Christlich-Jüdische Leitkultur oder Humanistisch-Republikanischer Konsens?

von Jochen Beck

Seit einigen Monaten haben wir wieder eine „Leitkulturdebatte“ in Deutschland. Das Wort „Leitkultur“ fällt in erster Linie dann, wenn hier konservative Politiker befürchten, eine spezifische nationale Identität könnte verloren gehen. Früher war dabei nicht unbedingt von einer religiös verfassten Leitkultur die Rede, auch wenn man sicher die „deutsche Leitkultur“ unter anderem auch als „christlich“ verstand. Diesmal ist Vieles anders.

Begonnen hat das Theater mit Thilo Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab. Neu war daran diesmal, dass ein ehemaliger SPD-Politiker und Bundesbank-Vorstand die Stammtische zu Lasten islamischer Immigranten bediente, darauf ein christlicher Bundespräsident den Islam als zu Deutschland gehörig erklärte und ihm sofort entgegenschallte das Grundgesetz beruhe auf „christlich-jüdischem Erbe“. Sonst spricht man ja gerne vom christlichen Abendland, nun muss man sich wohl gegen den Islam auch mit einem jüdischen Standbein wappnen.

Sarrazin vertritt die These, Deutschland würde seine Selbstauslöschung durch niedrige Geburtenraten bei gleichzeitiger kontraproduktiver Einwanderung betreiben. Die Immigration finde überwiegend in die sozialen Systeme statt. Schlecht ausgebildete Ausländer mit einem dazu niedrigen Grad okzidentaler Sozialisierbarkeit – der oft durch islamischen Hintergrund bedingt sei – würden mit ihrer hohen Fertilität eine allmähliche „Verdummung“ und sogar „Abschaffung“ Deutschlands bewirken.

Ich muss ihm in gewisser Weise recht geben. Während meiner Schulzeit in den siebziger und achtziger Jahren habe ich erlebt, wie ausländische Schüler ohne speziellen Zusatzunterricht in der deutschen Sprache durch die Schuljahre geschoben wurden. Oft wurden Sie dabei aus Gründen der ghettohaften Wohnsituation auf wenige Schulen konzentriert, was der Integration in ein deutsches Umfeld natürlich besonders hilfreich zustattenkam. In einem typischen Oberschuljahrgang mit 450 Schülern hatten wir meist nur einen türkischen Schüler, der sich seine Gymnasialeignung erfolgreich an der betreffenden Brennpunktschule abgetrotzt hat. Einer nach dem anderen kamen sie alle aus der gleichen Familie. Gleichzeitig konnte ich damals in der Jesuitenzeitschrift Orientierung nachlesen, wie es sich in Australien bewährte, den Immigrantenkindern bewusst einen Unterricht sowohl in der eigenen wie in der Sprache des Gastlandes angedeihen zu lassen, und das auf der Basis einer bewussten Bikulturalität gestärkte Selbstwertgefühl die Betreffenden zu gut integrierten „Bindestrich-Australiern“ heranbilde.
Sarrazin spricht durchaus reale Probleme an, aber die verantwortungslose Politik der letzten Jahrzehnte, die regelrechte Proletarisierungspflege betrieb, indem sie durch ihr Desinteresse an der bildungsmäßigen Integration der türkischen Minderheit deren Arbeitsmigration faktisch zu einem gezielten Unterschichtenimport pervertierte, steht kaum im Fokus seiner Kritik. Bezüglich der Bildungsresistenz beruft er sich auf Erfahrungen seiner Frau als Grundschullehrerin, die müsse es ja wissen, denn Sie habe ja manchmal Klassen mit einem 60 bis 70%igen Anteil (sic!) türkischer Schüler unterrichtet. Obendrein entpuppte sich der Bestseller-Autor in einem Interview1 als ethnologisierender Amateurgenetiker, er sprach von „jeweils gemeinsamen Genen“ der Basken und Juden. Die Schuld an dieser Entgleisung trüge die Zeitung, von der er sich aufs „Glatteis hat führen lassen“.2

