Der Sinn im Unsinn

Atheismus mit anderen Mitteln

von Daniela Wakonigg

Sogenannte ‘Spaßreligionen’ rufen bei vielen Menschen Abwehr­reaktionen hervor. Bei Religiösen, weil sie Blasphemie wittern und es für sie ohnehin nur eine einzige wahre Religion gibt – nämlich jeweils ihre eigene. Und bei Atheisten, weil ihnen jede Form von Religion suspekt ist. Dabei wird in atheistischen Kreisen leider oft übersehen, dass viele Spaßreligionen keine Religionen sondern Religionsparodien sind. Eine Fortführung des Atheismus mit anderen Mitteln.

„Am Anfang schuf Bertrand Russell eine Teekanne. Und die Teekanne war trocken und leer und es war finster um sie herum und sie schwebte in der Weite des Weltalls.“ – So würde wahrscheinlich das Evangelium der Vereinigten Spaßreligionen beginnen. Wenn es denn eines gäbe.

Als der britische Mathematiker und Vater der Analytischen Philosophie Bertrand Russell 1952 seinen Essay „Gibt es einen Gott?“ schrieb, ahnte er noch nicht, dass einige Jahrzehnte später ein in dieser Abhandlung beschriebener Gegenstand die Phantasie von humorigen Religionsgründern animieren würde. In der Tat eine Tatsache, die an ein Wunder grenzt, da Analytische Philosophen und Mathematiker im Allgemeinen doch eher selten zum Humor-Stifter taugen. Auch Russell selbst dürfte wenig spaßig zumute gewesen sein, als er den Essay verfasste. Seine wiederholten Zweifel an Göttern, Religionen und vor allem religiösen Moralvorstellungen haben ihm zeitlebens Ärger eingebracht und ihn in den 1940er Jahren in New York sogar eine Professur gekostet.

Russells Teekanne

Russell entlarvt in „Gibt es einen Gott?“ die Argumentationsweisen handelsüblicher Religionen. Unter anderem wendet er sich gegen die oft vorgebrachte Forderung von Religiösen, dass es die Aufgabe der Zweifler sei zu beweisen, dass religiöse Dogmen falsch sind, statt Aufgabe der Religiösen zu beweisen, dass ihre Dogmen richtig sind. Auch heute noch hört man in jeder Fernsehtalkshow, in der Atheisten und Nicht-Atheisten aufeinander gehetzt werden, den Dialog:

Atheist: Haben Sie irgendeinen Beweis für die Existenz Ihres Gottes?

Religiöser: Nein.

Atheist: Also gibt es ihn nicht.

Religiöser: Doch. Denn schließlich können Sie ja auch nicht beweisen, dass es ihn nicht gibt.

Natürlich ist es absurd, einen Beweis für die Nicht-Existenz eines erfundenen Objekts zu fordern. Um genau das zu verdeutlichen, ahmt Bertrand Russell die typisch religiöse Argumentation nach. Er behauptet, dass eine Teekanne existiert, die im Weltall auf einem Orbit zwischen Erde und Mars die Sonne umkreist. Eine Teekanne, die so klein ist, dass weder unsere Sinne noch unsere Teleskope in der Lage sind, sie wahrzunehmen. Er kann die Existenz seiner Teekanne deshalb nicht beweisen. Aber es kann ihm auch keiner beweisen, dass sie nicht existiert.

Der einzige Unterschied zwischen einem Teekannen-Gläubigen und dem Anhänger einer etablierten Religion besteht darin, so Russell, dass jeder den Teekannen-Gläubigen – völlig zu Recht – für verrückt hält. Da die Götter der etablierten Religionen aber in alten Büchern erwähnt, als Wahrheit gelehrt und bereits in frühestem Alter in den Köpfen der Kinder verankert werden, liegt die Sache hier genau umgekehrt: „Das Zögern, an die Existenz einer solchen Gottheit zu glauben, wird als Exzentrizität gewertet und der Zweifler zieht in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters auf sich, in früheren Zeiten die eines Inquisitors. Es ist nun einmal allgemein üblich anzunehmen, dass an einer Überzeugung irgendetwas Sinnvolles dran sein muss, wenn sie weit verbreitet ist. Ich glaube allerdings nicht, dass irgendeiner diese Ansicht ernsthaft teilen kann, der sich mit Geschichte beschäftigt hat.“

