Tiere der Bibel

In eigenen Zooführungen wird Kindern die „Schöpfungsgeschichte“ vermittelt

von Colin Goldner

Interessanterweise gibt es unter den Zoodirektoren hierzulande eine Vielzahl gläubiger Christen, die dem Schöpfungsgedanken im Zweifel näher stehen als der Evolutionslehre. Einer davon ist der Direktor des Dortmunder Zoos, Frank Brandstätter, Jahrgang 1966, der, obgleich veritabler Biologe, mit der Behauptung aufwartet, die biblische Schöpfungsgeschichte stimme „in ihrem groben Verlauf“ mit der Evolutionstheorie überein: „sie widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich“.1

Im Jahre 2010 hat Brandstätter, zusammen mit den Direktoren der angeblich wissenschaftlich geführten Zoos in Köln und Berlin, ein Kinderbuch herausgebracht, in dem er die Tiere, die in der Bibel vorkommen, in Wort und Bild vorstellt. Dagegen wäre nun weiter nichts einzuwenden, stünde das Projekt Tiere der Bibel nicht unter ausdrücklich kreationistischen Vorzeichen und damit in offenem Widerspruch zum Bildungsauftrag, den staatlich subventionierte und daher der Wissenschaft verpflichtete Zoos haben. 

Ziel des Buches, so Brandstätter, sei es, Kinder an die „Schönheit der Schöpfung heranzuführen“, in ihnen „Sinn und Geschmack an Gottes Natur auszubilden“.2 Im Eingangskapitel wird dargestellt, wie „Gott die Menschen und Tiere erschaffen hat“, im Folgekapitel, wie sehr er sie doch liebt. Groteskerweise dreht sich dieses Kapitel um die Sintflut, in der Gott bekanntlich alle Menschen und Tiere umbringt bis auf jene – zwei von jeder Art –, die er in Noahs Arche überleben lässt. Anstatt die Vernichtung allen Lebens durch einen pathologisch strafwütigen Gott kritisch zu hinterfragen, preist Brandstätter seiner Leserschaft, sprich: den entsprechend zu unterweisenden Kindern, ein eigens für das Buch komponiertes „Noahlied“ an, in dem unbedingte Botmäßigkeit ebendiesem Gott gegenüber gefordert wird: „Noah soll die Arche bauen, Noah muss auf Gott vertrauen, Noah tut, was Gott befiehlt...“3. Das Lied ist auch auf einer begleitenden CD zu hören.

Das aufwändig gestaltete Buch, herausgegeben vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, dient als Handreichung für Bibelführungen, die mittlerweile in vielen Zoos stattfinden und, so Brandstätter, sich „zunehmend großer Beliebtheit“ erfreuen. Entsprechend zusatzqualifiziertes Personal führt Kindergarten- und Schulgruppen gezielt zu den Käfigen jener Tiere, die an irgendeiner Stelle in der Bibel vorkommen (angeblich 130 Tierarten): Kamele, Esel, Schafe, Pelikane, Eidechsen, Schlangen, Leoparden, Heuschrecken usw. Bei jedem Tier werden die biblischen Referenzstellen verlesen und exegetisch erläutert, dazu werden religionspädagogisch wertvolle Lieder, Gedichte, Gebete und Meditationstexte vorgetragen.

Vor dem Großkatzenkäfig beispielsweise wird die Geschichte des Propheten Daniel erzählt [6,17-25], den man „zur Strafe [=für die Anrufung seines Gottes] in eine Löwengrube den Löwen zum Fraß vorwarf. Sein Gott aber, Jahwe, sandte einen Engel, der ihn beschützte.“ Auch auf das Brüllen des Löwen „als Symbol für die Auferweckung der Toten durch Christus“ kann hingewiesen werden.4 Vor Aquarien hingegen wird aus dem 1. Buch Mose zitiert: „Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt...“ , dazu aus dem Markus-Evangelium: „Jesus nahm die fünf Brote und die zwei Fische, schaute zum Himmel und sprach: ‚Danke lieber Gott. Du bist groß und mächtig. Du gibst allen Menschen zu essen!’“ Ausführlich wird das Fisch-Symbol erörtert, das gläubige Christen gerne auf dem Kofferraumdeckel ihrer Autos spazierenfahren, zudem wird ein (ebenfalls eigens für das Buch komponiertes) „Jonalied“ gesungen: „Von dem Fisch verschluckt, was kann jetzt noch Rettung sein?“5

