MIZ 4/10 Leserbriefe

Antwort auf Martin Pätzolds Leserbrief (MIZ 3/10, S.60 f) zu „Riggenmanns Apologetik“ (... des jüdischen Verhältnisses zu Tieren)

Pätzold kritisiert das „Fehlen eines halbwegs logischen Aufbaus“ in meinem Leserbrief. Dabei habe ich den Aufbau beider Textfassungen (Heft/web) jeweils schon im ersten Satz erklärt: „AJude muss ich einiges richtig stellen, vor allem Colin Goldners Behauptung ...“.
Der logische Aufbau verdankt sich also Goldner, Pätzold et alii, deren folgende Behauptungen ich der Reihe nach widerlege: 
1. Es gebe in der ganzen Bibel „keinen einzigen Satz, in dem Tieren Schutz vor der Rohheit und Gier des Menschen zugesprochen würde“; das Tier sei in der Bibel „unmissverständlich“ nur „zum Gebrauch da“;
2. die Kosher-Regeln seien „abstrus begründet“;
3. die „judäo-christliche Zivilisation“ wolle das „Animalische und Leibhafte“ stets „unterdrücken und beherrschen“;
4. „Religio“ sei immer „Rückbindung“; Tierbefreiungsarbeit müsse deshalb immer Religionsbefreiungsarbeit sein.

Punkt 1: Weil ich Goldners emphatische Behauptung, es gebe „in der ganzen Bibel keinen einzigen Satz ...“ (und Wakoniggs kaum weniger apodiktische Aussage, die Bibel stelle Tiere nur als Objekte zum „Gebrauch“ vor), mit einer gezielten Auswahl von entsprechenden, angeblich nicht existierenden  Sätzen widerlege, zeiht mich Pätzold erstens prompt des „Eklektizismus“. Ein klangvolles Wort, das der Duden mit „unschöpferische, unselbständige, mechanische Vereinigung zusammengetragener Gedanken-, Stilelemente usw.“ übersetzt. Pätzold aber meint damit das „ürliche Auswählen“ von „Textstellen ... die für das Erfüllen der Aufgabe geeignet sind“:  ephilologisch erstens falsche und zweitens so undifferenzierte Deutung, dass damit buchstäblich jeder zitierende Autor (einschließlich Pätzold) zum Eklektizisten wird. Die gewalttätigen Stellen der Bibel habe ich in keinem meiner Bücher verschwiegen; in „Kruzifix und Holocaust“ beschreibe ich sie auf 21 Seiten (172-193) so ungeschminkt, dass ich dafür im Internet schon Applaus von der falschen (antijüdischen) Seite bekam.

Nicht zu unrecht nennt Pätzold die Bibel ein „Textkonglomerat“ mit „chaotischer Entstehungsgeschichte“. That’s life, that’s human, that’s history! notwendige demokratische Textkritik (Talmud) hält uns Juden seit jeher geistig fit. Wäre ein monolithisch widerspruchs- und gewaltfreier, aseptisch-heiliger, kritiklos umsetzbarer Katechismus aus göttlicher Feder besser?

Zweitens muss Pätzold, um Goldners Sentenz zu retten, den menschlichen Autoren der Bibel rigoros jede mitfühlende, nicht egoistische Aussage zu Tieren absprechen. Wacker reduziert er alle tierfreundlichen Sätze der Bibel auf Versuche der „Nomaden“, ihr Tiermaterial pfleglich zu behandeln, um es effektiver nutzen zu können. „Von den Wüsten- bzw. Wandernomaden [Juden]... kann man nichts anderes erwarten, als das, was man vorfindet: Geringschätzung, Abwertung, Brutalität und Grausamkeit gegenüber den Tieren, was nur dort relativiert wird, wo es ihr Eigeninteresse, die Tiere als Eigentum und Nutzobjekte nicht unnötig zu schädigen, betrifft.“ Wenn die verliebte (nach Liebe dürstende) Rebekka mitfühlend Isaaks dürstende Schafe tränkt, dann fühlt sie nach Pätzolds Lesart gar nichts, sondern denkt nur an den „Materialwert der Tiere“. Statt im Pferch human behandelt zu werden wäre es, so Pätzold, doch „für die Tiere wohl besser, erst gar nicht in Gefangenschaft leben und getränkt werden zu ‚müssen’, sondern frei zu leben und selbstständig trinken zu können.“ Wenn man „Ochse und Esel nicht gemeinsam vor den Pflug spannen soll“ (Dt 22,10) kaschiert dies für Pätzold nur, „dass man es einzeln darf“ – anstatt den Pflug selber zu ziehen. Es liegt mir fern, dies als weltfremde, ahistorische Idylle abzuwerten; Pätzold hätte aber lesen sollen, was ich am Schluss über den „diesseitigen Pragmatismus des Judentums“ schreibe, „seine Anpassung an eine agrarische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die sich zwar ‚mit Tieren in einem Boot’ sah, aber (bis vor kurzem) auf ihre Ausbeutung als Arbeitskräfte und Nahrungsquellen angewiesen war.“

