Neulich …

… bei der Messe

von Daniela Wakonigg

Der Atheist an sich ist üblicherweise eher selten bei Messen anzutreffen. Aber aus beruflichen Gründen muss es eben manchmal doch sein. Mitte Oktober zog es mich nach Frankfurt zu einer der größten Messen der Welt: der Frankfurter Buchmesse.

In dem weitläufigen Messekomplex sind ähnliche Themenfelder gewöhnlich unter einem Hallendach untergebracht, um die Füße der Besucher zu schonen. Aber was mag sich der Messeveranstalter nur dabei gedacht haben, linke Verlage mit Anbietern von Druckerzeugnissen zu den Themen „Esoterik/Religion“ und „Gourmet“ in derselben Halle einzuquartieren? Wahrscheinlich war es die Sorge um das allgemeine Wohlergehen der linksorientierten Messebesucher und Standbetreiber. Schließlich ist es doch sehr zuvorkommend, jenen, die Religion als das Opium des Volkes entlarvt haben, die Opiumhöhle ein paar Stände weiter vor die Nase zu setzen.

Auch ich will mich diesem freundlichen Angebot nicht entziehen und lenke meine Schritte von den linken Verlagen hin zur Opiumhöhle. Langsam verschwimmen Marx und Engels hinter mir und ich tauche in die bewusstseinserweiternden Ausläufer der Esoterik-Abteilung ein. Tarotkarten, Edelsteine und Informationsschriften zum Thema „Slow Sex“ dargebracht von Menschen in kreischend bunten Klamotten vernebeln mir bereits die Sinne, als mein Blick auf ein Plakat fällt. „Sind Sie in die Fänge Satans geraten?“ fragt es mich besorgt und bietet mir „Ordens- und Missionspresse zum Mitnehmen“ an. Ich weiß, hier bin ich richtig, das ist nach all dem Eso-Kram die wahre Opiumhöhle.

Die bunten Batikkleider sind hochgeschlossenen Damenblusen und Ordensgewändern gewichen. Neben der erwarteten Erbauungsliteratur finde ich in der Opiumhöhle auch allerhand religiösen Tinnef, wie das Brettspiel „Abenteuer Luther“ oder „Amen – das rasante Kartenspiel“. Die darauf angebrachte Bemerkung „Bitte beachten Sie den Warnhinweis“ lässt mich etwas zu intensiv schmunzeln. Ich falle auf. Hastig stehle ich mich weiter durchs feindliche Terrain, wo wirklich für jeden etwas zu finden ist: „Bibel-Marker – Hochwertige Buntstifte zur optimalen Markierung von Bibelstellen“ der Marke Stabilo für eher literarische Gemüter oder eine Wasserwaage mit dem Aufdruck „Mit Gott ist mein Leben im Gleichgewicht“ für den christlichen Heimwerker.

Ich habe genug gesehen und trete die Flucht Richtung Gourmet-Abteilung an. Aber die Religion streckt auch hierhin ihre Fühler aus. Unter dem Motto „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Ps 34,9“ flankieren „Kräuter & Gewürze der Bibel – Ohne Farb- und Konservierungsstoffe“ meinen Weg. Während ich mich noch frage, wie der Inhalt der Gläser nach so vielen Jahrtausenden ohne Konservierungsstoffe wohl schmecken mag, macht mich das Universelle Leben auf sein neues veganes Kochbuch aufmerksam. Und ganz nebenbei auf die Schriften seiner Prophetin Gabriele – als geistige Nahrung. Wie gut, dass ich gerade auf Diät bin.

Es wird Zeit zu gehen und Messehallen mit einem Angebot aufzusuchen, das etwas nüchterner und seriöser ist. Auf zur Comic-Abteilung!


 

Artikel aus MIZ 3/13

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