlage, einer Ohrfeige.“ Die Richtigkeit des Zitates steht nicht in Frage, doch das Landgericht Stuttgart monierte, dass solchen Passagen keine Zitate aus der Schrift gegenübergestellt werden, die negative Folgen körperlicher Gewalt erörtern, und ein Hinweis darauf fehlt, dass die überarbeitete Fassung des Buches die Prügelstrafe ablehnt. Doch gerade die Überarbeitung der oben zitierten Stelle zeigt, wie die Waldörfler den Spagat zwischen öffentlichkeitswirksam vorgetragener „Modernisierung“ und „Traditionspflege“ üben. Denn der Abschnitt bleibt auch in der Neufassung interpretationsfähig, da der Schmerz weiterhin verklärt wird: „Das Schmerzerlebnis [hat] eine seelisch-reinigende und zugleich eine das Bewusstsein aufweckende und aufhellende Wirkung. Dabei kann solcher Schmerz in der Strafe von der aller verschiedensten Art sein. Der rein physische Schmerz, wie beim Schlag, bei der Ohrfeige, kommt wohl in den seltensten Fällen wirklich in Betracht.“

Der Zensurversuch ist allerdings zunächst gescheitert: das Gütersloher Verlagshaus konnte die gerichtlich geforderte Ergänzung in Form eines Beilageblattes gewährleisten, so dass das Buch (bei MIZ-Redaktionsschluss) nach wie vor lieferbar ist. Damit ist die juristische Auseinandersetzung freilich nicht beendet; die nächste Verhandlung findet am 16. Oktober vor dem Landgericht Stuttgart statt.

Michael Grandt: Schwarzbuch Waldorf. Gütersloh 2008. 224 Seiten, kartoniert, Euro 16,95, ISBN 978-3-579-06995-1

 


Oktoberrevolution

Anlässlich des 90. Jahrestages der Oktoberrevolution hatte der Deutsche Freidenker-Verband (DFV) im Oktober vergangenen Jahres eine Wissenschaftliche Konferenz durchgeführt. Unter dem Titel Die bösen Befreier von Zarismus, Faschismus, Kolonialismus ist nun die Dokumentation der Referate erschienen. Die Oktoberrevolution als epochales Ereignis (das für Millionen Menschen gesellschaftlichen Fortschritt möglich erscheinen ließ) wird in den meisten Beiträgen in Zusammenhang gestellt mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus. Die Leistung des Sammelbandes besteht darin, die gerade in Deutschland gepflegten Geschichtslügen über die Russische Revolution, die Bolschewisten und das sozialistische Gesellschaftsystem vorzuführen (z.B. wird wieder ins Bewusstsein gerufen, dass keine bürgerliche Demokratie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen von links zerstört wurde). Eine kritische Reflexion der Oktoberrevolution bieten die Beiträge hingegen nicht. Die „sichtbare Entartung der Demokratie unter Stalin, bürokratische Verkrustungen, ... Willkürakte und auch Verbrechen“ werden eher beiläufig erwähnt; inwieweit diese absehbares Ergebnis bestimmter politischer Entscheidungen und Strukturen sein könnten, wird nicht erörtert.

90 Jahre Oktoberrevolution: Aufklärung gegen Geschichtslegenden. Die bösen Befreier von Zarismus, Faschismus, Kolonialismus. Offenbach 2008. 139 Seiten, Fotos, kartoniert, ISBN 978-3-929841-05-3

 


Frauen im Islam

Anlässlich des Internationalen Frauentages hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung im März 2007 eine international besetzte Konferenz durchgeführt, die sich mit der Stellung der Frauen im Islam befasste. Zwar stand im Vordergrund die Diskussion über eine Reform des Islam bzw. der Interpretation des Islam aus Frauensicht, doch waren unter den geladenen Expertinnen auch einige, die einen säkularen Ansatz vertraten. Die nun erschienene Dokumentation der Veranstaltung fasst die Aussagen der Referentinnen zusammen und spiegelt ansatzweise auch die abschließenden Diskussionen wieder. Eine zweite Broschüre bietet drei der Impulsreferate aus den Workshops.

Die Beiträge zeigen, dass sich zahlreiche Frauen aus muslimischen Ländern Emanzipation im Rahmen des Islam, zum Beispiel durch eine neue Lesart des Koran, vorstellen können; die Unterdrückung der Frau wird nur von einer Minderheit als grundsätzlich mit der Religion verknüpft angesehen. Insofern erinnern einige Stellungnahmen an Überlegungen aus der feministischen Theologie und werfen die Frage auf, ob am Ende eines solche Prozesses tatsächlich gesellschaftliche Emanzipation stehen wird. Anderereits verweist Rabeya Müller vom Zentrum für Islamische Frauenforschung und -förderung, Köln, darauf, dass „das Selbstbestimmungsrecht der muslimischen Frauen eben auch ein solches Recht darstellt“. Der internationalen Frauenbewegung wie auch der nichtmuslimischen Gesellschaft hält sie vor, einen Alleinanspruch für geschlechtergerechtes Denken zu erheben, der mit der „Vorstellung, die Menschenrechte würden für alle gelten“, nicht vereinbar sei.

Frauen im Islam zwischen Unterdrückung und Selbstbestimmung. Berlin 2008, deutsch / englisch / französisch, 75 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-89892-907-3 sowie Asman Barlas / Nahide Bozkurt / Rabeya Müller: Der Koran neu gelesen: feministische Interpretationen. Berlin 2008. 20 Seiten, geheftet, ISBN 978-3-89892-908-0
Die Broschüren sind kostenlos; Anfragen können an die Friedrich-Ebert-Stiftung, Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin gerichtet werden.

 


Freidenkerkalender

Auch für das kommende Jahr haben die Freidenkerinnen und Freidenker aus Ulm & Neu-Ulm wieder einen Kalender zusammengestellt. Die Monatsblätter zeigen diesmal antiklerikale Karikaturen aus verschiedenen Jahrhunderten. Entnommen sind die Zeichungen zumeist Büchern, die von Eduard Fuchs herausgegeben wurden. Der sozialistische Schriftsteller und Historiker (1870-1940), dem ein zusätzliches Kalenderblatt gewidmet ist, war zunächst knapp zehn Jahre lang Redakteur der Satirezeitschrift Der süddeutsche Postillon, später gab er mehrere kulturhistorische Werke heraus, darunter eine bekannt gewordene Geschichte der erotischen Kunst. Neben Arbeiten, die Fuchs überliefert hat, ist auch Honoré Daumier mit drei Zeichnungen vertreten. Erstmals ist der Freidenkerkalender teilweise vierfarbig gestaltet.

Freidenkerkalender 2009. Antiklerikale Karikaturen. Hrsg. von den Freidenkerinnen & Freidenkern Ulm/Neu-Ulm, 2008. 13 Blatt, A4, teilweise vierfarbig, Euro 7.-
Der Kalender kann beim Herausgeber bezogen werden (Postfach 1667, 89006 Ulm, siegfriedspäth@t-online.de) und über www.denkladen.de

 


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