von Roland Ebert
Für den Koran und die Heiligen Schriften des Islam gibt es keine von allen Muslimen anerkannte Interpretation. Jede kleine Gruppe besitzt eine eigene Kompetenz. Insofern ist es eigentlich kaum möglich, einen für alle Muslime verbindlichen Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes einzuführen. Deutsche Politiker versuchen jedoch genau dies und treten dabei in die verschiedensten Fettnäpfchen.
Die nach Deutschland gekommenen Arbeiter aus islamisch geprägten Ländern fielen anfänglich wegen ihrer anderen Religion nicht besonders auf. Ihre Moscheen und die damit verbundenen Koranschulen befanden sich in Hinterhöfen und waren somit kaum sichtbar. Mitte der 1980er Jahre setzte sich die Einschätzung durch, dass die in Deutschland lebenden „Gastarbeiter“ auf Dauer bleiben und ihre Kinder hier zur Schule gehen werden. Als erstes Bundesland bot Nordrhein-Westfalen das Schulfach „Islamische Unterweisung“ an. Die Lehrpläne für die Klassen 1 bis 4 hatten ein integratives Ziel. Die Kinder seien nicht in ihrer ethnisch-kulturellen Herkunft sondern in ihrer religiösen Zugehörigkeit zu beheimaten. Der zunächst in arabischer oder türkischer Sprache gehaltene Unterricht wurde ab 1999 in Deutsch durchgeführt. Seit dem 11. September 2001 gilt der Islamunterricht als eine Möglichkeit, die religiös-ethische Erziehung im Sinne des Grundgesetzes zu gestalten und damit extremistischen Einflüssen vorzubeugen. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche staatlich getragene Modellversuche durchgeführt: in Niedersachsen, Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. In Berlin (wo Religion kein „ordentliches Schulfach“ ist) findet der Unterricht unter der Verantwortung der Islamischen Föderation statt. In Bremen gibt es nur Ethikunterricht; in Hamburg hingegen wird ein überkonfessioneller „Religionsunterricht für alle“ durchgeführt. In den ostdeutschen Ländern wurden wegen zu geringer Anzahl muslimischer Kinder keine Schulversuche initiiert.1
Aufgrund der EG-Richtlinie „über die schulische Betreuung der Kinder von Wanderarbeitern“ aus dem Jahr 1977 wurde in Deutschland ein türkischer Staats- und Landeskunde-Unterricht eingeführt. 1998 unterrichteten 497 türkische Staatslehrer ohne Deutschkenntnisse rund 200.000 türkische Kinder in türkischer Staats- und Landeskunde. Gegen diese Indoktrination bildete sich Widerstand. Es beklagten sich auch alevitische Eltern, die den Unterricht der zumeist sunnitischen Lehrer und deren reaktionären Lehrbücher verwarfen. Alternativlösungen scheiterten aber an den Kosten.2
Einfluss der Kirchen
Bevor 1986 der Islamunterricht an der Volksschule eingeführt wurde, meldeten sich islamische Verbände und die christlichen Großkirchen zu Wort. Die Muslime verlangten, an der Lehrplanentwicklung beteiligt zu werden; die christlichen Kirchen führten verfassungsrechtliche Bedenken an. Denn Religionsunterricht dürfe nur im Einvernehmen mit den Religionsgemeinschaften angeboten werden. Wenn nun der Staat im Falle der Muslime selbst den Lehrplan erstelle, greife er in dieses Recht ein – die Kirchen sahen also ihre eigenen Privilegien gefährdet. Um diese Befürchtungen zu zerstreuen, verzichtete das nordrhein-westfälische Kultusministerium auf die