Buchbesprechung MIZ 3/17

Jacques de Saint Victor: Blasphemie. Geschichte eines „imaginären Verbrechens“. Hamburger Edition, Hamburg 2017. 144 Seiten, gebunden, 20.- Euro, ISBN 978-3-86854-308-7

Es sind jetzt fast drei Jahre her, seitdem der Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo die Diskussion um die Blasphemie / Gotteslästerung hat wieder aufleben lassen. Nach anfänglicher Solidarität mit den Opfern kamen Argumentationen auf, dass die Verantwortung für die Anschläge nicht im Islam und auch nicht bei den Tätern, wohl aber bei den Opfern selbst zu suchen sei. Mit ihrer Islamkritik hätten die Satiriker_innen eine Gruppe von Menschen, die eh schon sozial benachteiligt sei, noch stärker an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Diesen würde damit die Möglichkeit genommen, sozial und kulturell zu partizipieren.

So schräg diese identitäre Argumentation auch war, sie trug Früchte und warf eine Vielzahl an Fragen auf. Wie weit darf Satire gehen? Gibt es eine Grenze, wenn es um religiöse Inhalte geht? Muss zwischen den beiden christlichen Kirchen und dem Islam unterschieden werden? Schüren islamkritische Karikaturen den Hass auf sozial Schwache?
Die Auseinandersetzung um die Fragen wurde und wird mitunter hart und unerbittlich geführt. Die Verfechter eines „Rechtes auf Blasphemie“ gerieten dabei zunehmend in die Defensive. Dies geschah, weil viele so genannte linke Intellektuelle, aus Angst davor, in die rechte Ecke gestellt zu werden, die Errungenschaften der Aufklärung über Bord warfen und den universalistischen Anspruch der Aufklärung unter den Generalverdacht des Rassismus stellten.
Wie wenig diese Haltung mit einer emanzipatorischen Weltsicht zu tun hat, macht der französische Rechtshistoriker und Politikwissenschaftler Jacques de Saint Victor in seiner aktuellen Streitschrift Blasphemie deutlich: „Denjenigen helfen, denen man nicht zutraut, zwischen Ironie und Intoleranz zu unterscheiden: Wenn das keine neue Form eines sich selbst verkennenden Paternalismus ist ...“ De Saint Victor spürt in seinem Buch der Geschichte des, wie er es nennt, „imaginären Verbrechens“ (crime imaginaire) in Frankreich nach. Doch die Geschichte der Blasphemie ist nicht der eigentlich entscheidende Punkt. Im Mittelpunkt steht vielmehr der dahinter stehende Diskurs und wie sich dieser immer wieder verschiebt bzw. welche Akteure zu welchem Zweck bestimmte Argumentationslinien benutzen, um ihre (religiösen) Interessen durchzusetzen. De Saint Victor weist minutiös nach, wie sowohl Islamverbände als auch rechts-katholische Gruppen und Personen im Fahrwasser der vermeintlichen Solidarität mit den Marginalisierten der Gesellschaft darum bemüht sind, Kunst und Presse zu unterwerfen.

Für de Saint Victor steht fest, dass es für keine Religionsgemeinschaft, und damit auch nicht für den Islam, ein Sonderrecht auf Unversehrtheit geben kann. Ganz im Gegenteil. Eine liberale und aufgeklärte Gesellschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie das hohe Gut der Blasphemie verteidigt und so den Unterschied zwischen Recht und Religion aufrechterhält.

Christoph Lammers 


Manfred Clauss: Ein neuer Gott für die alte Welt. Die Geschichte des frühen Christentums. Rowohlt Verlag, Berlin 2015. 544 Seiten, gebunden, Euro 34,95, ISBN 978-3-87134-794-8

Eine Frage, die Historiker wie Theologen bis heute gleichermaßen fasziniert und um deren Beantwortung sich zahllose Mythen ranken, lautet: Wie war es möglich, dass eine kleine jüdische Sekte am äußersten Rand des römischen Imperiums zur einflussreichsten Religion aufsteigen konnte?
Unterschiedliche Interessensgruppen schrieben sich im Laufe der Zeit ihre eigene Geschichte und leisteten so den falschen Vorstellungen Vorschub. Eine quellenkritische und zugleich nüchterne Betrachtung des Gegenstandes war lange Zeit nicht möglich bzw. musste, wie im Falle von Karlheinz Deschner, mit allen Mitteln unterbunden werden. Eine Kriminalgeschichte des Christenums? Unmöglich, waren die (frühesten) Christen doch vom heiligen Geist geradezu beseelt.

Der Althistoriker Manfred Clauss, ein profunder Kenner der Antike, lässt in seinem neuen Werk Ein neuer Gott für die alte Welt die Quellen für sich sprechen und ermöglicht so einen gegen den Strich gebürsteten Blick auf die damalige Zeit. Seine Hauptthese lautet: die frühen Christen waren keinesfalls sanftmütige und friedliche Gläubige. Mit dem (absoluten) Wahrheitsanspruch des Christentums ging ein Modus der Aggressionsbereitschaft einher, mit welchem Häretiker, Anders- und Nichtgläubige diffamiert und verfolgt wurden. „Recht zu haben war seit den Anfängen das konstituierende Element der neuen Religion“, so Clauss in seinem fulminanten Werk. Gerade diese für jede (monotheistische) Religion typische Haltung der absoluten und letzten Wahrheit führte im Laufe des frühen Christentums zu einem grausamen Kampf gegen alle, die sich nicht dem christlichen Gott unterwerfen wollten. Tempel, wie der pagane Tempel in der Stadt Gaza, wurden ebenso zerstört wie Synagogen. In ihrer Hasssprache und Aufwiegelung unterscheiden sich die frühen Christen kaum von den heute so wirkmächtigen Krieger Allahs. Die Bereitschaft zum Martyrium war weit verbreitet, teilten doch viele frühe Christen eine krankhafte Todessehnsucht nach Erlösung. Das frühe Christentum also ein Vorreiter des Islamischen Staates (IS)? Fakt ist, dass nach der Lektüre dieses Buches nichts mehr übrig bleibt von dem Mythos der Nächstenliebe.

Was Clauss’ Arbeit wohltuend von so vielen anderen Arbeiten zu dem Thema unterscheidet, ist nicht nur die Tatsache, dass er dem Christentum nicht mit dem, für Historiker und Theologen typischen, verklärenden Blick begegnet, wonach die Urgemeinde des Christentums die Friedfertigkeit quasi erfunden haben muss. „Mag das Christentum auch religiöse Gefühle angesprochen haben [...], entscheidend war meiner Einschätzung nach die Ge¬walt, mit der die Christen ihren Glauben durchsetzten.“

Diese, der Aufklärung verpflichteten Haltung, ist selten geworden, da sie nicht den Weg der Bequemlichkeit geht und schreibt, was die Öffentlichkeit hören will, sondern Quellen zu Wort kommen lässt, die die unangenehmen Tatsachen zu Tage fördern. In diesem Sinne sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Christoph Lammers


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