„Wir nutzen den Boulevard und wir erzielen Resultate“

Ein Interview mit Josephine Witt über die femen-Bewegung und ihre Kritik an Religion(en)

Die femen-Bewegung provoziert und demaskiert – kontrovers und medienwirksam. Markenzeichen: kurze, politisch provokante Worte auf nackten weiblichen Oberkörpern für Frauenrechte, gegen die Unterdrückung, Gewalt und Sexualisierung der Frauen, gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Und die mediale Präsenz und die Tatsache, in kürzester Zeit so häufig Schlagzeilen produziert zu haben, scheint der Idee Recht zu geben... Nicole Thies sprach für die MIZ mit Josephine Witt, eine der deutschen Aktivistinnen.

MIZ: Ihr bezeichnet euch als Aktivistinnen und Frauenrechtsorganisation. Eure religionskritischen Aktionen haben für Furore gesorgt. Was genau kritisiert ihr an Religionen?

Josephine Witt: Wir kritisieren das System der Religion, das sich und seine Moralvorstellungen über die Gesellschaft, Menschenrechte und Wissenschaft stellt; die Frauenfeindlichkeit, die Ignoranz gegenüber der Realität, die Lobbyarbeit gegenüber Gesetzesgebern. Wir fordern die Trennung von Kirche und Staat.
MIZ: Die Kritik an der Ignoranz gegenüber der Realität und der kirchlichen Lobbyarbeit sowie die Forderung zur Trennung von Staat und Kirche betreffen nur mittelbar Frauenrechte. Dennoch gehörten Kirchen- und Religionskritik von Anfang an zu euren Kernthemen. Woran liegt das? Besteht ein Zusammenhang damit, dass femen in der Ukraine gegründet wurde, einem Land, in dem die orthodoxe Kirche wieder gestärkt an Macht gelangt ist?
Josephine Witt: Das ist mit Sicherheit der Fall. Der orthodoxen Kirche kann man dort kaum entfliehen und die traditionelle Verflechtung mit der politischen Macht ist unheimlich stark ausgeprägt. Allerdings ist es nun einmal auch so, dass femen sich nicht auf die „üblichen“ Frauenrechtsthemen wie Abtreibung oder Quote beschränkt. Wir sehen die Zusammenhänge von Repressionen im Großen und Repressionen im kleinen, beispielsweise familiären Rahmen. Seit den Anfängen ist eines unserer Hauptthemen auch die Bekämpfung der Diktatur.

MIZ: Die mir bekannten Aktionen richteten sich gegen die römisch-katholische und orthodoxe Kirche sowie gegen den Islam. Auch eine Positionierung vor der Klagemauer ist darunter. Geht es euch allein um die monotheistischen, abrahamitischen Religionen?

Josephine Witt: Bei jüngeren Religionen wie Scientology sieht die Gesellschaft eher, was für ein riesiger Quatsch und welch große Gefahr dahinter steckt. Die älteren Religionen haben über die Zeit zwar viel größeren Schaden angerichtet, nur eigentümlicherweise wird ihre Absurdität und Brutalität größtenteils ignoriert oder akzeptiert. Wir rütteln daran jetzt umso stärker. Die internationale femen-Bewegung gibt es aber erst etwa eineinhalb Jahre. Unsere Themen waren deshalb erstmal das Christentum und der Islam, einfach, weil es die am präsentesten Religionen in den „femen-Ländern“ bisher sind.

MIZ: Mit Slogans wie „Mein Körper gehört mir“ und „Mein Körper ist meine Waffe“ nehmt ihr einen der zentralen feministischen Leitsätze auf: die Selbstbestimmung der Frau und die Frau als handelndes Subjekt. Und mit kirchenkritischen Parolen wie „Hätt’ Maria abgetrieben, wär’ uns der Papst erspart geblieben“ haben deutsche Frauen gegen den § 218 demonstriert. Wie verortet sich die femen-Bewegung innerhalb der feministischen Bewegungen?