Bezeichnung ‘Religionsunterricht’ und entschied sich für ‘Religiöse Unterweisung für Schüler islamischen Glaubens’. Der Unterschied zum Religionsunterricht lag darin, dass das Fach nicht versetzungsrelevant war. Die katholische Kirche signalisierte auch Zustimmung, als Islamrat und Zentralrat der Muslime gegen das Land Nordrhein-Westfalen klagten, um die Einführung eines vollwertigen Religionsunterrichtes unter Mitwirkung der Verbände zu erreichen.3 Einen Monat nach den katholischen Bischöfen sprach sich auch die EKD für das Recht der Muslime auf einen islamischen Religionsunterricht aus. „Ähnlich wie beim evangelischen Religionsunterricht, den verschiedene reformatorische Bekenntnisse mitverantworten“, müssten sich islamische Gruppen und Vereinigungen auf die Unterrichtsinhalte verständigen.4 Dem widersprach Bassam Tibi, der sich zu den Reform-Muslimen zählt und nicht durch die bestehenden Verbände vertreten fühlt. Er verwies darauf, dass es in der Islam-Diaspora unüberbrückbare Gegensätze gebe. So erkennen sich z.B. Sunniten und Aleviten gegenseitig nicht als Gläubige an.5
Als sich der Fuldaer Bischof Algermissen 2003 für die Einführung eines regulären islamischen Unterrichts an deutschen Schulen einsetzte, erhielt er breite Zustimmung. Nicht nur die EKD unterstützte die Forderung, sondern auch die Kultusministerkonferenz.6 Der Zentralrat der Muslime zeigte sich erfreut, dass ein prominenter Geistlicher ihre alte Forderung unterstützte, und das Islam-Archiv in Soest hoffte, die katholische Kirche könnte Schrittmacherdienste auf dem schwierigen Weg zu einem islamischen Religionsunterricht leisten.7
Gerichtsurteil als Auslöser staatlicher Maßnahmen
Nach dem Urteil des Berliner Oberverwaltungsgerichts, das dem Verein Islamische Föderation das Recht auf Erteilung eines islamischen Religionsunterrichtes im Land Berlin zubilligte, kam es 1998 zu einer heftigen Diskussion. In der Debatte des Stuttgarter Landtags plädierten SPD und Grüne für die sofortige Einführung eines islamischen Religionsunterrichts. Auch der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion Helmut Rau sprach sich deutlich dafür aus und verwies dabei auf die seit 1985 bestehende Praxis in Bayern.8 Als baden-württembergischer Kultusminister beantwortete er Jahre später die Frage, warum die Unionsparteien hinsichtlich Integration und islamischem Religionsunterricht immer vorpreschten: „Wir als Unionsparteien haben nach wie vor einen sehr engen Bezug zur religiösen Erziehung von Kindern. Es ist Auftrag der Schulen, an dieser religiösen Erziehung mitzuwirken. Wenn ich das ernst nehme, dann ist das auch eine Aufgabe gegenüber muslimischen Kindern.“9 Nur die damalige Kultusministerin Annette Schavan wich aus, indem sie darauf verwies, dass die Verantwortung für einen Religionsunterricht in den Händen von Staat und Religionsgemeinschaften liege.10 Eineinhalb Jahre später erläuterte sie ihre Zurückhaltung folgendermaßen: „Ich plädiere dafür, dass der Islam in Deutschland, genauer die vielen islamischen Gruppen, in Zukunft repräsentative Strukturen aufbauen muss.“ Das sei keine Sondererwartung an den Islam, „das erwarten wir von den christlichen Kirchen ebenso“.11 Die studierte Theologin argumentierte wie die Kirchensprecher.
