„Machet sie euch untertan und herrschet...“

von Colin Goldner

Wie ist es zu erklären, dass viele Menschen noch nicht einmal gegenüber ihren „engsten Verwandten im Tierreich“ – Schimpansen, Gorillas und Orang Utans – Empathie empfinden können? Selbst und gerade dann nicht, wenn diese, dressiert und „zum Affen“ gemacht, irgendwelche Kunststückchen in Zirkus oder TV-Shows vorführen müssen oder, degradiert zu reinen Schauobjekten, in Zoos und Freizeitparks vor sich hinvegetieren, auf Lebenszeit eingesperrt hinter Eisengittern und Isolierglasscheiben?

Das Verhältnis des mitteleuropäischen Menschen zum Menschenaffen ist relativ neu. Die ersten „Großen Affen“, Schimpansen zunächst, kamen Mitte des 17. Jahrhunderts auf Handelsschiffen nach Europa. Sie wurden schnell zur Attraktion der zu dieser Zeit aufkommenden Menagerien und Tiersammlungen „aufgeklärter“ und insofern „naturbegeisterter“ Landesfürsten. Die älteste Tiersammlung Europas, mit einer Vielzahl exotischer Tiere, war bereits 1542 unter Kaiser Ferdinand I. in Schönbrunn bei Wien begründet worden.

Das Auftreten der Menschenaffen in Europa erschütterte die bis dahin unhinterfragt herrschende Selbst- und Weltsicht des christlichen Abendlandes in einem Maße, wie man sich das heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann: ihrer augenfälligen Ähnlichkeit mit dem Menschen wegen bedeutete ihr Auftreten nicht weniger, als dass zum einen aufgrund der gesetzten Gottebenbildlichkeit des Menschen der Affe – ungeheuer und undenkbar – gottähnlich sein müsste; und dass zum anderen – gleichermaßen ungeheuer und undenkbar – ebendamit das Alleinstellungsmerkmal des Menschen und damit seine Vorherrschaft über die Natur in Frage gestellt sei. Mit größtem Aufwand und in einer Schärfe, wie dies mit Blick auf die bislang bekannte Tierwelt nicht erforderlich gewesen war – menschenähnliche Tiere waren bis dahin in Europa völlig unbekannt gewesen –, suchte man von Kanzeln und Kathedern herunter die Trennlinie zwischen Mensch und Tier endgültig und über jeden Zweifel erhaben nachzuziehen.

Vergleichbar dem jesuitischen Vorgehen gegen Galilei und insofern wider jede Empirie, die zu Beginn der Aufklärung und ebendiese markierend längst wissenschaftlicher Standard war, griff man zurück auf die später als Scholastik bezeichnete Wissenschaftsdoktrin des ausgehenden Mittelalters – namentlich auf den Spätscholastiker Thomas von Aquin –, die darin bestand, Beobachtungen rein deduktiv, also vom Allgemeinen zum Besondere schließend, so zu deuten, dass sie mit vorgegebenen Prinzipien und deren Konsequenzen vereinbar waren. Während alle Wesen beseelt seien, so die Auffassung des Thomas von Aquin, verfüge nur und ausschließlich die menschliche Seele über die Kraft des göttlichen und damit unsterblichen Geistes, des „intellectus“, der freies Denken und Wollen ermögliche und den Menschen „essentiell“ über die Tiere hinaushebe. Mit der Lehre des „essentiellen“ Unterschiedes zwischen Mensch und Tier wurde die in der Bibel grundgelegte Doktrin der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die diesen über die gesamte Natur erhebe und jene seiner Herrschaft und Nutzung unterwerfe, mit Nachdruck festgeschrieben: Thomas von Aquin gilt insofern als mit Abstand einflussreichster aller Kirchenlehrer. Ausdrücklich festgeschrieben wurde das biblische Diktum des 1. Buches Mose, in dem Gott selbst seinen Ebenbildern befiehlt, zu „herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und alle Tiere des Felds ... und machet sie euch untertan und herrschet ... Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere ... in eure Hände seien sie gegeben“.

