Blätterwald MIZ 3/17

Religion & Gewalt
 
In den Geisteswissenschaften gehört es seit jeher zum guten Ton, sich mit Kritik an den Religionen zurückzuhalten, vor allem dann, wenn es um die Frage des Zusammenhangs zwischen Religion und Gewalt geht. Hier gilt, ebenso wie im öffentlichen Diskurs, was nicht sein darf, gibt es nicht. Mit anderen Worten, Religion und Gewalt, insbesondere wenn es um die christliche und die jüdische Religion geht, sind unvereinbar. Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann zählt zu den Querdenkern seiner Zunft und ist folglich einer von sehr wenigen Lehrstuhlinhabern in Deutschland, die die Geschichte gegen den Strich lesen. In seinem aktuellen Werk Totale Religion setzt sich Assmann mit den Ursprüngen dieses unheilvollen Zusammengehens von Religion und Gewalt auseinander. Das auf einen bereits 2004 gehaltenen Vortrag zurückgehende Manuskript ist in gewisser Weise die Quintessenz seines Schaffens. Der Autor legt die unterschiedlichen Schichten in den so genannten heiligen Schriften offen und ermöglicht so einen (selbst)kritischen Blick auf die Textpassagen, welche zur Legitimation von Gewalt herangezogen werden können. Aufgabe sei es, so ließe sich Assmann zusammenfassen, die sehr wohl in den Texten zu findende Rechtfertigung für Gewalt aufzudecken und diese in das in den Religionen schlummernde Potential an Humanität umzuarbeiten. In Anbetracht der durch den Monotheismus geprägten Unterscheidung von dem „wahren“ und dem „falschen“ Glauben eine sehr ambitionierte Aufgabe, welche bis heute nur unzureichend eingelöst wurde.
 
Jan Assmann: Totale Religion. Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung. Picus Verlag, Wien 2016. 184 Seiten, gebunden, Euro 20.-, ISBN 978-3-7117-2045-0
 

 
Kriegspfarrer
 
Im Juni 1941 begann der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Der Blick der Zeitgeschichtsforschung war dabei bislang insbesondere auf die Soldaten gerichtet. Andere Wehrmachtsangehörige, wie beispielsweise Kriegspfarrer, wurden vernachlässigt. Dies hat mit der nun vorliegenden Arbeit der Historikerin Dagmar Pöpping ein Ende gefunden. Pöpping hat anhand von Tagebüchern, Briefen und Berichten das subjektive Erleben der Kriegspfarrer erforscht. Sie kommt in ihrer sehr sachlich formulierten und durchweg interessanten Studie zu dem Ergebnis, dass die Bezeichnung „Gehilfen der Vernichtung“ für die Kriegspfarrer – es gab insgesamt 1342 Planstellen in der Wehrmacht – nur unzureichend sei. Vielmehr hätten diese eine Agenda verfolgt: die Vernichtung des Bolschewismus und die Re-Christianisierung der Sowjetunion. Interessant an der Studie sind viele Aspekte. Einer davon ist sicherlich die Erkenntnis, dass sich Kriegspfarrer unter dem Druck kirchenfeindlicher Kräfte im NS-Apparat dazu berufen fühlten, ihren Dienst am Vaterland unter Beweis zu stellen, indem sie den Vernichtungskrieg im Osten vorantrieben und die Kriegstauglichkeit der Soldaten aufrechterhielten. Tatsache ist, und daran besteht nach der Lektüre keinen Zweifel mehr, der Vernichtungskrieg im Osten fand den Segen beider Kirchen. Pöpping ist mit ihrem Werk eine wichtige, um nicht zu sagen, notwendige Arbeit gelungen, welche einen ersten Blick auf die noch weitgehend unerschlossenen Kapitel der kirchlichen Zeitgeschichte wirft. 
 
Dagmar Pöpping: Kriegspfarrer an der Ostfront. Evangelische und katholische Wehrmachtseel­sorge im Vernichtungskrieg 1941–1945. Vanden­hoeck & Ruprecht, Göttingen 2017. 275 Seiten, gebunden, Euro 70.-, ISBN 978-3-525-55788-4

 
Verschleierungsdemagogin
 
Im Mai hat die Mitgliederversammlung der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes nach kontroverser Debatte einem Antrag zugestimmt, der ein gesetzliches Verbot des Kinderkopftuches fordert. Daraufhin warfen einige Mitfrauen sowie ehemalige Praktikantinnen in der Geschäftsstelle dem Verein in einem offenen Brief vor, „rassistische Ressentiments“ zu reproduzieren und „rechtspopulistische Tendenzen in der Gesellschaft“ zu legitimieren.
Nun ließe sich tatsächlich darüber diskutieren, ob es in Ordnung ist, die Verschleierung über das Erreichen der Religionsmündigkeit hinaus staatlich zu reglementieren. Die Berichterstattung der taz über den Vorgang ist aber ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie die Kritik der gesellschaftlichen Auswirkungen von Religion bewusst und mit demagogischen Mitteln in die rechte Ecke gestellt wird. Für den Artikel verantwortlich ist Simone Schmollack. Die Mühe, beide Positionen angemessen zu Wort kommen zu lassen, macht sie sich erst gar nicht. Ein Statement aus der AG „Frauenrechte und Religion“, die sich seit vielen Jahren mit dem Konflikt von Frauenrechten und religiösen Vorstellungen – und in diesem Zusammenhang auch mit der Frage der verschiedenen Formen der Verschleierung – befasst, fehlt; zitiert werden nur die „Kritikerinnen“. Um die Terre des Femmes-Position besser mit einer Aussage der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel in Verbindung bringen zu können, ist im Laufe des Textes auch nicht mehr von einem Verbot der Verschleierung von Minderjährigen die Rede, sondern allgemein vom „Kopftuchverbot“. Eine Reflexion, ob es nicht ein berechtigtes Anliegen sein kann, Kinder vor dem Zugriff ihrer Eltern bzw. der betreffenden religiösen Gemeinschaft zu schützen, stellt Simone Schmollack nicht an – als hätte es die gesamte Debatte über die Zustände in christlichen Erziehungsanstalten nie gegeben bzw. als sei es dabei nur um die sexuellen und gewalttätigen Übergriffe gegangen und nicht auch um den Anspruch, Kinder im Sinne einer Religion zu konditionieren. 
 

 
Freidenker-Kalender
 
Der diesjährige Kalender der Ulmer Freidenker*innen erinnert unter dem Titel Zeitströmungen an historische Ereignisse, Kämpfe und Personen. Die zwölf Kalenderblätter zeigen Montagen und Aquarelle, kurze Zitate und längere Erläuterungen dazu. 
 
Freidenker-Kalender 2018. Hrsg. von den Freidenker/innen Ulm/Neu-Ulm, 2017; 13 Blatt, A 4, vierfarbig, Euro 8,50