In ihrem im September 2003 vorgelegten Dokument „Christen und Muslime in Deutschland“ traten die katholischen Bischöfe – ähnlich früheren Verlautbarungen – für „einen islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen nach den Maßgaben des Grundgesetzes“ ein und darüber hinaus für die Respektierung islamischer Speisevorschriften etwa in Kindergärten und Schulen oder für die Einrichtung von Gebetsräumen in Krankenhäusern.12 Mithin scheinen die Bedenken gegen einen islamischen Bekenntnisunterricht ausgeräumt zu sein. Im Frühjahr 2007 kritisierten die Kirchen in Hessen die schleppende Einführung eines islamischen Bekenntnisunterrichts. Kultusministerin Karin Wolff verwies auf die Schwierigkeit, einen zentralen Ansprechpartner bei den Muslimen zu finden.13 Diese Schwierigkeit beruht darauf, dass die Muslime keine kirchenförmigen Hierarchien kennen: Es gibt keine Verfahren der Entscheidung über religiöse Streitfragen – keine Konzile, keine Synoden und schon gar keinen Papst.14
Zweifelhafter Erfolg im Ländle
Als schneller Erfolg wurde der Versuch zur Einführung des islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache in Baden-Württemberg deklariert. Dort hatte man nach sechsjähriger Vorbereitung im September 2006 einen auf vier Jahre konzipierten Schulversuch an zwölf Grundschulen gestartet. Staatliche Lehrer mit muslimischem Hintergrund und einer halbjährlichen Fortbildung vermittelten in zehn Fällen sunnitische und in zwei Fällen alevitische Glaubensvorstellungen. Kultusminister Rau konstatierte nach einem halben Jahr: „Die Schüler besuchen den Islamunterricht mit Begeisterung. ... Und fürs kommende Jahr haben wir bereits eine deutlich gestiegene Nachfrage unter den Schülern.“15 Im Herbst 2008 dagegen war die Resonanz an zwei Stuttgarter Volksschulen bescheiden. Nur die Hälfte der 212 berechtigten Schüler nahm am Islamunterricht teil, obwohl alle Eltern vorher sogar vom Kultusministerium angeschrieben worden waren. „Viele Eltern fragen sich, ob den Kindern wirklich das beigebracht wird, woran sie selbst glauben“, begründete die Ansprechpartnerin des muslimischen Elternbeirats der Schwabschule die Zurückhaltung.16
Nicht alle Muslime fordern das Gleiche
In Hessen forderte die Türkisch Islamische Union (Ditib) wie für andere Bundesländer die Einführung eines Religionsunterrichts für Muslime.17 Die Deutsch-Marokkanische Gesellschaft für Bildung und Kultur plädierte dagegen auf ihrer Gründungsfeier für einen liberalen Ansatz für Islamkunde, die nicht einmal so heißen müsse und als historischer Fachunterricht konzipiert sein solle, so dass unter Umständen Angehörige aus allen Weltreligionen teilnehmen könnten.18 Die Initiative von säkularen und laizistischen Bürgern aus islamisch geprägten Herkunftsländern in Hessen sprach sich für die flächendeckende Einführung der bestehenden „Ethik des Islams“ und längerfristig die Entwicklung eines religionskundlichen Unterrichts aus. Bei einem regelrechten Religionsunterricht müssten die verschiedenen Strömungen berücksichtigt werden – und alleine in Frankfurt gibt es mehr als 30 Moscheen.19
Besonders prekär ist die Lage in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit den meisten Muslimen und den weitestgehenden Maßnahmen. Die Verhandlungen zwischen den muslimischen Dachverbänden und Regierungsvertretern über einen islamischen Bekenntnisunterricht stockten 2008. Die verschiedensten Gemeinschaften der rund eine Million Muslime verfolgen die unterschiedlichsten Interessen. Integrationsminister Laschet wollte in Köln und Duisburg, den Großstädten mit den meisten Muslimen im Land, mit den Vertretern der örtlichen Moscheegemeinden einen Lehrplan für die jeweilige Stadt aushandeln. Auch dieser Versuch auf kleinster Ebene scheiterte. Selbst die Vertreter der Gemeinden vor Ort fanden keinen Konsens. Widerstände gibt es vor allem bei den säkularen Türken. Sie befürchten den Einfluss der zumeist orthodox ausgerichteten islamischen Verbände. Von den Deutschtürken sind schätzungsweise 80% für einen säkularen Islam. Der Minister folgerte daraus: „Wir brauchen eine Form des Religionsunterrichts, in der sich die säkularen Muslime wiederfinden.“20 Die Vermittlung von Islamkunde schloss er aus.