Josephine Witt: Wir haben keinen wirklichen Anspruch, uns in Traditionen einzuordnen. Protestforscher und Historiker mögen uns dementsprechend einordnen. Wir aber blicken auf die gegenwärtige Situation und auf die Chancen in der Zukunft. Nur weil es schon einmal Proteste für die Selbstbestimmung der Frau gegeben hat, heißt das nicht, dass es jetzt überflüssig wäre. Aber wo genau man uns im Protestspektrum verortet, überlassen wir anderen. Wir sind kreativ und sehr wandlungs- und anpassungsfähig. Der femen-Protest ist ein laufender Prozess. Würden wir uns selber in eine bestimmte Nische bugsieren, würde das unserer Protestform eher schaden.
MIZ: Einerseits verliert die Institution Kirche in vielen Ländern deutlich an Einfluss und Mitgliedern, andererseits werden konservative Vorstellungen wieder salonfähig. Welchen Standpunkt vertritt femen in Bezug auf den Zusammenhang von Religion und der Unterdrückung von Frauen?

Josephine Witt: Wir haben erkannt, dass Frauenfeindlichkeit, bestimmte Rollenbilder und Gewalt aus der Lehre der Religionen entspringen. Konservative Vorstellungen über Machtverteilung, Integration, Emanzipation und Sexualität sind eine große Gefahr für die Gesellschaft, für Frauen und Minderheiten. Im Moment sprießen diese Denkweisen durch Europa.

MIZ: Eure Protestform wird stark kritisiert von politischen Gruppen, die ideengeschichtlich den Gender Studies und insbesondere den Postcolonial Studies sowie der Critical Whitness-Position nahe stehen. Dazu gehört die Aussage, der Schleier einer Muslima dürfe nicht apriori als Zeichen der Unterdrückung von Frauen bewertet werden, sondern sei ein Ausdruck kultureller Identität. Und die Beurteilung oder gar das Verbot sei der westlich weißen Sichtweise und anhaltender kolonialer Arroganz geschuldet. Welchen Standpunkt vertrittst du zu dieser Position? Gibt es von femen hierzu eine Stellungnahme?

Josephine Witt: Weil etwas fremd und unbekannt ist, ist es nicht entweder ein Ausdruck von Barbarei oder aber gleich ein Ausdruck von hoher Kultur. Das sind zwei Schwarz-Weiß-Ansichten, die da aufeinanderprallen und eine Diskussionsebene schaffen, in der es wiederum um Ideologie geht und nicht um Realität. Femen ist weder eine gesetzgebende noch eine moralpachtende Instanz, die Pauschalurteile fällen kann. Wir kämpfen für Emanzipation und Gleichberechtigung und sind nicht in der Position, das Kopftuch zu verbieten. Diese Position streben wir auch nicht an. Im Gegenteil, unser Protest findet auf der Straße statt und auf der Straße kämpft die Frau mit Diskriminierung. Innerhalb dieser Diskriminierung spielt das Kopftuch selbstverständlich eine Rolle, das abzustreiten aus ideologischen Gründen, ist realitätsfern.

MIZ: Deine Aktion im Kölner Dom richtete sich gegen die Institution Kirche und ihre diskriminierenden Praktiken. Zu lesen war von einer Anklage wegen Störung der Religionsausübung und Hausfriedensbruchs. Wie lautet konkret die Anklage gegen dich? Kannst du ein paar Worte zum derzeitigen Stand sagen?
Josephine Witt: In der Anklage geht es um Störung der freien Religionsausübung, allerdings wurden von der Staatsanwaltschaft auch Anklagen wegen Körperverletzung gegen einige Kirchenleute erhoben. Mehr als Post habe ich bisher nicht erhalten.

