Zündfunke MIZ 4/08

Freiburg

Ende Oktober fand in Freiburg eine Podiumsdiskussion zur Frage „Islam in Deutschland – Religiöse Gebote oder staatliche Normen?“ statt. Obwohl die lokale Presse die Veranstaltung nicht angekündigt hatte, war der Raum gut gefüllt von Mädchen mit und ohne Kopftuch und ebenso viele Jungs vom islamischen Zentrum, die dann etwa die Hälfte der rund 70 Besucher ausmachten. Arno Ehret von der Ortsgruppe Freiburg des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) eröffnete als Moderator die Gesprächsrunde. In den folgenden Statements und Diskussionen konnte sich das Publikum dann ein Bild von den Podiumteilnehmern und deren Positionen machen.

Zunächst stellte sich Mohammad Kahf vor, praktizierender Arzt aus Freiburg, der zugab, dass viele Muslime in Deutschland nicht nach der Religion leben, aber beteuerte, sie sollten es tun und sich gleichzeitig ans Grundgesetz halten, und zwar ohne Einschränkungen. Er stellte auch fest, Staaten wie Iran und Saudi-Arabien lebten den Islam nicht korrekt, was er anhand diverser Koransuren ausführte. Moslem bedeute eben „Gottergebener“ und der Koran stehe über allem, auch über der Vernunft. Jeder Mensch habe ein Bedürfnis nach Religion und Auferstehung.
Sadik Hassan, Islamwissenschaftler aus dem Irak, lebt in Freiburg und arbeitet beim „Forum für interreligiöse Zusammenarbeit“ mit. Nach seiner Meinung gibt es im Islam keinen Zwang zum Glauben, nur in einigen Fatwas (Rechtsgutachten) gebe eine Androhung der Todesstrafe beim Abfall vom Islam, im Koran stehe dies nicht. Der Islam gewähre religiöse Freiheit ohne wenn und aber; allerdings handelten sehr viele islamische Staaten dagegen. Vor allem wies er auf die Mehrdeutigkeit der arabischen Sprache hin, was oft zu sehr vielen verschiedenen Auslegungen der Koransuren führe. Viele Muslime würden auch von Hasspredigern verführt. So sei nach seiner Meinung Metin Kaplan, der so genannte Kalif von Köln, viel zu spät ausgewiesen worden.

Arzu Toker bekräftigte ihre Forderung nach einer Säkularisierung der Gesellschaft: Religion sollte Privatsache sein, die Gesellschaft sich an humanistischer Philosophie orientieren. Eine Veranstaltung wie diese, betonte sie, sei überhaupt erst durch die (leider noch nicht vollendete) Säkularisierung in Europa möglich. Toker äußerte auch die Ansicht, für viele Muslime hätten die religiösen Regeln höhere Priorität als die weltlich-westliche Demokratie. Schließlich hielt sie der angeblich so sanften und friedfertigen islamischen Religion noch diesen Spiegel vor: Etwa 250 Jahre lang wurden die Türken von arabischen Heeren in vielen Kriegen zwangsislamisiert (mit Hunderttausenden von Opfern).

In der anschließenden Diskussion führten vor allem die Ausführungen von Arzu Toker zu den Bekleidungsvorschriften zu großer Aufregung unter den zahlreich anwesenden jungen muslimischen Frauen. Der Journalistin wurde auch vorgeworfen, dass ihre „Ausbildung“ (gemeint war wohl „religiöse Ausbildung“) nicht zureichend sei. Ein Besucher vertrat recht leidenschaftlich die Meinung, dass der Atheismus die „intoleranteste Weltanschauung überhaupt“ sei. Andere machten ihrem Unmut Luft, weil den ganzen Abend über der Prophet, der Koran etc. beleidigt worden seien. Glücklicherweise gab es auch Redebeiträge, die für Toleranz, Respekt und notwendiges Miteinander eintraten. So konnte die Veranstaltung beendet werden, ohne dass die Diskussion völlig aus dem Ruder gelaufen wäre. Die Eingangsfrage „Religiöse Gebote oder staatliche Normen?“ konnte allerdings nicht so recht geklärt werden...
Arno Ehret
 


