Zündfunke MIZ 3/13

Säkularer Aktionstag

Im September fand, verteilt auf mehrere Wochenenden, ein säkularer Aktionstag statt, mit dem kurz vor der Bundestagswahl eine stärker säkulare Ausrichtung der Politik gefordert wurde. Inhaltlich vorbereitet hatten den Aktionstag die Kampagnen Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz (GerDiA) und Reli adieu!, dementsprechend konzentrierten sich die Materialien auf das Kirchliche Arbeitsrecht und weltanschauliche Konflikte in der Schule. Vor Ort beteiligt waren vor allem die örtlichen Gruppen der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) und die regionalen Gliederungen des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA).

Die Aktionen hatten inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte. In Bochum hatten die Aktivisten von Religionsfrei im Revier ihren Infostand vor dem katholischen St. Elisabeth-Hospital aufgebaut. Im Eingangsbereich wurde ein Warnschild mit der Aufschrift „Sie verlassen den demokratischen Sektor“ aufgestellt. Die Faltblätter waren offenbar schnell bis zur Klinikleitung durchgedrungen und die reagierte „klassisch katholisch“. Durch eine Angestellte ließ die Chefetage mitteilen, die Verteilung solcher Informationen sei gefälligst einzustellen. In Düsseldorf, wo der Infostand des Aufklärungsdienstes am Rande einer Wahlveranstaltung der Linken platziert war, stieß das Schulthema auf reges Interesse.

Neben den Aktionen auf der Straße gab es auch zwei Abendveranstaltungen. In Frankfurt hatte der Landesverband Hessen des IBKA in Kooperation mit den Säkularen Humanisten gbs Rhein-Main Corinna Gekeler zum Vortrag eingeladen. Die Autorin der Studie Loyal dienen stellte die zentralen Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit zur Diskriminierung bei Caritas, Diakonie & Co vor. Neben ihr auf dem Podium saß Fabian Rehm vom ver.di-Landesbezirk Hessen. Er berichtete von den aktuellen Arbeitskämpfen bei der Diakonie und kam zu der Einschätzung, dass der Dritte Weg keine Zukunft habe und beim Kirchlichen Arbeitsrecht, zumindest was die „kollektiven“ Aspekte Streikrecht und Mitbestimmung angeht, Veränderungen bevorstehen.

In Mannheim hatten die Säkularen Grünen zu einer Podiumsdiskussion mit hochkarätiger Besetzung eingeladen. Neben Corinna Gekeler waren der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen der Caritas, Günter Däggelmann, der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD), Manfred Bruns, sowie Klaus-Peter Spohn-Logé mit von der Partie (letzterer in einer Doppelfunktion als Angestellter beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt und ver.di-Mitglied).

In der Diskussion wurde deutlich, dass im Bereich der evangelischen Kirche tatsächlich damit gerechnet werden kann, dass Bewegung ins Kirchliche Arbeitsrecht kommt; der Abschluss von Tarifverträgen ist wohl nur noch eine Frage der Zeit und eine der fünf zentralen gewerkschaftlichen Forderungen lautet, die Loyalitätspflichten auf tatsächliche Tendenzträger zu beschränken. Für die katholischen Kirche kam der MAV-Vorsitzende hingegen zu einer eher pessimistischen Einschätzung. Zwar werde auch hier in den Gremien über bestimmte Aspekte des Problems, zum Beispiel die wiederverheirateten

Geschiedenen, gesprochen, eine Aufweichung der „Selbstbestimmung“ in Sachen Loyalitätsobliegenheiten sei aber nicht zu erwarten. Die katholische Kirche müsse als weltweit aktive Kirche darauf achten, dass ihre moralischen Grundsätze überall eingehalten würden. Corinna Gekeler konterte diese Aussage mit dem Hinweis, dass andere europäische Länder mit vergleichbaren kirchlichen Sozialeinrichtungen, etwa Österreich, derartige diskriminierende Regelungen nicht kennen.


Auf allen Kanälen...

Die Medienberichterstattung zum Finanzgebaren des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst hat zahlreiche grundsätzliche Artikel zu den kirchlichen Finanzen nach sich gezogen. Dabei kamen einige der Fachleute aus den Beiräten der säkularen Verbände ausführlich zu Wort.

