Konkurrenz not welcome

Die Verfolgung religiöser Organisationen in Nordkorea

von Nicolai Sprekels

In einer kalten Winternacht, in einer Holzhütte, welche in ihrer detaillierten Beschreibung einem Stall durchaus ähnlich war, wurde der „Heiland“ geboren. Sein Vater, ein lebender Gott, war vor Ort. Über der Hütte erschien ein strahlender Stern am Himmel, um dieses Wunder anzukündigen. (Zeitgleich brach ein Gletscher des Berges Paektu mit einem lauten Donner entzwei und „gebar einen doppelten Regenbogen“.)
Drei loyale Soldaten der Volksarmee kamen vom Felde, und wurden Zeugen dieses Wunders. Zum Beweis ritzen sie eine Inschrift in der Nähe der Hütte in einen Baum, welcher von allen zukünftigen Pilgern besucht werden sollte. Jedenfalls so lange, bis ein Tourist, ein Botaniker, feststellte, dass dieser Baum erst viele Jahre nach der Geburt von Kim Jong Il gewachsen sein kann. Der Baum verschwand darauf hin, ebenso wie jedes noch so kleine Zeugnis von ihm aus der Geschichtsschreibung Nordkoreas.

Was nach bizarrer Satire klingt, ist die offizielle Version von Kim Jong Ils Geburt in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea (DVRK/Nordkorea). In Wahrheit wurde er in der damaligen Sowjetunion geboren, bevor sein Vater, Kim Il Sung, mit Stalins Segen als Führer Nordkoreas eingesetzt wurde. Kaum an der Macht, entwickelte er eine „völlig neue“ Ideologie, genannt „Juche“ (sprich „Dschutsche“), für das sozialistische1 Paradies. Diese Staatsideologie enthält viele Elemente, die einem bibelfesten Menschen sofort ins Auge springen. Da wären zum Beispiel die „Obersten 10 Prinzipien“, die die wesentlichen moralischen Regeln sowie die von jedem zu zeigende Verehrung der „heiligen Dreifaltigkeit“, hier bestehend aus Vater, Sohn und Mutter, gebieten. Auch die Sippenhaft über drei Generationen kennt man aus dem Alten Testament. Im Laufe der Zeit kamen viele Wundergeschichten hinzu, so wie der oben beschriebene Geburtsmythos von Kim Jong Il.

Warum es gerade für säkulare Menschen aufschlussreich sein kann, sich mit diesen – zugegebenermaßen sehr merkwürdigen – Parallelen zwischen dem Christlichen Glauben und der Staatsideologie Nordkoreas zu beschäftigen, erschließt sich möglicherweise nicht auf Anhieb, doch es lohnt sich, diese näher zu betrachten. Vorab ist es unerlässlich zu erläutern, dass keine Minderheit in Nordkorea derart intensiv verfolgt, sanktioniert und ermordet wird, wie religiöse Menschen. Das betrifft nicht nur Christen, sondern ebenfalls Buddhisten und Gläubige des traditionellen koreanischen Schamanismus. Heute gibt es in Nordkorea quasi keine religiösen Menschen mehr, was christliche Missionare aber nicht davon abhält, heimliche Missionsreisen nach Nordkorea zu organisieren oder Bibeln ins Land zu schmuggeln – billigend in Kauf nehmend, dass das eigene Leben sowie das aller Menschen, mit denen man in Kontakt kommt, dadurch in allergrößter Gefahr ist.

Vor der Teilung der koreanischen Halbinsel (1945) wurde Pjöngjang gerne „Jerusalem des fernen Ostens“ genannt, kein Land in Asien hatte vergleichbar viele Christen und solchen Missionseifer aufzuweisen.
Heute sind lediglich noch einige Untergrundkirchen in der DVRK existent, über die Anzahl der Mitglieder liegen keine verifizierbaren Schätzun­gen vor. Missionswerke sprechen von sehr großen christlichen Untergrund­bewegungen, das ist aber auf Grund der Effizienz der Kontroll- und Über­wachungsmechanismen mehr als unwahrscheinlich.

