„Wir verteidigen die Rechte der Gottlosen und Buchlosen“

von Arzu Toker

Ateizm Derneği bedeutet auf Türkisch „Atheismus Verein“. Laut Satzung ist er aktiv gegen die in der Gesellschaft herrschenden dogmatischen Vorurteile und setzt sich gegen religiöse, philosophische oder ideologische Unterdrückung ein. Des Weiteren fördert der Verein die freie Meinungsäußerung von Atheisten in der Türkei, führt Tagungen und Bildungsprojekte durch zu wissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Themen. Unabhängig von ihrer Herkunft, Sprache oder Sexualität werden alle Non-Theisten unterstützt, um ihre eigene Meinung frei äußern zu können.

Der Ateizm Derneği ist ein Novum in einem „muslimisch“ geprägten Land. Bei der Gründung haben soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter eine wichtige Rolle gespielt. Denn der Verein ist entstanden, weil Menschen in den sozialen Netzwerken durch ihre inhaltlichen Aussagen aufeinander aufmerksam wurden und Kontakt miteinander aufnahmen. In einem autokratischen Land wie der Türkei ist diese Form der Netzwerkbildung oft die einzige Möglichkeit. Das weiß auch der Staat, deshalb werden die sozialen Netzwerke, sobald es eine Unruhe gibt, verboten.

Es wird behauptet, dass die Türkei immer noch laizistisch sei, aber es ist gefährlich geworden, sich zur Reli­gionsfreiheit, zu Agnostizismus und Atheismus zu bekennen oder gar Religionen abzulehnen. Die Menschen, die das dennoch tun, werden juristisch belangt, öffentlich beleidigt, erniedrigt und zu Religionsfeinden erklärt sowie öffentlich als Angriffsziel benannt, nicht selten von Präsident Erdoğan persönlich.

Ateizm Derneği unterstützt die Menschen, die genau das tun, d.h sämtliche Religionen und dogmatischen Glauben ablehnen. Der Verein hilft durch engagierte Rechtsanwälte den Opfern in ihrem Kampf gegen die Lynchkultur, gegen Beleidigung, Erniedrigung und psychischen Druck.

Es ist nicht möglich, über Ateizm Derneği zu schreiben, ohne den 15.Juli zu berücksichtigen. Denn seitdem wird die Islamisierung machtvoll erzwungen. Jeder der kein Sunnit ist und damit nicht der Hauptglaubensrichtung in der Türkei angehört, ist eine Zielscheibe.

Nach dem angeblichen Putschver­such überließ Erdoğan einige Aufgaben des Staates, der Polizei oder des Militärs „den Bürgern“ und der Straße. Die religiösen Menschen füllten den öffentlichen Raum, beteten laut, und skandierten: „Wir sind auf der Jagd nach den laizistischen Hunden, unsere Regierung hat uns aufgerufen.“ Sie trugen Waffen, Stöcke und Macheten. Die Laizisten, die Säkularen fürchteten sich, vor die Tür zu gehen. Es wurde eine Atmosphäre geschaffen, als ob es eine akute große Gefahr für die Religion gäbe. In einem Land, in dem es auch schon früher möglich war, Künstler, die nichts anderes getan hatten, als am alewitischen Fest teilzunehmen, zu verbrennen, ist es brandgefährlich, die Menschen mit einer solchen Botschaft auf die Straße zu schicken. Zumal, wenn sie von den Muezzins unterstützt werden, die mehrere Tage, 24 Stunden lang, über die Dächer aller türkischen Städte und Dörfer zum Dschihad aufriefen.

In dieser aufgeladenen Atmosphäre organisierte der Ateizm Derneği in Ankara ein Kennenlern-Treffen. Es fand in einem Park statt. Auf Bitte von potenziellen Beteiligten sollte Ateizm Derneği ohne das Vereinsbanner auftreten. Also mussten die Mitglieder des Vereins umherlaufen, die Menschen taxieren und versuchen zu erkennen, ob es sich um potenzielle Interessenten handelt. Die Vorsitzende des Vereins, Zehra Pala kommentierte: „Wir kamen uns vor, als ob wir etwas Obzönes, Verbotenes verkaufen würden und nach Kundschaft suchten. Dabei wollten wir einfach Leute finden, die unseren Verein kennenlernen wollten, ihnen von Ateizm Derneği erzählen, ohne verurteilt zu werden…“

Aber die Angst der Menschen ist verständlich – was wenn die „Jäger“ die Gottlosen, Buchlosen entdecken? Nicht vorzustellen, was passieren könnte.

Dieses Jahr wurden viele Mitglieder des Ateizm Derneği mit Klagen überzogen. Die Klagen waren zwar gegen Personen gerichtet, jedoch stets an den Verein adressiert. Darin sieht der Verein ein systematisches Vorgehen. Es braucht in der aktuellen Situation nicht viel für eine Klage. Es reicht schon, dass jemand auf die Idee kommt, in den sozialen Medien zu schreiben: „Meint ihr Gott existiert und ich glaube nicht dran?“. Schon kann diese Person verklagt werden. Grundlage dessen ist das türkische Strafrecht (TCK) § 216/3. Deshalb hat Ateizm Derneği eine Unterschriftenkampagne gegen diesen Paragraphen gestartet.

Seit der Erdoğan-Ära und besonders nach dem 15. Juli vergangenen Jahres kommen viele Menschen in Bedrängnis, wenn ihre Lebensführung nicht im Einklang mit dem sunnitischen Islam gesehen wird. Früher konnten die Menschen nach ihrem Gusto leben, d.h. Raucher konnten während des Ramadans rauchen, andere konnten essen, trinken. Aber derzeit herrscht eine völlig neue Atmosphäre, denn nun werden die Menschen, die z. B. auf der Straße rauchen, verprügelt oder gar schlimmer zugerichtet.