Leitkulturdebatte

Natürlich haben die Kassandra-Warnungen an die „sterbende“ Kulturnation sofort eine Debatte über „Leitkultur“ angestoßen. Bundespräsident Christian Wulff als Laienprediger von Staats wegen, fühlte sich dazu bemüßigt zu verkünden, dass der Islam zu Deutschland gehöre, nur um gleich darauf zu erleben wie die Wächter des christlichen Abendlandes auf die Barrikaden gingen, um zu erklären, dass Deutschlands Kultur auf dem christlich-jüdischen Weltbild beruhe. Der Bundespräsident, der vor seinem Amtsantritt als geschiedener wiederverheirateter Katholik dem Kuratorium der proto-evangelikalen Pro Christ-Organisation angehörte und noch nicht zu erkennen gab, dass er nichtreligiöse, konfessionsfreie Weltdeutungen innerhalb der deutschen Gesellschaft je zur Kenntnis nehmen möchte, hat sicher nicht den Islam mit dem Christentum auf eine Stufe stellen wollen. Ihm ging es wohl eher darum, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass diese Religion nun ebenfalls in Deutschland praktiziert wird und über verfassungsmäßige Rechte verfügt. Inzwischen hat Wulff auch die umgekehrte Variante angeführt, indem er in der Türkei das Christentum als dem Lande zugehörig erklärte.

Dass in dieser Debatte sich Michael Schmidt-Salomon zu Wort meldet, um gegen die gängige Politiker-Populärallgemeinbildung auf die säkularen Ursprünge der westlichen Demokratie in Aufklärung und Humanismus hinzuweisen, war natürlich zu erwarten. Die Überraschung kam dann aus der FDP. Diese Partei, von deren ideengeschichtlichen Herkunft her man eigentlich das vehemente Eintreten für eine strikte Trennung von Kirche und Staat erwarten würde, machte in den letzten Jahren eher den Eindruck, als wäre sie durch die jahrzehntelange Dauerallianz mit der CDU für diese Thematik gänzlich verloren und wolle ganz und gar zum neoliberalen Bannerträger verkommen. Umso begrüßenswerter ist es, wenn Generalsekretär Christian Lindner die Einstufung des Christentums als Quasi-Staatsreligion zurückweist, die säkulare Verfasstheit der Bundesrepublik betont und noch dazu darauf hinweist, dass die Kirchen auf dem Weg zum modernen demokratischen Staat vor 1945 eher als zu überwindendes Hindernis in Erscheinung traten.3 Lindner sieht die Wurzeln der Prinzipien der Verfassung im antiken Rom und in Athen, freigelegt durch die Aufklärung, erkämpft seit der Französischen Revolution. Dieser „republikanische Konsens“ soll alle Bürger gleich welcher Herkunft einen, ohne dabei zu den Religionen in Konkurrenz zu treten. Die Suche nach dem Sinn und den Werten des eigenen Leben gehört zur Freiheit der Bürger, diese schützt der Staat, solange sie nicht mit der Rechtsordnung kollidiert. Da das persönliche Glaubensbekenntnis bei vielen Gläubigen eine Quelle für Solidarität und Moral sei, sollte der Staat die Glaubens- und Religionsgemeinschaften durch Kooperation fördern, denn eine „laizistische Unterdrückung oder Ignoranz gegenüber religiösen Überzeugungen würde nur Konflikte provozieren“. Natürlich darf er keine Religion bevorzugen und muss Neutralität wahren.

