Klerikal-aristokratische Vernetzung in der Alternative für Deutschland (AfD)

von Andreas Kemper

In der Alternative für Deutschland (AfD) gibt es ein Kampagnen-Netzwerk, das klerikal-aristokratische Interessen vertritt. Während in der AfD momentan Konflikte zwischen neoliberal-familienunternehmensnahen und nationalkonservativ-kleinbürgerlichen Interessen ausgebrochen sind, kann sich die Zivile Koalition als lachende Dritte zurücklehnen.

Nachdem das ehemalige Gebiet der DDR in die BRD übernommen wurde, erhoben Organisationen wie der Göttinger Arbeitskreis oder Heimatverdrängtes Landvolk Anspruch auf Güter und Ländereien. Im Laufe von Jahrhunderten hatten sich östlich der Elbe Adlige mit ihren Großgrundbesitzen zum Machtzentrum Deutschlands formiert. Erst die Verstaatlichung nach 1945 durch die Sowjetunion zerschlug das Ostelbische Junkertum. Nachfahren dieser feudalen Cliquen heiraten noch immer ständisch und nutzen ihre Familienbande für politische Arbeit, die einher geht mit den Interessen ultrakatholischer und evangelikaler Kreise. 2005 wurde aus den Reihen des Göttinger Arbeitskreises der Verein Zivile Koalition e.V. als Kern eines Kampagnen-Netzwerkes gegründet.

Hochburg des ultrakonservativen Pietismus

Als kurz vor der Bundestagswahl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und der Frankfurter Allgemei­nen Zeitung (FAZ) zwei ganzseitige Anzeigen des „Freundeskreises der Alternative für Deutschland“ erschienen, ließ nur die Kontaktadresse Rück­schlüsse auf die Urheberschaft dieser je 60.000 bis 90.000 Euro teuren Inserate zu. Sie war identisch mit der Adresse vom Heimatverdrängten Landvolk. Aus dem Vorstand dieser Organisation trat einzig Carl Christian Hesse als AfD-Politiker in Erscheinung. Hesse sitzt zudem im Vorstand des evangelikalen Tagungsortes „Geist­liches Rüstzentrum Krelingen“. Bereits 1995 beschrieb der Spiegel diesen Tagungsort als „Hoch­burg des ultrakonservativen Pietismus“. An einer Tagung „Familie – Quo vadis“ vom März 2014 nahmen dort u.a. neben dem Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, die AntifeministInnen Jürgen Liminski, Birgit Kelle und Gabriele Kuby teil.

Ebenfalls kurz vor der Bundestags­wahl berichteten die Zeitungen über angebliche Unstimmigkeiten beim Verein Zivile Koalition e.V. Dort „fehlten“ 100.000 Euro auf dem Vereinskonto, die laut Beatrix von Storch in einem Schließfach liegen sollten aus Sorge vor einem Bankencrash. Beatrix von Storch und ihr Gatte Sven von Storch hatten 2005 die Zivile Koalition gegründet, als sie mit ihrem Göttinger Arbeitskreis nicht die ehemaligen Adelsgüter erhielten. Klaus-Peter Krause, ehemaliger FAZ-Redakteur und Mitgründer der Zivilen Koalition, hatte bereits mehrfach wohlwollend Bücher rezensiert, die die Rückkehr zur Monarchie einforderten. Mit dem Kampagnen-Netzwerk Zivile Koalition sollte der Rechtsstaat wieder hergestellt werden, wofür es verschiedene „Reformen des politischen Entscheidungssystems“ geben müsse.

Beatrix von Storch ist inzwischen für die AfD ins Europa-Parlament eingezogen. Sie koordiniert für die drittgrößte Fraktion im EU-Parlament (ECR) die Belange zu Geschlechter-, Frauen- und Familienfragen.

„Fatima bete für uns“

In Brüssel sitzt seit kurzem auch Beatrix von Storchs Cousin Paul von Oldenburg, der wie sie in der holsteinischen Provinz groß geworden ist. Er vertritt in Brüssel mehrere Organisationen, die der Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP) nahe stehen. TFP ist eine ultrakatholische Organisation, die in Brasilien als Gegenbewegung gegen die Theologie der Befreiung gegründet wurde. In Deutschland ist Matthias von Gernstorff ein langjähriger Kämpfer der TFP. Er tat sich mit Agitationen gegen das Jugendmagazin BRAVO hervor. TFP ist weltweit in der Organisation von „Märschen für das Leben“ involviert und sammelte Anfang der 1990er Jahre fünf Millionen Unterschriften für die Loslösung Litauens von der Sowjetunion. Litauen führte als erstes europäisches Land ein Gesetz ein, welches aus angeblichen Jugendschutzgründen Propaganda für Homosexualität verbietet. Die TFP tritt für die gesellschaftliche Rückkehr zur „katholischen Hierarchie“ ein. Sie set­zen sich gegen die „Gleichheits-Ideologie“ ein, sei es die Gleichheit von Unternehmern und Arbeitern, der Hand- und Kopfarbeit, der von Frauen und Männern, von Homosexualität und Heterosexualität... Gott habe die Welt als ungleiche Welt geschaffen. „Wer Ungleichheit hasst, hasst Gott“ liest man auf den Seiten der TFP. Man müsse aus Gründen der Politischen Korrektheit heute sogar schon der Demokratie den Vorzug vor der Monarchie geben, beklagen sie. Paul von Oldenburg und Beatrix von Storch, geborene „Beatrix Herzogin von Oldenburg“ posten sich bei Facebook Zuspruch zu, wenn befürchtet wird, dass die päpstliche Synode Homosexualität stärker anerkennt. „Fatima bete für uns“ schreibt Paul Oldenburg und Beatrix von Storch: „Eine zweite EKD braucht niemand“.