Es gilt dieses Verdikt unverändert bis heute und besetzt das kollektive Bewusstsein wie kein zweites: Unmissverständlich erklärt der aktuell gültige Weltkatechismus der Katholischen Kirche, federführend herausgegeben im Jahre 1993 durch den seinerzeitigen Kurienkardinal Joseph Ratzinger und jetzigen Papst Benedikt: „Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bilde geschaffen hat.“ Somit dürfe der Mensch sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidung bedienen, er dürfe sie abrichten, um sie sich dienstbar zu machen; medizinische und wissenschaftliche Tierversuche seien „sittlich zulässig“, sei doch – mit Thomas von Aquin – das „Gewaltverhältnis zwischen Mensch und Tier grundsätzlich unaufhebbar“. Es gibt bezeichnenderweise in der gesamten Bibel keinen einzigen Satz, in dem Tieren Schutz vor der Rohheit und Gier des Menschen zugesprochen würde. All die mühsamen Versuche tierrechtlich angehauchter Exegeten wie etwa des Theologen Kurt Remele, irgendwelche tierfreundlichen Passagen in die Bibel hinein- oder aus dieser herauszuinterpretieren, sind reine Farce: Remele hält das Herrschafts- und Unterjochungsgebot aus dem 1. Buch Moses – „Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere“ – allen Ernstes für den Auftrag Gottes an den Menschen zu „verantwortungsvollem Leiten“ der ihm an die Hand gegebenen Mitgeschöpfe, zu „liebender Sorge“ für diese und „hegendem Bewahren“.

Auch die Bezugnahme der katholischen Kirche auf sogenannte Tierheilige wie Franz von Assisi, Leonhard oder Patrick sind, ebenso wie die Tiermessen und Tiersegnungen, die sie allenthalben inszeniert, nichts denn zynische Farce. Nirgendwo geht es um Segnung, sprich: Schutz der Tiere um ihrer selbst willen, allenfalls sollen sie durch den Segen vor Krankheit und Unfall bewahrt werden, um umso besser ausgebeutet werden zu können. Auf eigenen Hubertusmessen werden die Jäger gesegnet, vor Walfangfahrten die Walschlächter, vor Stierkämpfen die Toreros. Keine Eröffnung eines Zoos oder Delphinariums, keine Zirkuspremiere, keine noch so abartige Tierquälerei im Gewande von Tradition oder Brauchtum (Gänsereiten, Hähneköppen, Widderstoßen usw.), ohne dass nicht ein Priester seinen Weihwasserwedel schwänge. Franz von Assisi im Übrigen – dessen legendäre „Vogelpredigt“ ebenso frei erfunden ist wie seine „Zähmung des Wolfes von Gubbio“ – stieg erst 1980 zum „Tierschutzheiligen“ auf. Schon 1931 zwar wurde sein Todestag, der 4. Oktober, zum „Welttierschutztag“ ausgerufen, allerdings nicht von der katholischen Kirche, die sich vehement dagegen zur Wehr setzte, sondern von einem in Florenz veranstalteten Kongress von Tierschutzvereinen aus 32 Ländern. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war von Papst Pius IX die Errichtung einer Tierschutzeinrichtung in Rom ausdrücklich verboten worden: Tieren gegenüber gebe es keinerlei moralische oder sonstige Pflicht.

