Neulich ... in Belgien

von Daniela Wakonigg

Manchmal kann ich einfach nur den Kopf schütteln. Und manchmal möchte ich ihn bis zur Ohnmacht schütteln. So jüngst geschehen, als in unserem Nachbarland Belgien die Ausweitung der – dort erlaubten – aktiven Sterbehilfe auf Kinder und Jugendliche diskutiert wurde. Kaum schwappte die Nachricht nach Deutschland, ging ein Aufschrei des Entsetzens durch kirchennahe Mainstream-Medien: Sterbehilfe bei Kindern? Welch entsetzlicher Meuchelmord an Schutzbefohlenen! Prompt wurde gottesfürchtiges Palliativ-Personal vor die Kamera gezerrt und bestätigte aus jahrelanger Erfahrung unisono: „Nein, diese Kinder wollen gar nicht sterben, die wollen leben!“

Was für eine durch und durch irrsinnige Verzerrung der Diskussion. Natürlich wollen diese Kinder leben. Ebenso wie wahrscheinlich die meisten todkranken Erwachsenen. Aber wenn keine Aussicht auf Heilung besteht, wenn die Schmerzen nicht mehr zu bekämpfen sind, dann wollen viele eben nicht mehr leben. Und es sollte ihr selbstverständliches Recht sein, in dieser Situation nicht mehr leben zu müssen. Egal wie alt sie sind.
Angestachelt von den kirchlich-lobbyistischen Moralaposteln sträubt sich die Politik in Deutschland seit Jahren erfolgreich gegen dieses Thema. Zielsicher nutzten diese Apostel die Diskussion in Belgien, um ihre üblichen Hui-Buh-Rufe medienwirksam zu platzieren. Denn es ginge – so hören wir von Gegnern der Sterbehilfe – schließlich sowieso nur darum, der sabbernden Oma eine staatlich sanktionierte Giftspritze zu geben, damit endlich das Krankenbett frei wird. Und nun soll es auch noch die armen todkranken Kinderlein treffen, deren verlotterte Eltern ihre Zeit nicht mehr im Krankenhaus vertrödeln wollen, um sich zügig an die Produktion von weniger kränkelndem Nachwuchs machen zu können.

Das also ist das christliche Menschenbild? Erstaunlich! Ich persönlich kenne keine Eltern, die ihr todkrankes Kind nicht so lange wie möglich bei sich behalten wollen, für die es nicht ein unendlich schwerer Weg ist, loszulassen. Natürlich. Denn die christlichen Hui-Buh-Rufe sind eben nichts anderes als Hui-Buh-Rufe. Das Verbot von Sterbehilfe fordern christliche Lobbyisten nur aus einem einzigen Grund: Weil sie persönlich glauben, dass kein Mensch, nur ihr Gott, das Recht hat, ein menschliches Leben zu beenden. – Abgesehen freilich von Kriegssituationen, in denen Militärseelsorger dem allgemeinen Abschlachten ihren Segen geben.

Wer diesen Glauben teilt und überzeugt ist, dass er die eigene unheilbare Krankheit und die unerträglichen Schmerzen seinem gütigen Gott verdankt, der mag beides freiwillig auskosten, so lange er will. Aber kann es wirklich sein, dass diese glaubensfrohen Menschen irgendwann vielleicht auch mich zum Leiden ohne Ausweg verurteilen? Ja, es kann sein. Jedenfalls in Deutschland. Bis, ja, bis endlich die Vernunft einzieht in die Politik und wir nach der Pommes auch das Recht auf selbstbestimmtes Sterben von unseren belgischen Nachbarn importieren werden.
 


 

Artikel aus MIZ 1/14

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