von Colin Goldner
Seit langem schon kursieren Geschichten über tibetische Kinder, die aufgrund der Zustände unter der chinesischen Militärdiktatur zu Fuß über den Himalaya nach Nordindien fliehen. Derzeit bereist die österreichische Buchautorin Maria Blumencron (*1965) den deutschsprachigen Raum, um auf großangelegter Lesetour ihr neuerschienenes Werk Auf Wiedersehen, Tibet vorzustellen. Sie berichtet darin von ihren Erlebnissen als Fluchthelferin in Tibet. Wer sich die Details ansieht, gewinnt allerdings schnell den Eindruck, dass da etwas nicht stimmen kann.
Seit Ende der 1990er, so Blumencron, habe sie in abenteuerlichen Unterfangen tibetischen Kindern zur „Flucht in die Freiheit“ verholfen. Schon im Jahre 2000 hatte sie unter dem Titel Flucht über den Himalaya einen selbstgedrehten Dokumentarfilm dazu vorgestellt, dem sie 2003 ein Buch gleichen Titels nachschob. Ihre aktuelle Publikation ist gewissermaßen die Fortsetzung des seinerzeit zum Bestseller avancierten Bandes.
Blumencron, die gelegentlich mit Adelsprädikat als „Maria von Blumencron“ auftritt, ist gelernte Schauspielerin, außer ein paar Nebenrollen in unbedeutenden Theaterproduktionen und TV-Vorabendserien (z.B. Kurklinik Rosenau) stand indes bis vor zehn Jahren nicht viel zu Buche.
Aufgerüttelt, wie sie schreibt, von einem Fernsehbeitrag über zwei angeblich auf der Flucht zu Tode gekommene tibetische Kinder, habe sie spontan beschlossen, sich selbst als „Flüchtlingshelferin“ zu engagieren beziehungsweise als „Dokumentarfilmerin“ die Welt auf die „Missstände im besetzten Tibet“ aufmerksam zu machen.
Ohne ernstzunehmende Ahnung von den politischen und sozialen Zusammenhängen in Tibet, ohne Kenntnis der tibetischen Sprache und vor allem: ohne die mindeste journalistische oder filmemacherische Ausbildung oder Erfahrung, gelang es ihr mit Hilfe eines befreundeten Redakteurs und einer Handvoll zu einem „Exposé“ zusammengebastelter Urlaubs-photos aus Lhadak, einen Auftrag des ZDF an Land zu ziehen: die filmische Dokumentation der Flucht tibetischer Kinder über den Himalaya.
Im Frühjahr 2000 flog sie auf Kosten des ZDF nach Kathmandu, wo sie, eigenen Angaben zufolge, im Touristenviertel der Stadt per Zufall auf zwei Tibeter stieß, die sich als professionelle Fluchthelfer auswiesen und ihr erzählten, ein weiterer Guide sei eben nach Tibet unterwegs, einen Trupp Flüchtlingskinder über die Grenze nach Nepal zu holen. Mit Hilfe eines eigens eingeflogenen Kameramannes habe sie die Flucht dieser Kinder in Bild und Ton festgehalten. Der Film wurde Ende des Jahres auf 37° ausgestrahlt. Kurze Zeit später erhielt Blumencron dafür den „Axel-Springer-Preis für junge Journalisten“, gefolgt von einer Unzahl weiterer Preise und Ehrungen. (Als mehrfach preisgekrönte „Dokumentarfilmerin“ durfte sie für den Bayerischen Rundfunk gar einen offiziellen Film über den Besuch Papst Benedikts XVI. in Altötting drehen.)
Laut Klapppentext ihres drei Jahre später erschienenen Buches zum Film kämpften sich „rund tausend tibetische Kinder jedes Jahr über die eisigen Pässe des Himalaya. Ihr Ziel: die Schulen des Dalai Lama in Nordindien. (...) Für viele der kleinen Flüchtlinge ist es ein Abschied für immer.“ Blumencron habe „sechs Kinder auf ihrer Flucht begleitet“, deren Geschichte stellvertretend stehe für die „Geschichte tausender tibetischer Kinder“: „Schlecht ausgerüstet, mit Turnschuhen und gerade soviel Proviant, wie sie tragen können, ziehen sie (...) über einen fast sechstausend Meter hohen Pass im Himalaya. Die Kinder können manchmal kaum weiter, kämpfen mit dem Schnee, mit Hunger und Erschöpfung (...). Immer wieder bleiben Kinder im ewigen Eis zurück.“
Tatsache ist: Blumencron hat kein einziges Kind auf einer „Flucht über den Himalaya“ begleitet, vielmehr erzählt sie frei erfundene Geschichten von sechs Kindern aus den entlegensten Teilen Tibets, die von ihren Eltern fortgeschickt worden seien, um sich zum Sitz des Dalai Lama im nordindischen Dharamsala durchzuschlagen. Zu Fuß, quer über vereiste Hochgebirgspässe und über eine Entfernung von mehreren tausend Kilometern.
