Die christliche Rechte in den USA

von Lukas Mihr

Wenn am 20. Januar 2009 Bushs Nachfolger, sei es Obama oder McCain, ins Weiße Haus einzieht, endet eine Ära. Denn vermutlich wird keiner der potentiellen Nachfolger im Präsidentenamt der Christlichen Rechten dieselbe Aufmerksamkeit zukommen lassen. Bush, der sein Leben durch eine christliche „Wiedergeburt“ radikal umkrempelte, nachdem ihm der berühmte Baptistenprediger Billy Graham die Errettung durch Jesus Christus versprochen hatte, avancierte zum Liebling der religiös gebundenen Wähler, die vor allem in den Südstaaten einen republikanischen Sieg garantieren können.

Die Christliche Rechte in den USA rekrutiert sich zu einem kleinen Teil aus konservativen Katholiken, vor allem aber aus den Evangelikalen, Protestanten, die von der Unfehlbarkeit der Bibel und ihrer wortwörtlichen Auslegung überzeugt sind. Sie stellen etwa 25% der amerikanischen Bevölkerung. Aus ihrem Verständnis der Auserwähltheit beziehen sie ihren Anspruch, die Geschicke des Landes zu lenken. Beispielsweise votierten die Mitglieder der fundamentalistischen Southern Baptist Convention 2004 zu 78% für Bush.1 In Anbetracht einer signifikant hohen Wahlbeteiligung, die in anderen Wählergruppen nur bei ca. 50% liegt, ein traumhaftes Ergebnis.

Die Christliche Rechte ist betont konservativ und hat daher in der Republikanischen Partei ein nützliches Werkzeug zur Umsetzung ihrer Prinzipien gefunden. Da sie einen beträchtlichen Teil der Wählerschaft stellt, kann sie Forderungen stellen und mittels gewählter Senatoren und Abgeordneter auch umsetzen. Ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen beinhalten die Ablehnung von Drogen  inklusive Alkohol, Glücksspiel, Sexualität außerhalb der klar definierten Grenzen der Ehe, einer selbstbewussten, eigenständigen Frau, Stammzellenforschung sowie Gentechnik und die Befürwortung von Prügelstrafe für Kinder und Todesstrafe für Erwachsene. Homosexualität lehnen die Evangelikalen ab, da sie an mehreren Stellen im Alten und Neuen Testament deutlich verurteilt wird. Doch in Amerika geht es nicht nur darum, eine Homoehe zu verhindern. Mehrere Angehörige der Christlichen Rechten gehen noch einen Schritt weiter – sie fordern eine Wiedereinführung der Sodomiegesetze, die die Homosexualität verbieten. Außerdem sehen sie AIDS als Gottes Strafe für die Schwulen2 und Katastrophen wie jüngst Hurrikan Katrina für all jene, die sie tolerieren.3

Zur Ablehnung von Homosexualität, Abtreibungen und Stammzellenforschung gesellt sich zusätzlich noch eine repressive Sexualerziehung, in der Kondome keinen Platz haben. Laut der christlichen Unantastbarkeit der Ehe, die schon in den Zehn Geboten verankert ist, darf Sexualität zwischen zwei Menschen erst nach ihrer Hochzeit stattfinden. Diese Vorstellung wurde am bekanntesten unter dem Slogan „True Love Waits“. Dass in den USA junge Frauen überdurchschnittlich häufig sehr früh schwanger werden, dadurch in eine beklemmende finanzielle Situation geraten, sogar abtreiben, dass sich Geschlechtskrankheiten wie AIDS immer schneller ausbreiten, ist in den Augen der Christen nur Folge eines moralischen Verfalls der Gesellschaft. Brächten junge Menschen der Ehe mehr Respekt entgegen, träten diese Missstände gar nicht erst auf.