Oder nehmen wir das Beispiel des Geschichtslehrers Kahraman Kepenekci, der seinen Schülern den Doku­mentarfilm Cosmosi von National Geo­graphic gezeigt hat. Die Beschwerde dagegen beinhaltet die Aussage, dass dieser Dokumentarfilm die Theorie Darwins darstelle und die atheistische evolutionäre Sichtweise erzwinge und gegen islamische Wertvorstellungen gerichtet sei. In einem Land, in dem 97% der Schüler Muslime seien, müsse eine solche Handlung Konsequenzen haben. In einem Interview sagte der Geschichtslehrer der Tageszeitung Birgün: „Sie führen eine geheime Un­tersuchung durch. Letztes Jahr war ich ihr Ziel als angeblicher Gülen-Lehrer. Der Dokumentarfilm, den ich gezeigt habe, ist gar kein darwinistischer Film, aber was wäre schon dabei, wenn dem so wäre? Je mehr wir Angst bekommen und einen Schritt zurück gehen, desto mehr wüten sie.“

Es gibt einen großen Druck auf die Lehrer; viele kommen bereits mit dem islamischen Gruß „Alaykum Salam“ in das Lehrerzimmer. Einige versuchen sich zudem als besonders religiös vorauseilend zu beweisen, indem sie ein Gespräch über religiöse Filme einleiten. „Wir können keinen einzigen Schritt mehr zurück gehen, ich bin sicher, auch diese Beschwerde wird zu einer weiteren Klage gegen mich werden“, meinte der Lehrer.

Vor der Erdoğan-Ära gab es in der Schule auch keinen Gebetsunterricht. Ein Vater, der Arzt Abuzer Meral, widersetzte sich der Teilnahme seines Kindes am Zwangs-Gebetsunterricht. Daraufhin hetzten die AKP-Hetzblätter gegen ihn, und abgesehen von dem gesellschaftlichen, psychischen Druck verlor er seinen Job.

Druck wird derzeit auf viele Art ausgeübt. Insbesondere über Kinder. Die Eltern sind ratlos. Oftmals wissen sie nicht, was sie antworten können, wenn ihre Kinder ihnen mit großen Augen voller Furcht sagen: „Mama, du wirst im Höllenfeuer brennen, weil du den Ramadan nicht einhältst“. Menschen, die davon hören, fürchten sich zunehmend, sich zu wehren.

Was sind die Möglichkeiten für den Ateizm Derneği? Es gibt im Ateizm Derneği engagierte Juristen. Sie beraten, unterstützen bei Klagen. Ganz besonders diffizil ist die Situation der Eltern; wie mit dem eigenen Kind umgehen, ohne es in Gefahr zu bringen, die eigenen Eltern zu verraten? Der Verein braucht dafür Pädagogen, um Seminare zu organisieren, die Eltern zu befähigen, in einer solch sensiblen Situation richtig zu reagieren. Es gibt keine eindeutigen Antworten in einer solchen Situation. Die Eltern müssen befähigt werden, ihre Fragen selbst zu beantworten, schließlich müssen sie die Verantwortung für die eventuelle existenzielle Bedrohung selbst tragen. Deshalb sucht der Verein die Beratung durch Fachleute.

Die Menschen brauchen Hilfe, aber einige von ihnen fürchten sich aufgrund ihrer gewaltsamen Erfahrung mit den Religiösen, diese Hilfe von Atheisten anzunehmen. Sie haben Angst, dass ihr Name in Zusammenhang mit dem Verein gebracht werden könnte und sie somit ihre Stelle, ihre Existenz verlieren könnten. Der Alltag und die täglichen Ereignisse in der Türkei sind derzeit so erdrückend, dass Vorträge über Philosophen schon wie eine Heldentat aussehen. Das Zepter haben derzeit die ungebildeten religiösen Fanatiker und manch einer hört schon bei „Sokrates“ Landesverrat.

Und trotz dieser prekären Situation ist die Vorsitzende des Ateizm Derneği immer noch Zehra Pala, was nicht so natürlich ist, wie sich das anhört, jedenfalls nicht in der Türkei. Um das zu erklären, reicht es möglicherweise zu erwähnen, dass Zehra Pala seit März 2015 arbeitslos ist, weil sie in einem Interview bei CNN-Türk sagte: „Wir verteidigen die Rechte der Gottlosen und Buchlosen. Ich verstehe Ausdrücke wie gottlos oder Atheist nicht als Beleidigung. Ja, ich bin eine Atheistin und stolz darauf, eine Atheistin zu sein.“

Dafür wurde sie bedroht. Die Bedrohung begründete man mit der Sure Al Maida, Vers 33. Auch Tolga Inci, der Vorgänger von Zehra Pala, wurde bedroht und verlor seinen Job. Erst nachdem Tolga Inci sich aus dem Vorstand zurückgezogen hatte, fand er eine neue Arbeit. Welch ein Zufall!

Ateizm Derneği steht noch. Aufrecht. Kritisch könnte man sich fragen, ob das alles ist, oder ob es nicht viel mehr an Aktivitäten geben müsste. Nach meiner Einschätzung jedoch grenzt es an ein Wunder und bedeutet sehr viel Mut, dass diese Organisation überhaupt noch existiert. Und sich nicht von der allgemeinen Welle von Angst und Unterdrückung wegduckt.


Artikel aus MIZ 4/16

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