Vorgabe des Bundesinnenministers
Im Jahre 2006 hatte Bundesinnenminister Schäuble die auf mehrere Jahre angelegte „Islamkonferenz“ initiiert. Ein wichtiges Ziel dieser Konferenz, die am 27. September 2006 zu ersten Mal zusammentrat, war die Einführung eines Islam-Unterrichts in deutscher Sprache, mit in Deutschland ausgebildeten Lehrern und unter staatlicher Aufsicht. Darüber hinaus sollen ein gemeinsames Verfassungs- und Werteverständnis sowie die Integration erörtert werden. Dabei soll auch die Abgrenzung zu islamistischen Ideen und Gruppen eine wichtige Rolle spielen. Schäuble ließ bei der Ankündigung auch keinen Zweifel daran, dass der Islam nur dann Teil der Mehrheitsgesellschaft werde, wenn er „seinen Teil der europäischen Aufklärung leistet“.21 Wörtlich sagte Schäuble beim zweiten Treffen der Islamkonferenz, dass „es unstrittig ist, dass islamischer Religionsunterricht nötig ist“. Dieser Unterricht müsse im Rahmen der staatlichen Ordnung stattfinden.22
Seit Ende März 2007 arbeiten die vier größten Muslimverbände in einem Koordinierungsrat zusammen. Dem Koordinierungsrat der Muslime gehören an: Islamrat, Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), Verband der Islamischen Kulturzentren und Zentralrat der Muslime.23 Dieser Koordinationsrat unter der Leitung des Zentralrats der Muslime wollte als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft mit den Kirchen anerkannt werden, einen flächendeckenden Religionsunterricht für Muslime und die Imame-Ausbildung in Deutschland. Dem Widersprach der Minister. Kurz vor der zweiten Islamkonferenz mobilisierte die Türkische Gemeinde Deutschlands gegen die Teilnahme der Ditib am Koordinationsrat und forderte deren Austritt. Die Türkische Gemeinde Deutschlands, die sich dem weltlichen Islam verpflichtet fühlt, widersprach erfolglos dem Zusammengehen mit den konservativen Verbänden. Ditib habe sich dadurch als Fürsprecher der säkularen Muslime disqualifiziert.24 Im Mai 2008 meldete sich abermals die Islamkonferenz unter Bundesinnenminister Schäuble mit der Forderung nach einer flächendeckenden Einführung des Islam-Unterrichts.25 Doch die Form des Unterrichts bleibt strittig.