Bei allem Bekenntnis zur Neutralität vergisst Lindner nicht einzuräumen, dass „der Islam“ noch am Anfang der historisch-kritischen Interpretation seiner Glaubensbekenntnisse steht. Allerdings müsse man sich fragen wie weit wir unseren Ansprüchen bezüglich einer Differenzierung von Staat und Religion Genüge tun? Hier weist der Generalsekretär nicht nur auf die formelle Teilhabe der Ministerpräsidenten an Bischofsernennungen hin, sondern auch auf die Relikte der Feudalzeit, jene 450 Millionen Euro „historische“ Staatsleistungen, welche die Kirchen noch aufgrund rechtlicher Grundlagen des frühen 19. Jahrhunderts erhalten und die aus allgemeinen Steuermitteln aufgebracht werden. Solche Ausführungen können von den Konfessionsfreien weitgehend zufrieden zur Kenntnis genommen werden. Aber was ist hier mit „laizistischer Unterdrückung oder Ignoranz“ gemeint, die „Konflikte provoziert“? Gibt es in Frankreich Konflikte, provoziert durch den seit 1905 geltenden Laizismus?
Michael Schmidt-Salomon, zurzeit weithin anerkannte Integrationsfigur der Konfessionsfreien des deutschsprachigen Raumes, hat zur Überwindung der von Lindner konstatierten Gerechtigkeitslücke eine griffige Lösung parat: Eine negative Angleichung der stattlichen Haltung gegenüber den Glaubensgemeinschaften, das heißt eine Gleichbehandlung durch den Abbau christlich-großkirchlicher Privilegien (historische Staatsleistungen, staatlich finanzierter bekenntnisgebundener Religionsunterricht, staatlicher Einzug der Kirchensteuer…), auch um so den islamischen Organisationen und den Zeugen Jehovas die Basis für entsprechende Begehrlichkeiten zu entziehen. Die Frage nach einem islamischen Religionsunterricht kann man dann in diesem Zusammenhang mit der Einführung eines integrativen Werte-Faches für alle Schüler erledigen.

Diese Debatte zeigt letztlich auch, welch eine Ratlosigkeit in Deutschland über die Frage der Begründung seiner verbindlichen Werte herrscht, und auch darüber, wo die Verbindlichkeit enden muss und die Pluralität beginnen soll. Aber was ist jetzt nun Deutschlands Leitkultur? Sind wir das christliche Abendland, das jüdisch-christliche Abendland oder der monotheistische Okzident – neuerdings unter Einschluss „des“ Islam?

Christliches Abendland

Der Begriff „christliches Abendland“ ist insofern sinnvoll, weil es im Mittelalter zwei christliche Zivilisationen in Europa gab. Sie basierten auf den beiden Zonen des Römischen Reiches mit jeweils lateinischer oder griechischer Hochsprache. Der lateinische Westen war somit das „christliche Abendland“ im Vergleich zum byzantinisch-orthodoxen „christlichen Morgenland“, als islamisches Morgenland wären somit Vorderasien und Ägypten zu verstehen. Eigentlich hätte dann der Maghreb und das zeitweise bestehende maurische Spanien als „islamisches Abendland“ zu gelten, aber solche Einordnungen sind wohl eher unüblich.

Das Adjektiv „islamisch“ als Charakterisierung eines Kulturraumes und der entsprechenden Einordnung der Immigranten aus dem Nahen Osten und Nordafrika ist ebenfalls wenig hilfreich. Der weltlich- aufgeschlossene Alevit aus der Türkei und der Wahhabit aus Saudi-Arabien haben weniger miteinander gemeinsam als Ersterer mit einem Westeuropäer. Die in Deutschland übliche Manie, jedem Menschen eine konfessionelle Identität zuzuordnen, führt auch zur pauschalen Einstufung nordafrikanischer und orientalischer Immigranten als Muslime, selbst wenn es sich um eine dezidierte Atheistin wie Mina Ahadi handelt. Die Iranerin hat zeitweise rechtliche Schritte gegen die Bezeichnung als „muslimische Frau“ erwogen.