 Islamischer Religionsunterricht

 Wer braucht islamischen Religionsunterricht?– Dieser Frage stellten sich unter der Moderation des evangelischen Pfarrers Klaus Beckmann (Homburg) die TeilnehmerInnen einer Podiumsdiskussion am 28. Oktober in Saarbrücken. Eingeladen hatten die Aktion 3.Welt Saar und die Heinrich Böll Stiftung Saar. Peter Arend, zuständiger Referatsleiter im Bildungsministerium der saarländischen CDU-Landesregierung, plädierte für regulären islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, für den allerdings noch ein verantwortlicher islamischer Dachverband als Träger gefunden werden müsse. Kajo Breuer, grüner Saarbrücker Bürgermeister, wäre zwar ein laizistisches Modell nach französischem Vorbild ohne staatlichen Religionsunterricht lieber, er tritt aber angesichts der deutschen Gesetzeslage für islamischen Religionsunterricht im Sinne der Gleichberechtigung von Moslems ein. Als grundsätzliche Gegnerin jeden Religionsunterrichts gab sich Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, zu erkennen, die sich für eine strikte Trennung von Religion und Staat aussprach. Roland Röder, Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar, favorisierte als pragmatische Lösung einen mit der derzeitigen Gesetzeslage zu vereinbarenden Islamkunde-Unterricht als Teil eines interreligiösen Unterrichts nach dem so genannten Hamburger Modell.

Bereits im Vorfeld war aus dem Umfeld der Multikultiszene Protest laut geworden und von Islamverbänden durch massiven Druck versucht worden, die Veranstaltung zu verhindern oder das Podium anders zu besetzen. Bemängelt wurde vor allem, es seien keine IslamvertreterInnen eingeladen worden und die Zusammensetzung des Podiums sei einseitig, obwohl de facto dort Pro- & Contra-Positionen gleichgewichtig vertreten waren. Diese Kritik wurde während der Veranstaltung aus dem Saal heraus wiederholt, wobei sich neben anderen MuslimInnen ein Milli Görüs-Vertreter hervortat und damit die Behauptung ad absurdum führte, aus dem muslimischen Spektrum komme niemand zu Wort.
Klaus Blees
 


   „Sapio“-Preis des IBKA

 Am Rande seiner diesjährigen Mitgliederversammlung verlieh der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten erstmals den IBKA-Preis „Sapio“. Ausgezeichnet wurden zwei Bühnenkünstler: die in New York lebende Norwegerin Shabana Rehman und der Niederbayer Sigi Zimmerschied. In ihrer Laudatio begründete Arzu Toker die Wahl mit Rehmans Eintreten für eine selbstbestimmte Identität. Durch ihre kabarettistische Kunst wie durch ihre Lebensführung signalisiere die Tochter pakistanischer Eltern, dass Identität nicht durch die Herkunft festgeschrieben werde. Rehman hatte vor allem durch die vielen Stellen in ihren Bühnenprogrammen, die den Islam von seiner lächerlichen Seite zeigen, die Wut muslimischer Kreise auf sich gezogen. Auch in ihrer Dankesrede machte sie sich über die offenbar sehr frommen Absender obszöner Drohbriefe lustig und fragte, ob diese ihre Schimpftiraden vielleicht aus dem Koran hätten. An alle, die sich über den Muezzin-Ruf echauffieren, stellte sie allerdings die Frage, warum dieselben Leute nicht genauso reagieren, wenn die Nachbarin hysterisch – Shabana Rehman konnte dies sehr überzeugend vorführen – „Oh mein Gott“ durch den Garten schreit.

