von Christoph Lammers
Im Schatten der zunehmenden sozialen Ausdifferenzierung zeigen sich neue religiös-fundamentalistische Gruppierungen auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten. Bereits 2003 wurde auf dem Trierer Bildungskongress Die ewige Wiederkehr des Religiösen die Entwicklungen des Religionsmarktes am Beispiel der Deregulierung des Bildungssektors kritisch diskutiert. Damals wurden die Veranstalter von SozialwissenschaftlerInnen und vor allem von VertreterInnen der säkularen Szene müde belächelt. Der Tenor lautete: wir gehen dem Zeitalter der Religionslosigkeit entgegen, was kann uns da die Religion noch anhaben? Um es auf den Punkt zu bringen: alles.
Keinesfalls, und dies zeichnet sich immer deutlicher für die nächsten Jahrzehnte ab, haben wir es mit einem Verschwinden von Religiosität/Spiritualität aus dem öffentlichen Raum zu tun. Ganz im Gegenteil. Die Lobbyarbeit der Kirchen, aber auch der neuen religiösen Bewegungen in Europa und Deutschland, fallen auf fruchtbaren Boden. Die Demokratisierungswelle ist längst von einer Reconquista durch religiös-fundamentalistische Bewegungen abgelöst worden. Somit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die nicht so ohne weiteres mit einem klaren Ja oder Nein beantwortet werden kann: Handelt es sich hierbei um eine positive Entwicklung (Pluralität der gesellschaftlichen Verhältnisse) oder um einen gesellschaftlichen Rückschritt (religiöser Fundamentalismus)?
Auf alle Fälle haben wir es hier mit einem Prozess zu tun, der vor Jahrzehnten begonnen hat und immer deutlichere Züge annimmt. Religiosität/Spiritualität nimmt nicht ab, sondern in bestimmten Bereichen sogar zu. Ich möchte dies kurz an einem Punkt anreißen, welcher ohne weiteres um weitere Aspekte erweitert werden könnte.
Die Deregulierung der sozialen Beziehungen in unserer Gesellschaft. Was ist damit gemeint? Bezogen auf das religiöse Feld ist gemeint, dass sich einerseits die sozialen Verhältnisse der BürgerInnen stetig ändern, wobei sie sich von den Kirchen lossagen und austreten und damit einen gesellschaftlichen Pluralismus ermöglichen, indem sich Weltanschauungen bewähren können. Andererseits passen sich die strukturellen Verhältnisse zwischen Staat und Kirchen nur allmählich diesen Bedingungen an. Die Identität BürgerIn gleich ChristIn ist heute nicht mehr aufrechtzuhalten. Nicht zuletzt mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und der damit einhergehenden Liberalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse (Neoliberalismus) nach amerikanischem Vorbild befinden sich die christlichen Kirchen in einer zunehmend prekären Lage. Zwar steigen die finanziellen Kirchensteuermittel noch immer, doch gleichzeitig schrumpft die Zahl der Zwangsmitgliedschaften. Die Deregulierung aller Gesellschaftsbereiche hat die Religion längst erreicht. Kirchen sind der Konkurrenz von neuen ganzheitlichen Heilslehren ausgeliefert und müssen sich, allen voran im sozialen Dienstleistungssektor, neuer Konkurrenz stellen. Da mit der Privatisierung gleichzeitig der Abbau einer demokratisch legitimierten Kontrollinstanz einher geht, mischen neue Heilsanbieter (Beispiel: die absolute Pädagogik der Anthroposophie) mit und gerieren sich als vermeintliche „Alternative“ zu den verkrusteten staatlichen und kirchlichen Sozialstrukturen. Falsch wäre es meines Erachtens in diesem Zusammenhang anzunehmen, dass Menschen, die aus einer Kirche austreten bzw. keiner solchen Institution angehören, sich gleichzeitig als Atheist/in bzw. Agnostiker/in verstehen. Kirchen verlieren, und da ähneln sie den großen Volksparteien, Mitglieder, aber die Menschen bleiben auf der Suche nach letztgültigen Antworten – politischen wie religiösen. Die Orientierungslosigkeit spiegelt sich auf dem Religionsmarkt ganz deutlich wieder. Der Esoterikmarkt boomt. Der Umsatz steigt und je absurder die vermeintlich letztendliche Frage auf die Suche nach dem Sinn ist, umso besser läuft das Geschäft. Der Dalai Lama profitiert ebenso von der Entwicklung wie die AnthroposophInnen und die evangelikale Bewegung.
