Editorial MIZ 1/10

Die Krone der Schöpfung

von Daniela Wakonigg

Beim Essen hört der Spaß auf. Für die einen, weil sie sich das Schnitzel auf dem Teller nicht durch Geschichten von tierischem Elend madig machen lassen wollen. Für die anderen, weil sie in dem Schnitzel nichts anderes sehen können, als das Elend des Tiers, von dem dieses Stück Fleisch stammt.
Was haben aber nun solche kulinarischen Erwägungen, was das Thema „Tier“ überhaupt, in einer politischen Zeitschrift für Konfessionslose und AtheistInnen zu suchen?

Unser Ziel ist es, einen durch Religion und religiöse Einflüsse möglichst unvernebelten Blick auf die Gesellschaft zu werfen, in der wir leben. Dazu gehört es auch, immer wieder uns selbst zu fragen, inwieweit Dinge, die wir für selbstverständlich halten, nur durch religiöse Einflüsse so selbstverständlich für uns sind.
Eine solche Sache ist die Position, die Tiere in unserer Gesellschaft einnehmen. Wir sind es gewohnt, Tiere als niedere Mitlebewesen zu betrachten und sie wie selbstverständlich zu benutzen: Als Fleisch- und Lebensmittellieferanten, als Pelzproduzenten oder Versuchskaninchen etc.

Auf Vernunft basiert unser Umgang mit Tieren dabei gewiss nicht. Welche vernünftigen Gründe sollte es geben, ein Schwein zu essen, während ein Hund als bester Freund des Menschen in unseren Breitengraden als Nahrung tabu ist? Welche vernünftigen Gründe sollte es geben, vernünftige Lebewesen wie Dinge zu behandeln?
In der Tat hat die Verhaltensforschung in den letzten Jahren und Jahrzehnten erstaunliche Ergebnisse über die Intelligenz von Tieren zutage gefördert. So sind z. B. ausgewachsene Rabenvögel in mancherlei Hinsicht intelligenter als Menschenkinder. Raben, Papageien, Affen, sie alle verfügen sogar über die Möglichkeit, mithilfe von Zeichensprachen mit dem Menschen zu kommunizieren. Aber nicht nur über die Intelligenz von Tieren gibt es erstaunliche Erkenntnisse. Auch Ich-Bewusstsein, Mitleid, moralisches Verhalten und andere höhere kognitive Funktionen werden bei immer mehr Tierarten entdeckt. Fähigkeiten und Eigenschaften, von denen der Mensch lange Zeit glaubte, er allein sei durch sie ausgezeichnet. Ein Irrglaube, wie die moderne Wissenschaft zeigt.

Wäre es also allein die Vernunft, die uns antreibt, so wäre es sicherlich mehr als vernünftig, den gesellschaftlichen Umgang mit Tieren grundlegend zu überdenken. Aber es ist eben nicht nur die Vernunft, die uns bestimmt. Sehr vieles von dem, was wir für selbstverständlich halten, hat andere Ursachen als die Vernunft. Was unseren Umgang mit Tieren angeht, so ist es die Tatsache, dass wir uns – ob Atheist oder nicht – noch immer für die Krone der Schöpfung halten, also einem Motiv des christlichen Menschenbilds anhängen, die uns an der verdinglichenden Sicht auf Tiere festhalten lässt:

„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (Gen 1,28)

In dieser Ausgabe mit dem Schwerpunktthema „Mensch – Tier“ möchten wir daher aufzeigen, wie stark das christliche Menschenbild unser Selbstbild und unsere Haltung gegenüber Tieren noch immer beeinflusst, wie dieses Bild historisch gewachsen ist und wie wenig Berechtigung es angesichts neuester Forschungsergebnisse noch hat. Neben diesen grundsätzlichen Überlegungen gibt es weitere informative Schwerpunkt-Artikel über den aktuellen Umgang mit Tieren und Tierrechten in der religiösen Szene.
Viele der Autorinnen und Autoren des aktuellen Schwerpunktthemas sind aktive Tierrechtler. Den einen oder anderen religions- und ideologiekritischen Leser mag dies abschrecken, weil er in der Tierrechtsideologie einen quasi-religiösen Charakter zu wittern meint.

Ohne Frage: Wie bei jeder Überzeugung besteht natürlich auch bei der Tierrechtsideologie die Gefahr, dass diese Überzeugung einen quasi-religiösen Charakter annehmen kann – und bei einigen Vertretern dieser Ideologie tut er es zweifelsohne.

Dies sollte jedoch keinen Leser und keine Leserin davon abhalten, sich mit den grundlegenden Überlegungen zum Thema Tierrechte auseinanderzusetzen und sich durch die Texte des vorliegenden Hefts informieren und zum Nachdenken anregen zu lassen. Selbst und gerade dann, wenn er oder sie vielleicht eine gänzlich andere Meinung vertritt.
  


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