Neulich...

von Nicole Thies

in einer christlichen Kinderklinik

Wem ist nicht schon mal eine hanebüchene Dummheit begegnet? Vielen – würd’ ich meinen. Oft lache ich – insgeheim oder mit Freunden – darüber. Aber an welchem Punkt höre ich auf, darüber zu lachen? Lachen ist mir eine willkommene Ersatzhandlung für Wut. Aber was tue ich, wenn rationaler Sachverstand und logisches Begreifen der Welt auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen?

In einem christlichen Krankenhaus findet folgender Dialog zwischen einer Lehrerin und einem Kind statt:
Lehrerin: Lies’ das Wort.
Kind: Rasse
Lehrerin: Gut. Bilde einen Satz.
Kind: Es gibt viele Hunderassen.
Lehrerin: Gibt es auch Menschenrassen?
Kind: Nein.
Lehrerin: Doch. Es gibt…

Die Lehrerin zückt ein Buch, darin eine Weltkarte mit den Kontinenten. Sie fabuliert von Menschen auf den jeweiligen Kontinenten. Von Hautfarben, die zu den jeweiligen Kontinenten „gehören“.

Das Kind geht völlig verstört nach Hause und berichtet den Eltern von seinem irritierenden Erlebnis. Das Kind weiß, dass die Antwort Hunderassen richtig war und dass es Menschenrassen nicht gibt. Kein Zufall. Ein akademischer, atheistischer Background der Eltern hat die Wurzeln gelegt.

Und dem Überlegenheitsglauben der Eltern war nun keine Grenze gesetzt. Wir haben die Vernunft auf unserer Seite. Wir haben die Argumente. Hoho... ja, dennoch der Glaube an den fiktiven Weihnachtmann oder das fiktive Christkind hält Menschen nicht ab, sich in eine „Wohlfühlstimmung“ zu katapultieren.

Und genau diese „Wohlfühlstimmung“ war dann Leitthema im Elterngespräch. Aber zunächst zurück zum Ablauf: Kurze Beschwerde bei Leitung. Rückmeldung: Klärendes Gespräch mit der Mitarbeiterin. Terminfindung – alles „schick“, freundlich, bisweilen überhöflich. Und das blieb Leitthema.

Lehrerin: Ich habe schon davon gehört. Ich möchte mich entschuldigen. Ich möchte mich wirklich entschuldigen. Das ist ein Missverständnis. Und ich entschuldige mich.

Eltern: Bitte schildern Sie uns kurz die Situation.

Lehrerin: Es gab ein Arbeitsblatt. Der Punkt war: Rasse und Rasen – die Betonung eines Vokals vor Konsonanten.

Eltern: Gab es keine anderen Beispiele?

Lehrerin: Das war das Arbeitsblatt.

Die Eltern geben daraufhin den Dialog, wie er ihnen von ihrem Kind berichtet wurde wieder und fragen die Lehrerin, warum sie solche Äußerungen trifft.

Lehrerin: Hören Sie mal. Wir sehen doch alle anders aus.

Eltern: Was wollen Sie damit sagen? Eine genetische Information, namentlich die Hautfarbe – wie ein Leberfleck –, ist mehr als zufällig innerhalb der Evolution zu verstehen? Eine Anpassung, die eben biologischen „Rassen“ nicht entspricht.

Lehrerin: Tut mir leid. Ich werde mich entschuldigen.

Eltern: Was genau tut Ihnen leid?

Lehrerin: Das war nicht gut.

Eltern: Wir verstehen die Entschuldigung nicht. Sie haben nach unserem Dafürhalten eine Verantwortung, wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln.

Lehrerin: Ich werde mich bei den Kindern entschuldigen.

Eltern: Wir möchten nicht, dass Sie sich entschuldigen! Wir wollen, dass Sie fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln. Das ist Ihr pädagogischer Auftrag. Und der hängt allein von Sprache ab, nicht von den Themen.

Lehrerin: Das versuche ich ja. Ihr Kind begreift das auch, aber die anderen Kinder verstehen das nicht. Ich erkläre es ihnen.

Eltern: Wie bitte? Den „dummen Kindern“ erklären Sie die Irrationalität und die klugen Kinder, meinen Sie, kriegen allein die Kurve?

Lehrerin: Ich verstehe nicht, was Sie wollen. Ich werde mich bei den Kindern entschuldigen.
Eltern: Es geht nicht um die Entschuldigung. Befassen Sie sich bitte mit der aktuellen Forschung und mit der Evolutionstheorie.

Lehrerin: Es tut mir leid.

Resignation bei den Eltern ist die logische Folge: Diese Frau wird nicht verstehen. Immerhin: Das Kind hatte in der Folge keine Nachteile. Fatal: dies ist eine Situation in einem ostdeutschen Bundesland. Die Bundestagswahl hat nicht allein eine politische Tendenz gezeigt. Ein Einzelfall? Tendenz? Realität, die sich auch in den Ergebnissen der letzten Bundestagswahl abbildet? Wehret den Verhältnissen...

Wenige Tage später vor demselben Haus: ein NSU-Fahrrad. Und es bleibt nur die Frage: Wie geschichtsvergessen Menschen sind? Oder wer fährt ein Fahrrad der Marke NSU?


Artikel aus MIZ 3/17

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