Ungeachtet der Aufnahme des Tierschutzes in das Grundgesetz der BRD vom 17. Mai 2002 – Artikel 20a – gilt der Ge- und Verbrauch von Tieren nach wie vor als völlig „normal“: die meisten Menschen betrachten Tiere ausschließlich als Mittel zum Zweck. Es gilt als unhintergehbare Selbstverständlichkeit, dass Tiere für menschliche Nahrung und Kleidung unterdrückt, ausgebeutet, gequält und getötet werden, dass sie für die Erforschung und Testung von Medikamenten oder Kosmetika vergiftet, verbrüht, verbrannt, vergast oder ertränkt werden, dass ihnen Augen, Magen und Haut verätzt, ihre Stimmbänder durchtrennt, ihre Knochen zertrümmert, zersägt, ihre Schädel zerschmettert werden, dass sie von Jägern gehetzt, erschlagen oder erschossen werden, sie zum Gaudium des Menschen in Zoos ausgestellt und in Zirkussen vorgeführt werden, dressiert und zu artwidrigstem Verhalten genötigt, dass sie zu Sport und Freizeitvergnügen jeder Art herhalten müssen... Und das alles nicht nur mit dem Segen der Katholischen Kirche, sondern in ihrem beziehungsweise ihres Gottes ausdrücklichem Auftrag: „Machet sie euch untertan und herrschet...“

Religion hebt den Menschen aus der Natur

Nicht nur die katholische Kirche, auch die evangelische und jede andere der christlichen Religionsgemeinschaften, desgleichen Judentum und Islam in all ihren Ausprägungen, beziehen sich grundlegend auf die biblisch begründete Einzigartigkeit des Menschen als Ebenbild Gottes samt dem daraus hergeleiteten Anspruch des Menschen, die Natur zu beherrschen. Es ist das Wesen jeder Religion, den Menschen aus der Natur herauszuheben und ihn – dies die Bedeutung des Begriffes re-ligio – rückanzubinden an Gott bzw. je nach theologischer Ausrichtung an mehrere und unterschiedliche Götter, an das Göttliche, das Numinose usw. Religion ist immer Ausdruck und Rechtfertigung der Herrschaft von Menschen über Menschen und vor allem: Herrschaft des Menschen über die Natur.

Tierbefreiungsarbeit muss insofern immer und grundlegend Religionsbefreiungsarbeit sein, Befreiung von Religion in jeder ihrer Erscheinungsformen. Auch und vor allem von den weichgespülten Formen, wie sie etwa innerhalb der evangelischen Kirche zu beobachten sind, in der zunehmend Tierschutzfragen thematisiert werden. Es geht Gruppierungen wie AKUT – Aktion Kirche und Tiere immer nur um Reformen: um größere Käfige, kürzere Wege zum Schlachthof, schmerzfreiere Tötung usw., nicht aber um die prinzipielle Abschaffung von Unterdrückung und Ausbeutung der Tiere.

Um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: ernstzunehmende TierrechtlerInnen sind selbstredend immer auch TierschützerInnen, wenn es darum geht, reales Tierleid bestmöglich und weitestgehend zu mindern, wo Unterdrü-ckung, Ausbeutung und Leid unmittelbar nicht beendet werden können. Die abolitionistische Forderung aber nach Beendigung jedweder Ausbeutung – sprich: die Dekonstruktion der sakrosankten Grenzziehung zwischen Mensch und Tier – tritt dahinter nicht zurück. Klassischer Tierschutz wie etwa AKUT ihn betreibt, der ausschließlich auf Reformismus und/oder nur auf bestimmte Tierarten abstellt, ist aus tierrechtlicher Sicht abzulehnen: er schreibt Tierausbeutung prinzipiell und programmatisch fort. Abgesehen davon entlastet er die Kirchen von Kritik an ihren strukturell tierfeindlichen Positionen, die die ideologische Grundlage abgeben für die herrschenden Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse, unter denen Myriaden von Tieren weltweit zu leiden haben. (Der von AKUT veranstaltete 1. Kirchentag Mensch und Tier vom 27.-29.8.2010 in Dortmund ist insofern nichts als Augenwischerei.)