Pforzheimer Kreis: Kampagnen gegen Abtreibungskliniken

Wenn Beatrix von Storch von Brüssel zurück in die Zentrale der Zivilen Koa­lition nach Berlin fährt, dann führt ihr Weg schon mal über Breisach bei Frei­burg. Dort besucht sie dann Ehepaar Martina und Volker Kempf. Diese wechselten von der AUF in die AfD und bauten dort den Arbeitskreis Christen in der AfD auf.

Gegründet wurde Christen in der AfD im August 2013 in Baden-Baden. Martina Kempf ist im Bundesvorstand der Aktion Lebensrecht für alle, Volker Kempf hat eine wohlwollen­de Biografie über die „führende Homophobe“ Christa Meves verfasst. Ansprechpartner von Christen in der AfD ist Jan Czada. Er rief während der Gründung der AfD im Januar 2013 rechtspopulistische Parteien dazu auf, zugunsten der AfD auf eine Kandidatur zu verzichten. Nach einem Treffen dieses Arbeitskreises wird diese Gruppe auch Pforzheimer Kreis genannt.

Aktuell fielen sie mit Aktionen gegen einen Arzt in Stuttgart auf, der Abtreibungen durchführt. An einer Demonstration in Stuttgart beteiligten sich neben dem Pforzheimer Kreis der „Lebensschützer“ Annen („Babycaust“), die Christdemokraten für das Leben und Stadträte der AfD Stuttgart.

Die von Oldenburgs – ein monarchistisches Familiennetzwerk?

Auf ihrer Veranstaltung in Breisach betonte Beatrix von Storch, dass sie immer wieder gerne das Ehepaar Kempf besuche. Ihre Facebook-Seite zeigt auf einem Foto der Veranstaltung auch ihren Vater oder ihren Onkel (Huno und Johann von Oldenburg sind Zwillingsbrüder). Beatrix von Storch wuchs in Kisdorf in Holstein mit ihren Cousinen Tatjana und Eilika von Oldenburg auf. Diese versuchten, potentielle Thronfolger in Mitteleuropa zu heiraten. Während die Heirat Tatjanas mit dem potentiellen französischen Thronfolger platzte, weil dessen Vater Bedenken hatte, die Vermählung mit einer Evangelischen würde die Thronfolge in Frankreich gefährden, war ihre Schwester Eilika erfolgreicher. Sie heiratete Georg Habsburg, der Papst gratulierte, und wird nun in aristokratischen Kreisen mit „Eilika von Österreich“ angesprochen. Durch die Heirat ihres Onkels Friedrich-August von Oldenburg mit Marie-Cäcilia von Preußen ist Beatrix von Storch auch mit dem potentiellen deutschen Thronfolger verwandt. Als direkter Nachfahre Kaiser Wilhelms II. wäre ihr Cousin Philip von Preußen unser Kaiser.

Phillip von Preußen arbeitet als Pastor und gibt den Zeitungen Interviews, in denen er die Einführung einer Monarchie fordert, das sei schließlich günstiger als das bürgerliche Präsidialamt und gebe den Bürgern mehr Vorbild, z.B. beim Kinderkriegen. Zusammen mit seiner Cousine Beatrix von Storch sprach er auf einer klerikalen Vorveranstaltung zum „Marsch für das Leben“ 2014 in Berlin.

Die AfD in Sachsen

Es ist nicht klar, wie die Pastorsfrau Frauke Petry zu den monarchistischen Vorstellungen der Cousins ihrer Parteikollegin steht. Auch sie forderte jedenfalls, dass es eine Volksbefragung zum Paragraphen 218 geben müsse, um so eine aus demografischen Gründen erforderliche Drei-Kinder-Familienpolitik einzuführen. Dabei kann sich Frauke Petry auf die Unterstützung des sächsischen Bibelgürtels verlassen. In Gemeinden des Erzgebirges wählten über 16% die AfD.