Vereinnahmungsstrategien

Der Gipfel an Perfidie ist es allerdings, wenn man neuerdings vom „jüdisch-christlichen Weltbild“ als Leitkultur spricht. Auf den ersten Blick könnte man hier eine Anerkennung der Bedeutung der hebräischen Bibel als Altes Testament des Christentums sehen. Tatsächlich aber muss es geschichtsbewussten Juden als Hohn erscheinen, angesichts der drü-ckenden Verhältnisse der jüdischen Minderheit seit dem Aufstieg des Christentums zur römischen Staatsreligion (380), besonders aber seit dem Beginn der Kreuzzüge (1095). Der monotheistische Absolutheitsanspruch führte bereits sehr früh zu einem Verbot aller nichtchristlichen und nichtkatholischen Glaubensrichtungen. Ausgenommen war das Judentum. Diese Quasiprivilegierung der abrahamitisch-mosaischen Mutterreligion, welche darauf beruhte, dass man für Christus die Möglichkeit einer Anerkennung durch sein eigenes Volk offenhalten musste, verschaffte dem Judentum kein sicheres Nischendasein, sondern bildet eher eine endlose Kette von Verfolgungen und Übergriffen. Es unterlag jahrhundertelang repressiven Bestimmungen, die sich von den Nürnberger Rassengesetzen vor allem dadurch unterschieden, dass man sich Ersteren durch die Taufe entziehen konnte. Immer wieder wurden jüdische Bevölkerungsgruppen ausgewiesen und zu asylbedürftigen Heimatvertriebenen degradiert. So z.B. durch „Ihre katholischen Majestäten“ die Könige von Spanien im Jahre 1492. Viele spanische Juden flohen in den Orient. Hinzu kamen mörderische Pogrome, oft mindestens faktisch geduldet von einer christlichen Obrigkeit, der dieses Ventil mitunter ganz recht war. Viele deutsche jüdische Gemeinden wurden 1347/49 wegen angeblicher Schuld an der großen Pest vernichtet.4 Dieser Aspekt christlicher Kriminalgeschichte ist nicht durch „Missbrauch des Christentums“ bedingt. Das Neue Testament nennt die Juden „Feinde der Menschheit“ (1. Thess 2, 15) und „Kinder des Teufels“ (Joh 8, 44).

Der Begriff „christliches Abendland“ ist eigentlich seit dem Beginn der Renaissance fragwürdig. Welchen Sinn macht die Hervorhebung des Adjektivs „christlich“, wenn die heidnische griechisch-römische Antike damals faktisch zur Leitkultur wurde? Wenn die Aufklärung (1670 bis 1804), der die Moderne ihre Rationalität und Liberalität verdankt, schon seit dem Tode John Lockes (1704) nicht mehr von Christen repräsentiert wird? Wenn die zivilisatorischen Multiplikator-Persönlichkeiten der letzten 350 Jahre meist weder dem Christentum noch dem Judentum zurechenbar sind? Spinoza, Voltaire, Montesquieu, Diderot, Rousseau, David Hume, Immanuel Kant, ganz zu schweigen von Feuerbach, Marx, Schopenhauer, Mill, Russell, Wittgenstein, Fromm und Karl Popper blieben als Erwachsene weder Christen noch Juden.5 Ebenso wenig wie Lessing, Goethe, Schiller, Zola, Camus und Sartre. Überflüssig zu sagen, dass die Reihe sich bei den großen Naturwissenschaftlern fortsetzt. Weder Charles Darwin noch Einstein blieben dem Glauben ihrer Väter verhaftet. Natürlich wurden nicht alle der hier Aufgezählten zu Atheisten. Diese Avantgarde, deren Reihe man noch lange fortsetzen könnte, besteht aus Pantheisten, Deisten, Agnostikern und Atheisten. Die amerikanischen Gründerväter, die Führer der Amerikanischen Revolution – der älteren Schwester der Großen Französischen Revolution – zählten zu den Deisten. Die französische Menschenrechtserklärung von 26.8.1789 verdeutlicht die Bodenhaftung dieser Revolution in der Philosophie der Aufklärung und deren nichtchristlichen Gottesbezug mit dem Begriff des „Allerhöchsten Wesens“. Zu den Staatsmännern, die später die moderne westliche Demokratie entscheidend mitprägten, gehören der ungetaufte Abraham Lincoln (1809-1865) und der militante Religionskritiker August Bebel (1840-1913) der Gründervater der deutschen Sozialdemokratie. Die Katholische Kirche, der heute mehr als die Hälfte der Christen angehören, definierte ihren Bezug zur gehobenen westlichen Kultur der letzten Jahrhunderte, indem sie diese weitgehend in den (erst 1966 aufgehobenen) Index der verbotenen Bücher aufnahm. Noch vor 50 Jahren brauchte ein Katholik zumindest kirchenrechtlich eine geistliche Genehmigung um Kants Kritik der reinen Vernunft lesen zu dürfen.