Doch so einfach die Lösung des Problems auch anmuten mag – sie ist es nicht. Die starke Fixierung auf die Ehe führt dazu, dass Ehen in den USA immer früher geschlossen werden und oft auch schneller zerbrechen. Außerdem herrscht bei den Teenagern Unwissenheit über die körperlichen Vorgänge vor, da eine wertneutrale biologische Sexualerziehung mit den kirchlichen Idealen kollidiert. Der Gedanke an außerehelichen Sex wird in der Theorie der Erziehungsprogramme völlig ausgeblendet – sollte er in der Realität dennoch stattfinden, werden keine Kondome benutzt. Da sich nur minimale Unterschiede im tatsächlichen Sexualverhalten der „Abstinenzler“ und der eher säkularen Bevölkerungsteile feststellen lassen, kommt es durch den Verzicht auf Kondome zu höheren Infektionsraten von Geschlechtskrankheiten, zu mehr Schwangerschaften und somit auch zu mehr Abtreibungen. Dieser Sachverhalt ist vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung durch einen Vergleich europäischer Staaten mit den USA4 vom British Medical Journal durch einen Vergleich vorgeblich abstinent lebender Jugendlicher vorwiegend weltlichen Jugendlichen belegt.5

Diese Politik wird seit dem Amtsantritt Bushs zunehmend international exportiert. Im Rahmen der US-amerikanischen Entwicklungshilfe wird in Afrika AIDS bekämpft. Der Verzicht auf den Gebrauch von Kondomen ist angesichts von weltweit ca. 30 Millionen Toten durch die Immunschwächekrankheit eine verheerende Entscheidung. Zwar tastete die Bush-Regierung den Etat für die AIDS-Bekämpfung im wesentlichen nicht an, allerdings fand eine Verschiebung innerhalb der Einzelbudgets statt. Von 15 Milliarden Dollar wird etwa ein Drittel für Programme ausgegeben, die Enthaltsamkeit propagieren. In Anbetracht der Tatsache, dass der größte Teil des Etats für die AIDS-Bekämpfung nicht auf Aufklärung und Verhütung, sondern auf Medikamentenversorgung und die Bereitstellung von sauberen Injektionsnadeln u.ä. entfällt, wird klar, dass die Bereitstellung von Kondomen zwar nicht verhindert, aber zumindest doch erschwert wurde.6

Personell war diese Politik der AIDS-Bekämpfung mit Randall L. Tobias verknüpft. Der hochrangige US-Diplomat wurde von Bush zum Vorsitzenden von USAID ernannt, was in etwa dem deutschen Entwicklungshilfeministerium entspricht. Tobias erklärte, dass Kondome nur wenig nützen würden und man stattdessen gegen Untreue in der Ehe und Prostitution vorgehen müsse. Das beste Beispiel dafür, wie wenig erfolgreich eine solche Politik sein kann, lieferte er gleich selbst. Der verheiratete Tobias musste im Frühjahr 2007 zugeben, mehrfach die Dienste eines Washingtoner Callgirl-Rings in Anspruch genommen zu haben. Kurz darauf trat er zurück.

Kreationismus

Die Überzeugung, dass die Bibel unfehlbar sei, tritt am deutlichsten bei der Frage nach der Entstehung der Welt zutage. Die erste Seite aus dem Buch Genesis wiegt mehr als tausende wissenschaftliche Artikel, die Urknall, Planetenbildung und Evolution beschreiben. Gott erschuf die Erde vor knapp 6000 Jahren innerhalb von nur sechs Tagen. Zeugnisse über Sterne, Dinosaurier und Werkzeuge der frühen Menschen, die älter sind, müssen uminterpretiert werden. Wenngleich es auch tatsächlich fromme Wissenschaftler gibt, die Fehler im anerkannten wissenschaftlichen Weltbild aufspüren wollen, versuchen die Evangelikalen nicht, ihren Schöpfungsglauben durch die Kraft der Überzeugung zu verbreiten. Zum einen zielen sie darauf ab, über Politiker Einfluss auf die Lehrpläne zu nehmen, um die Evolution aus den Schulen zu verbannen, zum anderen wird die Lehre als lebensgefährliche Lüge verteufelt.

In der Dokumentation des erfolgreichen Fernsehpredigers Dennis James Kennedy Darwins tödliches Vermächtnis aus dem Jahr 2005, wird die These aufgestellt, dass die Millionen Toten im Dritten Reich und der Sowjetunion darauf zurückzuführen seien, dass man sich von Gottes Schöpfungsordnung abwandte. Der Gedanke, dass die Menschen nur zufällig aus einer Schlammgrütze entstanden seien, würde sie erniedrigen, sie ihres Wertes berauben und so der Vernichtung preisgeben. Auch die Amokläufe an amerikanischen Schulen, wie beispielsweise das Massaker an der Columbine High School in Littleton, bei dem zwei Schüler am 20. April 1999 dreizehn Menschen und sich selbst erschossen, werden der Evolutionstheorie angelastet. Wie einfach die beiden Attentäter aber an Waffen gelangen konnten, wird in der Dokumentation nicht behandelt. Kennedys Kirche hält bis heute am Recht auf freien Waffenbesitz fest. Diese Position wird direkt aus dem Alten Testament abgeleitet – dort heißt es schließlich, dass ein Hausherr, der einen eindringenden Dieb tötet, frei von Schuld sei.7

