Zündfunke MIZ 1/14

Religionsfreie Zone in Köln

Bereits zum siebten Mal fand an einem Karfreitag im Kölner Filmhaus eine Religionsfreie Zone statt. Wer sich nicht der staatlich verordneten Trauerstimmung anschließen wollte, konnte sich zwei Spielfilme ansehen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Petra Daheim, Landessprecherin des nordrhein-westfälischen Landesverbands des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), erläuterte in ihrer Begrüßungsansprache, was das Feiertagsgesetz im einwohnerreichsten Bundesland vorsieht: Der Betrieb von Freizeitanlagen mit tänzerischen oder artistischen Darbietungen und unterhaltende Musikveranstaltungen sind ebenso verboten wie nicht öffentliche fröhliche Veranstaltungen außerhalb von Wohnungen (also etwa eine Geburtstagsfeier in einer Gaststätte). Während der Hauptzeit des Gottesdienstes müssen dann auch ernste Musik, Filme und Vorträge unterbleiben und selbst der Rundfunk hat auf den ernsten Charakter des Tages Rücksicht zu nehmen. Petra Daheim kritisierte, dass die Landesregierung in NRW in dieser Sache „zuverlässig untätig“ bleibe und verwies auf andere Bundesländer, in denen erste vorsichtige Schritte unternommen würden, das Feiertagsgesetz zu lockern.

Die beiden gezeigten Film erzählten dann ganz unterschiedliche Emanzipationsgeschichten. Der us-amerikanische Musikfilm Footloose dreht sich um den Konflikt zwischen lebenslustigen Jugendlichen und dem Establishment in einer Kleinstadt im Mittleren Westen, in der nach einem Unfall mit Todesfolge alle öffentlichen Tanzveranstaltungen verboten sind. Letztlich gelingt es, sogar den Pfarrer zu überzeugen und das Tanzverbot wird aufgehoben.

Der Film Die Nonne lehnt sich an einem Roman von Denis Diderot an und thematisiert die Perspektivlosigkeit einer jungen bürgerlichen Frau in der Feudalgesellschaft. Da die Mitgift für ihre beiden Schwestern die finanziellen Möglichkeiten der Familie erschöpft hat, soll Suzanne ins Kloster gehen. Sie lehnt sich zunächst auf und verweigert das Gelübde, ergibt sich dann aber doch in ihr Schicksal. Im Konflikt mit einer sadistischen Oberin beginnt sie schließlich, für ihre Freiheit zu kämpfen. Der Film veranschaulicht in intensiven Bildern, wie der einzelne Mensch dem System Kloster ausgeliefert ist, und bietet zugleich eine beispielhafte zeitlose Geschichte menschlichen Strebens nach Selbstbestimmung.


Esoterik in der Kritik

Um Chancen und Gefahren spiritueller Lebenshilfe ging es am 1. April in einer Abendveranstaltung der Berliner Urania, die in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen stattfand. Mit Dr. Claudia Barth und Heike Dierbach kamen dabei zwei bekannte Esoterikkritikerinnen zu Wort. Esoterik sei eine konkrete Praxis der Alltagsbewältigung, die Menschen anwenden, um wieder erfolgreich zu werden, wenn bisherige Konzepte nicht mehr funktionieren, stellte Barth in ihrem Input fest. Die Logik esoterischen Denkens machte sie an den Bestsellern Quantenheilung erleben von Frank Kinslow und Bärbel Mohrs Der kosmische Bestellservice deutlich. Glück könnte gleichsam mühelos erreicht werden, wenn man nur die eigene Sichtweise ändere, werde von den AutorInnen suggeriert. Man müsse sich lediglich mit der eigenen kosmischen Göttlichkeit, dem „höheren Ich“ verbinden. Mit dieser „Standleitung zum Universum“ (Barth), so das Versprechen, könne der als karmische Bewährungsprobe verstandene Alltag mit Leichtigkeit gemeistert werden. In dieser völlig individualisierten Perspektive werde alles mit persönlichem Sinn aufgeladen und gleichzeitig seiner gesellschaftlichen Bedeutung enthoben, was zu Lasten eines solidarisch-sozialen Bewusstseins gehe, kritisierte Barth. Ähnlich argumentierte auch Dierbach, die in ihrem Beitrag psychologische und esoterische Psychotherapie verglich. Während beide vorgäben, Menschen zu heilen, habe nur die erste ihre Wirksamkeit wissenschaftlich bewiesen. Esoterische Therapien seien nicht an der Kritikfähigkeit ihrer KlientInnen interessiert und nähmen Therapieschäden billigend in Kauf. Letzten Endes förderten sie ein demokratiefeindliches Menschenbild, so die Journalistin. Der Religionspsychologe Professor Dr. Michael Utsch betonte dagegen die Chancen spiritueller Denkansätze. Studien hätten gezeigt, daß der Glauben eine positive Wirkung auf das psychische Wohlbefinden habe, was vor allem für Personen, die bereits gläubig seien, gelte. Generell könne der Glaube die Menschen darin unterstützen, mit den Grenzsituationen des Lebens wie Tod oder Krankheit umzugehen. Ob dazu tatsächlich eine spirituelle Bindung nötig ist oder ob gesellschaftliche und persönliche Ressourcen genügen, war eine der Fragen, die in der anschließenden, sehr lebhaften Diskussion mit dem Publikum debattiert wurde.