In ihrem Buch räumt Blumencron ein, dass sie die Kinder erst nach dem Überschreiten eines Grenzpasses auf nepalischer Seite getroffen habe. Den vorhergehenden „Fluchtweg“ bis zu diesem Pass hat sie jedenfalls nicht selbst miterlebt, gleichwohl tut sie so, als sei sie die ganze Zeit über dabeigewesen. Eingebunden in herzzerreißende Geschichten, vor allem über den schmerzvollen Abschied der Kinder von ihren Familien, aber auch über die Torturen des wochenlangen Fluchtweges selbst, sind die szeneüblichen Klischees brutalster Unterdrückung des tibetischen Volkes durch die chinesischen Militärmachthaber, die die verzweifelten Eltern erst dazu zwinge, ihre Kinder, die sie womöglich nie wiedersehen würden, ins ungewisse Exil wegzuschicken. Diese Geschichten, um es zu wiederholen, sind frei daherfabuliert.
Vermutlich hat es noch nicht einmal die beschriebene Begegnung Blumencrons mit den sechs Kindern auf dem Grenzpass gegeben. Vielmehr steht anzunehmen, dass auch diese Geschichte erfunden ist, so wie die Geschichten des Dieter Glogowski, der schon seit Jahren mit Lichtbildervorträgen über tibetische Flüchtlingstrecks unterwegs ist und dem Anfang 2008 durch das ARD-Kulturmagazin Titel, Thesen, Temperamente nachgewiesen wurde, dass eine Photodokumentation über die dramatische Flucht zweier Kinder, die er seiner Multivisionsschau Tibet: Flucht vom Dach der Welt und einem gleichnamigen Bildband zugrundegelegt hatte, inszeniert war. Glogowski rechtfertigte sich, es sei „das geschilderte Flüchtlingsschicksal beispielhaft für Tausende solcher Schicksale“. Es gehe ihm „um die Gesamtproblematik, nicht um den Einzelfall“. Vorsorglich weist auch Blumencron darauf hin, dass sie „einige Namen, Orte und Zeiträume zum Schutz der in Tibet lebenden Menschen verändert“ habe.
Den beschriebenen Nangpala-Grenzpass im Nordosten Nepals gibt es tatsächlich, vielleicht war Blumencron auch wirklich dort, um ihren Geschichten Lokalkolorit und damit den Anschein des Authentischen verleihen zu können; vielleicht hat sie sogar die Passhöhe erstiegen, was allerdings keine besondere Leistung darstellt: es handelt sich um einem seit Generationen von Grenznomaden genutzten und entsprechend ausgetretenen Karawanenpfad. Überhaupt zählt die Solu-Khumbu-Region mit dem Mount Everest und besagtem Pass zu den touristisch am besten erschlossenen Wander- und Trekkinggebieten des gesamten Himalayaraumes: man kann sich bequem von Kathmandu aus mit dem Kleinflugzeug nach Lukla ins Zentrum der Region hinauffliegen lassen.