Gerade die evangelikale Bewegung ist der Nutznießer der Entwicklung auf dem Religionsmarkt. Sie passt sich den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen weit flexibler an, als es die starren Kirchen jemals taten. In den Vereinigten Staaten vollzog die evangelikale Bewegung innerhalb kürzester Zeit einen vermeintlichen „Parteiwechsel“, indem sie sich von der Republikanischen Partei ab- und der Demokratischen Partei und deren Präsidentschaftskandidat Barack Obama zuwandte (auf diese Entwicklung werden wir in der nächsten Ausgabe der MIZ näher eingehen). In Europa wurden die Evangelikalen zunächst kaum als ernst zu nehmender Konkurrent der Amtskirchen wahrgenommen. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland etwa 1,3 Millionen evangelikale ChristInnen. Weltweit ist es die am schnellsten wachsende christliche Bewegung. Und im Gegensatz zu den omnipräsenten Kirchenvertretern, welche die direkte Unterstützung von Politik, Wirtschaft und Presse erfahren, netzwerkeln die Evangelikalen auf der kleinsten sozialen Ebene. Sie kämpfen auf vielen Gebieten um die Deutungshoheit ihrer dogmatischen Ansichten. Zum Beispiel auf der schulischen Ebene, wo sie die Schulpflicht heftig attackieren und den Schulämtern ein ums andere Mal Kompromisse für religiöse Familien abringen, wenn es um die Unterweisung in Sexualkunde und Evolution geht. Schätzungen zufolge weigern sich etwa 800 Familien in Deutschland, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Bis in die 1990er kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen, genießen sie mittlerweile den Opferstatus. Nicht nur die Zahl der Schulverweigerer nimmt zu. Evangelikale Schulen wachsen und der Konflikt um den Kreationismus hat längst die öffentlichen Schulen erreicht. Auch hier konnte die evangelikale Bewegung einen Erfolg verzeichnen.
Dieser Erfolg hängt unmittelbar mit dem Einfluss auf der politischen Ebene zusammen. Karin Wolff, ehemalige hessische Kultusministerin, ist das berühmteste Beispiel dafür, wie sich der Konservativismus in Deutschland einmal mehr von religiös-fundamentalistischen Ideologen vor den Karren spannen ließ. Sie erwies den Kreationisten, als eine der derzeit wichtigsten Vertreter evangelikaler Weltanschauung, einen großen Dienst, indem sie mehrfach die Forderung in den Raum stellte, dass Schöpfungsglaube und Evolution gemeinsam im Biologieunterricht behandelt werden müssten. Ein Einzelfall? Leider ist dem nicht so. In ganz Europa machen sich konservative PolitikerInnen dafür stark, dass die Schöpfungstheologie in den Köpfen der Menschen, insbesondere der Kinder, zementiert wird. Neben dem schulischen und dem politischen Bereich erobern die Erweckungsbewegun-gen den sozialen Raum bzw. schotten sich von diesem ab. Die heterogene Bewegung wird dabei geprägt von denen, die sich den gesellschaftlichen Verhältnissen verweigern (z.B. Hausunterrichtsbewegung), und denen, die progressiv-aggressiv ihre Ideologie verbreiten. In beiden Fällen haben wir es mit einer Form von Parallelgesellschaft zu tun. Erfolgreich sind beide Strömungen. Dass man mit der progressiven Werbung und dem Nutzbarmachen der Sprache- und Lebensformen der Jugendlichen sehr erfolgreich sein kann, zeigt Frank Welker in seinem Aufsatz, in dem es um die Jesus Freaks geht. Hier entsteht eine neue Jugendkultur, die keinesfalls eine Bereicherung der Gesellschaft darstellt. Sie versucht die Deutungshoheit der Lebenswirklichkeit dadurch zu bestimmen, indem sie die Themen zu besetzen sucht, die von Linken mehr und mehr verlassen werden. So heißt es bei den Jesus Freaks: „Macht kaputt, was euch kaputt macht: Sünde!“