Von der Teekanne zum Einhorn

Unter philosophisch belesenen Atheis­ten wurde Russells Teekanne zu einem amüsanten Geheimtipp und diente in den 1960ern und 1970ern auf so mancher Zusammenkunft von Intellektuellen als anregende Partyplauderei. Den Weg in eine breitere Öffentlichkeit fand sie jedoch nicht. Den schafften erst die geistigen Kinder von Russells Teekanne, die modernen Spaßreligionen. Sie entstanden seit den 1990er Jahren als Parodien auf das Phänomen Religion. Grund hierfür war das Aufeinandertreffen von zwei historischen Entwicklungen: Das Erstarken des religiösen Funda­mentalismus in Amerika und die explosionsartige Verbreitung des frisch erfundenen Internets.
Für das Entstehen der modernen Spaßreligionen ist das Internet von elementarer Bedeutung. In der Prä-Internet-Ära verpuffte ein amüsanter Gedanke im Gespräch und ein intellektueller Geistesblitz verschwand oft genug auf einem verstaubten Regal zwischen zwei Buchdeckeln. Im Internet wird dagegen jede Äußerung von vielen gelesen, diskutiert, weitergesponnen und kann sich so in Windeseile um den Globus verbreiten.
Die erste moderne Spaßreligion des Internetzeitalters ist wahrscheinlich der Glaube an das Unsichtbare Pinkfarbene Einhorn (IPU – invisible pink unicorn). Das IPU entstand 1990 in einem frühen atheistischen Diskussionsforum. Es ist also, wie alle modernen Religionsparodien, die Schöpfung von Atheisten.

Wie bei Russells Teekanne geht es auch beim Unsichtbaren Pinkfarbenen Einhorn darum, die Absurdität religiöser Argumentationsstrukturen aufzuzeigen: Indem ich die Existenz eines unsichtbaren Einhorns behaupte, kann mir niemand dessen Nicht-Existenz beweisen, denn es ist ja unsichtbar. Gesteigert wird die Absurdität noch, indem das Einhorn nicht nur unsichtbar sondern auch pink ist. Zwei recht schwer miteinander zu kombinierende Eigenschaften – es sei denn, man wagt den Sprung in den Glauben …

Merkmal der modernen Spaßreligi­onen ist jedoch, dass es – anders als bei Russell – nicht bei der einfachen Behauptung einer absurden Gottheit bleibt. Es wird wie bei einer ‘echten’ Religion ein ganzes Gebäude von religiösen Glaubenssätzen um diese absurde Gottheit erbaut. Auch hierbei werden typisch religiöse Argumentationsstrukturen parodiert und sogar innerreligiöse Dispute nachgeahmt.

So hat das IPU eine Vorliebe für Pizza mit Schinken und Ananas, was einem Anhänger durch Offenbarung des Einhorns mitgeteilt wurde. Vegetarische Anhänger des Einhorns zweifeln dagegen an der Wahrheit dieser Offenbarung und glauben an eine Vorliebe des IPU für Pizza mit Ananas und Pilzen. Die Pizza-Debatte hat innerhalb der Einhorn-Anhängerschaft eine zentrale theologische Bedeutung. Denn das Böse kam in die Welt, als eine Dienerin des Einhorns Gläubige dazu verführte, an eine Vorliebe des IPU für Pizza mit Ananas und Salami zu glauben. Vom Einhorn verstoßen ist diese ehemalige Dienerin nun der Teufel im Weltbild der Einhornianer: Die Lila Auster der Verdammnis.

Wider den Kreationismus

Es ist kein Wunder, dass viele der modernen Spaßreligionen ihren Aus­gangspunkt in den USA haben. Dort erstarken seit den 1990ern religiöser Fundamentalismus und Kreationismus und vernünftige Argumente finden kaum noch Gehör. Aus diesem Grund schließen sich im Internet immer häufiger Anhänger vernünftigen Denkens zusammen, um dem Wahnsinn auf andere Weise zu begegnen: mit noch größerem Wahnsinn.

Am deutlichsten wird dies bei deraktuell erfolgreichsten Sp aßreligion, der Kirche des Fliegenden Spaghetti­monsters (FSM). 2005 sorgten religiöse Hardliner dafür, dass im US-Staat Kansas gleichberechtigt neben Darwins Evolutionstheorie die christliche Schöpfungslehre unterrichtet wurde. Und zwar im Fach Biologie. Als der fünfundzwanzigjährige Physiker Bobby Henderson davon erfuhr, platzte ihm der Kragen. Er schrieb einen offenen Brief an die Schulbehörde von Kansas. Darin forderte er, dass auch seine Schöpfungslehre Einzug in den Unterricht finden müsse, eine Schöpfungslehre, die ihm jüngst durch ein Fliegendes Spaghettimonster offenbart worden sei.

Die Schulbehörde zeigte sich unbeeindruckt. Ganz anders jedoch die Internet-Gemeinde. Hendersons Brief verbreitete sich rasend schnell im Netz der Netze und innerhalb kürzester Zeit war die Offenbarung der Nudelgottheit zu einer ausgeklügelten Religion angewachsen. Die Pastafari, wie sich die Anhänger des FSM nennen, verfügen über ein in Buchform verlegtes Evangelium und halten regelmäßig Nudelmessen ab, in denen sogar eine heilige Kommunion gereicht wird: Nudeln von den nudeligen Anhängseln des Fliegenden Spaghettimonsters und Bier vom Biervulkan, der gläubige Pastafari im Jenseits erwartet.