Die Kultur der Moderne

Meines Erachtens beruht unsere moderne westliche Kultur auf zwei zentralen Errungenschaften:

Zunächst der Bewusstwerdung des Menschenmöglichen, des durch Menschen Machbaren. Das Ablegen einer fatalistischen Mentalität, die durch ein Verharren in einer Schicksalsergebenheit gekennzeichnet ist, die Krankheiten, Seuchen, Kriege und ähnliche Komplikationen als göttliche Prüfung, Strafgericht oder als Verschwörungen dämonischer Mächte sieht. Diese Errungenschaft beginnt mit der Renaissance, dem Rückgriff auf die heidnisch-römische Antike, zu reifen und erlebt ihre volle Entfaltung mit der Aufklärung. Das Verhältnis des Christentums zu dieser Errungenschaft kann man unter anderem anhand der Tatsache illustrieren, dass sowohl die Aufstellung der ersten Blitzableiter als auch die ersten Pockenimpfungen von Geistlichen als Gotteslästerung gebrandmarkt wurden.

Die zweite Errungenschaft ist die Idee unveräußerlicher Menschenrechte und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Diese kann man nicht auf die monotheistischen Religionen gründen. Auf die Bedeutung der Amerikanischen und Französischen Revolution und der Aufklärung als deren säkular-philosophischen Basis wurde bereits hingewiesen. Die weitgehende Unkenntnis dieser humanistischen Ideengeschichte sowie des inhumanen Gehaltes der Bibel und deren Impulsgeberschaft für die christliche Kriminalgeschichte erlaubt gegenwärtig noch das Überleben der Mär von dem christlichen Ursprung dieser Werte. Umso ernüchternder ist der biblische Befund.6  Viele Christen meinen nur das (jüdische) Alte Testament würde dem Religionskritiker Angriffsfläche bieten. Aber wer als Erziehungsberechtigter das Neue Testament (NT) konsultiert, findet das Loblied auf die Prügelstrafe im Hebräerbrief. Wer sich als Arbeitnehmer Rat holen will, wird mit ekelerregenden Ermahnungen an Sklaven, sich in ihr Schicksal zu fügen, konfrontiert.7 Frauen erfahren, dass sie für ihren besonderen Anteil am ersten Sündenfall mit Schwangerschaften büßen müssen.8 Ihre rechtliche Stellung ist niedriger, als sie es im alten Ägypten war.9 Wer sich in der Frage nach der rechtmäßigen Autorität im Staat Rat holt, erfährt aus Röm 13 dass jede Obrigkeit von Gott eingesetzt ist. Die Römische Republik (510 bis 49 v.u.Z.) und die Attische Demokratie (510 bis 322 v.u.Z.), stehen da der modernen westlichen Demokratie trotz allem näher.
Wer sich für Zivilcourage interessiert, darf darüber staunen, wie die Evangelisten sich bemühen, die Schuld an der Verurteilung Jesu vom römischen Statthalter zu den Juden zu verlagern, um den Gottessohn von dem Makel zu entlasten, von der römischen Obrigkeit verurteilt worden zu sein. Über diese Deutung der Schuldzuweisung herrscht heute Konsens. Besonders erschreckend ist der Befund zur Toleranz. Der Althistoriker Gerd Lüdemann hat in seinem Buch Die Intoleranz des Evangeliums acht Briefe des NT exemplarisch unter diesem Aspekt ausgewertet, aber auch dort macht er klar, wie leicht man auch in anderen Briefen fündig wird. Wer sich über die biblische Handhabung der Tugend der Wahrhaftigkeit ein Bild machen möchte, wird mit dem bibelwissenschaftlichen Befund konfrontiert, dass es sich bei den meisten Briefen, darunter sechs der dreizehn Paulusbriefe, um Fälschungen handelt. Immer wieder wird von den Christen die biblische Gottebenbildlichkeit des Menschen als Ursprung der Menschenwürde in Anspruch genommen, aber welchen Sinn ergibt dies? Die literarische Figur des biblischen Gottes ist bar jeder Würde. Er ist über primitive Leidenschaften wie Rachsucht und Eifersucht nicht Herr, gibt im AT Anweisungen zum Völkermord und droht im NT Andersdenkenden mit transzendentaler Endlösung. Die Liebe eines solchen Wesens ist nicht wünschenswert, es selbst ist nicht liebenswert, das christliche Zentralgebot der Gottesliebe somit eine Entwürdigung.