Ausbildung von Islamlehrern
Für einen Islam-Unterricht ist die Frage der Lehrerausbildung entscheidend. Hier hat Nordrhein-Westfalen unter den Bundesländern die Vorreiterrolle übernommen. Für den bundesweit ersten Islamlehrer-Studiengang hatte Kultusministerin Kraft den aus Hamburg stammenden Islamwissenschaftler Muhammad Sven Kalisch nach Münster berufen. Er sollte als Professor für das Fach „Religion des Islam“ ab dem Wintersemester 2004/05 Lehrer in einem sechssemestrigen Erweiterungsstudiengang ausbilden.26 Weil die muslimischen Verbände den Koran verschieden auslegen, saß er von Beginn an zwischen den Stühlen. Kalisch hatte im Islam Zentrum Hamburg als Lehrbeauftragter unterrichtet. Dieses gilt als Sprachrohr des iranischen Systems und damit als Propagandainstrument für einen fundamentalistischen Islam. Viele Türken hätten lieber einen Landsmann auf diesem Posten gesehen. Andere zweifelten, ob er als Schiit von der Mehrheit der Muslime akzeptiert würde. Säkularen Muslimen missfiel, dass er einen Staatsislam bevorzuge. Wegen dieser und anderer Probleme wollte Kalisch die gesamte Breite des Islam lehren. Um die unterschiedlichsten Islamrichtungen zu berücksichtigen, hatte die Universität Münster für ihr Centrum für religiöse Studien einen Beirat mit Vertretern von sechs muslimischen Gruppen eingerichtet. Einige von ihnen hält der Verfassungsschutz für radikal, doch wegen fehlender Alternativen gelten sie dennoch als Sachverständige in Bildungsfragen.27
Die zunächst bekannt gewordenen Angaben zur Person des ersten Islam-Professors führten zu falschen Annahmen. Denn Kalisch gehört der schiitischen Strömung der Zaiditen an, die davon ausgeht, dass die Offenbarung im Sinne der Vernunft interpretiert werden muss.28 Folgerichtig erklärte er, er sehe seine Aufgabe darin, „die Studenten in die Lage zu versetzen, sich ihren Glauben selbst zu erarbeiten“.29 Zum Zeitpunkt der Einführung des sechssemestrigen Ergänzungsstudiums „Lehramtsanwärter für den islamischen Unterricht an öffentlichen Schulen“ in Münster im Wintersemester 2004/05 stand noch nicht fest, ob die Absolventen anschließend „islamkundlichen Unterricht“ oder „regulären Unterricht“ der islamischen Religion erteilen sollten. Kalischs Ziel war, dass die Studenten nach dem Abschluss „einen Überblick über die Vielfalt des Islams haben“.30 Zu religiösen Erziehung führte er aus: „Eine gute religiöse Erziehung ruht auf zwei Säulen: Die eigene Tradition einerseits klar vorleben, andererseits aber auch deren kritische Betrachtung einüben.“ Die Muslime müssten zur Erteilung eines Religionsunterrichts voll auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. In der Scharia fänden sich Gedanken, die nicht mit den Gedanken des modernen Rechtsstaates übereinstimmten. „Hier müssen Muslime ihre Texte so interpretieren, dass sie kompatibel sind. Das haben die Juden und Christen auch getan. Und das ist die entscheidende Leistung der Theologie: den Kernbestand des Glaubens freizulegen und ihn für die sich verändernden historischen Zuständen jeweils neu zu interpretieren.“31 Dies ist der historisch-kritische Ansatz.
Mit dieser Position waren die konservativen Verbände nicht einverstanden. Am 5. September 2008 verkündete die Presse: „Der Koordinierungsrat der vier größten islamischen Organisationen in Deutschland hat seine Mitarbeit im Beirat des Centrums für religiöse Studien an der Universität Münster beendet. Am Lehrstuhl würden Grundlagen des Islams in Zweifel gezogen.“ Ausdrücklich wurde Axel Ayyub Köhler, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime zitiert: „Kalisch bezweifelt grundsätzliche Lehren des Islam in so einer krassen Weise, dass man dem nicht mehr folgen kann. ... Wir sind für die Freiheit von Forschung und Lehre und wollen ihm nicht den Mund verbieten. Aber wir können niemandem empfehlen, bei ihm zu studieren.“32 Damit eskalierte der seit mehr als einem Jahr schwelende Konflikt des Koordinierungsrates mit Kalisch. Sprecher Erol Pürlü betonte die Position des Verbandes: „Wir vertreten, dass der Prophet besteht. Wir vertreten, dass der Koran Gottes Wort ist. Und deshalb möchten wir auch einen Wissenschaftler, der das vertritt und unsere Religionslehrer ausbildet.“ Man wünsche sich einen Lehrstuhlinhaber, der bei der Lehrerausbildung den sunnitischen Islam in den Vordergrund stelle.33