Auch die Religionen des Ostens achten die Tiere gering

Auch die vermeintlich sehr viel tierfreundlicheren Religionssysteme des Ostens unterscheiden sich bei Lichte besehen in nichts von den mosaischen Religionen. So bietet etwa der Hinduismus, ungeachtet seiner kultischen Verehrung der Kuh, realen Rindern keinerlei Schutz. Auch der Umstand, dass ein paar der zahllosen Hindu-Gottheiten mit Tierköpfen dargestellt werden, Ganesha etwa mit Elephantenkopf, Nandi mit Stier- oder Hanuman mit Affenkopf, bedeutet keineswegs, dass die entsprechenden realen Tiere respektvoll zu behandeln seien oder behandelt würden. Der vorgeblich höhere Stellenwert, der dem Tier im Buddhismus zugebilligt wird, resultiert aus den metaphysischen Konstrukten von Karma und Wiedergeburt, der Vorstellung also, dass Menschen irgendwelcher Vergehen wegen im nächsten Leben in der niederen Gestalt eines Tieres wiedergeboren werden können, als welches sie nicht nur vielfältiges Leid zu erdulden haben, sondern vor allem keine Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten erlangen können: nur der Mensch kann sich ins erstrebte Nirvana auflösen. Es kann also jedes Tier prinzipiell ein karmisch zurückgestufter Mensch sein, dem und nur dem gegenüber das ausschließlich anthropozentrisch und ansonsten völlig abstrakt verstandene Nicht-Tötungsgebot gilt. Im Übrigen ist dem Buddhisten nur das Töten selbst verboten: sofern er ein Tier, das er zu verzehren oder anderweitig zu verwerten gedenkt, nicht selbst und mit eigener Hand tötet, befindet er sich allemal in Einklang mit den Geboten der Lehre. Um das Tier als Tier geht es prinzipiell nicht. Das gleiche gilt auch für die sogenannten Naturreligionen, denen ein ungeteiltes Verhältnis von Mensch und Natur bzw. Mensch und Tier nachgesagt wird. Die Besänftigung der Naturgeister freilich oder die kultische Verehrung eines Totems – in der Regel auf dem Wege tierlicher Opfergaben – dient zu nichts anderem, als dass der Mensch sich selbst gefahrlos der Natur bedienen bzw. sie sich nutzbar machen kann.

Der Blick auf Tiere im Zeitalter der Vernunft

Zeitgleich mit der Ankunft der ersten Schimpansen in Europa sah der französische Jesuitenschüler René Descartes sich berufen, die Sonderstellung des Menschen in der Natur naturwissenschaftlich zu untermauern. Er tat dies, ganz im Geiste seiner Zeit, unter enormen philosophischen Verrenkungen, sprich: in nachgerade groteskem Widerspruch zu seiner eigenen durchaus fortschrittlichen Erkenntnistheorie, die nur zu akzeptieren vorgibt, was durch Analyse und Reflexion verifiziert werden kann. In seiner berühmten Abhandlung über die Methode des rechten Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, in der er mithin eben diese Erkenntnistheorie vorstellt, suchte er in einem eigenen und völlig aus dem Rahmen fallenden Kapitel nachzuweisen, dass Tiere „nicht nur weniger Vernunft als die Menschen, sondern gar keine haben“, und zwar anhand der Unfähigkeit von Tieren so zu sprechen, dass der Mensch sie versteht. Höchst bemerkenswert sei doch, wie er schreibt, dass es keine noch so stumpfsinnigen und dummen Menschen gebe, die nicht fähig wären, verschiedene Worte zusammenzuordnen und daraus eine Rede zu bilden; wogegen es kein Tier gebe, das Ähnliches vermöge. Nicht glaubhaft sei es daher, „dass ein Affe oder Papagei, die zu den vollkommensten ihrer Art gehören, darin nicht einem der dümmsten Kinder oder wenigstens einem Geisteskranken gleichkommen würden, wenn ihre Seele nicht von einer ganz anderen Natur wäre als die unsrige“. Er setzte Tiere insofern mit Automaten gleich, deren Bewegungen und Lautäußerungen rein mechanischen Gesetzen folgten, ohne Bewusstsein, ohne Gedanken, ohne Gefühl. Nur der Mensch, gleichwohl auch er mechanisch konstruiert, verfüge über Sprache und Vernunft als Universalinstrumente des Handelns. Nur er sei insofern gottebenbildlich, herausgehoben aus der Natur und frei in seinen Entscheidungen und seinem Tun. Als Vivisektor „demontierte“ Descartes Organ für Organ seiner Versuchstiere, gerade so wie ein Uhrmacher das Räderwerk einer Uhr auseinandernimmt. Die Schmerzensschreie der bei lebendigem Leibe sezierten Tiere bedeuteten ihm nicht mehr als das „Quietschen eines Rades“.