Sigi Zimmerschied hat sich seit je für die Statthalter der Alleinseligmachenden interessiert. Bereits 1979 hatte er Passau mit einem „Hirtenbrief an alle schwarzen Schafe“ aufgemischt. Seit jener Zeit kennt und bewundert ihn der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer, der eine entsprechend persönliche Laudatio hielt. Die Kirche und ihre Würdenträger waren für Zimmerschied immer wieder Zielscheibe seiner vehement vorgetragenen Kritik – was ihm gerade in Bayern nicht unbedingt die Türen zu allen Kleinkunstbühnen öffnete. Vor allem seinen vollen Einsatz, einschließlich einer unglaublichen physischen Präsenz hob Haderer hervor, Zimmerschied „verkörpert“ seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes. Mit dieser physischen Präsenz sah sich auch das Publikum konfrontiert, als der Geehrte dann auftrat – doch nicht auf der Bühne, sondern „mitten unter uns“ im Parkett.

Tags darauf fand im Oberangertheater die Tagung „Religionskritik – zensiert: Grundrechte im Schatten der Götter statt“. Dabei ging es in zwei Vorträgen von Roland Seim und Gunnar Schedel vor allem um die Frage, wie weit ein respektloser Umgang mit Religion bereits in die Alltagskultur vorgedrungen ist und unter welchen Vorzeichen Religionskritik ihre emanzipatorische Wirkung entfaltet. Die abschließende Podiumsdiskussion befasste sich dann mit einigen aktuellen Konfliktfällen.
 


 Frecher Mario

Auf überwältigende Resonanz stieß der vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) München ausgeschriebene Wettbewerb für blasphemische Kunst (vgl. MIZ 1/08). Über 600 Einsendungen bewarben sich um den Preis, der ausgelobt worden war für Werke, die „humorvoll und intelligent übernatürliche (= meist religiöse) Vorstellungen auf die Schippe nehmen und so geeignet sind, (...) die Freiheit von Gesellschaft und Kunst zu fördern“ – darunter Zeichnungen von Rudi Hurzlmeier und Janosch, Musikbeiträge der Ersten Allgemeinen Verunsicherung und Bernd Stromberger sowie originelle Skulpturen und Texte. Insgesamt entschied die Jury, fünf Auszeichnungen zu vergeben. Den Ehrenpreis überreichte Initiator und Moderator Wolf Steinberger dem 78-jährigen Münchner Journalisten und Galeristen DellaCroce für seine besonders ungewöhnliche Arbeit, die den Tod Jesu durch die Maßnahmen einer Domina als „Via Dolorosa“ in 14 Stationen recht unanständig beschreibt. Der dritte Preis wurde geteilt: er ging an eine Karikatur von Til Mette und eine mehrfach aufklappbare Zeichnung eines Beichtstuhls von Dieter Wessinger. Den zweiten Preis bekam ein Musikvideo-Clip des österreichischen Musikers und Kabarettisten Leo Lukas mit dem Titel Sehr geehrter Islam und den ersten Preis gewann Salvatore Pertutti aus der Bretagne für seine Musikvideo-Clips zu heiligen Büchern les livres sacrées.

In seiner Lobrede auf die ausgezeichneten Künstler hob der ehemalige MIZ-Chefredakteur Michael Schmidt-Salomon die Bedeutung der Kunst hervor, die Diskussionen anstoßen könne und dabei bewusst in Kauf nehmen sollte, religiöse Gefühle zu verletzen. Dies trage zu einer „Desensibilisierung“ der Religiösen bei, was möglicherweise zu einer Heilung von ihrer „Kritikophobie“ führe: „Wir müssen die Gläubigen mit soviel Kritik und Satire versorgen, dass sie irgendwann einmal selbst erkennen, wie unsinnig es ist, wegen einer harmlosen Zeichnung in die Luft zu gehen wie das berühmte HB-Männchen oder schlimmer noch: andere in die Luft zu sprengen, wie es Osama bin Ladens al-Qaida im vergangenen Sommer mit Hinweis auf die Mohammed-Karikaturen tat.“ Die Verleihung des Frechen Mario sei insofern ein „bedeutsames kulturpolitisches Signal“.
Die gepriesenen Kunstwerke sind ebenso wie die Laudatio von Michael Schmidt-Salomon auf der Webseite www.frechermario.org dokumentiert.

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