Zur Vor- und Nachbereitung des Zoobesuches gibt es verschiedene Spiel- und Quizvorschläge, dazu theoretische Handreichungen etwa über „Tierschutz in der Bibel“ (verfasst von Brandstätter selbst) sowie ein Gespräch mit dem Tierfilmer Heinz Sielmann, der die mangelnde Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung beklagt, die ursächlich sei für die „immer häufigeren Erdbeben und Überschwemmungen“: Demut und eine Rückbesinnung auf christliche Werte tue not.6

Religionsferne als Ursache für Ökokatastrophen

In einem Geleitwort räsonniert auch der frühere Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) über den Zusammenhang zwischen „Ökokatastrophe und einer wachsenden Distanz vieler Menschen zur Religion“, und die seinerzeitige Familien- und heutige Bundeswehrministerin Ursula von der Leyen (CDU), Schirmherrin des gesamten Projekts, steuert die Erkenntnis bei, Tiere seien „besonders gut geeignet, um Kindern die Schöpfung ebenso nahezubringen wie die Bibel“.7 Nicht zuletzt lassen sich Prominente wie Heino oder der Bierzeltentertainer DJ Ötzi8 zu ihrem jeweiligen „Lieblingstier in Gottes Schöpfung“ aus. Der seinerzeitige Bundespräsident und bekennende Katholik Christian Wulff teilte mit, sein Lieblingstier in der Schöpfung sei der Tapir, da „diese Tierfamilie schon etwa 50 Millionen Jahre auf unserer Erde durch die Wälder streift.“9 (Wulffs Begründung ist insofern nicht ohne Witz, als nach christlichem Schöpfungsglauben Gott die Erde erst vor weniger als 10.000 Jahren geschaffen hat. Dass es Tapire tatsächlich erst seit dem mittleren Miozän gibt, also seit 14 Millionen Jahren, ist da nur von nachrangiger Bedeutung.)

In einem Gespräch über den „Zoo als Lernort des Glaubens“ betont der langjährige Berliner Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz (der auch dem erwähnten Bibelbuch des Bonifatiuswerkes zugearbeitet hat): „Mitgeschöpflichkeit zu erfahren, ist für Kinder sehr wichtig. Ob jemand von der Mannigfaltigkeit der Natur redet oder von der Mannigfaltigkeit der Schöpfung, das ist ein qualitativer Unterschied.“ Seit Jahren schon werden auf seine Anweisung hin Bibelführungen in den Berliner Zoos veranstaltet. Bezugnehmend auf sich selbst tönt Blaszkiewitz (der über Jahre hinweg in führender Funktion dem erzkatholischen Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem zugehörte10): „Wer mit Naturwissenschaft umgeht und dabei nicht diesen im Hintergrund wirkenden Schöpfergott sieht, ist geistlich arm. Wer vielmehr die Natur betrachtet, wer in der Natur lebt, kann den Schöpfergott erkennen.“11 Folgt man den Ausführungen des Heilig-Grab-Ritters Blaszkiewitz, gibt es für derlei gottoffenbarende Naturbetrachtung kaum einen geeigneteren Ort als den Zoo.

In einigen Zoos werden insofern auch ökumenische „Freiluftgottesdienste“ veranstaltet (bevorzugt vor den Gehegen heimischer Hirschtiere und untermalt von Jagdhornbläsern, womit an die Hubertuslegende angeknüpft wird, derzufolge ein gewisser Pfalzgraf Hubertus von Lüttich [ca. 655-727] von einem weißen Hirsch mit einem Kruzifix zwischen dem Geweih zum Christentum bekehrt worden sein soll.) In der Vorweihnachtszeit werden gerne auch „Krippen“ mit lebenden Tieren (Kamele, Esel, Schafe etc.) aufgestellt, und selbstredend kommt der „Heilige Nikolaus“ mit Rentieren zu Besuch.

