Shaolin-Kampfmönche

von Colin Goldner

Wer kennt sie nicht, die unsäglichen Kung-Fu-Streifen der 1970er Jahre, mit denen RTL2 heute noch die Sendezeit totschlägt? Billige Kostümfilmchen, deren Handlung wesentlich darin besteht, dass die Protagonisten ohne Punkt und Unterlass aufeinander einkloppen. Die Bösen tun dies aus schnöder Gier nach Geld oder Macht, die Guten zur Wiederherstellung von Recht, Sitte und Ordnung. Letztere sind meist kahlrasiert und springen in ockerfarbenen Kutten über die Leinwand: Mönche des berühmten Klosters Shaolin in der zentralchinesischen Provinz Heinan.

Sie sind Kraft zen-buddhistischer Selbstzucht in der Lage, in mehrfachem Salto auf Hausdächer zu springen oder tonnenschweres Felsgestein zu stemmen; selbstredend sind sie völlig schmerzunempfindlich und in der Lage, es unbewaffnet mit jeder Übermacht bewaffneter Gegner aufzunehmen. Die Titel der Filme sind Programm: Die Blutrache der Shaolin oder Die Todeskralle der Shaolin. Der Name des Klosters avancierte in einschlägigen Kreisen zum Synonym für die Kunst, einem anderen mit der Handkante den Schädel zu spalten. Ganz besonders deshalb, weil vor der spirituellen Kulisse eines Klosters das ewige Aufeinandereinprügeln mit einer Art Heiligenschein versehen daherkam. Das das im 5. Jahrhundert begründete Shaolin-Kloster nicht das Geringste mit Kung-Fu zu tun hat, sprich: die Story von den „Kampfmönchen“ reine Erfindung der Hongkonger Filmindustrie ist – basierend allenfalls auf dem Umstand, dass das Kloster im Laufe seiner Geschichte immer wieder in blutige Hegemonialkriege verwickelt war –, spielte dabei keine Rolle: Shaolin gilt Kampfsportlern weltweit seither als Geburtsstätte der sogenannten martial arts.

Dem Wunsch der sportiv kaschierten Haudraufs, Shaolin einmal leibhaftig zu sehen – spätestens seit der zweiten Staffel der TV-Serie Kung-Fu mit David Carradine als Shaolin-Mönch Kwai Chang Caine („Grashüpfer“) war der Name des Kloster in aller Munde –, stand indes der Umstand entgegen, dass von Shaolin praktisch nichts mehr vorhanden war. Schon 1928 war die Klosteranlage, nach schleichendem Niedergang des Shaolin-Ordens während des 19. Jahrhunderts, größtenteils abgerissen worden. Die letzten verbleibenden Gebäude waren Mitte der 1960er der Kulturrevolution zum Opfer gefallen. Örtliche Politiker beeilten sich nun, im Windschatten des Erfolgs der Hongkonger Kung-Fu-Filme, ein paar Gemäuer wieder aufzurichten, um sich über Kampfsporttourismus eine neue Devisenquelle zu eröffnen. Man stellte Soldaten der Volksarmee ab, die, kahlgeschoren und ausstaffiert mit Mönchsgewändern, für die Photo- und Super8-Kameras der Besuchergruppen aus Deutschland und den USA klösterliches Kung-Fu-Training vorführten. Ganz so wie in den drittklassigen Zelluloidprügeleien der 70er Jahre. Es wurde geboten, was der zahlungskräftige Kampfsporttourist sehen wollte. Schnell etablierten sich zahllose Devotionalienläden, in denen man Kung-Fu-Waffen und -Souvenirs jeder Art erwerben konnte, auch eine Reihe an Kung-Fu-Schulen, in denen die Touristen für ein paar Yuan „Original Shaolin-Kampfkünste“ trainieren und sich gar zu „Shaolin-Mönchen“ graduieren lassen konnten. 2001 wurde der touristische Wildwuchs um Shaolin etwas beschränkt: sämtliche Kampfsportschulen wurden geschlossen bzw. in eine staatlich betriebene Kung Fu-Schule überführt. An der Disneylandisierung Shaolins hat das nichts geändert: Nach wie vor werden stündlich Kung-Fu-Vorführungen für Touristen veranstaltet, es gibt Souvenirläden, Hotel- und R