Einzelne Fernsehprediger, wie beispielsweise Pat Robertson, dessen Vermögen auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt wird, sind in ihren Ansichten derart extrem, dass sie mit den Interessen der Regierung kollidieren, die sie als zu liberal beschimpfen. Am 22. August 2005 legte er dem US-Militär in seiner Sendung The 700 Club nahe, den venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chavez zu ermorden. Dies sei wesentlich billiger, als 200 Milliarden Dollar für einen Krieg auszugeben. Gefahr, dass die Erdölexporte des südamerikanischen Landes in die USA ausblieben, bestünde auf diesem Wege auch nicht. Robertson begründete diesen Vorschlag damit, dass Chavez ein Diktator sei und sowohl den Kommunismus wie auch den islamischen Extremismus in seinem Land fördere.8

Im Falle Liberias treffen christlicher Beistand für einen Glaubensbruder und eiskalte Wirtschaftsinteressen aufeinander. Ende 1989 putschte sich dort der Warlord Charles Taylor an die Macht. Mehrere Jahre war er de facto Machthaber. 1997 ließ Taylor sich zum Präsidenten wählen. Während seiner Herrschaft stürzte er Liberia in einen Bürgerkrieg und unterstützte Rebellengruppen in Sierra Leone, um von den Rohstoffen des Landes profitieren zu können. Insgesamt kamen durch Taylors Machtbestrebungen ungefähr 200.000 Menschen ums Leben. Da er sich aber als frommer Christ präsentierte, war er sich der Unterstützung Robertsons sicher. Taylor war Baptistenprediger und bezog dies in seine politischen Überlegungen mit ein. So entließ er beispielsweise Mitglieder seines Kabinetts, die nicht zu einem staatlich verordneten Gebet erschienen oder erklärte Jesus 2002 zum Präsidenten Liberias.9 Doch in der Weltöffentlichkeit wurde Taylor nicht als frommer Christ, sondern als brutaler Diktator angesehen.

Mehrere Politiker, auch George W. Bush, übten politischen Druck aus, um seine Herrschaft zu beenden. Schließlich wurde Taylor 2003 gezwungen, ins nigerianische Exil zu gehen. Robertson kritisierte den US-Präsidenten für seine Politik. Sie würde angeblich Liberia destabilisieren und dem Islam dort Vorschub leisten. Robertsons Interessen in Liberia waren allerdings nicht ganz uneigennützig. Beispielsweise hatte er nach Angaben der Washington Post in den späten 1990er Jahren acht Millionen Dollar in eine Goldmine unter der Kontrolle Taylors investiert.10 Als dies 2001 bekannt wurde, mehrten sich die Stimmen, die eine Untersuchung durch die Justiz forderten, doch nichts geschah. Zwar konnte Robertson fortan nicht mehr ungestört von den Rohstoffen der Bürgerkriegsregion profitieren, doch gerichtlich belangt wurde er nicht. Der General Attorney Mark Earley (entspricht dem Justizminister Virginias) blockierte weitere Untersuchungen. Robertson hatte 1997 die Wahlkampfkampagne des republikanischen Juristen mit 35.000 Dollar unterstützt.11 Nach seiner Karriere als Politiker wurde der fromme Anwalt Vorsitzender der Prison Fellowship, einer Organisation, die die Missionierung in Gefängnissen vorrantreibt. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass noch ein weiterer Top-Jurist auf Robertsons Gehaltsliste steht – den ehemaligen US-Justizminister Ashcroft, einen Christen der Pfingstbewegung, berief er zum Juraprofessor seiner eigenen Universität. Auch der umgekehrte Karriereweg ist möglich. Robertson verkündete stolz, dass 150 seiner Studenten inzwischen in leitender Position in der Bush-Administration arbeiten.