MIZ: Auf eurem deutschsprachigen Blog wurdest du als ‘neue Marianne auf den Barrikaden’ beschrieben. Das hat mich klar an den Deutsch-Französischen Konflikt im späten 19. Jahrhundert erinnert (zu diesem Zeitpunkt ist der Kölner Dom als ‘Bollwerk’ ja auch gerade mal mit viel preußischem Steuergeld im erzkatholischen Köln aufgebaut & beendet worden). Oder ging es allein um die Person Kardinal Meißner?

Josephine Witt: Es ging mir auch um den Kölner Dom als einen unglaublich atmosphärischen Ort. Die Kathedrale wirkt von innen wie von außen übermächtig und unkritisierbar. Dort einen topless Protest zur Weihnachtsmesse abzuhalten, scheint absolut undenkbar. Kardinal Meißner war bereits vor unserem Protest als Hardliner bekannt. Seine Verbindungen zu Opus Dei und seine Haltung zu Abtreibung und Homosexualität widern uns an. Als wir entdeckten, dass am selben Tag sein 80. Geburtstag sein wird, war die Entscheidung bereits gefällt.
MIZ: ...ich habe unter allen Medienberichten keinen Hinweis auf einen Penis in deinem Schritt gefunden? Habe ich das Detail im Foto- und Videomaterial richtig erkannt? Ging es dir auch um die Missbrauchsvorwürfe?
Josephine Witt: Nein, der Protest war der krönende Abschluss einer femen-Protestreihe, die vor Weihnachten im Vatikan begann. Auch in Madrid und Paris gab es vorher schon Proteste. Ein Slogan war: „christmas is cancelled – I had an abortion“. Wir alle hatten ein „Fötus“ um die Hüften gebunden, einen roten Stoff oder eine Puppe.
MIZ: Die Proteste in Madrid gehen auf die Verschärfung der Abtreibungsgesetze in Spanien zurück; die Gesetzänderung will nicht nur die Rechte der Frauen beschneiden, sondern steht für krude Sexual- und Moralvorstellungen, die gesellschaftlichen Wandel ignorieren. Dies ignorante und arrogante Verhalten begegnet ebenso im Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen...

Josephine Witt: Ist das eine Überraschung? Die Aufklärung war noch nie eine besondere Stärke der katholischen Kirche. Die Vergewaltigungsraten sind interessanterweise dort besonders hoch, wo Frauen ein niedriges Ansehen haben. Das sind häufig religiös-traditionelle Kulturen, die Sex im Allgemeinen feindlich gegenüber stehen.
MIZ: Die katholische Heiligenriege kennt eine Unmenge an weiblichen, nackt gemarterten Frauen, die gern auf Altarbilder dargestellt werden. Dich haben zunächst vorsichtige, dann beherzte Menschen vom Altar abzusteigen gebeten. Aus dem Videomaterial habe ich den Eindruck, du bist selbst ‘abgestiegen’... Ist das richtig?
Josephine Witt: Es geht nicht darum, mehr Randale zu machen, als nötig war. Ich wollte keine Sachbeschädigung begehen und hatte vor, den Dom durch den Mittelgang topless zu verlassen. Wir sind eine friedliche Protestbewegung, und sind weder scharf drauf, uns selbst noch andere zu verletzen. Als mich dann aber aus der zweiten Reihe ein gläubiger Katholik mehrfach ins Gesicht schlug, sodass ich zu Boden fiel, und die „Domschweizer“ sich auf mich warfen und zerrten, schleiften und traten, wurde daraus nichts mehr.

