Editorial MIZ 1/14: Vergessen macht sich breit...

von Gunnar Schedel

Heute beginnt die MIZ mal interaktiv: Welche zurückliegenden Aktivitäten der säkularen Verbände, liebe Leserinnen & Leser, fallen Ihnen spontan ein? — 30 Sekunden ab jetzt...

Natürlich hängt das Ergebnis von unterschiedlichen Faktoren ab: Wer erst fünf Jahre in der säkularen Szene aktiv ist, wird sich an andere Ereignisse erinnern als jemand wie Gerhard Rampp, der seit über drei Jahrzehnten dabei ist und in dieser Zeit nicht nur tausende von Meldungen für die Internationale Rundschau geschrieben hat; wer sich vor Ort regelmäßig mit Gleichgesinnten trifft und bereits selbst Veranstaltungen organisiert hat, wird an Anderes denken als diejenigen, die das Geschehen vor allem über Zeitschriften und das Internet verfolgen. Aber unabhängig davon, können Sie dann zwei Fragen an die Aktivitäten auf Ihrer Liste stellen: Wie viele davon beziehen sich auf Themen, die Sie als besonders wichtig einstufen würden, wie viele auf Themen von durchschnittlicher oder geringerer Wichtigkeit? Wie viele sind mit einprägsamen Bildern verknüpft, wie viele kamen ohne solche aus?
Ich will nicht darüber spekulieren, welche Aktionen sich am häufigsten auf den Listen finden und welche in Vergessenheit geraten sein könnten. Aber die Fragestellung verdeutlicht hoffentlich, dass die Debatte über femen und deren Protestform einige Aspekte anspricht, die bei politischen Protesten generell eine Rolle spielen und insofern auch bei der Planung antiklerikaler oder humanistischer Veranstaltungen usw. reflektiert werden können. Vereinfacht gesprochen geht es um die Frage, welche Rolle „Bilder“ dabei spielen sollen, wo deren Nutzen liegt und wo sie an Grenzen stoßen.

„Bilder“ soll dabei in einem weiteren Sinne verstanden werden, vom Cartoon, den Erich Rauschenbach für ein Kirchenaustrittsinfo des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) gezeichnet hat und der die Titelseite von MIZ 1/87 zierte, über die Dino-Großplastik, die zum Weltjugendtag durch Köln fuhr, bis hin zu den Bildern des Oben ohne-Protestes von Josephine Witt im Kölner Dom. Die Erfahrung der zurückliegenden Jahre zeigt, dass „starke“ Bilder häufig zumindest die Aufmerksamkeit der Medien sichern. Sie können also Interesse wecken, gewährleisten, dass überhaupt jemand hinschaut.

Was „die Leute“ dann sehen, wäre die nächste Frage: Inwieweit schaffen es Bilder, Themen und Aussagen zu transportieren? Denn Bilder sind zwangsläufig „plakativ“, sie reduzieren Positionen auf einen Kern. Im optimalen Fall kann die zentrale Botschaft dadurch sofort erfasst werden, ein Blick genügt und die Passanten, die Fernsehzuschauer, die Internetsurfer wissen Bescheid.

Ob das jedoch für alle Themen so funktioniert, erscheint fraglich. Manchmal ist auch die Kernaussage nicht „einfach“ darzustellen; während sich die Kirchenaustrittskampagne sehr gut bildlich umsetzen ließ, war dies für die Kampagne Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz (GerDiA) schwieriger. Schon die Darstellung des kritisierten Sachverhalts erwies sich als nicht ganz so einfach, denn die Regelungen in „evangelischen“  und „katholischen“ Einrichtungen unterscheiden sich und das letztlich von Jacques Tilly umgesetzte Motiv – Entlassung einer Reinigungskraft wegen „Ehebruchs“ – traf tatsächlich nur letztere. Und die konkrete politische Forderung – die Streichung der kirchlichen Sonderrechte aus dem Antidiskriminierungsgesetz – wurde durch das Bild auch nicht sichtbar. In diesem Fall hat das, meine ich, die Kampagne nicht belastet. Denn die übergeordnete Botschaft, dass das gesamte Unrecht in den Sozialeinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft aufhören muss, wurde klar, obwohl das gewählte Beispiel streng genommen nicht exakt passte. Bei anderen Themen hingegen könnten solche „Ungenauigkeiten“ gravierendere Auswirkungen haben – zum Beispiel wenn es um die treffsichere Verbildlichung einer emanzipatorischen Kritik an der islamischen religiösen Rechten geht...

Denn indem Bilder Aussagen verkürzen, können sie Debatten falsch einspuren. Weil Bilder oft keine völlig eindeutige Bedeutung haben, können sie fehlinterpretiert werden oder Beifall von der falschen Seite erzeugen und so dazu beitragen, dass eine Auseinandersetzungen unter falschen Vorzeichen und mit falscher „Frontstellung“ geführt wird. Und Bilder können die Aufmerksamkeit an der zentralen Aussage vorbeilenken, wenn es nicht gelingt, „Sehgewohnheiten“ zu durchbrechen. Bezogen auf femen könnte die Frage gestellt werden, wie viele von den geschätzt mehreren Millionen Zuschauern, welche Bilder vom Protest im Kölner Dom in den Nachrichten gesehen haben, wahrgenommen haben, was die Frau auf ihren Körper geschrieben hatte? Wie viele haben danach weitere Informationen zu Auftritt und Anliegen gesucht?

Ich will auch hierüber nicht spekulieren – Nicole Thies reflektiert diesen Punkt in ihrem Beitrag und Josephine Witt steht im Interview dazu Rede und Antwort. Aber das Problem, dass Bild & Botschaft fest verknüpft sein müssen, wenn es gelingen soll, letztere zu transportieren, sollte deutlich geworden sein. Und dass die Wahrnehmung auch von Faktoren mitbestimmt wird, die nicht immer beeinflusst, geschweige denn kontrolliert werden können, und dass Medien nicht zwangsläufig unsere, sondern ihre eigenen Interessen verfolgen, sollte auch allen klar sein.
Und nun nochmal zurück zur Liste, die wir am Anfang des Editorials zusammengestellt haben. Wer hat die Religionsfreie Zone anlässlich des Weltjugendtags in Köln im August 2005 aufgeschrieben? Einprägsame Bilder damals. Das Plakat mit dem schwarzen Schaf fand weite Verbreitung und der Dino mit der Papstmütze auf dem Kopf fuhr durch alle Nachrichtensendungen. Sie erinnern sich? Und wie lautete der Slogan damals? Richtig: „Heidenspaß statt Höllenqual“. Und was waren die zentralen politischen Aussagen und Forderungen?
Ich will nun nicht spekulieren, wie viele gerade schnell mal unter www.religionsfreie-zone.de nachgeschaut haben. Ich war jedenfalls erstaunt, an was ich mich erinnert habe und was mir erstmal entfallen war.  Tja, Vergessen macht sich breit.


 

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