Buchbesprechungen MIZ 04/08

Thomas Spiegler: Home Education in Deutschland

Hintergründe – Praxis – Entwicklung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. 286 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro, ISBN 978-3-531-15729-0

Thomas Spiegler, Soziologe und Theologe aus Marburg, hat mit seiner Dissertation zur Home Education Bewegung in Deutschland einen ersten eindrucksvollen Überblick über das bisher stark vernachlässigte Thema gegeben.

In all den Debatten und Überlegungen zur Zukunft der Bildung in Deutschland wurde in erster Linie die Rolle der Schulen als Träger des Bildungsinhalts und des Staates als Garant thematisiert. Sowohl von Seiten der Politik als auch von Seiten der Wissenschaft wurde und wird immer wieder betont, dass Bildung nur mit dem Staat und nicht ohne den Staat gedacht werden kann. Was aber passiert, wenn sich immer wieder und immer mehr selbstbewusste Eltern dafür entscheiden, ihre Kinder nicht in die Obhut des Staates zu geben? Abseits der für viele LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen normalen Bildungslaufbahn wächst eine Parallelgesellschaft heran, die auf absehbare Zeit die Frage nach der Vermittlung von Bildungsinhalten mitbestimmen wird. Es muss ausdrücklich gelobt werden, mit welchen Akribie der Autor seine jahrelang dauernde Feldforschungsarbeit voran trieb und welche Kanäle er hat öffnen und Diskussionen führen müssen, um mit den Eltern in Kontakt zu treten und sie zu Aussagen zu bewegen. Die Schwierigkeit einer solchen qualitativen Studie liegt nämlich vor allem darin begründet, dass Home Education in Deutschland juristisch verboten, mittlerweile aber zunehmend geduldet wird. Dennoch befindet sich die sehr heterogene Bewegung in einem permanenten Ausnahmezustand, zwischen polizeilichen und juristischen Auseinandersetzungen, der Flucht ins Ausland und dem Versuch einer Teillegalisierung durch Schulämter und Kommunen.

In sechs Kapiteln zeichnet Spiegler die vielen Facetten der Home Education Bewegung nach. Prägnant bringen die eingebauten Interviewsequenzen auf den Punkt, was Spiegler zu vermitteln versucht: keinesfalls handelt es sich allein um fundamentalistische ChristInnen, die einen Gottesstaat aufzubauen suchen. Der Blick in die Geschichte der Home Education Bewegung in Deutschland zeigt vielmehr, dass die Ablehnung der Schulpflicht durch alle gesellschaftlichen Schichten und durch nahezu alle politischen Lager gegangen ist, sei es die antiautoritäre Bewegung, welche sich als Antipädagogik verstand, bis zu den christlich-konservativen Familien, die vor allem in den 1970er Jahren verstärkt die in ihren Augen zu progressive Bildungspolitik kritisierten und ihre Kinder nicht zum Unterricht schicken wollten. Die heterogene Bewegung wird aber mittlerweile vor allem von den Familien getragen, deren Weltbild auf einer christlichen Ideologie aufbaut – in erster Linie Ablehnung des Sexualkundeunterrichts und der Vermittlung der Evolutionstheorie –, sich aber keinesfalls auf dieses Bild erstreckt. Es finden sich Familien die eher einem esoterisch-ganzheitlichen Verständnis nahe fühlen und dem Kind eine ‘Entdeckerrolle’ zugestehen wollen, bis zu Familien, die im Auftrag der Bibel das Kind zum Wohle Gottes nach seinen Regeln zu erziehen suchen.

Der Blick in den anglo-amerikanischen Raum zu Beginn der Untersuchung macht allerdings auch die größte Schwäche der Untersuchung deutlich. Die Bezugnahme auf die US-amerikanischen Untersuchungen zu Home Education zeigen, dass sich wissenschaftliche Zuschreibungen und Erklärungsversuche nicht eins zu eins übertragen lassen, da in den Vereinigten Staaten Home Education legalisiert ist und als legitime Alternative zum Unterricht an Schulen gesehen wird. In Deutschland ist es weiterhin illegal, seine Kinder vom Unterricht abzumelden. Dennoch wächst die Zahl der Kinder, die zu Hause unterrichtet werden. Spiegler legt sich nicht auf eine Zahl fest, aber es ist zu vermuten, dass man mit bis zu 2000 Kindern derzeit rechnen muss. Für Deutschland gilt, dass bis auf weiteres eine Änderung der Schulpflicht in eine, von den VetreterInnen der Home Education Bewegung verlangte Bildungspflicht nicht zu erkennen ist. Dennoch kämpfen Verbände, allen voran die Philadelphia Schule, der Bundesverband Natürlich Lernen und Schulunterricht zu Hause für ihre jeweiligen InteressentInnen.

Spiegler vermag mit seinem Buch zwar einerseits einen ersten Überblick über das Forschungsfeld in Deutschland zu geben, andererseits verleitet ihn gerade diese vermeintliche ‚Objektivität des Wissenschaftlers’ zu dem Urteil, dass eine Legalisierung ein Ergebnis eines vorausgehenden Diskussionsprozesses sein muss. Es bleibt abzuwarten, wie in Fachkreisen weiter mit dem Thema umgegangen wird und welche Untersuchungen folgen werden bzw. wie die Politik reagieren wird.
Christoph Lammers

 


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