Die offene Gesellschaft

Heute begründen wir die Menschenwürde nicht mehr mit der Willensfreiheit, die durch neuere neurophysiologische Befunde obsolet geworden ist, wenn nicht gar schon durch die Schriften Schopenhauers. Der Basiskonsens, der im Grundgesetz durch die mit Ewigkeitsklauseln versehenen Artikel 1 und 20 (Menschenwürde, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit) festgehalten ist, kann aber nicht, wie wir jetzt vielfach gesehen haben, auf die Religionen gegründet werden. Konsens kann nur auf Vernunft basieren, die es ermöglicht, mit objektiven, logischen und erfahrungsgestützten Argumenten, sich auf eine gemeinsame Position zu einigen.

Während des Zweiten Weltkrieges hat Karl Popper – der Begründer des kritischen Rationalismus –, der sich in der Tradition der Aufklärung sieht und Kant ebenso wie Sokrates als seinen Vorläufer in Anspruch nimmt, in seinem Buch Die offene Gesellschaft und ihr Feinde eine politische und soziale Ethik auf der Basis seines Kritizismus begründet. Meines Erachtens hat allerdings Hans Albert Poppers Philosophie mit Hilfe seines „Münchhausen-Trilemmas“ gut auf den Punkt gebracht.10 Nach dem klassischen Rationalitätsmodell ist die Vernunft dem Satz vom zureichenden Grunde verpflichtet. Dieser lautet als methodologisches Prinzip: „Suche stets nach einer zureichenden Begründung aller deiner Überzeugungen.“ Dieses Begründungsproblem verfängt sich aber in besagtem Trilemma. Für jede Begründung kann man erneut eine Begründung fordern, ein unendlicher Regress ist natürlich undurchführbar, die Umgehung des Problems durch einen Zirkelschluss ist fehlerhaft. Als dritte und letzte Möglichkeit kann man das Begründungsverfahren bei einer Aussage abbrechen, die als selbstevidentes Axiom gilt, also gleichsam dogmatisiert wird. Auch diese Möglichkeit ist nicht tragfähig, heute sehen wir nicht einmal mehr die Axiome der euklidischen Geometrie als absolute Gewissheiten. Sie erscheinen uns nur so, aufgrund unserer Anpassung an die terrestrischen planetaren Gegebenheiten. Heute ist nicht-euklidische Geometrie sogar von praktischer Bedeutung für Astronomie und Raumfahrt. Das Trilemma erzwingt letztlich die Ablösung des klassischen durch ein kritisches Rationalitätsmodell, welches als methodologisches Prinzip lauten könnte: Suche zu all deinen Überzeugungen nach Widersprüchen, um sie dem Risiko der Widerlegung auszusetzen, damit sie Gelegenheit haben, sich zu bewähren". Man kann also wissenschaftliche Theorien nicht beweisen sondern nur widerlegen. Eine Behauptung kann ihre Autorität nur in dem Maße aufrechterhalten, wie sie dem Prinzip der kritischen Prüfung standhalten kann.

Wenn man Überlegungen anstellt, wie man auf der Basis des kritischen Rationalitätsmodells ein ethisches System errichtet, so stellt sich die Frage, welches Basis-axiom am ehesten kritischer Prüfung standhält? Dass göttliche Offenbarung diesen Anspruch nicht erheben kann, dürfte bereits oben klar geworden sein. Wie will der Glaube bereits vor der Frage bestehen, warum man sich von dem Erfinder der grausamen Naturgesetze als armer Sünder abkanzeln lassen soll? Das Streben nach Glück wird noch am ehesten diese Rolle ausüben können. Im Allgemeinen sind gegenteilige Zielsetzungen noch nicht ausdrücklich propagiert worden. Der Mensch braucht allerdings zur Freiheit, sein Glück verfolgen zu können, die Kooperationsbereitschaft, die Fairness und die Solidarität seiner Mitmenschen. Die kann er nur erwarten wenn er diesen die gleichen Aussichten bietet, durch sein eigenes äquivalentes Entgegenkommen. Somit ist das eigene Glücksstreben am ehesten durch eine Ethik der Freiheit und Gleichheit gesichert. Das Recht des Stärkeren dürfte dagegen für die allermeisten bedrohlich werden. Wie schnell sind schon vermeintliche Herrenmenschen zu Bittstellern geworden? Obendrein ist der Mensch von der Evolution als soziales Wesen verfasst und verfügt über Instinkte, die viele ihr Glück auch und gerade in der Liebe und Anerkennung sehen lassen, die ihnen zuteil wird, wenn sie zum Besten der Anderen handeln.