Bezeichnenderweise setzen auch und gerade Politiker der christlich-konservativen Ecke sich bevorzugt für Zoos ein: Kanzlerin Angela Merkel beispielsweise macht sich für den Zoo Stralsund stark, Christian Wulff tat dies in seinen Zeiten als Ministerpräsident Niedersachsens für die Zoos in Osnabrück und Hannover (während er zugleich die konventionelle Hühner- und Putenqualhaltung in seinem Bundesland vorantrieb12). Richard von Weizsäcker engagierte sich als Bundespräsident für den „Hauptstadtzoo“ in Berlin, desgleichen sein Nachfolger Horst Köhler. Auch Helmut Kohl, Norbert Blüm, Wolfgang Schäuble und zahllose andere Unionspolitiker, die ansonsten nicht das Geringste für Tiere übrig haben (außer auf dem Teller), gelten als bekennende Tiergartenfreunde; selbstredend auch Norbert Röttgen, der in seiner Zeit als Bundesumweltminister den Jubiläumsbildband zum 125-jährigen Bestehen des Verbandes Deutscher Zoodirektoren mit einem Geleitwort schmückte: „Seit es Zoos gibt, sind die Menschen von ihnen fasziniert. Diese Faszination für wildlebende Tiere und ihre Lebensräume hat auch im Zeitalter der vermeintlich perfekten virtuellen Welten nichts von ihrer Kraft eingebüßt, im Gegenteil: Über 40 Millionen Besucher besuchen jedes Jahr die Zoologischen Gärten des VDZ.“13 (Auch wenn die Besucherzahl der dem VDZ angeschlossenen Zoos weit darunter liegt, hat Röttgen prinzipiell recht: Zoos zählen zu den meistbesuchten Freizeiteinrichtungen überhaupt.14 Allerdings sind die angegebenen Zahlen – einschließlich der VDZ-unabhängigen Zoos ist von jährlich 60 Millionen Besuchern allein in Deutschland die Rede – irreführend: viele Menschen besuchen ein und denselben Zoo mehrfach pro Jahr, manche regelmäßig jede Woche oder gar täglich und/oder suchen reihum verschiedene Zoos auf, so dass die Zahl zoobesuchender Menschen tatsächlich nur einen Bruchteil der Zahl registrierter Zoobesuche ausmacht.)

Zoobesuche und christliche Wählerstimmen

Vor allem aber in der Kommunal- und Landespolitik gibt es kaum einen Mandatsträger, der sich nicht danach drängte, eine Tierpatenschaft zu übernehmen und so mit dem örtlichen Zoo assoziiert zu werden: Nicht zuletzt sind die von Röttgen angesprochenen zigmillionen Besucher pro Jahr auch zigmillionen potentielle Wählerstimmen. Der tiefere Grund für das Faible gerade christlich angehauchter Politiker für den Zoo dürfte indes in ihrer christlich geprägten Sicht auf das Verhältnis Mensch-Tier zu suchen sein, die ihrerseits determiniert ist durch den biblischen Unterjochungsauftrag aus dem 1. Buch Mose, in dem Gott selbst den Menschen befiehlt, zu herrschen „über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht“ [1.Mose 1,26).15 Wo sonst würde dieser Auftrag gottgefälliger ausgeführt als im Zoo, der, um hier nicht missverstanden zu werden, auf Juden, Muslime oder sonstig Gläubige, die dem Wahn verfallen sind, als  Menschen „Krone der Schöpfung“ zu sein, die gleiche Anziehungskraft ausübt wie auf gläubige Christen?

Anmerkung

1    Brandstätter, Frank: Biblische Tierwelten: Darwin trifft Noah. Dortmund 2010. S. 11.
2    Brandstätter, Frank, et al.: Was für ein Gewimmel: Die Tiere der Bibel für Kinder. Kevelaer 2010,  S. 9.
3    ebd., S. 19.
4    ebd., S. 74 und S. 176.
5    ebd., S. 128f.
6    ebd., S. 181.
7    ebd., S. 5.
8    „DJ Ötzi“ ist der Künstlername des Österreichers Gerhard Friedle (*1971), der mit Songs wie „Burgerdance“ weithin bekannt wurde.
9    zit. in: Brandstätter, Frank, et al.: Was für ein Gewimmel: Die Tiere der Bibel für Kinder. Kevelaer 2010.
10    www.ritterorden.de/ritterorden_xslt/investituren/Erfurt_2008/Erfurt_Bericht.php [22.4.2012]. Blaszkiewitz firmierte von 2003 bis 2011 als Leiter der Berliner Komturei.
11    www.bonifatiuswerk.de/fileadmin/user_upload/bilder/Pressefotos/Kinderhilfe-Jubilaeum/Interview_Blaszkiewitz_01.doc [2.4.2012].
12    www.peta.de/web/tierrechtsbewegung. 3423.html [20.6.2012].
13    Röttgen, Norbert: Geleit, in: Verband deutscher Zoodirektoren (Hrsg.): Gärten für Tiere: Erlebnisse für Menschen (Geleitwort). Köln 2012, S. 7.
14    vgl. www.zoodirektoren.de/magazin/artikel.php?artikel=3883&type=2&menuid=11&topmenu=10 [22.7.2012].
15    www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/9/ [15.1.2012].


 

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