Infolge des Rückzugs des Koordinierungsrates aus dem Beirat entband das Rektorat der Universität Münster in Absprache mit dem Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) Professor Kalisch vom Auftrag zur Ausbildung von Islamlehrern. Der Universitätssprecher begründete dies so: „Wir müssen sicher stellen, dass die Lehrer, die künftig islamischen Religionsunterricht erteilen sollen, von den islamischen Verbänden akzeptiert werden.“ Das Land stellte finanzielle Mittel zur Verfügung, damit eine zweite Professur am Centrum für religiöse Studien eingerichtet werden kann. Laut Pinkwart soll für die Besetzung des Lehrstuhls „ein Votum der Verbände“ eingeholt werden.34
Der Koordinierungsrat des Muslime, ein weithin unbekannter Dachverband von Schariavereinen mit unbekannter Legitimation, ist nie durch intellektuelle Beiträge im Beirat des Centrum für religiöse Studien aufgefallen. „Sie verlangen die Lehrinhalte zu beeinflussen und die Besetzung von Professuren. Und offenbar haben sie vom künftigen islamischen Religionsunterricht nur eine Vorstellung: Er soll an nichts rütteln, was ihnen als unhinterfragbar gilt, erwarten also faktisch die Transaktion der orthodoxen Koranschulen in das staatliche Schulsystem. [...] Nach Schätzungen der Islamkonferenz vertritt der Koordinuerungsrat höchstens fünfzehn Prozent der Muslime. Wieso wird gerade diesen Verbänden so viel religionspolitischer Einfluss zugestanden?“, fragte selbst die FAZ.35 Es ist sehr merkwürdig, wenn eine Religion ohne eine Hierarchie ein „nihil obstat“ ausspricht wie die zentralistisch organisierte Katholische Kirche.
Alternativen
Dass die Unterweisung von islamischen Kindern ohne nennenswerte Konflikte möglich ist, belegen einige Beispiele. Im Erlanger Modellversuch bilden Eltern einen Trägerverein, der sich auf die Unterrichtsinhalte verständigen muss. Nach der Anerkennung durch das Kultusministerium dürfen sie Lehrkräfte vorschlagen, die zusätzlich qualifiziert werden. Über den Einsatz entscheidet der Freistaat Bayern, der den Unterricht finanziert.36 Mit diesem Basismodell würden staatliche Alternativen zu den Koranschulen geschaffen.
Seit dem Beginn des Schuljahres 2008/09 gibt es in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen das neue Schulfach „Alevitischer Religionsunterricht“. Die Alevitische Gemeinde Deutschlands stellt die Unterlagen für den Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes zur Verfügung, wählt Personen aus den im staatlichen Schuldienst befindlichen Lehrkräften aus und und zeigt sich zusammen mit den zuständigen Behörden für deren Aus- und Weiterbildung verantwortlich. Damit sind die Aleviten als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt worden. Der in Deutschland zugelassene Religionsunterricht ist einmalig auf der Welt.37 Nach dieser Methode könnten viele islamische Gruppierungen als eigenständige Religionsgemeinschaften anerkannt werden.
Die einfachste Lösung wäre, eine neutrale Islamkunde einzuführen. Sie würde den wenigsten Streit in Glaubensfragen bereiten und würde zudem dem oft angeführten Ziel der Integration am ehesten dienen, weil sie die säkularen Türken vielleicht mitnähme. Doch das ist ganz offensichtlich politisch nicht gewollt.
Anmerkungen:
1 Bettina Mittelstraß: Islam für alle, in: Tagesspiegel vom 6.5.2008.
2 Doppelt gebacken, in: Der Spiegel vom 19.10.1998.
3 Vgl. Karl-Heinz Heinemann: Keiner denkt daran, nur Suren zu pauken, in: Frankfurter Rundschau vom 11.3.1999.
4 Evangelische Kirche für Islamunterricht, in: Die Welt vom 25.9.1999.
5 Bassam Tibi: Trojanisches Pferd der radikalen Muslime, in: Focus vom 31.5.1999.
6 Für Islam-Unterricht an deutschen Schulen, in: Main-Echo vom 5.8.2003.
7 Gernot Facius: Plädoyer für Islam-Unterricht, in: Die Welt vom 12.8.2003.
8 Schavan prüft die Einführung islamischen Unterrichts, in: Main-Echo vom 13.11.1998.
9 Sebastian Fischer: Schüler besuchen den Islam-Unterricht mit Begeisterung, in: www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,472843,00.html (Zugriff vom vom 20.3.2007).