Eine antiautoritäre Ethik

All dies führt uns zu einer antitotalitären und antiautoritären Ethik. Wenn das Standhalten gegenüber Kritik den Ausschlag gibt, ist die Freiheit des Denkens und die Freiheit an sich ethisches Grundprinzip. Weil schrankenlose Freiheit zur Tyrannei der Starken über die Schwachen führen kann und somit die Freiheit wieder vernichten würde, gilt es diese so einzuschränken, dass sie jeweils ihre Grenze dort findet, wo den Mitmenschen das gleiche Maß an Freiheit verbleibt. Eine Gesellschaft schrankenloser ökonomischer Freiheit kann zum Beispiel zur Lohnsklaverei entarten. Diese Grenze völlig korrekt zu ziehen, ist ein unerreichbares Ideal. Eine solche Aufgabe kann nur einer demokratischen Gesetzgebung zukommen. Nur wem geschieht, wie er will, dem geschieht gewiss kein Unrecht, somit obliegt dem Volk die Setzung seines Rechts. Demokratische Verfahren erlauben eine friedliche Absetzung einer Regierung und so die Korrektur einer Politik, die an kritischer Prüfung scheitert. So kann die „offene Gesellschaft“ (die nicht durch Dogmatismus und autoritäre Strukturen zur „geschlossenen Gesellschaft“ wird) sicherstellen, dass falsche Theorien und Ideen absterben können, ehe Menschen für sie sterben müssen.
Natürlich wird kein Ethiksystem alle erreichen. Auch die offene Gesellschaft wird asoziale Individuen mit geeigneten Mitteln neutralisieren müssen. Die Todesstrafe gehört aber sicher nicht dazu, denn eine unkorrigierbare Strafe passt nicht zu ihrem kritizistischen Selbstverständnis.

Aus all dem folgt: Zu Deutschland gehört weder das Christentum noch der Islam, schon gar keine Leitkultur, sondern ein vernunftbasierter humanistisch-republikanischer Basiskonsens, der verschiedenen Weltanschauungen ein friedliches Zusammenleben ermöglicht. Ein Gleichklang von Integration und Abbau kirchlicher Privilegien und damit die Trennung von Staat und Religion. Es ist das beschriebene Fundament aus Aufklärung, kritischer Vernunft, offener Gesellschaft und allgemeinen Menschenrechten.
 


Anmerkungen:

1 Interview: Thilo Sarrazin: „Ich bin kein Rassist“, in: Berliner Morgenpost, 29.8.2010.
2 Sarrazin räumt „Riesenunfug“ ein, in: Focus, 2.9.2010.
3 Christian Lindner: Für eine republikanische Offensive, in: FAZ vom 18.10.2010.
4 Die Pest dezimierte Europas Bevölkerung damals um 40%.
5 Die Aufzählung von Spinoza bis Kant umfasst große Namen der Aufklärung (1660-1804), darunter allerdings Rousseau nur mit Einschränkung.
6 Zur Inhumanität der Bibel: Franz Buggle, Denn sie wissen nicht was sie glauben, Aschaffenburg, 2004 sowie mein Kommentar zu Ricarda Hinzes Film über Deschner unter http://hpd.de/node/ 10475?page=0,0.
7 Lk 17, 1.Kor 7, Eph 6, Kol 3-4, 1.Tim 6, Tit 2, Phil, 1Petr 2.
8 1. Tim 2,15.
9 Vgl. Uwe Wesel: Geschichte des Rechts, München 1997, S. 97; Joyce Tyldesley: Töchter der Isis, München 1996.
10 Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft, 5. verb. und erw. Aufl. Tübingen 1991, S. 9-56.

Jochen Beck, geboren 1966, studierte Wirtschaftswissenschaften in Gießen und ist in der freien Wirtschaft tätig. Im März 2008 hat er die Säkularen Humanisten Rhein-Main mitbegründet.

  


Artikel aus MIZ 4/10

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