Mehr als nur „Fun-Faktor“

Während kirchenkritische Kunst­aktionen wie Christoph Schlingensiefs „Church of Fear“ unter Atheisten wohlwollend zur Kenntnis genommen werden, tun sich ernst zu nehmende und sich selbst ernst nehmende Atheisten häufig schwer mit den modernen Spaßreligionen. Besonders im Land der Dichter und Denker. Was durchaus verständlich ist. Wer in unserer Gesellschaft gegen die ungerechtfertigte politische Bevorzugung der Kirchen Position bezieht, wer Aufklärungsarbeit leistet gegen festsitzende religiöse Märchen oder wer sogar berufliche Nachteile in Kauf nehmen muss, weil er sich als Atheist outet, dem kann der Humor in Sachen Religion schon mal abhanden kommen. Und wer als gewordener Atheist als Kind religiöse Rituale über sich ergehen lassen musste, der verspürt wohl ganz natürliche Abwehrreaktionen bei der feierlichen Verspeisung transsubstantiationierter göttlicher Leibteile. Selbst wenn es sich dabei nur um „Nudeln von seinen nudeligen Anhängseln“ handelt.

Trotzdem wäre es ein Fehler, diesen modernen Religionsparodien als ‘klassischer Atheist’ ablehnend gegenüber zu treten. Schöpfer und Anhänger dieser Spaßreligionen sind selbst Atheisten. Atheisten, die den Versuch intellektueller Argumentation aufgegeben haben bei Menschen, die ihren Intellekt ausschalten, sobald es um Religion geht. Durch den Fun-Faktor und das Internet als primäre Verbreitungsform der Spaßreligionen werden übrigens gerade junge Menschen für religionskritisches Denken und religionskritische Aktionen gewonnen, die mit verstaubten intellektuellen Faltblättern nicht anzusprechen sind.

Und trotzdem geht es um weit mehr als den bloßen Fun-Faktor. Welches politische Potential in diesen Spaßreligionen steckt, zeigt nicht nur die Tatsache, dass Pastafari Niko Alm und Rüdiger Weida alias Bruder Spaghettus Fotos mit religiöser Pastafari-Kopfbedeckung in offiziellen Ausweisdokumenten durchsetzen konnten. 
Als anlässlich der Global Atheist Convention in Melbourne im April 2012 Muslime vor dem Tagungsgebäude lautstark gegen den Atheismus demonstrierten, outeten sich einige atheistische Tagungsteilnehmer als Pastafari. Sie setzten Nudelsiebe auf, mischten sich unter die demonstrierenden Muslime, hielten ihr Evangelium in die Höhe und gaben den Demonstranten Recht: Nieder mit den Atheisten! Es gibt nur einen Gott: Das Fliegende Spaghettimonster! Eine mutige Aktion, die für die Pastafari-Atheisten übel hätte enden können, da religiöse Fundamentalisten jedweder Couleur bekanntlich nicht zu den größten Spaßvögeln auf dem Erdenrund zählen.
Dass Spaßreligionen tatsächlich etwas bewirken können, zeigt auch der Fall eines jungen griechischen Pastafari, der im September 2012 wegen Blasphemie verhaftet wurde. Sein Vergehen: Er betrieb unter dem Namen „Elder Pastitsios“ eine  satirische Facebook-Seite. Wobei Elder Paisios der Name eines bekannten griechisch-orthodoxen Mönchs ist und Pastitsios der einer lokalen Pasta-Spezialität. Die Verhaftung des jungen Mannes fachte in der griechischen Politik eine Diskussion über die Blasphemiegesetzgebung an. Eine Gesetzgebung, über die weltweit dringend diskutiert werden muss. Auch in Deutschland. Wenn diese Diskussion durch das kollektive Lobpreisen eines Nudelgerichts eher anzufachen ist, als durch ernsthafte Argumentation auf politischer Ebene, sollten Spaghetti zum atheistischen Hauptnahrungsmittel erklärt werden.

Mogelpackung

Allerdings muss auch darauf hingewiesen werden, dass nicht jede moderne Spaßreligion tatsächlich als Religionsparodie entstanden ist. Die im Jahr 2010 gegründete Kirche der Kopimisten zum Bespiel ist lediglich der Versuch einer Gruppe von Filesharern, der Strafverfolgung wegen Internetpiraterie durch Gründung einer Religion zu entgehen. Die kostenlose Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken ist das heilige rituelle Zentrum ihrer Religion. Einer der filesharenden Religionsgründer ist Schatzmeister der christlichen Stu­dentenbewegung Schwedens.

Es empfiehlt sich daher, auch bei Spaßreligionen sehr genau hinzuschauen. Wie immer, wenn es um Religion geht.
 


Artikel aus MIZ 4/12

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