Zündfunke 2/08

Dalai Lama I

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) hat den Ministerpräsidenten von Hessen und Nordrhein-Westfalen vorgeworfen, indem sie den Dalai Lama hofieren, der Sache der Menschenrechte in China zu schaden. In einer Pressemitteilung bezeichnete der IBKA-Vorsitzende Rudolf Ladwig das Amt der Dalai Lama als „Überbleibsel aus einer feudalen Zeit, in der Religion und Politik noch nicht getrennt waren“. Es sei unbegreiflich, warum ausgerechnet ein „Gottkönig“ zum Garanten für Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten stilisiert werde. Angesichts der Zustände, die bis 1950 im Alten Tibet herrschten, so Ladwig weiter, müssten sich Koch und Rüttgers fragen lassen, welche konkreten Verbesserungen sie sich von einer Rückkehr des Dalai Lama erwarten. Die Menschenrechtsverletzungen in China seien kein spezifisch die Region Tibet betreffendes Problem, sondern fänden in allen Teilen Chinas statt. Es sei „pure Augenwischerei“ zu suggerieren, dass ein Dialog mit dem Dalai Lama in China zu mehr Meinungsfreiheit führen könne.

 


Dalai Lama II

Kurz vor der Veröffentlichung der erweiterten Neuauflage seines Standardwerkes Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs tourt der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Colin Goldner durch Deutschland und Österreich und berichtet über die historische wie aktuelle Situation des tibetischen Buddhismus. Einer der Vorträge fand am 17. Juni in Bochum statt und war mit etwa vierzig Personen gut besucht. Die Schwerpunkte seines Vortrages legte der Tibet-Kenner auf die Entwicklung des tibetischen Buddhismus vor dem Einmarsch der Chinesen 1950, die Entwicklungen seit dem Einmarsch und die aktuelle Situation, insbesondere im Hinblick auf die Olympischen Spiele im Sommer diesen Jahres und die Dauerpräsenz Tenzin Gyatso (derzeitiger Dalai Lama) in den Medien der westlichen Industriestaaten. Goldner zeichnete die spezielle Form des tibetischen Buddhismus nach und lieferte so einen materialreichen Vortrag ab, der die überwiegend älteren Zuhörerinnen und Zuhörer mit Daten und Fakten rund um die theokratische Herrschaft des Klerus konfrontierte. Er räumte in diesem Zusammenhang insbesondere mit zwei Mythen auf, die immer wieder in den Medien unreflektiert dargestellt werden. Zum einen widerlegte er die Behauptung, das alte Tibet sei vor dem Einmarsch der Chinesen 1950 ein Paradies für die dort lebenden Menschen gewesen. Zum anderen wies er nach, dass die insbesondere vom Dalai Lama und der so genannten Free-Tibet-Bewegung verbreitete Behauptung eines kulturellen Genozids an den Tibetern nicht zutrifft. Dies untermauerte der Referent mit mehreren Fotos, die von Befürwortern des Dalai Lama gezielt zur Falschinformation eingesetzt wurden und werden. Bis heute kursieren Fotos, die von den Medien ungeprüft als vermeintlicher Beweis für die brutale Unterdrückung durch die chinesische Politik benutzt werden. Goldner ließ in seinem Vortrag kaum eine Frage offen, auch nicht, was die enge Verbindungen zwischen dem Dalai Lama und der rechten Esoterikszene angeht oder seine Freundschaft zu dem japanischen Massenmörder Shoko Asahara der Aum-Sekte.
Die nach dem Vortrag gestellten Fragen bezogen sich insbesondere auf die Rolle der Medien in Deutschland, die Rolle der Frau und der Familie im tibetischen Buddhismus und die politische Strategie des Dalai Lama. Über zwei Stunden dauerte die Veranstaltung, was weder dem Referenten noch den Zuhörerinnen und Zuhörern anzumerken war.
Weitere Informationen zum Dalai Lama und dem tibetischen Buddhismus finden sich auf der Webseite www.gottkoenig.de.

 


