Neulich … im Lutherland

von Daniela Wakonigg

Wahrlich wahrlich, meine Freunde, es luthert im Land. Reichlich werden wir beschenkt mit Wissen über den großen Reformator. Durch unzählige Aktionen zum Reformationsjubiläum – und Medienberichte darüber. Durch Äußerungen von Kirchenvertretern – und Medienberichte darüber. Durch Medienberichte – und Medienberichte darüber.

Martin Luther ist zu einem fast ins Göttliche übersteigerten protestantischen Propheten geworden. Über ihn kritisch zu berichten, scheint nicht im Interesse der meisten Medien zu liegen. Sie sind eher auf Linie der Luther-Jubler, die – Gott behüte – über ihr Idol keinesfalls aufgeklärt werden wollen oder am Ende gar noch befürchten müssen – da sei der Herr vor – dass das einfache Fußvolk etwas über Martin Luther erfährt, was seinem Ruf abträglich sein könnte. Und da gibt durchaus einiges. Bekanntlich vertrat unser alter Kumpel Martin einige gar nicht kuschelige Ansichten, die ihn heute regelmäßig vor Gericht bringen würden. Er war erklärter Antisemit, von Frauen hielt er nicht das Allermeiste und auch die „Papstsau“ bekam von ihm reichlich verbale Dresche.

Was jedoch geschieht, wenn man versucht, über diese Seite Luthers aufzuklären? Ein pensionierter Lehrer im westfälischen Lüdinghausen versuchte sein Glück, als die Evangelischen Kirchenkreise im Münsterland mit einer Luther-Aktion an die Öffentlichkeit gingen: Dreißig weiße, überlebensgroße Lutherstatuen, die getrennt durch die Gemeinden der Region reisen. Ziel der Aktion: Die Menschen sollen mit den Lutherstatuen in Kontakt treten und sie selbst gestalten – besonders ein aufgeschlagenes Buch in den Händen Luthers soll hierzu einladen. „Die Statuen sind nicht auf eine Botschaft oder auf eine Umgehensweise mit ihnen festgelegt“, hieß es hierzu. Die Menschen hätten vielmehr die Freiheit, an den Figuren tätig zu werden, sich mit ihnen auseinanderzusetzen – egal in welcher Form.

Der pensionierte Lehrer nahm die Initiatoren beim Wort und schrieb in das Buch der Lüdinghauser Luther­statue: „Meine judenfeindliche Hetze – ein ewiges Vorbild für Adolf und seine Freunde!“

Im Nu hatte sich die geheuchelte Ergebnisoffenheit der Aktion überholt. Umgehend wurde die Lutherstatue aus der Öffentlichkeit entfernt und ins Pfarrheim gesperrt, wo der bedauernswerte Hausmeister mit der Entfernung des ketzerischen Aufklärungsversuches betraut wurde. Dank des Beistandes der Putzmittelindustrie gelang sein Vorhaben. Ob Luther nun eingesperrt bleibt, ob er demnächst nur noch unter Aufsicht beschriftet werden darf oder ob er bereit ist, sich weiteren ketzerischen Aufklärungs-Attacken zu stellen, ist derzeit ungeklärt.

Erfreulicherweise wird es in diesem Jahr aber noch häufiger die Möglichkeit geben, unsere protestantischen Mitbürger über ihren Sankt Martin zu erhellen. Das mit Abermillionen Steuergeldern finanzierte Reformationsjubiläum hat sicherlich auch in Ihrer Region Veranstaltungen zu bieten, bei denen sich eine Aufklärung des Pub­likums anbietet.


Artikel aus MIZ 4/16

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