Auf die Geister, fertig, los!

von Sebastian Bartoschek und Alexa Waschkau

„Der hat keinen Geist, der den Geist sucht!“ Diesen Ausspruch von Friedrich Nietzsche schießen sie in den Wind: die Ghosthunter. Diese modernen Geisterjäger versuchen, vermeintlichem Spuk auf den Grund zu gehen, mit viel Engagement, aber wenig Vermögen. Was aber passiert auf der Geisterpirsch – und wer macht sowas?

Wie so vieles, das erst verwundert, dann begeistert, liegt der Ursprung der neuen Geisterjäger, englisch: „Ghosthunter“, in den USA. 2004 flimmerte dort die gleichnamige Doku-Soap über die Mattscheiben, in der The Atlantic Paranormal Society (TAPS) regelmäßig auf Geisterpirsch begleitet wurde. Dabei beeindruckte die eingesetzte Hightech, die das Übernatürliche aufspüren soll. Infrarotthermometer, Kameras, Nachtsichtgeräte und Magnetfeldmessgeräte gehören zur Standardausrüstung. Besonders wichtig sind zudem Tonbandaufnahmen zur Befragung der Gespenster. Das Ganze läuft so ab: In der Nacht setzen sich die Geisterjäger um ein Diktiergerät, oft wird das Ganze nur von Kerzenlicht erhellt, Gänsehaut garantiert. Der Bewohner der Spukwohnung ist dabei, die Kommunikation mit den Gespenstern beginnt. „Mach ein Geräusch, wenn Du im Raum bist!“, ist eine typische Aufforderung in der Hoffnung, dass der Geist motiviert und in der Lage ist, sich vernehmen zu lassen, sei es durch ein Klopfen oder sonstwie. Die aufgenommene Audiodatei wird überarbeitet, einige Geräusche ausgeblendet, andere lauter getunt und das Ganze dann interpretiert. Ghosthunter nennen das „Electronic Voice Phenomenon“ (EVP). Früher hieß das noch schlicht „Tonbandstimmen“, dieser Begriff wird aber gemieden, da er eng mit Wahrnehmungstäuschungen verbunden ist. Da verwundert es wenig, wenn die Kritik von Skeptikerorganisationen wie der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchungen von Parawissenschaften (GWUP) harsch ausfällt: „EVPs sind unzählige Male analysiert worden. Der gesamte Äther ist voller Radiowellen von Rundfunksendern, Amateurfunkern, Polizeifunk und so weiter. Davon gelangen immer wieder Fetzen auf Aufnahmegeräte, die beim extremen Verstärken scheinbar eine ‘Geisterstimme’ ergeben“, winkt Pressesprecher Bernd Harder ab.

Solche Kritik änderte nichts daran, dass, nach der Ausstrahlung der Serie in Deutschland auch hierzulande immer mehr interessierte Laien Spukphänomene in ihrer Umgebung erforschen wollen. Was treibt sie an? Die Teamchefin der Ghosthunter NRW, Melanie Schindler, erzählt: „Das Übernatürliche hat mich immer schon interessiert. Seit meiner Jugend habe ich eine Begeisterung für Spuk und Geister und jetzt sah ich, wie man dem nachgehen kann, ohne Profi oder Akademiker sein zu müssen. Gemeinsam mit Bekannten und Freunden gründeten wir ein Team.“ So ging es bei vielen der mittlerweile über 30 Ghosthunterteams in Deutschland, eine Verdopplung der Zahlen in knapp zwei Jahre. Ein Team, das sind im Durchschnitt knapp fünf Personen, bei einer Spannbreite von einer bis zu zwölf Personen. Je größer das Team, desto stärker dabei die Spezialisierung. In den Reihen der Ghosthunter befinden sich in etwa gleich viele Männer wie Frauen, aber nur wenige Akademiker, und gar keine aus einschlägigen Richtungen wie der Psychologie oder der Physik. Wieso geht man aber auf Geisterjagd? Der Wunsch nach Reichtum ist es sicherlich nicht, der antreibt. Die Ghosthunter helfen umsonst, lassen sich von den Spukopfern lediglich die Fahrtkosten erstatten. Denn es spukt mitnichten nur in unbewohnten Ruinen und Schlösser.

