Rezensionen MIZ 4/17

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017. 304 Seiten, gebunden, Euro 20.-, ISBN 978-3-608-94907-0

Keine Frage, um Europa ist es zurzeit schlecht bestellt. Der von Krisen geschüttelte Kontinent steht vor dem Zerfall. Unter den Bürger_innen wächst der Wunsch nach einer Rückkehr des Nationalstaats, in der Hoffnung, dieser möge der Krise Herr werden. Durch Wahlen gelangen zunehmend faschistische Parteien an die Macht. Parteien, die den Untergang des imaginierten Abendlandes heraufbeschwören und die Angst vor dem Fremden schüren. Völkisch-nationalistische Bewegungen und Parteien sehen die Zeit gekommen, Europa, den 1968ern und dem westlichen Liberalismus den Todesstoß zu versetzen. So auch in Deutschland.

Offensiv und mutig schreiten hierzulande Pegida, Identitäre Bewegung und AfD voran, bestimmen immer öfter den gesellschaftlichen Diskurs und laden zum, um in ihrem Sprachduktus zu bleiben, „Jagen“ bzw. „Entsorgen“ (Alexander Gauland) von Politiker_innen und Parteien ein. „Die Rückkehr von Autorität und Religion in die Poli­tik vollzieht sich überall in enormer Geschwindigkeit“, so der promovierte Historiker Volker Weiß, der mit seinem Buch Die autoritäre Revolte eine Kulturgeschichte konservativen, neurechten Denkens vorlegt und diese bedrohliche Entwicklung aus historischer Perspektive nachzeichnet.

Im Mittelpunkt seines Buches stehen insbesondere drei Aspekte: Die ideengeschichtliche Einordnung der Neuen Rechten. Die begriffliche Schärfung dessen, was als Neue Rechte bezeichnet wird sowie die Darstellung von Netzwerken und Personen. In neun Kapiteln seziert der Autor Stück für Stück die rechte Ideologie, welche keinesfalls so neu ist, wie der Begriff vermuten lässt, sondern auf eine lange Tradition völkischen Denkens zurückgreifen kann. Die auf dem historischen Faschismus fußende Weltanschauung der Neuen Rechten ist ein antiaufklärerisches, antiuniversalistisches und antidemokratisches Konzept. Weiß benennt in seiner Darstellung Ross und Reiter, beschreibt Zusammenhänge und Denktraditionen und stellt die Ziele dieser völkisch-autoritären Ideologie heraus: „Es geht (...) darum, gesellschaftliche Zustände zu schaffen, wie sie vor den 60er Jahren in Deutschland verbreitet waren. Das heißt, Lob der Kernfamilie, Aufwertung des Mannes, Vorstellung von Autorität und Seniorität, ein positives, bis hin ins Mythische reichende Verhältnis zur Nation und zur Nationalgeschichte.“
Wer nach einer unaufgeregten, gut strukturierten und substantiellen Ana­lyse völkisch-autoritären Denkens in Deutschland sucht, dem sei das Buch von Volker Weiß wärmstens ans Herz gelegt. Er lädt die Leser_innen dazu ein, das Argumentieren und Agieren von rechts abzuklopfen und das Versagen der Linken zu hinterfragen. Es handelt sich bei dem Buch um einen, wie man so schön sagt, großen Wurf.

Am Ende des keineswegs leicht zu lesenden Buches bleibt jedoch die Frage, wie auf die Wiederkehr des Faschismus zu reagieren ist? Die Verteidigung der universalistischen Werte ist sicherlich nicht die einzige, aber die bedeutendste Reaktion auf diese Entwicklung.

Christoph Lammers


Kenan Malik: Das Unbehagen in den Kulturen. Eine Kritik des Multikulturalismus und seiner Gegner. Novo Argumente Verlag, Frankfurt 2017. 123 Seiten, kartoniert, Euro 12.-, ISBN 978-3-944610-37-5

Der Untertitel „Eine Kritik des Multikulturalismus“ bedarf der Erläuterung. Laut Malik hat der Begriff „Multikulturalismus“ eine Doppelbedeutung. Da­runter werde zum einen die „gelebte Erfahrung der Vielfalt“ verstanden. Die zweite Bedeutung dagegen bezeichne einen politischen Prozess mit dem Ziel, diese Vielfalt zu verwalten. Maliks Kritik richtet sich ausschließlich gegen die zweite Bedeutung des Begriffs. Der Autor lehnt also vielfältige Gesellschaften und Migration keinesfalls ab. Es geht ihm um die von der Politik betriebene Einsortierung von Menschen in ethnische und kulturelle Schubladen und die damit zusammenhängende Praxis, Bedürfnisse und Rechte anhand dieser Schubladen zu bestimmen.

Den Ursprung des Multikulturalis­mus verortet Malik in der romantischen Gegenaufklärung. In dessen Konzepten scheine Herders Vorstellung vom „Volksgeist“ durch – die Idee, jede Menschengruppe zeichne sich durch eine ihr eigene unveränderliche Seele aus. Die Idee des „Volksgeistes“ habe sowohl rassistische als auch antikoloniale und kulturrelativistische Bewegungen inspiriert. Hier liegt auch der Grund für die Wesensverwandtschaft von Multikulturalismus und seinen rechten Gegnern: Beide hängen dem selben, statischen Kulturbegriff an.
Am Beispiel seiner Heimat Groß­britannien zeichnet Malik – selbst Kind indischer Migranten – nach, wie multikulturalistische Politik langsam einen Bewusstseinswandel unter Ein­wanderern bewirkte. Die Vorstellung, Multikulturalismus sei entstanden, weil Minderheiten nach Anerkennung für ihr Anderssein strebten, bezeichnet er als Mythos. Die Kausalität sei genau andersherum: Das Bedürfnis nach Differenz und kultureller Identität war eine Folge multikultureller Politik.

Indem der Staat dazu überging, Macht und finanzielle Mittel anhand von Ethnizität zu verteilen, begannen Menschen, sich in den Kategorien dieser Ethnien zu definieren. Malik: „Wenn sie argumentieren, dass Ihre Wohngegend arm und benachteiligt ist, werden sie nur schwer die Aufmerksamkeit des Rats erringen. Sagen sie aber, die muslimische Minderheit werde benachteiligt […], öffnen sich auf einmal die städtischen Geldsäckel – nicht, weil der Stadtrat ganz besonders gerne Muslimen hilft, sondern weil das Attribut ‘Muslim’, im Gegensatz zu Attributen wie ‘arm’ und ‘benachteiligt’, in der Bürokratie als authentische Identität gilt.“ Nicht zuletzt führte diese Politik also zu einer Stärkung religiöser Identitäten. Während die erste und zweite Einwanderergeneration wenig religiös bzw. säkular war, definiert sich die dritte Generation vor allem über die Religion. Und vor allem die konservativen und reaktionären Strömungen konnten sich als besonders authentisch inszenieren. Parallelen zur Situation in Deutschland (Stichwort: „Islamkonferenz“) liegen auf der Hand.

Malte Jessl
 


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