Kirchenfinanzierung in Österreich

von Carsten Frerk

Im September wird im Czernin-Verlag das Buch Gottes Werk und unser Beitrag. Kirchenfinanzierung in Österreich erscheinen. Darin wird untersucht, wie es mit den Finanzen, dem Vermögen und der Wirtschaft im Raum der Kirchen in Österreich aussieht. Eine Arbeit, die sich dort bisher noch niemand so systematisch gemacht hat.

Als Inländer ist man den deutschen Gegebenheiten näher, sie scheinen einem selbstverständlicher im nationalen Kontext, wie zum Beispiel die Deutsche Bischofskonferenz. Man übersieht anscheinend dabei leichter, dass die katholische Kirche eine internationale Organisation ist, mit ihrer Zentrale in Mittelitalien, in Rom, mit regionalen nationalen Filialen in Deutschland, in Frankreich, in Italien, in Österreich etc. Ihnen allen ist es gelungen, diesen internationalen Filialstatus weitestgehend vergessen zu machen, sich dessen ungeachtet in das jeweilige nationale Rechtssystem, die Rechtsprechung eingegliedert und sich einen rechtseigenen Raum reserviert zu haben, der als nationale Identität wahrgenommen wird. Ein perfektes System des Tarnens und Täuschens.
Dieser internationale Aspekt von Eingriffen in die nationalen Gegebenheiten wird dann auch durch die geltenden Konkordate deutlich, die am 3. Juni 1933 (für Österreich) und 20. Juli 1933 (Deutsches Reich) abgeschlossen wurden und bei denen Dollfuß und Hitler in Konkurrenz gestanden haben sollen, wer als erster den Vertragsabschluss realisiert. Auch in Österreich wurden im Konkordat die Mitwirkungsrechte des Vatikans an der Besetzung der Theologischen Fakultäten vereinbart. Nach der Universitätsreform (2003) in Österreich wurde dann von Seiten der katholischen Kirche klar und fordernd darauf verwiesen, dass die Bestimmungen des Konkordats gelten und insofern nichts geregelt wurde, das Kanonische Recht der katholischen Kirche anzuwenden sei.
Diese Aushebelung der nationalen Gesetzgebung und der Hochschulautonomie ist ebenso gemeinsam für Österreich und Deutschland, wie auch der rechtseigene Raum, der in beiden Ländern den Kirchen für straffällige Priester eingeräumt wird.

Aber die Unterschiede sind gravierend. Ein paar Beispiele.

Österreich ist, in religiöser Hinsicht, ein katholisches Land. Neben den Katholiken (64 % der Bevölkerung) sind Evangelische (ca. 3 %) und Muslime (ca. 4 %) Minderheiten. Insofern erschüttern die Probleme und Skandale in der katholischen Kirche das Land erheblich mehr als in Deutschland mit einer gleich starken katholischen und evangelischen Kirche. Davon abgesehen sind die Skandale in der katholischen Kirche in Österreich früher und heftiger gesellschaftliche Themen geworden. Der Vatikan nahm 1995 das Rücktrittsgesuch des Erzbischofs von Wien, Hans Herrmann Kardinal Groer, an, der des mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen beschuldigt worden war. Vorwürfe, die auch von kirchlicher Seite später als im Kern zutreffend bestätigt wurden. Die Initiative Wir sind Kirche sammelte damals mehr als 500.000 Unterschriften für eine „grundlegende Erneuerung der Kirche Jesu“.

Solche Zahlen lassen sich auf Deutschland in Relation zur Bevölkerungszahl von 1 zu 10 (Österreich zu Deutschland) übertragen. Was waren diese Vorwürfe im Vergleich zu den Unterschlagungen und Prügeleien des deutschen Bischofs Mixa? Und nehmen wir einmal an, was in Deutschland los wäre, wenn eine Initiative fünf Millionen Unterschriften für eine Erneuerung der Kirche sammelte?

Auch die Austrittszahlen in Österreich muss man in dieser Relation sehen. Im Jahr 2010 erklärten rund 90.000 Kirchenmitglieder in Österreich ihren Austritt aus der Kirche (87.000 Katholiken und 3.000 Evangelische). Für Deutschland würde das eine Zahl von um die 900.000 Kirchenaustritten bedeuten, also das Vierfache der 226.000 tatsächlichen Kirchenaustritte in Deutschland (181.000 Katholiken und 145.000 Evangelische).
Das alles hat auch mit den Finanzen zu tun, da in den vergangenen zehn Jahren (von 2002 bis 2011) rund 484.000 Katholiken in Österreich ihre Kirchenmitgliedschaft beendet haben und insofern auch keinen Kirchenbeitrag mehr bezahlen. Die Abhängigkeit der katholischen Kirche von staatlichen Finanzierungen und Zuschüssen verstärkt sich dadurch Jahr um Jahr.

