Wolfram Beyer (Hrsg.): Kriegsdienste verweigern –Pazifismus aktuell. Libertäre und humanistische Positionen, Oppo-Verlag Berlin 2007, 155 Seiten, kartoniert, 16 Euro, ISBN 978-3-926880-16-1
Die vorliegende Textsammlung über die Verbindung von Pazifismus und Humanismus ist die zweite Buchveröffentlichung zu diesem Thema und Bruno Osuch (Landesvorsitzender des HVD Berlin) hebt im Vorwort des Buches hervor, dass eine “Lücke im deutschen Buchbetrieb” gefüllt wird. Dies kann ich als ein Berater für Kriegsdienstverweigerer bestätigen. Humanistische Begründungen (freidenkerische, atheistische, agnostische...) von Pazifismus und gewaltfreier Aktion sind wirklich selten. Ein sichtbares Selbstbewusstsein von humanistischen Positionen zum Antimilitarismus, Pazifismus und zur Gewaltfreiheit, das sich auch in organisatorischen Zusammenhängen im säkularen Spektrum bemerkbar machte, war bisher unbedeutend.
Wer als Kriegsdienstverweigerer anerkannt werden will, muss ein Gewissen haben und das dann auch prüfen lassen. Die Kriegsdienstverweigerung wird also abgeleitet aus der Glaubens- und Gewissensfreiheit des Grundgesetzes (Art.4/3). Gernot Lennert belegt in seinem Beitrag historisch, dass diese Diskussion auf das Christentum zurückzuführen ist, als es im 5 .Jahrhundert zur Staatsreligion wurde. Dem staatlichen Recht auf Zwangsrekrutierung von Soldaten wurde das Ausnahmerecht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen zur Seite gestellt. Gernot Lennert will grundsätzlich ein Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung und eröffnet damit neue Visionen.
Herausgeber Wolfram Beyer schreibt “gegen die Gewalt” und hebt hervor, dass es bei der Entmilitarisierung der Gesellschaft auch um die Entstaatlichung der Menschenrechte geht. Menschenrechte wurden z.B. im Nato-Krieg gegen Ju-goslawien zu staatlichen bzw. militärischen Eingriffsrechten umfunktioniert. Mit dem wieder veröffentlichten Gedicht von Wolfgang Borchert (“Dann gibt es nur eins”) wird deutlich, dass die Autor/innen/en im Buch Kriegsdienste verweigern als einen umfassender Begriff verstehen – also mehr wollen als nur die Militär-Dienst-Verweigerung.
Im zweiten Teil des Buches sind persönliche Berichte und Interviews abgedruckt. Antworten erhält man auf die Frage: Was ist das gottlose und pazifistisch-antimilitaristische Selbstbewusstsein, das sich für Frieden und Gewaltfreiheit engagiert? In den Beiträgen von Heike Fischer, Helga Weber, Harry Hoffmann und Wolfgang Zucht und Uwe Timm gibt es persönliche Erfahrungen mit der Institution Kirche. Religionskritik ist hier immer auch Kirchenkritik und das ist natürlich im Christentum untrennbar miteinander verbunden. Allen Autoren ist eine kritische Haltung zum Herrschafts-Prinzip eigen. Hier schreiben Kriegsdienstgegner/innen, die Krieg grundsätzlich als ein Verbrechen an der Menschheit ablehnen. Sie sind politik-kritisch orientiert und wollen mehr als einen “friedlichen Staat” und mehr als eine “guten Herrschaft”. Die zivile Ordnung ist eine Ordnung auf Widerruf und Militär ist beauftragt, die staatliche Ordnung zu sichern, nicht aber den inneren Frieden zu stiften, das ist nur ein Nebenprodukt. Der Franzose René Burget ruft in dadaistischer Manier aus: “lasst uns die stickige Kultur auf ihrem traurigen und künstlichen Dogmatismus kreuzigen”.
Das Buch Kriegsdienste verweigern – Pazifismus aktuell ist nützlich zur Verständigung von Pazifisten und säkularen Humanisten.