Evolutionstheorie und Humanismus

Gut ein Jahr, bevor der doppelte Darwin-Jahrestag (200. Geburtstag und 150. Jahrestag der Erstveröffentlichung des Hauptwerkes Über den Ursprung der Arten) ausführlich gefeiert wird, finden erste Veranstaltungen zu diesem Großereignis statt. Eine dieser Veranstaltungen war das Kolloquium „Evolutionstheorie und Humanismus“ am 11. Juni 2008 in Halle/Saale. Durchgeführt wurde es von dem Humanistischen Regionalverband Halle-Saalkreis e.V. und der Rosa Luxemburg Stiftung Sachsen-Anhalt e.V. Dass die Veranstaltung schon zu diesem Zeitpunkt stattfand, liegt an dem historischen Datum vom 1. Juli. An diesem Tag jährt sich zum 150. Mal die Erstlesung aus Charles Darwins Schrift. Darwins Werk hat die Entwicklung der Naturwissenschaften nachhaltig geprägt und das naturalistische Weltbild zur Grundlage seiner Theorie gemacht. In der Ankündigung hieß es denn auch, „dieses und weitere Werke zur Evolutionstheorie haben die Entwicklung einer humanistischen, nicht religiös geprägten Weltanschauung wesentlich mit beeinflusst“. Die geladenen Referentinnen und Referenten, unter anderem die Medizinethikerin, Vizepräsidentin der Humanistischen Akademie und Organisatorin Viola Schubert-Lehnhardt, der Kulturwissenschaftler und Direktor der Humanistischen Akademie Horst Groschopp und der Politikwissenschaftler und MIZ-Chefredakteur Christoph Lammers, diskutierten mit den etwa zwanzig Gästen über die Zusammenhänge von Darwins Grundgedanken der Evolution mit Aspekten des Humanismus. Sowohl die eher historisch orientierten Vorträge zu Darwins Grundgedanken und der Aufnahme von Darwins Lehre bei den Freidenkern, als auch der kontrovers diskutierte Vortrag zum Zusammenhang von Darwins Prinzip der natürlichen Auslese und der Präimplantationsdiagnostik (PID). Interessiert zeigten sich die Teilnehmer vor allem an den aktuellen Zahlen zum Kreationismus und dessen Einfluss in unserer Gesellschaft. Alle Anwesenden sprachen sich für weitere Veranstaltungen in diesem Zusammenhang aus.

 


Kreationismus

Die diesjährige 18. Konferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) hatte das Thema „Kreationismus“  zum Tagungsschwerpunkt. Im ersten Vortrag orientierte Thomas Waschke über die verschiedenen Strömungen unter den Kritikern der Evolutionstheorie. Anhand der Einstellung zu vier Aspekten der Debatte – Evolution als Tatsache, Deszendenz, Mechanismen der Evolution, Naturalismus als Grundlage – unterschied er amerikanische und deutsche „Junge-Erde-Kreationisten“ (die davon ausgehen, dass die Bibel in engeren Sinne Tatsachen berichtet, die Erde folglich keine 10.000 Jahre alt ist) sowie Anhänger des Intelligent Design. Deutlich wurde dabei vor allem, dass die Kreationisten ein Weltbild vertreten, das seinerseits argumentativ in Frage gestellt werden kann; bei Intelligent Design hingegen handelt es sich eher um eine Argumentationsmethode, die nicht selbst Stellung bezieht, sondern sich ausschließlich darauf konzentriert, die Schwachstellen der Evolutionstheorie herauszustellen.

Dittmar Graf stellte in seinem Referat die Ergebnisse der empirischen Forschung vor: Welche Einstellungen zur Entstehung und Entwicklung des Lebens herrschen in der Bevölkerung vor? Dabei zeigte sich, dass der Glaube an einen „Schöpfer“ kein us-amerikanisches Problem ist, sondern dass auch in Deutschland  bis zu 20% der Menschen kreationistischen Vorstellungen im engeren Sinne anhängen. Im Rahmen einer eigenen Studie hat Graf an der Universität Dortmund Studentinnen und Studenten des Lehramtes befragt. Als ein wichtiges Ergebnis zeichnete sich dabei ab, daß es einen negativen Zusammenhang gibt zwischen dem Glauben an einen Designer und einer guten Kenntnis wissenschaftstheoretischer Grundlagen.

Martin Mahner stellte anschließend den (ontologischen) Naturalismus als notwendige Bedingung für Wissenschaft dar. Nur wenn die Realwissenschaften auf übernatürliche Größen – zu denen auch ein „intelligenter Designer“ zählt – verzichten, kann das Projekt der Erforschung der Welt ernsthaft betrieben werden.

Mit der Frage, ob das Gute „göttlich“ oder Ergebnis der Evolution sei, setzte sich Timm Grams auseinander. Tatsächlich scheint es so, daß sich kooperatives Verhalten nicht nur durchsetzt (wie die Spieltheorie bereits vor einiger Zeit zeigen konnte), sondern daß es auch evolutionär entstehen kann. Diese These untermauerte Grams eindrucksvoll anhand einer Computersimulation. Für religiöse Zeitgenossen bleibt der Trost, dass auch die Religion bei der Entstehung von Moral ihre Funktion hatte: denn für diesen Prozess ist die Abgrenzung einer Gruppe von Bedeutung, und dies wird durch das Aufkommen von Religion begünstigt. Trotzdem blieb als Fazit, dass die Natur selbst imstande ist, das Gute hervorzubringen.

Weitere Beiträge befassten sich mit der sog. Alternativmedizin und einer ihrer Lobby-Organisationen, den Versprechungen von „Global Scaling“, einem jahrhundertealten Buch, das niemand entziffern kann und den Besonderheiten des österreichischen Esoterikmarktes.