In dieser Hinsicht ist allerdings auch ein weiterer wesentlicher Unterschied zu benennen, denn die vermögendsten Rechtsträger innerhalb der katholischen Kirche sind nicht die Diözesen oder die Bischöflichen Stühle (wie in Deutschland) sondern die zahlreichen Ordensgemeinschaften, von denen die großen Stifte zu den größten Grundbesitzern zählen. Entsprechend zu ihren Besitzverhältnissen sind sie auch wirtschaftlich sehr aktiv (Forst- und Holzwirtschaft, Elektrizitätswerke u.a.m.) und erzielen Umsätze im dreistelligen Millionenbereich. Das hindert sie aber nicht daran, und dafür nennt die Recherche eine Vielzahl von Beispielen, in allen Kulturbereichen (sei es bei der Denkmalpflege, dem Bauunterhalt, ihren Museen etc.) aus staatlichen Töpfen nicht nur kleinere Zuschüsse sondern sechs- bis siebenstellige Euro-Beträge zu fordern und zu bekommen.

Und in dieser Wahrnehmung, als der beherrschende religiöse Kulturträger, sind die katholischen Kirchenfunktionäre in Österreich auch öffentlich sehr viel direkter und unverschämter, ihre Partikularinteressen als allgemeine Interessen zu behaupten und staatliche Gelder einzufordern. Das geht hin bis zu, beispielsweise, dreisten Falschdarstellungen, was die Kirche selber für die Denkmalpflege ihrer Sakralbauten bezahlt und was sie von der Gesellschaft erhält. Die Kirchenfunktionäre konnten sich anscheinend bisher darauf verlassen, dass niemand ihre Darstellungen überprüft und einmal auch weitestgehend alle staatlichen Zahlungen erfasst und gegenüberstellt. Das hat sich nun geändert und es zeigt sich, dass die Kirchen nur etwa ein Fünftel von dem für ihre Sakralbauten bezahlt, was staatliche Stellen geben.

Eine weitere Besonderheit in Österreich ist es, dass sich die beiden Kirchen, und innerhalb der katholischen Kirche exklusiv die Ordensgesellschaften, im Gesundheitsbereich als einziger nicht-staatlicher Anbieter etablieren konnten. Dabei ist auffallend, und stellt die behauptete Gemeinnützigkeit in Frage, dass die evangelische Diakonie etwa halb so groß ist (an MitarbeiterInnen und Umsätzen) wie die katholische Caritas. Der Grund dafür verdeutlicht sich insbesondere in der Sterbebegleitung, denn auch außerhalb der Ordensspitäler wird es kein allzu großes Problem sein, einen katholischen Priester für die Sterbebegleitung zu finden. Die Evangelischen, als kleine Minderheit, müssen dafür vergleichsweise größere Kapazitäten für ihre eigenen Bekenntnisangehörigen aufbauen.

Aufgrund der sehr langen Traditionslinien des katholischen Österreichs, wo einige Informationen auch offener genannt werden, wenn auch bei weitem nicht alle, war es möglich, das für die katholische Kirche in Deutschland am entschlossensten gehütete Geheimnis – das Vermögen der Bischöflichen Stühle, d.h. des institutionellen Privatbesitzes der Bischöfe – im Detail in einigen Bereichen zu beschreiben und als mittleren dreistelligen Millionenbetrag zu bewerten.

Aber die Kirche wäre nicht Kirche, wenn sie nicht in beiden Ländern die gleichen Prinzipien befolgen würde, die staatlich finanzierten Einrichtungen aus den Haushaltsplänen, in Österreich „Gebarungen“ genannt, herauszuhalten und insofern die Tatsache, wie stark kirchliche Einrichtungen und Zwecke staatlich finanziert werden, zu vertuschen versuchen. Damit hat es nun ein Ende.

Das Ergebnis der Recherche, an der neben Co-Autor Christoph Baumgarten weitere säkulare Menschen mitgearbeitet haben, hat für diese Zusammenhänge, und das Staat-Kirche-Verhältnis, nicht nur einige öffentlich bereits bekannte aber verstreute Zahlen in dem im September erscheinenden Buch zusammengefasst, sondern darüber hinaus umfangreiche und detaillierte Informationen ermittelt, die so bisher öffentlich noch nicht bekannt waren.
 


Artikel aus MIZ 2/12

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