Je näher man hinsieht, desto unglaubwürdiger erscheinen Blumencrons Flüchtlingsgeschichten. Tatsächlich kann jeder Tibeter und jede Tibeterin jederzeit und ohne weiteres einen Reisepass der chinesischen Behörden für eine Reise ins Ausland erhalten. Es ist ein Leichtes, mit dem Bus etwa von Lhasa nach Kathmandu und von dort aus weiter nach Dharamsala in Nordindien oder sonstwohin zu fahren. Wer, aus welchem Grunde immer, Tibet verlassen will, ist keineswegs auf heimliche Flucht angewiesen. Selbst einer der ranghöchsten Repräsentanten des Dalai Lama, Kelsang Gyaltsen, gibt zu, dass Tibeter problemlos von Tibet aus- und nach Tibet einreisen könnten: „Seit 1979 können die Exil-Tibeter ihre Verwandten in Tibet besuchen und umgekehrt. Im Laufe der letzten Jahre waren viele Exil-Tibeter zu Besuch in Tibet und viele Tausende von Tibetern aus Tibet sind zu Pilgerreisen nach Indien gekommen.“ In einem – offenbar unbedachten – Absatz ihres Buches beschreibt auch Blumencron die Pilgerströme, womit sie ihre Geschichten heimlicher Fluchtnotwendigkeit selber als Farce entlarvt: zum Neujahrsfest Losar kämen alljährlich „besonders viele Tibeter über die Berge. Nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Pilger, die sich vom Dalai Lama für das Neue Jahr segnen lassen wollen.“
Tibetische Eltern, die ihr Kind in eine buddhistische Klosterschule außer Landes geben wollen, können dies völlig problemlos tun. Wer nach Dharamsala will, wählt selbstredend den kürzesten Weg über einen der Grenzübergänge in Westtibet direkt in den benachbarten indischen Bundesstaat Himachal Pradesh, wo der vormalige „Gottkönig“, 250 Kilometer Luftlinie von der Grenze entfernt, seinen Exilsitz unterhält. Es wäre absurd, von West- oder Nordtibet aus erst 2000 Kilometer und mehr in südöstlicher Richtung nach Lhasa zu reisen, um von dort in riesigem Bogen über Kathmandu und Neu-Delhi 4000 Kilometer zurück in das westlich an Westtibet angrenzende Himachal Pradesh zu gelangen. Ebensolchen Unsinn aber sucht Blumencron ihrem Publikum weiszumachen: zwei ihrer angeblichen Flüchtlingskinder, ein sechs- und ein zehnjähriges Mädchen seien von ihren Eltern aus Westtibet – genauere Angaben gibt es nicht – nach Lhasa und von dort über besagten Nangpala-Pass nach Kathmandu „geflohen“, bis sie letztlich via Neu- Delhi nach Dharamsala zu ihrem „Gottkönig“ gekommen seien: 6000 Kilometer, ohne Geld, ohne Proviant und in billigen chinesischen Turnschuhen. Tausend Kinder, so Blumencron, kämen pro Jahr auf diese Weise nach Dharamsala, hinzu kämen zumindest tausend erwachsene Flüchtlinge. Da ein Überqueren der Himalayapässe nur in den Wintermonaten möglich ist – im Frühjahr und Sommer taut der Schnee tagsüber zu unpassierbarem Matsch auf –, müssten, wären die Geschichten Blumencrons und Glogowskis wahr, täglich mehrere Flüchtlingstrecks auf heimlichem Pfade Tibet verlassen: alle über den Nangpala, und alle unentdeckt von den chinesischen Grenzbehörden.
In ihrem aktuellen Buch schiebt Blumencron den Geschichten aus ihrem Bestseller von 2003 in wirren Zeit- und Ortssprüngen die Geschichte einer weiteren „Fluchthilfe“ vorneweg, die sie bereits vor ihrer Reise nach Kathmandu unternommen habe und bei der sie tatsächlich auch in Tibet gewesen sei. Sie sei, zusammen mit ihrem seinerzeitigen Guide und einer achtköpfigen Kindergruppe von chinesischer Geheimpolizei verhaftet worden. Während man sie nur zwei Tage und Nächte lang streng verhört und letztlich, da man nichts aus ihr herausbekam, freigelassen habe, sei ihr tibetischer Fluchthelfer, ein Mann namens Kelsang, auf grausamste Weise gefoltert worden: „Sie treten ihn mit ihren Stiefeln, sie drücken ihre glühenden Zigaretten in seinen Handflächen aus“. Wieder tut Blumencron so, als sei sie persönlich dabeigewesen.
Im Jahre 2007 gründete Blumencron unter dem Signet Shelter108 e.V. einen eigenen Spendensammelverein: „Da meine Bücher und Filme stets eine große Welle von Hilfsbereitschaft entfachen, war es höchste Zeit, einen Verein zu gründen, um Einsatz und Spenden professionell zu bündeln.“ Geschäftsführer ist Lebensgefährte Jörg Arnold.
Artikel aus MIZ 4/08
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