Punkt 2 kontert Pätzold mit einem neuen apodiktisch universalen Lehrsatz. Merke: „Jede Form [sic!] der Enthaltung von Tierprodukten [sic!] basiert – wie bei praktisch allen Religionen – auf ethisch-karmischem Purismus, nicht auf ethischer Berücksichtigung der Tiere.“ Hallo Veggies! Ihr wollt nur nicht als Schweine reinkarnieren! Euch geht’s doch nur um „egozentrische Reinheitsvorstellungen“ und „Abgrenzung gegen Konkurrenzreligionen“ (von Fastfood-Tempeln bis Michelin-Sternekult)! Ernsthaft behauptet Pätzold, nur solcher Abgrenzung diene auch das noachidische Verbot, lebenden Tieren Stücke herauszuschneiden – was die alten Shylocks sonst so gerne täten, man kennt sie ja! Aber ging das Abgrenzen nicht bequemer? Das expandierende Christentum etwa grenzte sich lieber durch Aufhebung des Sabbat und Freigabe aller Fleischarten ab und zog der dummen jüdischen Konkurrenz so deklassierend davon, dass heute auf jeden egozentrisch koscheren Juden hundert frei verzehrende Christen kommen!

Bei Punkt 3 muss Pätzold passen.

Am Punkt 4 schaltet er auf „du ja auch!“: Er entschuldigt die Fehldeutung von „religio“ damit, dass Goldner hier „offensichtlich das Verb meint“ (!)1 und wirft mir „philologische Nachlässigkeit mit Wörtern und Wortbedeutungen“ vor, da ich Vegetarismus und Veganismus (wo denn bitte?) oder Tierschutz und Tierrechte (wo denn bitte?) „durcheinander werfe“, außerdem Peter Singer als Tierrechtler2 subsumiere (allerdings!) und herbivore Tiere als „vegan“ bezeichne (unverzeihlich!).

Und weil er meine Übersetzung von „religio“ mit „Bedenken, Zweifel, Besorgnis“ schmallippig bestätigen muss, tadelt er mich, nicht alle 13 nachrangigen Konnotationen des Wortes mit aufgezählt zu haben. (Pardon!)
Auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch antwortete Bertolt Brecht: „Sie werden lachen, die Bibel.“ Für Paetzold, der das alte Buch andernorts3 mit Hitlers „Mein Kampf“ als zwei „Grundlagen faschistoider Systeme“ auf eine Stufe stellt, ist sie zwar „bestenfalls völlig belanglos“. Umso mehr genießt er es aber, sie, wenn es ihm dienlich erscheint, reichlich „eklektizistisch“ für bare Münze zu nehmen. Da schreibt er etwa in den Fußnoten, Jesus habe „sechstausend Schweine umgebracht“ (laut Mk 5,13 „nur“ eine absurd große Herde von zweitausend Schweinen, aber egal) oder gebratenen Fisch gegessen, obwohl der wieder auferstandene Gekreuzigte mit diesem Bratfisch im Bauch wenig später „während er sie segnete ... in den Himmel empor“ gehoben wurde (Lk 24,51). Wie war das mit dem  „Ignorieren des Kontextes“ als Standardtrick der Eklektizisten?

„Ich werde Riggenmanns Apologetik nicht mit theologischer ‚Auslegung’ begegnen ...“, kündigt Paetzoldt an – und führt dann bei seiner von Religion befreien wollenden Exegese bezeichnenderweise 15 christliche Theologen (4 kath., 8 ev., 3 sonst.) an, und keinen einzigen jüdischen Bibelexperten.

Beiläufig unterstellt er mir, ich hätte behauptet, der Judaismus sei „aufgrund seiner suggerierten ‚Tierfreundlichkeit’ von den Nationalsozialisten verfolgt worden.“ Wirklich geschrieben habe ich: „Kein Wunder, dass das Judentum zum Feindbild einer totalitären Weltanschauung wurde, die sich auf solchen Nietzscheiß berief: „Alle Schaffenden aber sind hart“ – „Wo in der Welt geschahen größere Torheiten, als bei den Mitleidigen?“ –„Seid mir gewarnt vor dem Mitleiden.“ Nietzschefreunde mögen diese Weisheiten mit  der berüchtigten Posener Rede des katholischen Hühner- und Germanenzüchters Heinrich Himmler vergleichen.