Die Anschläge vom 11. September 2001

Doch das zentrale Ereignis der Präsidentschaft Bushs stellt der 11. September 2001 dar. Während die Anschläge schon unter säkularen Menschen einen Schock auslösten, wurden sie durch ihre religiöse Verklärung in den USA erst recht zur Zäsur. Bereits einen Tag nach den Anschlägen erklärte der besonders in den 1980er Jahren einflussreiche Baptistenprediger Jerry Falwell in der Fernsehsendung des befreundeten Tele-Evangelisten Pat Robertson, dass diese eine Strafe Gottes für Amerika darstellten, welches in den vergangenen Jahren die Verbannung Gottes aus Schulen, Gerichten und anderen öffentlichen Einrichtungen, Homosexuelle, Feministinnen, Abtreibungsbefürworter, Anders- und Nichtgläubige toleriert hatte.12 Obwohl Falwell, dessen Ansichten sich Robertson anschloss, auch glaubte, dass die Katastrophe in New York Gottes Wille war, entschloss er sich, Gottes Pläne für weitere Strafen zu vereiteln, indem er bald darauf verkündete, dass man die „Terroristen im Namen Gottes hochjagen“ müsse (Blow ’em up in the name of the LORD).

Der „Krieg gegen den Terror“, der von der US-Regierung gestartet wurde, hatte somit eine starke religiöse Komponente. In den Augen der christliche Rechten, gab es für die Attentate nur eine einzige Erklärung – die Verkommenheit des Islam. Im Juni 2002 hatte Jerry Vines, Vorsitzender der Southern Baptist Convention in den 1980ern, in einer Rede auf der Jahrensversammlung seiner Kirche, zu der US-Präsident Bush per Videoschaltung eine Grußbotschaft entsandte, Mohammed als von Dämonen besessenen Pädophilen bezeichnet. Der frisch gekürte neue Präsident, Jack Graham und Jerry Falwell verteidigten Vines Äußerungen gegen die Kritik, die in den folgenden Wochen losbrach.13

In diesem Kontext wurde auch die Invasion des Irak begrüßt. Dass Saddam Hussein ein hartes, wenn auch vergleichsweise säkulares Regime führte und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von den Plänen für die Terroranschläge am 11. September 2001 unterrichtet war, ging in der hitzig geführten Debatte im Jahr 2002 unter. Am 3. Oktober schickte der Vorsitzende der Kommission für Ethik und Religionsfreiheit der Southern Baptist Convention, Richard Land, einen offenen Brief an George W. Bush, in dem der US-Präsident viel Lob, aber auch Zustimmung für eine Militäroperation erfuhr. Der „Land Letter“ warnte vor einer Gefahr durch Massenvernichtungswaffen und bediente sich des Motivs vom „gerechten Krieg“, das bereits im späten römischen Reich von den frühen christlichen Theologen entwickelt wurde.14

Mehrere evangelikale Militärs finden sich an vorderster Front im „Krieg gegen den Terror“. Geoffrey Miller, der für ein Jahr die Leitung des Gefangenenlagers in Guantanamo Bay innehatte und Ende 2003 nach Abu Ghraib reiste, um die Gefangenen zu „verhören“, wird als fanatischer Moslem-Hasser beschrieben. James Yee, der einzige islamische Militärkaplan im Lager, erhebt in seinem Buch For God and Country: Faith and Patriotism Under Fire schwere Vorwürfe gegen seinen Vorgesetzten: Miller würde eine Atmosphäre des Hasses gegenüber dem Islam erzeugen. Die Gefangenen, so Yee, mussten ihren Glauben verleugnen und erklären, dass sie Satan und nicht Allah anbeten würden. Yee wurde von Miller unter dem Vorwurf der Spionage unter Arrest gestellt, musste aber später wieder freigelassen werden, da sich der Verdacht gegen ihn nicht erhärtete. Auch der Besitzer der Söldnerfirma Blackwater USA Erik Prince, wird der Christlichen Rechten zugerechnet.15 Seine Angestellten kämpfen Seite an Seite mit den US-Soldaten im Irak. Da sie in einer rechtlichen Grauzone arbeiten, die sowohl vom Außen- wie auch vom Verteidigungsministerium aufrechterhalten wird, können die Söldner für ihre Verbrechen, wie beispielsweise die Erschießung von 17 irakischen Zivilisten im September 2007, nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Am deutlichsten ist der religiöse Sendungsgedanke jedoch beim General William Boykin ausgeprägt. Der Baptist war Staatssekretär für die Koordinierung der militärischen Geheimdienste im Pentagon und an der Planung fast aller US-Kriege der letzten 25 Jahre beteiligt. Boykin sieht in der Welt das Walten Satans. Bei einer Rede in seiner Kirche zeigte er Fotos von den Kämpfen in Mogadischu 1993. Auf ihnen waren mysteriöse dunkle Schatten zu sehen, in denen Boykin Dämonen zu erkennen glaubte. Moslems beten in seinen Augen falsche Götter an und George Bush wurde von Gott persönlich auf seinen Posten berufen.16 Verteidigungsminister Rumsfeld sah keinen Grund, den frommen General seines Postens zu entheben. Für ihn war nur die fachliche Qualifikation ausschlaggebend.