Gleichwohl Descartes Auffassung in diametralem Gegensatz stand zu seinem eigenen erkenntnistheoretischen und rationalen Anspruch, wurde sie, kolportiert von Talar- und Soutanenträgern jeder Couleur, zur Grundlage aller modernen Wissenschaft, die in irgendeiner Form mit dem Tiere zu tun hat. Zentrales Diktum: Tiere können nicht denken, nicht fühlen, nicht leiden, der Mensch kann insofern, ganz im Sinne des biblischen Unterjochungs- und Ausbeutungsauftrages aus dem 1. Buch Mose, mit ihnen tun und lassen, was ihm beliebt. Gerade den Kirchen kamen Descartes, desgleichen Spinoza, der entgegen seiner sonstigen und wichtigen Beiträge zur Aufklärung insofern ganz ähnliche Gedanken vertrat, sehr gelegen, vor allem in der zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufkeimenden und zunehmend sich verschärfenden bzw. in aberwitzigsten Behauptungen und Gegenbehauptungen sich verheddernden Diskussion, die aufgeklärte Denker wie Leibniz oder Hume mit ihren ersten Versuchen vom Zaune brachen, die bislang dogmatisch vertretenden, d.h. völlig unhinterfragt geltenden Ansichten über das Verhältnis Mensch-Tier mit neuen, nunmehr empirisch gewonnenen Einsichten und Erkenntnissen zu verknüpfen. Anhand der mittlerweile in zahlreichen Tiersammlungen und Menagerien anzutreffenden Schimpansen wurde die Diskussion stetig vorangetrieben, bekämpft mit allen zu Gebote stehenden Mitteln von den Vertretern der „alten Ordnung“. Die Großen Menschenaffen – ab Mitte des 18. Jahrhunderts kamen erstmalig auch Orang Utans und Gorillas nach Europa – blieben in Gefangenschaft in der Regel nicht lange am Leben, viele starben kurz nach ihrer Ankunft, die meisten schon während der Schiffspassage. Ihre toten Körper wurden in der Regel zerstückelt und in Spiritus eingelegt, auch ausgestopft oder skelettiert, und reisten als Anschauungs- und Studienmaterial quer durch Europa. Dazu entwickelte sich eine eigene Sparte an Tiermalern, deren Bilder ebenfalls in ganz Europa kursierten. Menschenaffen waren insofern allgegenwärtig.

1758 sorgte der schwedische Naturhistoriker Carl von Linné mit der zehnten Auflage seiner immer wieder überarbeiteten Systema Naturae für ein Erdbeben sondergleichen in der abendländischen Welt: er hatte es gewagt, in seiner – bis heute bestehenden und gültigen – Taxonomie der Arten die „Großen Affen“ aufgrund deren unabstreitbarer anatomischer und physiologischer Ähnlichkeit zum Homo sapiens der gleichen Familie der „Hominidae“, der Menschenartigen, zuzuordnen.

Die Idee der „Hominiden“ in der Kritik

Es hatte dies Linné selbst in schweren Zwiespalt gestürzt: er war zugleich Wissenschaftler wie auch – in seiner Zeit nicht anders denkbar – rechtschaffener Christenmensch. Er löste das Dilemma in der von Descartes herabgekommenen Behauptung, es gebe eine nicht-anatomische Eigenschaft, die den Menschen trotz aller Nähe zu den Menschenaffen diesen unermesslich überlegen mache: seine über alle Natur erhabene Vernunft. Gleichwohl Linné mit diesem – wenn man so will: scholastischen – Winkelzug seine Erkenntnis der gleichen Familienzugehörigkeit von Mensch und Menschenaffe enorm abschwächte, wenn nicht aufhob, sah seine Taxonomie sich doch vehementester Anfeindung ausgesetzt.