MIZ: Und die Öffentlichkeit & die mediale Präsenz waren euch sicher; aber auch die Häme. Unter den Kritiker_innen sind Frauen aus feminstischen Kontexten. Ein Kritikpunkt ist das Medienspektakel, das allein Bilder erzeuge. Die Performance benenne zwar die Verhältnisse, zeige aber keine politischen Handlungsmöglichkeiten außerhalb des bloßen Protestes auf. Im Fall des Protestes in Tunesien warfen euch feministische Politikerinnen vor, ihr zerstörtet mit euren kurzfristigen Aktionen, die lang erstrittenen Rechte. Wie stehst du zu diesen Vorwürfen?
Josephine Witt: Ich finde diese Vorwürfe absurd und auch falsch. Durch unseren Protest regen wir politische Diskussionen an und ein großes Problem unserer Zeit ist, dass ein viel zu großer Teil der Menschen unpolitisch und desinteressiert ist. Wir sind diejenigen, die wachrütteln und ein starkes Mittel dafür entdeckt haben. Wir erzeugen Bilder und nutzen Symboliken, in ungewohnten Kontexten und überraschenden Momenten. Wir nutzen den Boulevard und wir erzielen Resultate. Nicht durch die Kritik der Frauen aus feministischen Kontexten an femen, sondern durch unsere anhaltenden Proteste wurde Amina schließlich freigelassen. Wenn uns einige Feministinnen als eine Gefahr für „ihren“ Feminismus sehen, finde ich das einerseits albern und würde mir andererseits wünschen, dass sie dann konsequenterweise mal ein bisschen anziehen würden und sich nicht einfach von uns überholen lassen. Wenn sie uns schon als eine „Konkurrenz“ betrachten müssen.

MIZ: Auf eurem deutschen Blog zeigt ihr das Meinungsbild auf die Aktion im Kölner Dom. Eine deutliche Stellungnahme auf die Aktion und die Reaktionen findet sich nicht. Setzt ihr euch damit nicht dem Vorwurf aus, dass die Aktion im Vordergrund steht und die Aussage eher nebensächlich ist?

Josephine Witt:  Wir haben unsere Stellungnahmen veröffentlicht und Interviews gegeben. Wenn Leute sagen, wir hätten zu wenig Schriftliches, dann verweise ich gerne auf Bücher die von und über femen geschrieben wurden. Andererseits: Wir leben im Zeitalter Intagram/Twitter/tumblr. Botschaften verbreiten sich verknappt und in Bildform. Wir haben das ganz einfach logisch in unsere Protestform umgesetzt.

MIZ: Heißt das, ihr überlasst die (Aus-)Deutungen dann eher anderen: ‘den Medienvertreter_innen’ und sozialen Netzwerken? Obwohl beispielsweise schon an der Auswahl der Pressfotos deutlich wird, dass allein ‘der fotogene Furor’ – dem Schönheitsideal entsprechend – ausgewählt wird (obwohl die Fotos auf femen.org ein ganz anderen Eindruck hinterlassen)?

Josephine Witt: Es gibt inzwischen auch schon wissenschaftliche Studien über unsere Protestform und nicht allein die Medien analysieren und transportieren uns. Femen protestiert jetzt schon seit fast sechs Jahren, in der Zeit haben wir auch viel Erfahrung mit den Medien gesammelt. Wir können nicht kontrollieren, welche Bilder gedruckt werden und wie bestimmte Journalisten uns darstellen, das gehört dazu. Wir haben aber gelernt, wie wir Proteste so wirksam und unmissverständlich wie möglich platzieren können. Doch am Ende des Tages sind wir eben keine Propagandamaschinerie sondern eine Protestgruppe auf der Straße.

MIZ: Danke!

Josephine Witt, geboren 1993, heißt mit bürgerlichem Namen Josephine Markmann und studiert Philosophie an der Universität Hamburg. Seit Anfang 2013 ist sie bei femen aktiv. Sie war unter anderem an der Aktion gegen den russischen Präsidenten Putin auf der Hannover Messe im April 2013 beteiligt. Im Frühsommer wurde sie nach einem Auftritt in Tunis für vier Wochen inhaftiert. Im Dezember protestierte sie in der ZDF-Talkshow Markus Lanz gegen die Bedingungen, unter denen Arbeiter in Katar die Sportstätten für die Fußballweltmeisterschaft bauen. Während der Weihnachtsmesse am 25. Dezember stieg sie im Kölner Dom auf den Altar; auf ihrem Körper war die Aufschrift „I am God“ zu lesen.


 

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