Utz Schneppe
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Christian Lührs: Gut sein ohne GottEthik und Weltanschauung für Kinder und andere aufgeklärte Menschen. Frankfurt: August-von-Goethe-Literaturverlag 2007,ISBN 978-3-86548-935-7, Euro 7,90
Kann es ein atheistisches Jugendbuch ohne Religionskritik geben? Wer daran bisher zweifeln mochte, wird mit dem vorliegenden Werk von Christian Lührs, Gut sein ohne Gott, eines Besseren belehrt.
Lührs, Ingenieur und Leiter eines Hamburger Softwareunternehmens, suchte nach einem Buch für seinen Sohn, das atheistische Jugendliche bei der Ausbildung ethischer Maßstäbe unterstützt. Als er dieses Buch trotz langer Suche nicht fand, schrieb er selbst etwas, das kein Ratgeber, kein Lehrbuch, sondern ein “ethischer und weltanschaulicher Standpunkt” sein soll.
Dieser Versuch, Jugendlichen einen rationalen Weg zu ethischem Denken zu zeigen, der auf Glaubensgrundsätze nicht verzichten könne, gelingt dem Autor jedoch nur teilweise. Gut sein ohne Gott teilt sich in einzelne Kapitel zu den “großen Themen”, die für sich lesbar sind.
Zwei Bereiche sind bei Lührs unterscheidbar: Auf der einen Seite die Betonung des Zweifels, der ertragen werden muss, die Verschiedenheit von Worten und Wirklichkeit, und auf der anderen Seite die Liebe als zentrales Moral stiftendes Sinnelement. Die aus ersterem geborene Sichtweise auf die Möglichkeit der Welterkenntnis ist eine grobe aber nicht falsche, die betont, dass Wissenschaft Methodik sei, und wir im strengen Sinne nichts wissen, sondern nur immer verbesserungsbedürftige Modelle einer hypothetisch angenommenen Wirklichkeit haben. In ethischen Belangen sei die Liebe von zentraler Bedeutung, die uns den Unterschied zwischen Gut und Böse lehre.
Der Autor glaubt an “Vernunft, Erfahrung, Liebe und Verantwortung des Einzelnen für sich selbst und für die Gesellschaft, in der er lebt”. Die hier formulierte Ethik kann einer kritischen Betrachtung letztlich nicht standhalten, was an den notwendigen Vereinfachungen liegen mag, zeigt aber gerade, dass vielfach triviale – und nicht in allen Fällen sinnvolle – Grundsätze wie die goldene Regel nicht religiöser Moral vorbehalten sind. Entgegen jedoch dieser allseits bekannten jenseitigen und vertröstenden Konzepte, bietet Lührs einen diesseitigen, lebensbejahenden und auf das Jetzt ausgerichteten Lebensentwurf: Das Wichtige solle auf keine nahe oder ferne Zukunft verschoben werden.
Kritisch anzumerken ist, dass sich in den ethischen Fragen die anfängliche Betonung ständigen Zweifels und der Modellhaftigkeit menschlichen Denkens kaum wiederfindet. Zudem stört der teilweise autoritäre Charakter der Worte des Autors an seinen Sohn, welche auf Grund der durchgängig subjektiven Darstellung in Ich- und Du-Fom dem jugendlichen Leser aber nichts oktroyiert und ihm keine angebliche Wahrheit verkauft.
Hier findet der Heranwachsende die altersgemäße Darstellung einer Weltanschauung und Ethik vor, die nicht auf religiösen oder anderen ideologischen Dogmen aufbaut, und die ihm helfen kann, seinen eigenen Weg zu finden. Wer also nicht vor der Pathetik und dem Moralisieren des vorliegenden Werkes zurückschreckt und seinem Kind eine erste Einführung in nicht-religiöse Weltanschauungen geben möchte, kann das Buch gut verwenden.
Daniel Gotthardt
Gekürzte Fassung einer ursprünglich im Humanistischen Pressedienst erschienenen Besprechung (www.hpd.de/node3435)
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