Einer seiner größten Kritiker war der Göttinger Zoologe Johann Friedrich Blumenbach, der der Verletzung der geheiligten Trennlinie zwischen Mensch und Tier heftig widersprach und nicht nur eine eigene – falsche – Taxonomie aufstellte, sondern mit der Zuweisung eines lateinischen Artennamens an den Schimpansen diese Trennlinie in einer Weise nachzog, wie es deutlicher und schärfer nicht ging. Bis dahin waren Schimpansen als „Indische Satyrn“ bezeichnet worden – Satyrn sind ungehobelte Waldschrate aus der griechischen Mythologie –, aber eben auch als Schimpansen, nach dem in Ostkongo gebräuchlichen Bantubegriff „kivili-chimpenze“, was schlicht „Affenmensch“ bedeutet. Blumenbach gab dem Schimpansen den Gattungsnamen Pan troglodytes, wie er bis heute wissenschaftlich heißt. Troglodyt ist ursprünglich der griechische Begriff für Höhlenbewohner, übertragen galt er im Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts als verächtliche Bezeichnung für Menschen mit ausgeprägt schlechtem, unkultiviertem Benehmen. Pan war der griechische Gott der ungebändigten Natur, der, über und über behaart und mit meist erigiertem Phallus, durch die Wälder zog und die Menschen, die seiner ansichtig wurden, in panischen Schrecken versetzte – daher der Begriff Panik. Mit dem Gattungsnamen Pan wurde der Schimpanse zum „ganz Anderen“ erklärt, zum Inbegriff des verfemt „Animalischen“, des „Leibhaftigen“, all dessen, was judäo-christliche Zivilisation und Kultur seit je zu unterdrücken und zu beherrschen suchten: nämlich Sexualität und Eros. Der griechische Gott Pan, seiner Dauergeilheit wegen im hellenischen Mythos stets mit Bockshörnern und Bocks-füßen dargestellt, wurde im christlichen Mittelalter als Vorbild für die von den Scholastikern neuerfundene Gestalt des Teufels herangezogen. Nun war das Böse leibhaftig da: in Gestalt des Schimpansen, der insofern dringend weggesperrt werden musste, am besten hinter doppelte Gitterstäbe, wo das Bürgertum ihn dann aus gebührendem Abstand und mit wohligem Schauer begaffen konnte. Pan troglodytes: alleine im Namen doppelt geächtet, doppelt abgewertet, doppelt verändert.

Dem Dilemma Linnés, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in Einklang zu bringen mit der herrschenden Doktrin des christlichen Abendlandes einer gottgegebenen und gottgewollten Vorrangstellung des Menschen über alle Natur, unterlag 100 Jahre später auch Charles Darwin, der zeit seines Forscherlebens damit zu kämpfen hatte. Nicht zuletzt hatte er vor seinen naturwissenschaftlichen Studien ein komplettes Theologiestudium absolviert. Bereits 1838 hatte Darwin einen ersten Entwurf seiner Theorie über die Entstehung der Arten erstellt, aber erst mehr als 20 Jahre später, 1859, getraute er sich, seine Arbeiten zu veröffentlichen, deren zentrale Aussage die der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen war. Während in Wissenschaftskreisen die Tatsache der Evolution – mithin gemeinsamer Vorfahren von Menschenaffen und Menschen – relativ schnell und so gut wie universell akzeptiert wurde, stieß sie – und stößt bis heute – in fundamentalreligiösen Kreisen auf erbitterten Widerstand. Auch ins Alltagsbewusstsein ist sie längst noch nicht eingedrungen.