Dagmar Schediwy


1000 Kreuze

Rund zweihundert christliche Abtreibungsgegner folgten am 22. März 2014 dem Aufruf der Lebensschützer-Organisation EuroProLife zu einem „1000 Kreuze für das Leben“-Gebetszug im westfälischen Münster. Ausgestattet mit weißen Holzkreuzen, Bildern von ungeborenen Föten und Marienstatuen forderten die christlichen Fundamentalisten eine Abschaffung des Rechts auf Abtreibung. Während in den Vorjahren die Anzahl der ‘Lebensschützer’ im Gebetszug mit rund einhundert relativ konstant war, hat sich ihre Zahl in diesem Jahr verdoppelt.

Mit dem 1000-Kreuze-Marsch in Münster eröffnet die Gruppierung EuroProLife traditionell ihre alljährliche Gebetszug-Saison. Weitere Märsche in München, Fulda, Salzburg, Berlin, London sowie in Straßburg – mit „anschließender Prozession rund um die Europäischen Institutionen” – sind bis November 2014 angekündigt.
Wie in den vergangenen Jahren regten sich auch diesmal massive Proteste gegen den Gebetszug der selbsternannten Lebensschützer in Münster. Zentrale Gegenveranstaltung war mit rund fünfhundert Teilnehmern die feministische Demonstration „Gegen 1000 Kreuze“, an der sich auch Mitglieder säkularer Organisationen beteiligten.


Aufklärung und Frohsinn

Das jährlich im vergleichsweise kleinen Kreis in der „Bergischen Schweiz“ stattfindende Wochenend-Seminar der Regionalgruppe Köln der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) wurde dieses Jahr mit über sechzig Teilnehmern zu einem Ereignis, das das heimelige Waldrestaurant im Bergischen Land fast an den Rand seiner Möglichkeiten brachte, was es aber mit Bravour meisterte. Ursächlich für den großen Andrang war die außergewöhnliche Großzügigkeit eines gbs-Beiratsmitglieds, das auf diese Weise seinen runden Geburtstag feierte: Er lud sich Referenten zu Vorträgen ein, übernahm die Kosten und ließ alle anderen, die er auch noch zum Abendessen und Aperol Spritz ohne Limit einlud, daran teilhaben. Die Begeisterung war allseits naturgemäß riesig. Gute Laune, strahlendes Frühlingswetter, ein herrlicher Blick in die Weite und von Herbert Steffen mitgebrachter Sekt mit dem Konterfei des Jubilaten, für alle als Andenken, machten die Sache zusätzlich rund.

Die Themen der Vorträge am Samstag waren jedoch, wie üblich bei der gbs, nicht fröhlich. Den Auftakt machte Rolf Bergmeier, der diesmal den Schwerpunkt beim Mittelalter setzte, das tatsächlich finster war: Die Mehrheit der Menschen lebte im Dienste des Klerus faktisch in Sklaverei, sie wurden nur nicht mehr Sklaven genannt.
Stephan Wallaschkowski referierte zur protestantischen Ethik und ihrem Einfluss auf den Kapitalismus. Staunen machte die Motivation der Calvinisten – nach deren Glauben Gott bei jedem vorgeburtlich Himmel oder Hölle vorbestimmt –, durch großen Ehrgeiz wirtschaftlichen Erfolg vorzeigen zu können, zum Beweis, dass sie zu den Auserwählten gehören. Das Vermögen soll aber weder für sich selbst noch für Arme, die ja aus gutem Grund arm sind, ausgegeben werden.

Reinhold Schlotz stellte dar, wie eng die Verbindung der katholischen Kirche mit Nazi-Deutschland war, bei wie vielen Beispielen Hitler tatsächlich nur wiederholte, was die Kirche in ihrer Geschichte vorgelebt hatte. Er stellte letztlich aber fest: Die besseren Nazis waren die Protestanten.

Am Sonntag hielt dann Michael Schmidt-Salomon einen mitreißenden und von vielen Lachern begleiteten Vortrag, mit dem er einen Abriss über das zehnjährige Bestehen der gbs gab. Sicher, jedem aktiven gbs-ler ist klar, dass es nicht nur eitel Sonnenschein gab und geben wird, und doch tat es einfach gut, nur mal all die vielen bisherigen Erfolge der gbs präsentiert zu bekommen, man fühlte sich angespornt, mit Freude und Elan weiterzumachen.

Constanze Cremer
 


 

Artikel aus MIZ 1/14

zurück zum Inhaltsverzeichnis