10 Schavan prüft die Einführung islamischen Unterrichts.
11 Ansprechpartner gesucht für Islam-Religionsunterricht, in: Main-Echo vom 9.3.2000.
12 D.D.: Für islamischen Religionsunterricht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.9.2003.
13 Martin Müller-Bialon: Hessen hinkt hinterher, in: Frankfurter Rundschau vom 4.7.2007.
14 Muslime außen vor, in: taz vom 3.7.2006.
15 Sebastian Fischer: Schüler besuchen den Islam-Unterricht mit Begeisterung, in: Spiegel Online vom 20.3.2007. www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,472843,00.html (Zugriff vom 20.3.2007).
16 Johannes Reichart: Nicht alle Muslime sind überzeugt, in: Stuttgarter Nachrichten vom 10.10.2008.
17 Pitt von Bebenburg: Türkische Muslim-Organisation möchte gerne unterrichten, in: Frankfurter Rundschau vom 31.12.2005.
18 Felix Helbig: Anspruch auf Islamkunde, in: Frankfurter Rundschau vom 25.6.2007 (Rhein-Main-Ausgabe).
19 Toe.: Säkulare Muslime für Islamkunde an Schulen, in: FAZ vom 1.9.2007.
20 Verhandlungen über Islamunterricht stocken, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 15.4.2008.
21 Robert Birnbaum: Islam-Konferenz soll gemeinsame Werte finden, in: Tagesspiegel vom 26.5.2006.
22 Clk: Staatliche Schulen sollen Islam unterrichten, in: Tagesspiegel vom 3.5.2007.
23 Alexander Marinos: Integration: Muslime in Deutschland machen Druck, in: Westdeutsche Zeitung WZN-Specials vom 2.5.2007.
24 Cigdem Akyol: Kritik an konservativen Muslimen, in: taz vom 30.4.2008.
25 Claudia Mende: Mohammed auf deutsch, in: Das Parlament vom 13.10.2008; Vera Gaserow / Frauke Haß: Islamische Religion als Schulfach strittig, in: Frankfurter Rundschau vom 15.3.2008.
26 Studiengang für Islamlehrer, in: FAZ vom 23.7.2004.
27 Dominik Cziesche: Heißer Stuhl, in: Spiegel vom 9.8.2004.
28 Arnfrid Schenk: In heikler Mission, in : Die Zeit vom 30.12.2004.
29 Joachim Frank: Zusammen Bittgebete sprechen, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 29.12.2006.
30 Gerlind Scheidt: An der Uni Münster werden Islam-Lehrer ausgebildet, in: Das Parlament vom 20.12.2004.
31 Joachim Frank: Zusammen Bittgebete sprechen.
32 Muslimverbände ziehen sich zurück, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 6.9.2008.
33 Pürlü verteidigt Ablösung von Kalisch, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 7.10.2008.
34 Gregor Taxacher: Der Fall Kalisch, in: WDR vom 8.10.2008, www.wdr.de/themen/kultur/religion/islam/konflikte/kalisch/index.jhtml (Zugriff vom 31.3.2008).
35 Regina Mönch: Wer droht, der bekommt recht, in: FAZ vom 27.9.2008.
36 Sven Loerzer: Mohammed auf dem Stundenplan, in: Süddeutsche Zeitung vom 30.1.2008.
37 Michael Kiefer: Aleviten machen Schule, in: taz vom 4.9.2008.
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