Krieg und Mission

Dass die Baptisten den Irakkrieg begrüßten, hat einen einfachen Grund – er ermöglichte ihnen, die Missionierung in einem arabischen Land voranzutreiben. Tom White, Vorsitzender der Organisation Voice of the Martyrs (Stimme der Märtyrer), versucht mit enormem finanziellen Aufwand, Iraker zum christlichen Glauben zu bekehren. Zehntausende Bibeln und Informationsschriften hat er dazu von der Zentrale in Bagdad aus verteilen lassen. Der Chef der Organisation, die „Gottes aggressive Liebe“ (Eigenwerbung) predigt, erklärte, dass sich die Christen permanent in einem „Heiligen Krieg“ befänden. In nahezu allen islamischen Staaten ist die Mission verboten, im Irak wird sie jedoch von den US-Militärs erlaubt. Dass die Mission der Propaganda von Al Qaida nützen könnte, oder dass die konvertierten Iraker ermordet werden könnten – im Islam steht auf Apostasie die Todesstrafe – betrübt die Baptisten nicht. Todd Nettleton spricht von einem „guten Deal“, da das ewige Leben etwaige Unannehmlichkeiten im Diesseits aufwiege.17

Diese Grenzüberschreitungen zwischen staatlicher Weltanschauungsfreiheit einerseits und christlichem Fundamentalismus andererseits werden von Michael Weinstein argwöhnisch betrachtet. Der Judge Advocate General, gründete 2006 die Military Religious Freedom Foundation, da seiner Ansicht nach Evangelikale zu viel Gewicht im Militär besäßen. Er beklagte sich schon längere Zeit darüber, dass hochrangige Offiziere Missionierung unter den Soldaten duldeten. Der Auslöser für sein Engagement war allerdings, dass seine Söhne, Juden, so wie er, nach einer Vorführung des Films The Passion of the Christ in einer Militärbasis beschimpft wurden. Angeblich hätte ihr Volk es gewagt, Jesus nicht als Sohn Gottes anzuerkennen und ans Kreuz zu schlagen – ein antisemitisches Klischee, das sich seit Jahrhunderten durch alle Konfessionen zieht.

Der Soldat Jeremy Hall, der im Irak stationiert war und ein Treffen von Atheisten und Nicht-Christen in der Armee anregte, wurde bald darauf zu seinem Vorgesetzten zitiert, der ihm mit Entlassung drohte. Als Hall daraufhin zusammen mit Weinstein vor Gericht ein Eingreifen des US-Verteidigungsministers Bob Gates anregen wollte, erhielt er anonyme Morddrohungen aus Armeekreisen.18

Auch hochrangige Militärs arbeiten mit christlichen Gruppierungen zusammen, um den Glauben unter den Soldaten zu verbreiten. Mehrere Offiziere posierten im Pentagon für ein Werbevideo der Christian Embassy19 – ein Verstoß gegen das weltanschaulich-religiöse Neutralitätsgebot des Staates. Ein weiteres Beispiel, das den Einfluss der Christlichen Rechten illustriert, sind die Militärkapläne – 50 % von ihnen sind evangelikal, im Gegensatz zum weitaus geringeren Anteil von ca. 25% Evangelikaler in der US-Bevölkerung.