Erstmals hatte die GWUP dieses Jahr die Konferenz bereits am Mittwochabend mit einer Veranstaltung mit Lokalkolorit  beginnen lassen. Im alten Darmstädter Schloss, unter dem bekanntlich ein Erdgeist sein Zuhause hat, gab es Vorträge zur okkulten Geschichte der Stadt sowie eine Zaubershow.

 


Neuer Humanismus

In einer vom Turm der Sinne in Kooperation mit der Giordano Bruno Stiftung und der Humanistischen Akademie Bayern durchgeführten Tagung kreisten die Beiträge um die Fragen, wie die naturwissenschaftlichen Anteile des „neuen Humanismus“ beschrieben werden könnten und welche Schlussfolgerungen für Gesellschaftsordnung und Ethik daraus gegebenenfalls zu ziehen wären.

Als eines der zentralen Merkmale des neuen Humanismus benannte Michael Schmidt-Salomon in seinem Eröffnungsvortrag, dass dieser den Zusammenhang zwischen Kultur und Natur erkenne und deshalb darauf abziele, Humanismus und Naturalismus zu verbinden. Für eine naturalistische Ethik bedeute dies, sich von Begriffen wie „gut“ und „böse“ oder „Schuld“ zu verabschieden, da sie menschliches Handeln nicht erklären und somit auch keinerlei Perspektive für eine Veränderung eröffnen. Wenn menschliche Taten hingegen als Ausdruck menschlicher Interessen begriffen würden, könne nach rational verhandelbaren Spielregeln für die allfälligen Interessenskonflikte gesucht werden.

Nach zwei Vorträgen, die sich mit den antiken Vorstellungen von Selbstsorge und Hedonismus auseinandersetzten ging es in den Vorträgen von Eckart Voland und Gerhard Schurz um die Frage, was aus einer evolutionären Perspektive zur Funktion der Religion und zu den Entwicklungschancen eines Humanismus gesagt werden kann. Dabei scheint es, dass von einer „evolutionären Nachhaltigkeit“ der Religion ausgegangen werden muss. Untersuchungen zeigen Kinder als „intuitive Theisten“ (sie glauben an Allwissenheit, haben einen „dualistischen“ Blick auf die Welt usw.). Diese kognitiven Grundeinstellungen führen zu einer „intuitiven Psychologie“, die wiederum zur Grundlage der „Volksfrömmigkeit“ wird. Allerdings ist diese Entwicklung auf der individuellen Ebene stark abhängig  von der persönlichen Biographie – nicht alle Menschen sind religiös. So erscheint Religion als „konditionale Universalie“, verhält sich zu Religiosität wie Sprache zu Sprachfertigkeit – jeder kann sie entwickeln, doch ob dies tatsächlich geschieht und in welcher Form dies geschieht, ist von Rahmenbedingungen abhängig.
Beide Referenten stellten die These auf, dass historisch gesehen sich Religion gesellschaftlich stabilisierend ausgewirkt habe. Altruistische Verhaltensweisen hätten sich vor allem dann durchgesetzt, wenn durch soziale Kontrolle die Einhaltung belohnt und Verstöße geahndet werden konnten. Genau diese Funktion könne Religion übernehmen, in gewisser Weise, so Eckart Voland, sogar besonders elegant, weil sie in der Lage sei, den „Richter“ zu internalisieren (Angst vor dem strafenden Gott). Auf gesellschaftlicher Ebene brachte dies für die betreffende Gruppe offenbar einen Selektionsvorteil. Die Kehrseite der Medaille war freilich, dass zugleich die Feindschaft gegenüber anderen Gruppen wuchs und sich auch in deren Vernichtung niederschlagen konnte.

Gerhard Schurz führte abschließend einige Probleme an, die eintreten, wenn Religion ihre gesellschaftlichen Funktionen verliert: Es entstehe Wertevielfalt und es komme zu einer „Destabilisierung“ der sozialen Ordnung. Die damit einhergehenden gesellschaftlichen Konflikte müsse ein neuer Humanismus ebenso ausgleichen können wie er für Menschen, die in existentiellen (nicht materiellen) Nöten stecken, Trost bereithalten sollte.

Am Sonntag wurden neuer Humanismus und neuer Atheismus in den Vorträgen von Winfried Löffler und Armin Pfahl-Traughber zunächst kritisch hinterfragt. Danach stellten sich fünf der Referenten in einer Schlussrunde nochmals dem Publikum.

 


IBKA in Freiburg

Ihren ersten Medienauftritt konnte die Freiburger Ortsgruppe des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) verzeichnen. Im freien Radio Dreyeckland bot sich die Möglichkeit, die atheistische Arbeit vor Ort vorzustellen. Auch ansonsten gelingt es, das Thema „Trennung von Staat und Kirche“ sichtbar werden zu lassen: sei es durch den regelmäßigen Atheisten-Stammtisch oder durch Infotische, wie zum Beispiel auf  der 1. Mai-Kundgebung.

 


Artikel aus MIZ 2/08

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