Zündfunke MIZ 3/17

Lutherdekade: Endlich vorbei

Ende Oktober ist die „Lutherdekade“ (die im Laufe der Zeit zur „Reformationsdekade“ wurde, ohne dass sich das Konzept der Fixierung auf Martin Luther wesentlich geändert hätte) zuende gegangen. Die Initiative Religionsfrei im Revier hat kurz zuvor auf etwas andere Weise an den Reformator erinnert als das mit einem Millionenbetrag aus öffentlichen Mitteln geförderte offizielle Programm.

Auf einer Tagung setzten sich die Referenten mit Luthers dunklen Seiten auseinander. Das Fazit von Robert Zwilling lautete: „Die evangelische Kirche hätte besser daran getan, den historischen Luther in seiner Zeit zu belassen, statt den Versuch zu machen, ihn zu einer Ikone des 21. Jahrhunderts hochzustilisieren. Hierfür ist er nicht geeignet. Für die Probleme unserer Zeit hat er uns nichts zu sagen. Wenn die Evangelische Kirche nicht mehr an Substanz aufzubieten hat als die Berufung auf einen großen Judenhasser, dann entblößt das die Leere ihres Angebots.“
Den Feierlichkeiten der EKD hält Religionsfrei im Revier vor, dass eine „unglaubliche Heroisierung ihres Konfessionsbegründers“ stattgefunden habe, während gleichzeitig Luthers Schattenseiten vertuscht worden seien. Um letztere nachhaltig sichtbar werden zu lassen, ist eine Broschüre mit dem Titel Hassprediger Luther – Abgründe eines Reformators zusammengestellt worden. Darin finden sich vor allem Zitate aus Luthers umfangreichem Schrifttum, die belegen, dass er nicht nur die Juden, sondern verschiedenste Personengruppen („Hexen“, Bauern, Menschen mit Behinderung, Prostituierte, Repräsentanten der katholischen Kirche, Protestanten mit von seinen abweichenden Auffassungen usw.) mit seinem Hass verfolgte. Gegen die Philosophie meinte der Reformator, „wüten“ zu müssen, in der Vernunft sah er „des Teufels Hure“, eine Wissenschaft wie die Medizin hielt er für überflüssig, solange sie die Ursachen von Krankheiten nicht im Wirken des Teufels suche. Die Gesellschaft, so die in der Broschüre erhobene Forderung, dürfe in einem von unbarmherziger Intoleranz, Frauenverachtung und paranoidem Machtdrang durchdrungenem Mann kein Vorbild sehen und müsse deshalb Luther-Staßen umbenennen.
 
Die Broschüre kann zum Preis von einem Euro bei Religionsfrei im Revier bestellt oder auf deren Webseite heruntergeladen werden: religionsfrei-im-revier.de

 
turmdersinne-Symposium
 
Mitte Oktober fand ein gemeinsam von der turmdersinne gGmbH und dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) Bayern organisiertes Symposium mit dem Titel „Gehirne unter Spannung. Kognition, Emotion und Idendität im digitalen Zeitalter“ statt. Moderiert wurde es von Arvid Leyh, „Hirnberichterstatter aus Leidenschaft“ und Chefredakteur von www.dasGehirn.info, wo weitere Beiträge nachzuerleben sind. 
 
Es lohnt sich in jedem Fall – 10 WissenschaftlerInnen verschiedenster Fachgebiete haben die ca. 400 TeilnehmerInnen zweieinhalb Tage unter Spannung gehalten und zum Mitdiskutieren angeregt. Den Auftakt bildete die Journalistin und Literaturwissenschaftlerin Daniela Otto mit einem Beitrag zu „Zwischen Sucht und Sehnsucht. Zur Ambivalenz neuester Kommunikationsmedien“. Damit war ein Spannungsbogen angelegt, der sich durch die folgenden Beiträge zog: Woher kommt in unserer Zeit die Sehnsucht nach Vernetzung (bei gleichzeitiger Bereitschaft, viele Daten und Fakten von sich unwiderruflich preis zu geben)? Wann wird daraus Sucht, wie äußert sich diese und wie kann sie behandelt werden? Logisch folgerichtig schloss sich daran ein Beitrag von Emanuela Bernsmann (Projektleiterin bei der Hertie-Stiftung) zum Umgang mit den neuen Medien in der Schule an: Wo ist ihr Einsatz sinnvoll? Welche fundierten Erkenntnisse gibt es überhaupt schon zu (Nicht)Ergebnissen des Einsatzes von Tablet, whiteboard und Co? Und „was können wir von Computern über uns selbst lernen?“ fragte der Psychologe Dietrich Dörner. Gerade hierzu gibt es noch kaum Langzeitforschungen – im Gegensatz zu Internetsucht (dazu der Beitrag von Kay-Uwe Peters, Projektleiter der Sektion Suchtmedizin und Suchtforschung des UK Tübingen). Wie gehen wir mit dem durch die neuen Medien verursachten Stress um (Resilienzforscherin Michéle Wessa) bzw. was sind „die Kosten der Beschleunigung im Alltag“? (Philosoph und Psychotherapeut Robert Schurz) waren die folgenden Fragen. Dann das highlight der Berichterstatterin – der Psychologe Stephan de la Rosa erläuterte und veranschaulichte durch zahlreiche Experimente die „virtuelle Realität“. Wofür ist sie – außer in Videospielen – nutzbar (heute schon in der Medizin und Architektur) und welche Gefahren birgt sie? Kann ich damit Menschen manipulieren – oder positiv ausgedrückt „z.B. Pegida-AnhängerInnen damit umerziehen?“ waren intensiv gestellte Fragen. Auch hier dann wieder ein logischer Anschluss mit dem Thema „Warum die Digitalisierung uns nicht aus der Verantwortung entlässt (Michael Pauen, Philosoph): „wenn die Digitalisierung unsere Autonomie einschränkt, statt neue Freiheitsspielräume zu eröffnen, dann liegt das an unserem Umgang mit Computern“. Dazu gehört auch die Kenntnis über „Filterblasen und Algorithmenmacht“ (Jan-Hinrik Schmidt, Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation), d.h. Kenntnisse über die Strukturierung des Informationsflusses im Netz. Last but not least sprach die Cyberpsychologin Catarina Katzer über „virtuelle Gewaltphänomene“: Warum verändern sich moralische Regeln im virtuellen Raum und wie können wir dem begegnen? Welche Rolle spielen anonymes Hetzen, Pöbeln, Cybermobbing bereits heute in unserem sozialen Leben und welche individuellen und gesellschaftlichen Abwehrstrategien müssen wir alle entwickeln? Auf die PolitikerInnen hoffen, reicht nicht, so ihr eindringlicher Appell, Zivilcourage jedes einzelnen ist gefragt!
 
Nicht unerwähnt soll der science-jam bleiben: die SlamerInnen Franca Parianen-Lesemann und Johannes Schildgen lieferten ein Feuerwerk von Wort, Witz und Wissenschaft – das auch schon mal neugierig machte auf das Symposium 2018 zum Thema „Wie Angst unsere Gedanken, Einstellungen und Entscheidungen prägt“ – man sieht sich!
 
Viola Schubert-Lehnhardt