Ein Zweifamilienhaus in Bochum. Claudia M. wohnt hier seit drei Jahren mit ihren vier Kindern im Alter von 9 bis 17 Jahren. Der Alltag ist für die Fünf kaum noch zu ertragen. Sie alle schwören Stein und Bein: im Haus geschieht Übernatürliches. Knarrende Schritte auf dem Parkett, geheimnisvolle Schatten in der Tür, Stimmen in leeren Räumen, verschobene Gegenstände und eine Häufung unheimlicher Albträume. Eines der Kinder hatte nach dem Aufwachen Wunden, deren Ursprung sich keiner erklären konnte. Für viel Geld holte Claudia M. ein Engelsmedium, doch der Spuk ging im buchstäblichen Sinne weiter. Ein letzter Hoffnungsschimmer waren die Ghosthunter, auf deren Angebot sie ein Freund hinwies. Gefunden im Internet – dem zentralen Tummelplatz der Ghosthunter. Nach einem ersten Vorgespräch wurde ein Termin für eine sogenannte „Paranormale Untersuchung“ (PU) vereinbart, dem Kernstück der Arbeit der modernen Geisterjäger.

Zweck einer PU ist der Nachweis vermeintlich paranormaler Aktivität. Dabei gehen die meisten Ghosthunter von, vorsichtig gesprochen, umstrittenen Annahmen aus. Zunächst glauben sie, dass es so etwas wie Geister wirklich gibt und diese die Seelen Verstorbener sind. Das allein birgt Zündstoff für Kontroversen. Aber die meisten Ghosthunter gehen weiter: Seelen geistern angeblich nicht nur durch unsere Wohnungen, sondern sie können sich auch sichtbar machen. Diese Manifestation benötige Energie, die der Geist aus der lokalen Umgebung gewinne. Die Folge seien spontane Temperaturabfälle, was wiederum per Thermometer und Wärmebildkamera messbar sei. Deutlich weniger Ghosthunter glauben gar, dass Seelen fotografiert werden können, als kugelförmige Objekte, sogenannte „Orbs“ – für Kritiker schlicht Staubreflektionen oder unsaubere Fotolinsen. Neben diesen Fotos und Wärmebildern messen die Ghosthunter elektromagnetische Felder (EMF). Diese stehen in Verdacht, Angstgefühle und das Gefühl des Beobachtetseins auszulösen und werden nicht durch Geister sondern von schlecht isolierten Mikrowellen oder falsch verlegten Elektrokabeln verursacht. Allerdings glauben die Ghosthunter auch an die Existenz von schädlichem Elektrosmog von Handys und Co. – wofür es keinerlei wissenschaftlichen Belege gibt. Mit all den Messungen, den EVPs und einer ausführlichen Dokumentation dauert eine vollständige PU vier bis sechs Stunden, abhängig von der Größe der Wohnung. Wichtig ist zudem die Befragung des Spukopfers, auch zu medizinischen Befunden, die eine Sinnestäuschung verursachen könnten. Zu bemängeln ist, dass die eingesetzten Messgeräte nicht für die Geisterjagd entwickelt wurden und ein Nachweis der Eignung fehlt. Ghosthunter kontern: „Wenn es spezielle Geräte gäbe, würden wir die natürlich nutzen. Aber die etablierte Wissenschaft verschließt sich dem Thema leider immer noch, anstatt die Menschen und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.“

Ohne technischen Firlefanz kommt der „Move-Test“ aus. Verschiedene Gegenstände aus dem Spukhaushalt werden dabei auf ein weißes Blatt gelegt und mit schwarzen Konturen umrundet. Ideal sind Objekte, die in emotionaler Beziehung zum Spukopfer stehen: Halsketten, Eheringe oder Wandkreuze. Dann wird gewartet. Zum Ende der PU wird geprüft, ob sich eine Abweichung der Gegenstände von der Umrandung ergeben hat. Ist dies der Fall, sollen Geister vorhanden sein, die auf die physische Welt eingewirkt haben. Oder Erschütterungen des Straßenverkehrs?

