Buchbesprechungen MIZ 4/10

Carsten Frerk: Violettbuch Kirchenfinanzen.

Wie der Staat die Kirchen finanziert, Aschaffenburg 2010. Alibri Verlag, 269 Seiten, kartoniert, Euro 16.-, ISBN 978-3-86569-039-5

Zu den Minimalbedingungen moderner demokratischer Verfassungsstaaten gehört auch die Säkularität im Sinne einer Trennung von Staat und Religion. Dafür gibt es für die Bundesrepublik Deutschland gute Argumente sowohl aus der Perspektive der Demokratietheorie wie der des Verfassungsauftrags. Gleichwohl spricht man allgemein nur von einer „hinkenden Trennung von Staat und Kirche“, was sich nicht nur in den bekanntesten Bereichen wie dem Bestehen eines konfessionellen Religionsunterrichts in Schulen, der Erhebung von Kirchensteuer über die Finanzämter oder dem Vorhandensein von theologischen Fakultäten an den Universitäten zeigt. Was dies darüber hinaus finanziell in Gestalt der staatlichen Finanzierung der Kirchen bedeutet, hat der promovierte Sozialwissenschaftler Carsten Frerk, Chefredakteur des Humanistischen Pressedienstes, nach einer akribischen Recherche detailliert zusammengetragen. In seinem Violettbuch Kirchenfinanzen geht er all dem anhand von Denkmalspflege und Kindertageseinrichtungen, Kirchensteuer und Religionsunterricht, Schulen und Seelsorge, Universitätsfakultäten und Wohlfahrtseinrichtungen nach. Jährlich komme man dabei auf 19 Milliarden Euro, wobei in dieser Summe die 9 Milliarden Euro Kirchensteuer und die 45 Milliarden für Caritas und Diakonie noch nicht enthalten seien. Weil diese Gelder aus Steuereinnahmen stammen, zahlen mit über einem Drittel der Bevölkerung auch Anders- und Nicht-Gläubige bei der staatlichen Finanzierung der Kirchen mit. Damit geht objektiv deren Benachteiligung und eine Privilegierung der Kirchen einher. Auf diesen Sachverhalt macht das Violettbuch Kirchenfinanzen immer wieder aufmerksam. Auch wenn Frerk hier und da eine polemische Bemerkung „entschlüpft“, ändert dies doch nichts an den vorgetragenen Sachaussagen. Eine breitere gesellschaftliche Debatte über das Thema gab es bislang noch nicht. Vielleicht löst das Buch eine solche Auseinandersetzung aus, immerhin berichtete auch der Spiegel kurz über die Kernaussagen. Finanz- und Geldfragen sind immer heikel, genau deswegen verdienen sie aber auch kritische Aufmerksamkeit. Es sollte schon allgemein bekannt sein, dass die finanziellen Aufwendungen für Caritas und Diakonie nur zu zwei Prozent von den Kirchen getragen werden. Solche Wohlfahrtsverbände sind notwendig, aber warum müssen sie angesichts dieses Tatbestandes unter der Flagge bestimmter Religionsgemeinschaften agieren. Bilanzierend heißt es denn auch: „Es gibt so gut wie keinen Bereich, in dem die Kirchen tatsächlich aus eigener Kraft, nur mit eigenen Finanzmitteln, aktiv sind.“ (S. 241).

Frerks Buch ist insgesamt ein wenig „zahlenlastig“, d.h. er referiert stark die jeweiligen Summen von Zahlungen des Staates an die Kirchen. Das dabei bestehende demokratietheoretische Problem für eine multireligiöse Gesellschaft mit einem Drittel Konfessionsloser wird zwar immer wieder angesprochen, aber nicht konzentriert und systematisch erörtert. Dies hätte den Band noch entsprechend bereichert. Hier kann man übrigens auch mit Fallbeispielen arbeiten. Dafür steht etwa die Geschichte einer ehemaligen Mitarbeiterin eines katholischen Kindergartens, die aufgrund einer Heirat mit einem zuvor geschiedenen Mann ihren Job verliert. Obwohl der Kindergarten zu über 90 Prozent durch staatliche Mittel finanziert wird, herrschen ebendort die arbeitsrechtlichen Bedingungen und „moralischen“ Vorgaben der Kirche.

Armin Pfahl-Traughber
   

 Dieses Buch jetzt bei denkladen.de kaufen

 


Artikel aus MIZ 4/10

zurück zum Inhaltsverzeichnis