Selbst die Bild-Zeitung, ansonsten eher kirchennah, kritisierte den konservativen Gottesmann in mehreren Beiträgen. Meist stand die Person Tebartz-van Elst im Vordergrund („Protz-Bischof“), aber ein Artikel drehte sich um das Vermögen der Kirchen und zitierte Carsten Frerk.

Der war in diesen Wochen insgesamt ein gefragter Mann. Viele Berichte, von Tageszeitung bis Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung, von der Tagesschau bis zum heute journal, stützten sich auf seine Recherchen oder baten ihn um eine Stellungnahme. In der Sonntagabend-Polit-Talkshow mit dem Moderator Günther Jauch gab es einen Einspieler, in dem Frerk zum Reichtum der Bischöflichen Stühle befragt wurde. (Ansonsten litt die Sendung mit dem Titel „Heilige Millionen“ darunter, dass kein unabhängiger Experte in der Runde saß: Unwidersprochen konnte Albert Schmid, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, falsche Zahlen zum kirchlichen Anteil an der Finanzierung von Kindergärten verbreiten.)

Wenige Tage zuvor hatte Ingrid Matthäus-Maier zu den Gästen bei Anne Will gehört. Verhandelt wurde die Frage „Will diese Kirche wirklich bescheidener werden?“. Dabei gelang es der GerDiA-Sprecherin immer wieder, das Thema vom Einzelfall eines selbstherrlichen Bischofs auf die strukturellen Probleme einer nie konsequent durchgeführten Trennung von Staat und Kirche zu lenken.

Interessanterweise führte die erneute Debatte über die kirchlichen Finanzen nicht nur zu einer vertieften Berichterstattung über die diversen Vermögenshaushalte der Bistümer, in vielen Debatten kam als „Trittbrettfahrer“ das Kirchliche Arbeitsrecht zur Sprache. Eine eigenständige Sendung zum Thema der besonderen Loyalitätspflichten in „kirchlichen“ Sozialeinrichtungen und ihren Folgen strahlte das Magazin defacto des Hessischen Rundfunks aus. Auch hier wurden mit Carsten Frerk und Corinna Gekeler zwei säkulare Experten befragt. In der Sendung kam der Fall eines Arztes zur Sprache, der in einem Frankfurter Krankenhaus aufgrund seiner Konfessionslosigkeit nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden war.


Geisterjagd im Club Voltaire

Im Rahmen der Gegenbuchmasse lasen im Club Voltaire Alexa Waschkau und Sebastian Bartoschek aus ihrem neuen Buch Ghosthunting. Auf Spurensuche im Jenseits. Zunächst führte die Autorin in die Geschichte der Suche nach den Wesen aus einer anderen Welt ein. Anschließend stellte sie einige der Methoden und Gerätschaften vor, mit denen heutige Ghosthunter auf die Pirsch gehen. Ihr Kollege ließ das Publikum dann an einer „Paranormalen Untersuchung“ teilhaben, die er quasi im Selbstversuch durchgeführt hatte (allerdings an einem wenig spukverdächtigen Ort, nämlich seinem eigenen Büro). Der interessanteste Aspekt in der Diskussion war, dass das Spukerlebnis unabhängig vom Glauben an Geister zu sehen ist: Für die Betroffenen ist es echt und folglich sind es auch die damit in Verbindung gebrachten Ängste. Aus der Wissenschaft, so das Autorenduo, erfahren Spukopfer selten Hilfe, weshalb sich viele an religiöse Gruppierungen oder Ghosthunter wenden. Während heidnische wie christliche Geisterbeschwörungen eher zu einer Verschlimmerung der Situation führten, hatten die Untersuchungen der Ghosthunter zumeist eine beruhigende Wirkung. Das professionelle Auftreten und das umfangreiche technische Equipment vermitteln den Betroffenen offenbar den Eindruck, dass es sich um ein „handhabbares“ Problem handelt; wenn die Ghosthunter Erklärungen für überraschendes Klopfen oder kalte Stellen in der Wohung finden und gleichzeitig auf nichts Außergewöhnliches stoßen, dann kehrt bei den meisten Menschen das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand zurück und die „Geister“ sind verschwunden.


 

Artikel aus MIZ 3/13

zurück zum Inhaltsverzeichnis