Neben all diesen mehr oder minder technischen Ansätzen gehen wenige Ghosthunterteams noch einen Schritt weiter: Sie haben Mitglieder, die sich als medial begabt sehen. Das Medium versucht, auf direktem Weg mit dem Übernatürlichen in Kontakt zu treten und die Hintergründe des Spuks zu ergründen. Doch für die meisten Wissenschaftler ist die Frage nach der Anwesenheit eines Mediums nicht ausschlaggebend. So sieht die GWUP die Tätigkeit der Ghosthunter generell kritisch, wie Bernd Harder ausführt: „Natürlich ist Neugier und Forschungsdrang grundsätzlich positiv. ‘Geisterjagd’ ist aber fragwürdig, weil wir gar nicht wissen, ob es Geister überhaupt gibt und welche Eigenschaften sie haben. Deswegen ist es sinnlos, irgendwelche Messgeräte auf sie anzusetzen. Den meisten Geisterjägern fehlt die Ausbildung, um zu verstehen, was ihre fehleranfälligen Geräte eigentlich genau anzeigen. Ich kann bei Spukfällen nur empfehlen, sich an Leute zu wenden, die über ein gutes Urteilsvermögen verfügen und ein fundiertes Verständnis der realen Welt haben. Also eher gute Freunde – und keine ‘Geisterjäger’!“

Doch gibt es auch vereinzelte Stimmen in der Wissenschaft, die sich hinter Spukerscheinungen mehr als bloße Sinnestäuschungen vorstellen können. Ein radikaler Konstruktivismus eröffnet die Möglichkeit, das Vorhandensein einer objektiv wahren Realität abzulehnen. Wirklichkeit ist dann nur eine Mehrheitsmeinung, gegründet auf Konsens. Diesem Ansatz kann Dr. Dr. Walter von Lucadou, Leiter der vom Land Baden-Württemberg geförderten Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg, etwas abgewinnen: „Ich will keinem vorschreiben, dass eine bestimmte Sicht der Welt richtig oder falsch ist. Gerade in den Grenzbereichen wie Spuk und Geister merken wir, dass wir keine allgemeingültige Weltsicht haben. Zu sagen, es spukt auf jeden Fall, ist deswegen genauso falsch wie zu sagen, es spukt auf keinen Fall. An Spukorten erleben Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Alter und beiderlei Geschlechts außergewöhnliche Ereignisse. Ich bin da für einen ganz unaufgeregten Umgang. Wissenschaft darf sich dem nicht verschließen.“

Zum Ende der PU in Wattenscheid standen viele Hypothesen im Raum: Sind die Schritte auf dem Laminat Geräusche, die durch Verziehen des Holzes entstanden? Die Schatten im Dämmerlicht vielleicht nur hypnagoge Halluzinationen? (Das sind Sinnestäuschungen, die kurz vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen entstehen und im Zusammenhang mit dem nahenden oder erfolgtem Schlaf stehen.) Haben sich die Familienmitglieder gegenseitig beeinflusst und einander eine wahnhafte Wahrnehmung eingeredet? Viele skeptische Fragen. Doch warum fällt an einigen Stellen im Raum unerwartet die Temperatur ab? Warum zeigen sich starke Magnetfelder an Stellen, wo weit und breit keine Elektroleitung liegt? Warum werden gerade an diesen Stellen angsterregende Schattenerscheinungen beschrieben? Warum knurren die beiden Hunde der Familie in Richtung der Spukphänomene? „Wir können nicht immer Antworten finden. Doch wir versuchen nach bestem Wissen und Gewissen zu dokumentieren und zu analysieren. Genauso wichtig ist uns, den Spukopfern natürliche Erklärungen für die Geistererscheinungen anzubieten und Angst zu verringern“, resümiert Melanie Schindler.

Claudia M. will das Haus mittelfristig verlassen. Wegen des Spuks, aber auch weil es für fünf Personen zu klein geworden ist. Hat ihr der Einsatz der Ghosthunter etwas gebracht? „Ganz klar ‘Ja’. Ich habe viel darüber erfahren, was es noch sein kann außer Geistern. Besonders gut tat es, endlich einmal ernst genommen und nicht nur belächelt zu werden“, sagt Claudia. Das berichten viele, die sich mit dem Übernatürlichen in ihren vier Wänden konfrontiert sehen. Sie beklagen mangelnde Sensibilität etablierter Wissenschaftler im Umgang mit ihren Erfahrungen, wünschen sich Empathie von Ärzten und Psychologen. Und eine ergebnisoffene Prüfung ihrer Berichte. Diese Bedürfnisse befriedigen die Ghosthunter, auch wenn es eher schlecht um ihre Wissenschaftlichkeit bestellt ist. Und vielleicht schaffen die Ghosthunter es so, zumindest die Wissenschaftler zu den Spukopfern zu bringen. Denn eines haben sie bisher nicht geschafft: einen Geist zu erjagen.


 

Artikel aus MIZ 4/13

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