Wenn Maimonides (12.Jh.) das Verbot, ein Tier zusammen mit seinem Jungen zu töten, ausdrücklich mit dem durchaus menschengleichen „Leid der Tiere unter solchen Umständen“ erklärt,  – sechs Jahrhunderte bevor die christliche Welt begann, die Leidensfähigkeit der seelenlosen tierischen „Maschinen“ überhaupt wahrzunehmen4 – dann verdreht Paetzoldt dieses Verbot (Lev 22,28) schlicht in ein „Mordgebot“.5
Sogar in Jesajas poetischer Utopie des kleinen Jungen, der Kalb und Löwe hütet, erkennt Paetzoldt noch die „Unterdrückung von nichtmenschlichen Tieren (hier durch Hirten)“. Okay.

Wenn Paetzoldt aber bei zwei christlichen, kath./luth. Theologen6 das findet, was er vom Gebot „Du sollst nicht töten“, unbedingt noch sagen möchte, dass es sich nämlich „lediglich auf andere Juden“ beziehe, jedoch „für alle anderen Menschen (und anderen Tiere ohnehin) ... nicht anwendbar“ sei, weil: „Es bedeutet nichts weiter als: du soll keinen anderen Juden ermorden“7 – dann erinnert mich das an einen Vortrag zum Thema „Mobbing“, in den der christliche Referent unbedingt noch einflechten musste: „Beim Angriff auf das World Trade Center war kein einziger Jude unter den Opfern. Die haben’s richtig gemacht.“ (Zustimmendes Nicken im Publikum; meine Strafanzeige blockte die Staatsanwaltschaft Memmingen ab).

Kein einziger Jude unter den Opfern, kein anderes Motiv als Eigennutz, kein einziger Tiere schützender Satz in der jüdischen Bibel ...

Und keinen Widerspruch duldet das (nicht falsifizierbare und deshalb unwissenschaftliche) Dogma, das Pätzold zum Roundup seiner Replik wiederholt: „Keine Freiheit der Tiere von menschlicher Unterdrückung ... ohne Freiheit der Menschen von Religion“! Ein sehr deutscher, d.h. exklusiver, totaler und systematischer Merksatz, der ganz andere Prioritäten setzt als Peter Singers prägnantes Diktum: „Animal Liberation is Human Liberation too.“ Als ob wir mit einer neuen Ethik gegenüber Tieren warten könnten, bis alle Menschen von Religion befreit sind – in einer Zeit, wo der Durchschnittsdeutsche 44 m² Wohnraum, aber 1300 m² für den Futtermittelanbau in Beschlag hat; wo die Nutztierhaltung stärker zur Klimaveränderung beiträgt als der gesamte Verkehrssektor, wo in immer kürzeren Abständen neue Erreger die Schwelle vom missbrauchten Tier zum Menschen überspringen und Massentierhalter durch den routinemäßigen Einsatz von Antibiotika quasi Resistenzen züchten;8 in einer Zeit also, wo man schon aus den von Pätzold so verschmähten human-egozentrischen Gründen, nämlich  aus Menschenschutzgründen für Tierbefreiung kämpfen müsste!

Wie viele religiöse Tierschützer/-rechtler/-befreier Pätzold mit seiner primärtherapeutischen Vorbedingung vor den Kopf stößt, scheint ihm egal zu sein, Hauptsache die antireligiöse Richtung stimmt. Wenn ich hier jedoch für „Religion“ die Notierungen meines Langenscheidt-Wörterbuchs in gegebener Rangfolge einsetze, dann geht es Pätzold um Freiheit von „Bedenken, Zweifel, Besorgnis; abergläubisches Bedenken; religiöses Bedenken, Gewissensskrupel ...“. Und ich habe größte Zweifel, ob ein jüdischer Bedenkenträger unter dogmatischen Religionsfreimachern noch was verloren hat. 

Eine Anregung noch (nach 14 Jahren Abonnement) an MIZ und IBKA: Könnt ihr das krakenhaft schwabblige Feindbild „Religion“ mal linguistisch seriös herleiten und allgemein verständlich definieren, damit klar wird, wovon die Menschheit zu befreien wäre? Ist das Judentum eine Religion, obwohl ich da gar nichts glauben muss? Und Lottospielen, Scientology, Buddhismus, Atheismus?9
 
Danke.

Dr. Konrad Riggenmann


Anmerkungen:

1 das Verbum „religo“ („rückbinden, umwinden, festbinden“) gehört zum Substantiv „religatio“ (Anbindung). Noch deutlicher beweist das Adjektiv „religiosus“ („voller Bedenken, ängstlich, gewissenhaft, gottesfürchtig, fromm, heilig“), dass die Herleitung von „religio“ aus „rückbinden“  irrig ist.

