MIZ 4/10 Editorial

Leitkultur, nein danke!

von Christoph Lammers

Bereits Ende der 1990er, als Bassam Tibi den Begriff der Leitkultur prägte und dieser vor allem von konservativen Politikern für die Forcierung einer christlichen Leitkultur vereinnahmt wurde, konnte man sich eines ganz sicher sein: Wir wissen zwar nicht wovon wir reden, aber darüber reden müssen wir. Nun steht uns abermals eine Leitkulturdebatte ins Haus und wir alle, Konfessionsfreie, HumanistInnen und SkeptikerInnen tun gut daran, uns aktiv an dieser Diskussion zu beteiligen. Hierbei scheinen mir zwei Punkte ausschlaggebend zu sein.

Punkt Eins: Jochen Beck umreißt den andauernden Konflikt zwischen zwei konkurrierenden Vorstellung: einer christlich-jüdischen Leitkultur auf der einen und einem humanistisch-republikanischen Konsens auf der anderen Seite. Die Stärke dieser eher historisch ausgerichteten Überlegung offenbart zugleich auch eine Schwäche. Denn sich allein auf einen humanistisch-republikanischen Konsens zu beschränken, würde uns der Möglichkeit berauben, aktuelle Konfliktlinien – die nicht zwischen den Weltanschauungen verlaufen, sondern über die weltanschaulichen Grenzen hinausgehen – näher zu bestimmen. Auf diesen Punkt komme ich weiter unten noch zu sprechen. Der zweite Punkt schließt sich direkt daran an. Die Unbestimmtheit der Diskussion lässt sich nicht zuletzt auf das Problem zurückführen, dass hinter der so genannten christlich-jüdischen Leitkultur immer die (christliche) Religion steckt. Was aber ist Religion? Wie kann man Religion definieren?

Zwei Aufsätze versuchen diese beiden Fragen zu erörtern. René Hartmann veranschaulicht, inwiefern Denkfallen (kognitive Täuschungen) dafür verantwortlich sind, dass Menschen, ob religiös oder nicht, offensichtlich Dinge glauben, die ganz und gar unvernünftig sind. Gerade diese Denkfallen tauchen bei religiösen Menschen überaus häufig auf. Andreas Kilian untersucht, inwiefern Religion ein Erfolg oder Misserfolg der Evolution darstellt, und kommt zu dem Ergebnis, dass Religionen dazu missbraucht werden, um sich Vorteile in der Gesellschaft zu sichern.

Beides scheint in der „Natur der Sache“ zu liegen und doch hat uns die kulturelle Evolution gelehrt, dass es auch anders geht. Bereits die Griechen unterschieden zwischen wirklichem Wissen (Episteme) und Meinung (Doxa). Sie hatten erkannt, dass es einen Unterschied zwischen dem Anspruch auf eine objektive Wahrheit und einer subjektiven Weltsicht gibt. Das eine beruht auf Fakten und Reflexion, das andere auf Meinung und das Zurschaustellen von (Vor-)Urteilen. Leider müssen wir feststellen, dass unsere postindustriellen Gesellschaften dieses epistemologische Defizit aufweisen. Der Politikwissenschaftler Benjamin Barber weist in diesem Zusammenhang auf folgendes Problem hin: „Wenn wir nur noch fühlen und meinen, weil wir überzeugt sind, dass es keine Möglichkeit gibt, unsere Meinung zu bestreiten oder anzuzweifeln, dann wird ‘eine Meinung zu haben’ dasselbe wie ‘recht zu haben’.“1 Je mehr Menschen meinen, dass ihre persönliche Überzeugung der objektiven Wirklichkeit entspricht, umso mehr drängen sich Behauptungen und Unwissen in den Vordergrund der Debatte. Das trifft leider auch auf die Leitkulturdebatte zu.

Kommen wir zum ersten Punkt zurück: Säkulare Leitkultur lässt sich von zwei Seiten her betrachten. Auf der einen Seite finden wir den eher formalen Aspekt der Gleichbehandlung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften durch den säkular begründeten Staat. Hier gibt es unter den Interessenverbänden der Konfessionslosen zwei Strategien und es stellt sich die Frage, zu welcher wir neigen. Die konsequentere Position wäre, die Gleichbehandlung aller Glaubensgemeinschaften durch den Abbau christlich-großkirchlicher Privilegien herzustellen. Die andere Position, die innerhalb der Szene diskutiert wird, ist die der Dritten Konfession im Staat. Als solcher stünden uns ein weltanschaulich gefärbter Unterricht ebenso zu wie staatliche Zuschüsse und die Berücksichtigung bei der Besetzung relevanter Posten. Gemeinsam ist Vertretern beider Richtungen, dass sie die Vorstellung einer „Leitkultur“ und erst recht die Verknüpfung mit einer Weltanschauung grundsätzlich kritisch sehen (so zum Beispiel Christian Brücker in seinem Beitrag „Humanist Farm“ in MIZ 4/06).

Auf der anderen Seite steht die Idee, dass der republikanische Konsens, den auch der FDP-Generalsekretär Christian Lindner in seinem Zeitungsbeitrag anführt, humanistisch fundiert sein muss, um von Dauer zu sein. Nach dieser Vorstellung muss gewissermaßen eine Voraussetzung geschaffen werden, damit der Konsens (und die damit verbundenen Rechte) tatsächlich Allgemeingültigkeit erreichen und behalten.

Beide Positionen müssen sich auch daran messen lassen, wie „anschlussfähig“ sie in andere weltanschauliche Lager sind, wenn es um die Beantwortung konkreter gesellschaftlicher Fragen geht. Denn lebensweltliche Vorstellungen von BürgerInnen im 21. Jahrhundert werden nicht mehr durch die Zugehörigkeit bzw. Nicht-Zugehörigkeit zu Religion definiert. Da wir es in Deutschland in der Mehrzahl mit TaufscheinchristInnen zu tun haben, die weniger der Kirche als ihren eigenen Überzeugungen (Meinungen) vertrauen, erweitert sich automatisch die Zahl derer, die eher vom demokratisch verfassten Staat Antworten auf drängende Fragen erwarten, denn vom Papst oder der Synode.

Gerade die VertreterInnen einer wie auch immer zu verstehenden jüdisch-christlichen Leitkultur nehmen für sich in Anspruch, für alle aktuellen Probleme die Antwort in der Religion finden zu können. Gerade angesichts von Äußerungen wie zuletzt von Bundespräsident Christian Wulff ist es wichtig, dass die Konfessionslosen in dieser Debatte mitdiskutieren und sich positionieren. Wie das geschehen kann, wird derzeit diskutiert. Wir hoffen daher, dass wir mit den Artikeln Sie, liebe Leserinnen und Leser, zum Mitdenken, Nachdenken und Vorausdenken anregen. Denn eines steht fest: Geschichte wird gemacht!


Anmerkungen:

1 Barber, Benjamin: Amerika, du hasst es besser. In: Süddeutsche Zeitung vom 4.12.2010, S. 14. 


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