Daran haben auch all die ethologischen Befunde nichts geändert, die seit den 1960er Jahren – Jane Goodall und Biruté Galdikas vorneweg – über das Leben von Primaten in freier Wildbahn zusammengetragen wurden: dass sie tradierte Formen von Kultur haben, einschließlich der Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen oder bei Krankheiten bestimmte Heilkräuter einzusetzen; dass sie Ich-Bewußtsein haben samt einer Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft; dass sie über kognitive, soziale und kommunikative Fähigkeiten verfügen, die sich von denen des Menschen allenfalls graduell unterscheiden und emotional genau so empfinden wie dieser. Ebensowenig bewirkt haben die Befunde der modernen Genetik, die es naturwissenschaftlich unhaltbar machen, überhaupt zwischen Menschen und Menschenaffen zu unterscheiden: die Erbgut-unterschiede etwa zwischen Mensch und Schimpanse bewegen sich im Promillebereich.

Rechte für die Großen Affen

Psychologisch ist das anders: „Affen sind den Menschen nahe“, so der Primatologe Volker Sommer, „aber die Nähe ist nur ein Beinahe. Das führt zu einem Dilemma: Weil uns hinreichend ähnlich, werden unsere Verwandten als abgerichtete Witzfiguren in Fernsehen und Zirkus missbraucht, zum Anstarren in Zoos eingesperrt oder als Lieferanten von Blut und Organen ausgeschlachtet. Sie gelten jedoch zugleich als hinreichend verschieden von uns, so dass ihnen keine Rechte zustehen.“ Das Ziel des 1993 von international renommierten Wissenschaftlern und Philosophen gestarteten Great Ape Project war und ist, den Großen Menschenaffen Persönlichkeitsstatus zuzusprechen, der ihnen das Recht auf Unverletzbarkeit von Leib und Leben sowie das Recht auf individuelle Freiheit und Selbstbestimmung im Rahmen ihrer natürlichen Anlagen garantiert. Es ist nach ersten Erfolgen – 1999 verbot Neuseeland sämtliche Experimente an Menschenaffen, 2007 folgte die Inselgruppe der Balearen als insofern autonome Region Spaniens – praktisch zum Erliegen gekommen. Ob sich etwas in Bewegung setzt über das seit 2007 vor österreichischen Gerichten und derzeit beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anhängige Verfahren zur Klärung der Frage, ob einem im Wiener Tierschutzhaus lebenden Schimpansen namens Hiasl Personenstatus und damit subjektive Rechte zuerkannt werden müssen oder nicht, bleibt abzuwarten. In der Bundesrepublik gibt es jedenfalls keinerlei Anlass zu Optimismus: Keine der im Bundestag vertretenen Parteien setzt sich ernsthaft für den Schutz der Primaten im Sinne des Great Ape Project ein.

Zur Frage was den Einsatz gerade für Menschenaffen rechtfertigt, durch deren allfälligen Einbezug in die Rechtsgemeinschaft der Menschen sich nur die Grenz-linie verschöbe und nun Menschen und Menschenaffen auf der einen von allen anderen Tieren auf der anderen Seite trennte, woraus letztere keinerlei Nutzen bezögen, ist in aller Pragmatik zu sagen: irgendwo muss man anfangen. Zudem stellen Menschenaffen den Dreh- und Angelpunkt des Verhältnisses Mensch-Natur dar, sie definieren wie nichts und niemand sonst die sakrosankte Grenzlinie zwischen Mensch und Tier: sind sie festgeschrieben „auf der anderen Seite“, sind das alle anderen Tiere mit ihnen. Würde die Grenze durchlässig, könnte das einen Dammbruch auslösen, der letztlich allen Tieren zugute käme; ganz abgesehen davon, dass mit dem primatologischen Diskurs eng auch andere macht- und herrschaftskritische Diskurse – Geschlechterfrage, Rassismus, Postkolonialismus etc. – verknüpft sind.

Der Text ist eine Kurzfassung des Vortrages, den Colin Goldner auf dem Tierbefreiungskongress 2009 (27.-30.8.2009) auf Burg Lohra in Thüringen gehalten hat.
  


Artikel aus MIZ 1/10

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