2 Pätzold wirft mir vor, ich spräche  „von Peter Singer in Zusammenhang mit Tierrechten und der TierTierrechtsbewegung, obwohl dieser Rechte für Tiere erklärtermaßen ablehnt“.  Statt Tierrechte abzulehnen, entgegnet  Singer (ein Pionier der Tierrechtsbewegung),  in „Animal Liberation““ (New York 2002, p.8) an der von Paetzoldt angeführten Stelle (mit Bezug auf Jeremy Bentham) aber gerade auf „misguided attempts“ von Philosophen, „who have gone to much trouble developing arguments to show that animals do not have rights.“ Singer fährt fort: „The argument is really about equality. The  real weight of the moral argument does not rest on the assertion of the existence of the right, for this in turn has to be justified on the basis of the possibilities for suffering and happiness.”  (Hervorhebungen: K.Y.R.)
Im Vorwort zur Auflage 2002 von „Animal Liberation” beschreibt Singer das Ape Project, das er 1993 mit Paola Cavalieri gründete, als „an international attempt to expand the community of beings who we recognize as having certain basic rights, urging in particular that we extend to chimpanzees, bonobos, gorillas, and orangutans the rights to life, liberty and protection from torture … If we think that all human beings … have some basic rights, how can we deny that to the great apes …? (…) If the Great Ape Project is successful in leading us to include, for the first time, members of a nonhuman species within the sphere of beings who we recognize as having basic rights, then it will have served to bridge the gap between humans and other species.” Auch in „Praktische Ethik“ (Stuttgart 1994, S.174) setzt Singer im Kapitel „Leben nehmen: Tiere“ ein „Fragezeichen hinter die Berechtigung des Tötens vieler Tiere durch den Menschen“ – was eigentlich das Recht der Tiere auf Nichtgetötetwerden bedeutet.

3 antispe.de/txt/furchtundschrecken.html.

4 Dies mit zwei Ausnahmen: Moses ben Maimons kosmisch mitfühlender Zeitgenosse Franz von Assisi und Michel de Montaigne, Sohn einer sephardischen Jüdin und eines katholischen Adligen, 1533-1592. Vgl das sehr aufschlussreiche Kapitel 5 in Singers „Animal Liberation“, mit der Feststellung: „While it asserted human dominion over other species, the Old Testament did at least show flickers of concern for their sufferings. The New Testament is completely lacking in any injunction against cruelty to animals …”.    

5 Vgl. den von Pätzold angeführten Standardtrick der Eklektizisten: „änderung ins Positive oder Negative“.

6 Matthias Köckert (kath.) und Frank Lothar Hossfeld (prot.). Bei seiner Bibel-Exegese zitiert  Pätzold bezeichnenderweise 16 christliche Theologen und keinen einzigen jüdischen Interpreten. Dies, obwohl er angekündigt hatte: „werde Riggenmanns Apologetik nicht mit theologischer ‚Auslegung’ begegnen ...“

7 Zur grotesken Vorstellung, das Ermordungsverbot gelte bei den Juden nur gruppenintern, vgl. Ex 22,20; Lev 19,34, Lev 24,22  und Dt 10,19.

8 Ulrike Hoefken u.a., Antrag „Veggie-Day“ zur 32. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von B90/Grüne am 19.-21. November 2010 in  Freiburg. Vgl. Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Köln 2010, S.152-172.

9 „Manchen Atheisten“ attestiert A. Pfahl-Traughber in MIZ 2/08 „in ihren Einstellungen auch formale Merkmale einer Religion“, nämlich etwa „Dogmatisierung eigener Grundprinzipien, Pauschalisierung eines pauschalen Gut-Böse-Dualismus gegenüber der Religion und die Erlösungsvorstellungen für eine Welt frei von solchen Glaubensformen.“ Allerdings erklärt auch Pfahl-Traughber nicht, was er unter „Religion“ versteht. Gerhard Czermak dagegen erklärt in seinem Standardwerk „Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht“ (Aschaffenburg 2009, S.289 f.) zwar, es sei bekanntlich religionswissenschaftlich unmöglich, „Religion“ allgemeinverbindlich zu definieren, doch findet er folgende Umschreibung: „Der Begriff Religion umfasst anerkanntermaßen alle Formen von Religion im Sinn eines Systems von Vorstellungen über das Weltganze sowie Herkunft und Ziel des menschlichen Lebens, also mit Sinngebungskraft, und ist gemeinschaftsbezogen.“ Die Website kirchenaustritt.de gibt den Anteil der solchermaßen religiös orientierten Menschen mit 88 Prozent der Weltbevölkerung an (5.685.556.000 von 6.462.382.000).

 


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