Zurück zur Ausgangsfrage: handelt es sich hierbei nun um eine positive oder um eine negative Entwicklung? Sowohl als auch wäre die richtige Antwort. Die gesellschaftlichen Verhältnisse bieten immer mehr Möglichkeiten. Die starren Strukturen in den Kirchen und deren Einfluss auf die sozialen Verhältnisse konnten stetig zurückgedrängt werden. Vieles hat sich gebessert und heute ist es weitaus einfacher, seine weltanschauliche Mündigkeit zu behaupten als noch vor vierzig Jahren. Ebenso ist der Rückzug des Staates nicht nur negativ zu sehen. Er bietet den konfessionsfreien Verbänden mehr Potential, BürgerInnen zu erreichen und sich als Alternative zu präsentieren. Wie dies zu bewerten ist, steht auf einem anderen Blatt Papier.
Neben den positiven Effekten birgt der gesellschaftliche Umbruch aber auch Gefahren, die sich an den evangelikalen Gruppierungen deutlich zeigen lassen. Der Fundamentalismus dieser Bewegung greift nicht nur die demokratisch verfasste Gesellschaft an, indem sie die politische Ordnung der Bibel unterwerfen will, sie greift die Wissenschaft direkt an und erhält seltsamerweise Unterstützung von den Medien und der Politik. Der Kampf um die Deutungshoheit, explizit um die Frage der Entstehung des Lebens, spiegelt dieses Paradoxon wieder. Die Kritiker des „Neuen Atheismus“ haben diese Entwicklungen nicht gesehen bzw. nicht sehen wollen und sind, mit wenigen Ausnahmen, nicht in der Lage dies zu reflektieren. Sie ergreifen das Wort zugunsten des Fundamentalismus, indem sie dem „freien Diskurs“ das Wort reden. Während die VertreterInnen des „Neuen Atheismus“ immer wieder auf die Problematik hinweisen und die Errungenschaften der modernen Wissenschaft – allen voran Charles Darwin – herausstellen, werfen ihnen die Kritiker Fundamentalismus mit umgekehrten Vorzeichen vor. Alles nur Zufall?
Was bedeutet diese Entwicklung für die Konfessionsfreien? Zunächst einmal die Kritik der Öffentlichkeit aushalten und sich nicht, um Adorno zu zitieren, dumm machen zu lassen, schließlich gibt es kein richtiges Leben im falschen. Die Wissenschaften müssen gemeinsam eine Antwort auf den religiösen Fundamentalismus finden und dürfen keine oberflächlichen Antworten auf ein so komplexes Phänomen geben. Darüber hinaus wird es wichtig sein, eine Alternative zum religiösen Weltbild zu adaptieren – soweit dies bereits vorhanden ist – bzw. zu formulieren, in der alle Menschen, jenseits ihrer sozialen, politischen, kulturellen und biologischen Unterschiede, zusammenleben können: eine differenzierte Gesellschaftsform, die nicht auf Homogenität, sondern auf Pluralität aus ist. Seien wir realistisch und versuchen wir das Nötige. Geschichte wird gemacht.
Artikel aus MIZ 2/08
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