Doch warum werden in diesem Land ausgerechnet religiöse Menschen am stärksten verfolgt? Zuerst einmal liegt es natürlich daran, dass monotheistische Religionen keine Konkurrenz dulden, und Nordkoreas Staatsideologie ist zum Großteil ein religiöses Konzept, welches für die Führer Verehrung als gottgleiche Wesen einfordert. Das bedarf hier wohl kaum weiterer Er­läuterungen. Der zweite Grund dagegen ist sehr viel spannender, und er erklärt vielleicht sogar mehr über die Genealogie religiöser Ideologien als über den Staat Nordkorea selbst.
Kim Il Sung, der Staatsgründer Nordkoreas, erster Präsident und „geliebter Führer“ musste innerhalb kürzester Zeit eine sozialistische Staats­ideologie entwickeln, die mit der koreanischen Kultur kompatibel war, so zumindest der Auftrag von Stalin. Aber da er ganz eigene Ziele verfolgte, und zeitgleich einen Personenkult und Überwachungsapparat nach eigenen Vorstellungen schaffen wollte, wobei er in beidem das maoistische China wie die stalinistische Sowjetunion noch übertreffen wollte, bediente er sich bei verschiedensten Ideologien aus aller Welt; ob politisch oder religiös spielte für ihn keine Rolle. Als Sohn christlicher Missionare war ihm die christliche Religion bestens bekannt, und vieles davon schien ihm bestens geeignet, um sich zum gottgleichen Despoten einzusetzen. Mit nachhaltigem Erfolg, denn obwohl er 1994 starb, ist er noch heute der amtierende Präsident Nordkoreas. Das nordkoreanische Volk, war über seinen Tod vollkommen geschockt und fassungslos, kaum jemand hatte in Betracht gezogen, dass ihr Führer sterblich sei. Heute ruht der Leichnam Kim Il Sungs in einem gigantischen Mausoleum, welches für Einheimische wie Touristen als Pilgerstätte dient.
Nun kann man sich vorstellen, dass es für Christen unangenehm sein könnte, das kopierte Inhalte ihrer Religion ein Teil der Antwort sind, warum noch immer „Nordkorea funktioniert“. Also wird dies vehement abgestritten. Und das führt zu den merkwürdigsten Missverständnissen und gar Kooperationen zwischen christlichen Organisationen und dem Regime in Pjöngjang. Die christliche NGO Open Doors z.B. organisiert Gebetsreisen nach Nordkorea, wofür eine höhere Summe an das Regime zu zahlen ist, das seine Bürger, wenn sie auch nur im Besitz einer Bibel sind, in Konzentrationslager steckt oder direkt erschießt. Das Ziel ist hier also, das Regime durch Gebete vor Ort zu schwächen, wobei man es mit dringend benötigten Devisen versorgt – und so zu seinem Fortbestehen aktiv beiträgt.

Aber nicht nur Open Doors und ähnliche Organisationen betreiben hier merkwürdigste Aktionen, ein Beispiel aus der Diplomatie ist ebenfalls irritierend. 2015 reiste der damalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk mit einer Delegation, inklusive eines bayerischen Benediktiner-Mönches, nach Nordkorea und besuchte dort eine Vorzeigekirche. Jeder, der sich etwas intensiver mit dem Land befasst hat, weiß, dass es in Pjöngjang zwei Vorzeigekirchen gibt, inklusive Gemeinde, Pfarrer und allem, was dazu gehört. Mit diesem Schauspiel-Betrieb demonstriert das Regime seinen Gästen religiöse Toleranz. Koschyk zeigte sich nach einer gemeinsamen Andacht in dieser Kirche „empört“, da der nordkoreanische Priester seine Predigt zur üblichen nordkoreanischen Propaganda „missbrauchte“ und fragte sich, ob dieser überhaupt ein „geweihter Priester“ sei.2 Anscheinend ist Herr Koschyk, der Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe, mit der Erwartungshaltung in diesen „Gottesdienst“ gegangen, dass er kein inszenierter Fake sei.

Überraschend viele nordkoreanische Flüchtlinge werden übrigens direkt nach der Flucht Christen. Das hat zwei Ursachen: Erstens sind die meisten Fluchthelfer Missionare und ohne diese Helfer ist eine erfolgreiche Flucht beinahe unmöglich. Der zweite Grund wurde mir von diversen Nordkoreanern selbst erklärt: Das Christentum sei etwas Vertrautes und man müsse sich kaum Neues merken. Man tauscht einfach Kim Il Sung, seine Frau und Sohn Kim Jong Il gegen die heilige Dreifaltigkeit, der Rest bleibt ähnlich. Außerdem ist es dann später in Südkorea praktisch, da viele Gemeinden Geld zahlen, wenn man regelmäßig zum Gottesdienst kommt.

Wie bereits gesagt, neben den Inhalten des Christentums, die in der nordkoreanischen Ideologie verarbeitet wurden, gibt es auch allerlei aus anderen Ideologien. Aber gerade der oft unredliche Umgang, bzw. das Ignorieren der christlichen Prägung lassen vieles in Nordkorea weiterhin absurd und unverständlich erscheinen. Und das können wir uns nicht länger leisten, dafür ist das Regime in der inzwischen dritten Generation zu gefährlich.

Anmerkungen
1    Nordkorea ist heute in keiner Weise mehr sozialistisch, vielmehr eine Kombinationen von Aspekten verschiedenster Ideologien und Diktatur-Stile, am ähnlichsten sind Ideologie und politische Realität noch dem europäischen Faschismus. Da dies aber in der Gründungsphase noch anders war, behalte ich hier den Begriff bei.
2    https://www.koschyk.de/international/affront-bei-besuch-in-nordkorea-prediger-droht-mit-heiligem-krieg-21694.html

Nicolai Sprekels ist Vorsitzender von Saram e.V., Berater der südkoreanischen NGO ISFINK und Mitarbeiter der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs).
 


Artikel aus MIZ 4/17

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