Buchbesprechungen MIZ 2/17

Gilles Kepel: Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa. Verlag Antje Kunstmann, München 2016. 304 Seiten, gebunden, Euro 24.-, ISBN 978-3-95614-129-4
 
Im Sommer 2016 eskalierte der Streit zwischen den beiden französischen Islamexperten Olivier Roy und Gilles Kepel um die folgende Frage: Ist Gewalt ein Bestandteil des Islam und damit ursächlich für den europäischen Dschihadismus verantwortlich oder nicht? Oder mit ihren Worten ausgedrückt, handelt es sich um eine „Islamisierung der Radikalität“ oder um eine „Radikalisierung des Islam“?
 
Der mitunter scharf und beleidigend geführte Disput um das reziproke Verhältnis von Religion und Gewalt hat seinen Ursprung in den Anschlägen von Paris, Nizza und Brüssel. Gilles Kepel, einer der führenden Islam- und Terrorismusmusexperten in Europa, nahm die Anschläge zum Anlass, um eine Milieu-Studie zur Entwicklung des Dschihadismus in Frankreich zu verfassen und um damit seine Theorie, die Radikalisierung des Islam, zu untermauern. Während in den Medien und in der Politik der Terrorismus als ein Ausdruck des Krieges zwischen dem Westen und dem Islam verstanden wird, ganz im Sinne Samuel Huntingtons These vom Kampf der Kulturen, ist Kepel davon überzeugt, dass der Terror als gezielter Anschlag auf die westliche Lebensweise zu verstehen sei.
 
Kepels Grundgedanke im Buch lautet: 2005 vollzog sich mit dem „Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand“ eine Wende des Dschihadismus. In dem Aufruf kritisierte der syrische Dschihadist Abu Musab Al-Suri die Anschlläge des 11. September als Hybris, als Überheblichkeit Osama Bin Ladens. Er rief stattdessen dazu auf, westliche Gesellschaften direkt anzugreifen und dafür „schlecht integrierte“ Jugendliche zu rekrutieren. Kepel nennt diese jungen europäischen Muslime die „dritte Generation der Dschihadisten“. Ihre Aufgabe sei es, die europäischen Gesellschaften durch ihren Terror zu spalten und in kriegsähnliche Zustände zu versetzen. 
 
Zwar führt Kepel den Terror in seiner Studie auf den Islam und seine radikalste Form, den Salafismus, zurück. Gleichzeitig benennt er das Versagen der Politik und zeigt die verheerende Bedeutung gesellschaftlicher Missstände. Die wochenlangen Unruhen in den Banlieues, den trostlosen Vororten französischer Großstädte, wo Arbeits- und Perspektivlosigkeit den Alltag vieler Jugendlicher prägen, zählt der Autor zu den Schlüsselereignissen von 2005.
 
Kepels Analyse lebt von einer dystopischen Vorstellung, die nicht alle teilen wollen. „Man hat das Gefühl, dass sich ein Bruch vollzieht. Ein omnipräsenter Argwohn, der Gefahr läuft, durch die Provokationen auf allen Seiten zu einer Art verkapptem Bürgerkrieg zu werden“, so der Autor in seinem letzten Kapitel. Wer jedoch verstehen will, wie sich der Dschihad über Europa hat ausbreiten können und was man gegen diese Entwicklung tun muss, kommt an seinem Buch über die Genese des Dschihadismus nicht vorbei.
 
Christoph Lammers

 
Gerhard Vollmer: Im Lichte der Evolution. Darwin in Wissenschaft und Philosophie. Hirzel Verlag, Stuttgart 2017. 616 Seiten, gebunden, Euro 39.-, ISBN 978-3-7776-2617-8
 
Wer kennt ihn nicht, den berühmten Satz des russisch-US-amerikanischen Genetikers Theodosius Dobzhansky: „Nichts in der Biologie ist sinnvoll, außer im Lichte der Evolution betrachtet.“ Es hat bis ins 20. Jahrhundert gedauert, bis die Darwinsche Evolutionstheorie die Anerkennung erfuhr, die ihr zusteht. Denn sie bildet nicht nur das Fundament der modernen Biologie. Die Darwinsche Evolutionstheorie hat seit Jahren Einzug in wissenschaftliche Disziplinen gehalten und trägt so maßgeblich zur Erkenntnisgewinnung bei. Wie stark das Darwinsche Denken unser Welt- und Wissenschaftsbild revolutioniert hat, zeigt das neue Buch Gerhard Vollmers.
 
Gerhard Vollmer, promovierter Physiker und Philosoph, zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern der Evolutionären Erkenntnistheorie. Seine Arbeiten können als Brücken zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Diese Perspektive schlägt sich auch in dem neuen Buch nieder. Inspirieren ließ sich Vollmer durch das Darwin-Jahr 2009. Er machte sich auf die Suche nach den Disziplinen, die vom evolutionären Denken beeinflusst werden. Herausgekommen ist dabei, ohne übertreiben zu müssen, ein opus magnum. Ein Kompendium, welches seinesgleichen sucht.
 
Vollmer behandelt in seinem Sam­melwerk 58 Disziplinen. Dazu unterteilt er das Buch in vier große Abschnitte. Der erste Abschnitt ist als Einstieg gedacht und kann als allgemeine Einführung in die Evolution verstanden werden. Im zweiten Abschnitt behandelt Vollmer 44 evolutionäre Disziplinen in unterschiedlichen Wissenschaftszweigen, im dritten das Verhältnis Darwins zur Philosophie sowie die Reaktion der Philosophie auf Darwins Erkenntnisse. Der vierte und letzte Abschnitt behandelt 14 evolutionäre Disziplinen in der Philosophie. Wenngleich alle Teile mit großem Gewinn gelesen werden können, ist doch insbesondere der vierte Abschnitt derjenige, der herausragt, behandelt er doch u.a. die Frage, was den Menschen zu einem Menschen macht. Doch auch Zukunftsfragen, beispielsweise das Thema Transhumanismus, finden in dieses Werk Eingang.
 
Vollmer ermöglicht den Lesern einen umfassenden Einblick in die Vielfalt wissenschaftlichen Denkens. Er stellt Fragen und lässt die Leser teilhaben, ohne auf den üblicherweise gern genutzten wissenschaftlichen Zeigefinger zurückzugreifen. Der Autor möchte damit Laien ermutigen, sich stärker mit der Evolution zu beschäftigen, wie er im Vorwort schreibt. „Auch und gerade Außenstehende sollen verstehen, worum es jeweils geht.“
Vollmers Buch richtet sich sowohl an diejenigen, die bisher noch nicht mit den (r)evolutionären Gedanken Darwins in Berührung gekommen sind, als auch an die, die ihr Wissen erweitern möchten. Dafür bietet der Autor einen Einblick in die wunderbare Welt evolutionären Denkens. Es kommt dem voluminösen Werk zugute, dass es nicht von vorne bis hinten gelesen werden muss, sondern „dass man in dem Buch schmökert wie in einem Lexikon“.
 
Christoph Lammers

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