Zündfunke MIZ 2/17

IBKA-Preis

Am 3. Juni fand in Köln die Verleihung des Sapio 2017 statt, mit dem der In­ternationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) alle zwei Jahre außergewöhnlichen Einsatz für Welt­anschauungsfreiheit und Aufklärung würdigt. Ausgezeichnet wurde die türkische Organisation Ateizm Derneği
 
In ihrer Laudatio wies die Publi­zistin Arzu Toker darauf hin, dass die Vereinsgründung im April 2014 ein Signal für den gesamten Nahen Osten war: Erstmals wurde in einem islamisch geprägten Land eine atheistische Organisation ins Leben gerufen. In einem Land, in dem es kein aus der eigenen Sprache entwickeltes Wort für Aufklärung gebe, so Toker, setze sich „Ateizm Derneği für Freiheiten ein, deren Grundlage Verantwortungsbewusstsein“ sei. 
 
Die Türkei beschrieb die Laudatorin als einen Staat mit einer noch kurzen demokratischen Tradition, die untrennbar damit verbunden sei, dass Republikgründer Atatürk in den 1920er Jahren die Macht der Religion nach über siebenhundertjährigem Scharia-Regime gebrochen habe – teils gegen erheblichen Widerstand konservativer Bevölkerungskreise. Stand am Anfang das Bemühen, eine vernunftgeleitete Gesellschaft aufzubauen, in der Begriffe wie „Schicksal“ keine Bedeutung haben, versäumten es vor allem die Intellektuellen in den folgenden Jahrzehnten, eine Kultur der Aufklärung zu schaffen. Heute seien die Islamisten wieder an der Macht und die Türkei und ihre Bevölkerung werde schrittweise reislamisiert. 
 
In diesem Umfeld, jenseits der Kom­fortzonen westlicher Religionskritik, arbeitet Ateizm Derneği. Die Aktiven verstehen sich zunächst als Interes­sen­vertretung ungläubiger Menschen, was auch deren juristische Unterstützung umfasst. Daneben entfaltet der Verein aber auch soziale Aktivitäten, wie etwa die wöchentliche Suppenverteilungen an Mittellose. Um eine „niedrigschwellige“ Möglichkeit anzubieten, Gleichgesinnte kennenzulernen, organisiert Ateizm Derneği regelmäßig öffentliche Picknicks. Den Verein über die herkömmlichen Wege zu erreichen, ist hingegen nicht ganz ein­fach: die Geschäftsstelle ist aus Sicher­heitsgründen immer wieder geschlossen, die Webseite derzeit gesperrt, eine Klage dagegen wurde vom zuständigen Gericht abgelehnt.
 
Den Preis nahmen die Vorsitzende Zehra Pala sowie der Rechtsanwalt des Vereins Mehmet Emin Uçbağlar entgegen. Weitere Vereinsmitglieder waren anwesend; fotografiert werden durften sie nicht. Denn die Gefährdung durch den islamistischen Mob ist immens und von den Resten des türkischen Rechtsstaates können Atheistinnen und Atheisten keinen Schutz erwarten. 
Trotzdem herrschte im Comedia-Theater auch beim anschließenden Beisammensein eine gelassene, fröhliche Stimmung. „Wir sind halt verrückt“, hatte Uçbağlar auf die Frage aus dem Publikum geantwortet, warum sie trotz aller Risiken für eine atheistische Lebensweise eintreten. In einem Interview mit dem Humanistischen Pressedienst sagte Zehra Pala: „Irgend­jemand muss diese Arbeit schließlich machen“.
 
An diese Einstellung erinnerte auch Arzu Toker: Immer in der Geschichte habe es Menschen gegeben, die sich gegen Unrecht gewehrt hätten. Die Schwarzen gegen die Rassendiskriminierung in den USA, die Demokratiebewegung gegen das chinesische Regime, selbst in den faschistischen Diktaturen gab es Widerstand. Manchmal waren die Kämpfe erfolgreich, manchmal zahlten die Menschen einen hohen Preis. Wie die Sache in der Türkei ausgehen wird, muss sich zeigen. Der Appell von Ateizm Derneği war ebenso einfach wie eindringlich: „Wisst, es gibt uns – und wenn wir euch eines Tages brauchen, seid für uns da!“
 
Am Rande der Preisverleihung informierten einige bengalische Flücht­linge über ihre Situation. Mit der AG Flucht und Asyl gemeinsam wurde überlegt, wie es möglich wäre, säkulare Flüchtlinge europaweit zu vernetzen. Wie hieß es früher so schön: Der Kampf geht weiter...

SkepKon 2017
 
Wer zum ersten Mal auf einer Konferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) war, hätte den Eindruck gewinnen können, dass sich die Organisation der aktuellen Phänomene „Fake News“ und „Alternative Fakten“ angenommen hat. Aber es ist umgekehrt: Was bisher vor allem in der Esoterikszene und unterschiedlichsten sektiererischen Zirkeln üblich war, drängt in zunehmendem Maße in die Politik: die Weigerung, Fakten zur Kenntnis zu nehmen, und die Erfindung der Welt, widdewidde wie sie mir gefällt. 
 
Ein Bereich allerdings, die Medizin resp. die „Alternativmedizin“, war seit jeher ein Schwerpunkt der GWUP. So ging der diesjährige Carl-Sagan-Preis an Hristio Boytchev und Claudia Ruby. Die beiden hatten mit einer Undercover-Recherche zeigen können, wie Heilpraktiker und sonstige Anbieter pseudomedizinischer Verfahren Krebspatienten wirkungslose Thera­pien anbieten.
 
Das Konferenzprogramm zeigte aber, dass der Fokus der Skeptiker längst nicht mehr allein auf der Medizin liegt, auch wenn die Kritik unwirksamer Behandlungsmethoden sowie der Schutz der Patienten vor falschen Versprechungen nach wie vor in eigenen Beiträgen zur Sprache kommen. Klimawandel, Gentechnik oder eine realistische Risikoeinschätzung der Atomtechnologie wurden in Vorträgen und Diskussionsrunden behandelt.
Allerdings wurde ein Problem deutlich, das eine wissenschaftlich ausge­richtete Vereinigung in stärkerem Maße trifft als politische Interessen­vertretungen: Mit welchem Ziel sollten Skeptikerinnen an die Politik herantreten? Können sie die Rolle einer unabhängigen „Verbraucherschutzorganisa­tion“ einnehmen? 
 
Denn zahlreiche der umstrittenen Fragen berühren wirtschaftliche oder politische Interessen. Und spätestens wenn es um Grenzwerte geht, gibt es keine eindeutige wissenschaftliche Antwort mehr, dann spielen die anderen Faktoren eine so große Rolle, dass der Verweis auf wissenschaftlich erhobene Daten allein nicht mehr ausreicht, um Gehör zu finden. Stoff genug für die nächste SkepKon...
 

Artikel aus MIZ 2/17

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