Im Programm der AfD Sachsen, der Frauke Petry vorsteht und die mit zehn Prozent in den Landtag einzog, findet sich auch die Forderung nach dem Kinderrentenmodell, welches der Verband Katholischer Unternehmer in den 1950er Jahren entwickelte. Das Kinderrentenmodell sieht vor, dass Kindergeld nicht mehr einheitlich, sondern einkommensabhängig ausgezahlt werden soll. Wie beim Elterngeld, welches das sozialkompensatorische Erziehungsgeld ablöste, damit die „richtigen“ die Kinder kriegen, sollen auch bei der Kinderrente gut verdienende Familien mehr Geld für ihre Kinder erhalten als ärmere. Später müssen dann die erwachsenen Kinder entsprechend ihres aktuellen Einkommens in die Kinderrentenkasse einzahlen. Haben sie keine eigenen Kinder, zahlen sie das Doppelte, haben sie sechs Kinder, zahlen sie gar nichts. Der Verband der Katholischen Unternehmer hatte vor wenigen Jahren diese Idee aus der Mottenkiste gezogen.

„Millionäre Christi“

Im Verband Katholischer Unternehmer gibt es einen Arbeitskreis zur Spiri­tualität, der vom Unternehmer Mi­chael Bommers geleitet wird. Beglei­tet werden die Exkursionen dieses Arbeitskreises mitunter von den Legionären Christi. Diesem katholischen Orden stellte Bommers auf seinem Grundstück in Düsseldorf Räum­lichkeiten zur Verfügung. Und Bommers sprach auch bei der Einweihung des ersten Kindergartens von Regnum Christi, der apostolischen Bewegung der Legionäre. Der Kindergarten hatte eine großzügige Spende von einem nicht genannten Unternehmer erhalten.

Die Legionäre Christi sind seit der Ausrufung der „Neuevangelisierung“ Europas im Vatikan als Vorfeld­orga­nisation gefragt. Sie gerieten etwas in Ungnade, als bekannt wurde, dass der Gründer der Legionäre mehrfach sexualisierte Gewalt gegen Jungen aus dem Knabenseminare beging. Mit Bommers und Regnum Christi verbandelt ist das Ehepaar Birgit und Klaus Kelle. Viele von Birgit und Klaus Kelles Artikeln finden sich auf der Online-Seite von Freie Welt.net, welches zum Kampagnen-Netzwerk der AfD-Politikerin Beatrix von Storch gehört. Klaus Kelle moderierte zur Vorbereitung der „Demo für alle“ im Oktober 2014 in Stuttgart eine Diskussion unter anderem mit Michaela Heereman. Michaela Heereman sitzt im päpstlichen Rat der Familie. Ihr Ehemann Johannes Heereman ist Vorsitzender von Kirche in Not, welche die Internet-Seite kath.net großzügig mitfinanziert. Auf der Seite kath.net findet sich sehr dominant Werbung für Regnum Christi. Michaela Heeremans Sohn Sylvester Heereman leitet die Belange der Legionäre Christi in Europa, kurzzeitig war er Interims-Chef der Legionäre Christi weltweit. Die Legionäre Christi wurden in Mexiko gegründet, dort werden sie aufgrund ihres finanziellen Vermögens und ihres Vermögens, sich mit reichen Unternehmern gut zu stellen, auch „Millionäre Christi“ genannt. Sie pflegen eine Pädagogik der Heiligenverehrung und der Beichte, Kinder sollen sich „zum Geschenk machen“.

Demo für alle

Demo für alle gehört übrigens als Internetseite ebenfalls zum Kampag­nennetzwerk Zivile Koalition. Über diese Seite werden die gleichnamigen Demonstrationen koordiniert. Demo für alle versucht nach französischem Vorbild vorzugehen. In Frankreich hatten Rechte von der Front National zusammen mit klerikalen Netzwerken homophobe Demonstrationen mit über 100.000 Beteiligten auf die Beine gestellt.

Koordiniert wird die Demo für alle in Stuttgart vor allem durch Hedwig von Beverfoerde und die vorher schon genannte Birgit Kelle. Hedwig von Beverfoerde betreibt die Seite Familien-Schutz.de der Zivilen Koalition. Sie wurde von der evangelikal-„lebensschützenden“ Organisation Idea 2013 zur „politischen Christin“ des Jahres gekürt aufgrund ihres Engagements gegen einen Bericht für reproduktive Rechte des EU-Parlaments und weil sie die europäische „Lebensschutz“-Initiative One of Us erfolgreich vorantrieb. Hedwig von Beverfoerde wurde dabei von Beatrix von Storch unterstützt, diese Unterstützung dürfte ihr zukünftig noch leichter fallen, da von Storch nun die Mittel des von ihr verhassten EU-Parlamentes zur Verfügung stehen.

Inzwischen finden auch in weiteren Landeshauptstädten diese klerikalen Demonstrationen statt. So mobilisierte der Landesverband der Jungen Alternative für Deutschland Niedersachsen mit Unterstützung der Zivilen Koalition für eine Demo für alle in Hannover.

Weiterführende Literatur

Kemper, Andreas: Rechte Euro-Rebellion. Alternative für Deutschland und Zivile Koalition e.V., Münster 2013.
Kemper, Andreas: Keimzelle der Nation. Geschlechter- und Familienpolitik der AfD. Expertise im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014.
Kemper, Andreas: Keimzelle der Nation. Zweiter Teil, Expertise im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2015.

Andreas Kemper,
Soziologe, arbeitet zu Diskriminierungen in der Klassengesellschaft, insbesondere zu Klassismus.


Artikel aus MIZ 4/14

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