In den genannten außenpolitischen Vorstellungen der Evangelikalen spielt das jüdische Volk eine besondere Rolle. Die frommen Christen geben sich in Bezug auf ihre älteren Brüder betont tolerant und freundlich, bereisen die Heiligen Stätten in Jerusalem gern. Sie sehen im Staat Israel einen natürlichen Verbündeten gegen den Islam und die Erfüllung der biblischen Prohezeiungen. Daher betrachten sie den Nahostkonflikt mit größter Aufmerksamkeit. Einflussreiche Pastoren werben vor Vertretern aus Regierung und Parlament für ihre, von biblischen Argumenten getragene, Vorstellung eines selbstbewussten Staates. Zu diesem Zweck haben sich unter der Leitung John Hagees die wichtigsten Kirchenführer des Landes in der Organisation Christians United for Israel wiedergefunden. Diese spricht sich für die Belieferung Israels mit modernen Waffensystemen, Militäraktionen gegen den Iran und gegen Verhandlungen mit Palästinenserführern aus. Außerdem ermöglichten die Millionenspenden der Evangelikalen zehntausenden Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion die Auswanderung ins Heilige Land.

Nach wie vor antijudaistisch

Doch darf daraus keineswegs geschlossen werden, dass die Religiöse Rechte damit dem Antijudaismus, der das Christentum über Jahrhunderte durchzog, abgeschworen hat. Aus dem Wunsch heraus, die Juden ihrer göttlichen Bestimmung näherzubringen, erwachsen die absonderlichsten Ideen. Nicht zuletzt der Holocaust wurde als Zeichen der Liebe Gottes zu seinem Volk verstanden. Denn dieser hatte letztendlich die Entstehung des Staates Israel zur Folge. Die Prophezeiungen der Bibel, die zuerst die Vertreibung der Juden und ihre spätere Rückkehr ins Heilige Land vorraussagten, hätten sich somit laut evangelikaler Theologie bewahrheitet. So ist Hagee beispielsweise der Ansicht, dass Gott zuerst Zionistenführer Theodor Herzl sandte, der sein Volk zurück nach Israel führen sollte. Als Gott allerdings sah, dass die Juden nur in kleiner Zahl in das Gelobte Land zogen, schickte er voll Zorn Hitler, der den Exodus bis an sein Ende trieb. Der Antisemitismus war also Gottes Werkzeug, um seinem auserwählten Volk den rechten Weg zu weisen.20

Der Philosemitismus der Christlichen Rechten erstreckt sich also nur auf die Juden, die sich „anständig“ verhalten, wobei sie sich die Deutungshoheit über den Begriff „Anstand“ selbst zuspricht. Billy Graham sprach gegenüber Präsident Nixon von einem „Würgegriff“, in den das Judentum die amerikanischen Medien zwänge.21 Außerdem gebiete es der „Anstand“ der israelischen Regierung, keinen Fußbreit Gottes Heiligen Lands aufzugeben. Als Ariel Sharon Anfang 2006 einen Schlaganfall erlitt und ins Koma fiel, erklärte Pat Robertson am darauffolgenden Tag, dass dies die Strafe Gottes dafür sei, dass er israelische Siedlungen im Gazastreifen aufgegeben hatte. Beim gleichen Anlass äußerte er die Vermutung, dass Gott auch die Ermordung Jitzchak Rabins (der den Palästinensern gegenüber in den Osloer Verträgen Zugeständnisse gemacht hatte) zugelassen hätte.22 Und auf der Webseite der erfolgreichen christlichen Bücherreihe Left Behind findet sich ein Artikel, in dem die Juden gewarnt werden, mit ihrer Beschwichtigungspolitik nur denen in die Hände zu spielen, die in ihnen „Jidden, denen man nicht vertrauen darf“ sehen.23

Desweiteren sehen mehrere Kirchenführer wie beispielsweise Jerry Falwell in der Figur des Antichristen einen Juden aus dem israelitischen Stamme Dan24 – ein antisemitisches Klischee, das bereits von den frühen Kirchenvätern begründet wurde. Hagee sieht als Beweis für diese Ansicht die Tatsache an, dass auch Hitler und Marx schon jüdischer Abstammung gewesen seien. Außerdem warnte er vor einer Verschwörung in der Bankenwelt, die angeblich von den Familien Rockefeller, Rothschild und Greenspan orchestriert wird.25
Doch der Gedanke, dass derartige Gedankengänge eben der Preis dafür seien, dass Israel dank der eher pro-zionistischen Realpolitik keine Gefahr laufe, angegriffen zu werden, ist nur wenig tröstlich. Denn keineswegs soll Frieden im Nahen Osten herrschen – der Dritte Weltkrieg ist das erklärte Ziel. Schließlich kann der Tag des Jüngsten Gerichts, der den gläubigen Christen den Weg ins Paradies ebnet und die Ungläubigen auf ewig in die Feuer der Hölle stürzt, erst nahen, wenn die apokalyptische Endschlacht von Armageddon stattgefunden hat. In eben dieser biblischen Endschlacht kommt den Juden als Gottes auserwähltem Volk eine besondere Rolle zu. Sie sind es, die von den Feinden Gottes angegriffen werden. Von diesen werden aber nur die Perser (also der Iran) namentlich genannt. Alle anderen Aussagen sind so vage, dass sie redlicherweise nicht auf heutige geopolitische Konstellationen angewandt werden können. Dennoch sind die Evangelikalen überzeugt, aus dem Buch Hesekiel Angriffe Europas, Russlands, Chinas und der arabischen Welt auf Israel ableiten zu können.26 Die Begeisterung, die den derzeitigen Kriegen im Irak und Afghanistan entgegenschlägt, könnte somit weiteren riskanten Militäroperationen zuteil werden. Hagee hat nur wenig Zweifel daran, dass in der Endschlacht auch Atomwaffen eingesetzt werden. Die entsprechende Bibelstelle, mit der er Nuklearschläge gegen die Feinde Gottes rechtfertigen könnte, hat er bereits gefunden.

Wie wird das Resultat dieser Endschlacht aussehen, die laut Hagee in wenigen Jahren, spätestens aber innerhalb unserer Lebenszeit stattfinden wird? Nachdem die Truppen Gottes gesiegt haben, werden zwei Drittel aller Juden tot am Boden liegen. Doch aus diesem Tod wird gemäß der Aussage Jesu, dass niemand zum Vater komme denn durch ihn, keine Erlösung erwachsen. In der evangelikalen Theologie droht allen Juden, die sich nicht ausdrücklich zum Sohn Gottes als Erlöser bekennen, die ewige Qual der Hölle. Die Jerusalem Post berichtete 2006 anlässlich der Gründung der Christians United for Israel, dass Hagee und Falwell sich einer neuen theologischen Position angeschlossen hätten, laut der die Juden durch den Bund Gottes mit Mose auf dem Berg Sinai automatisch erlöst seien. Beide Kirchenführer erwirkten daraufhin eine Gegendarstellung.27

 


Anmerkungen:

1 http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=93360158
2 http://www.milforddailynews.com/opinion/x1987843539
3 http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=6097362
4 http://www.berlin-institut.org/newsletter/newsletter_september_2003.html
5 http://www.sueddeutsche.de/,ra17m3/gesundheit/artikel/741/126545/
6 http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,480081,00.html
7 http://www.coralridge.org/equip/l2d-new/learn_2_discern.aspx?id=L2D082710&mediaID=L2D082710
8 http://mediamatters.org/items/200508220006
9 http://money.cnn.com/magazines/fortune/fortune_archive/2002/06/10/324534/index.htm
10 http://www.washingtonpost.com/ac2/wp-dyn?pagename=article&node=&contentId=A7124-2001Sep21
11 http://www.thenation.com/doc/20050919/blumenthal
12 http://archives.cnn.com/2001/US/09/14/Falwell.apology/
13 http://edition.cnn.com/2002/ALLPOLITICS/06/13/cf.crossfire/
14 http://erlc.com/article/the-so-called-land-letter
15 http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,506512,00.html
16 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15880/1.html
17 http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2004/erste8564.html
18 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26616/1.html
19 http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/08/12/AR2007081200968.html
20 http://edition.cnn.com/2008/POLITICS/05/22/mccain.hagee/index.html
21 http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/1850077.stm
22 http://edition.cnn.com/2006/US/01/05/robert-son.sharon/
23 http://www.leftbehindprophecy.com/adm/publish/preview_story.asp?pwd=ow93vuwq08&id=1098
24 http://www.adl.org/PresRele/asus_12/3311_12.asp
25 http://www.talk2action.org/story/2008/6/1/163843/2726
26 http://transcripts.cnn.com/TRANSCRIPTS/0710/12/gb.01.html
27 http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1139395523403&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter

 


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