Aufsätze 1927-1940. Herausgegeben mit kommentierenden und biographischen Beiträgen von Helmut Boege und Hans-Jürgen P. Walter. Wien 2008. Krammer-Verlag, 198 Seiten, kartoniert, 21,50 Euro, ISBN 978-3-901811-26-5
Von seinen Kollegen wurde Karl Duncker als “der schärfste und vielseitigste Denker der zweiten Generation” der Gestalttheorie anerkannt, wie Wolfgang Metzger, einer von ihnen, 1976 schrieb. Nicht ohne Grund war Duncker der Lieblingsschüler seiner beiden Lehrer, Max Wertheimer und Wolfgang Köhler, die die – häufig mit dem verkürzenden Begriff GestaltPSYCHOLOGIE bezeichnete – Gestalttheorie gemeinsam mit Kurt Koffka und Kurt Lewin begründet hatten. Trotz seines relativ bekannten, 1935 veröffentlichten Hauptwerks Zur Psychologie des produktiven Denkens ist Duncker, der sich 1940 im Alter von 37 Jahren im US-amerikanischen Exil das Leben nahm, weitgehend in Vergessenheit geraten. Helmut Boege und Hans-Jürgen Walter gebührt das Verdienst, mit der Herausgabe dieses Sammelbandes bisher nur verstreut zugängliche oder zum Teil noch gar nicht veröffentlichte Aufsätze Dunckers verfügbar gemacht zu haben, die in ihrer Brillanz und gedanklichen Präzision äußerst aktuell sind und die Diskussion von Fragen befruchten können, die auch für die Leserschaft dieser Zeitschrift zentral sind.
Karl Duncker war ein Sohn von Hermann und Käte Duncker. Seine Eltern hatten die KPD mitgegründet und waren zeitlebens in der sozialistischen Bewegung aktiv. Sein in der marxistischen Arbeiterbildung tätiger Vater arbeitete später in der DDR als Hochschullehrer. Anders als seine Geschwister teilte Karl Duncker die politischen Auffassungen seiner Eltern nicht. Er blieb ihnen jedoch verbunden und mit seinem Vater in einer – wie man heute sagen würde – kritisch-solidarischen Diskussion. Diese Zusammenhänge stellt Mitherausgeber Helmut Boege in seinen biographischen Beiträgen sehr einfühlsam dar.
Charakteristisch für Duncker ist die Sorgfalt, mit der er zu Werke geht: Er gibt sich nicht mit vordergründigen Erklärungen zufrieden, sondern denkt alles zuende, betrachtet die fraglichen Tatbestände von allen Seiten, versucht, nichts zu übersehen, alles Dazugehörende und sie Beeinflussende zu berücksichtigen und nimmt Dinge in ihrem gesamten Kontext in den Blick.
In den beiden ältesten Aufsätzen des Bandes kritisiert er den Behaviorismus und deckt systematisch, Schicht für Schicht, die darin enthaltenen Denkfehler und Widersprüche auf. Bemerkenswert ist, dass er bereits 1927 die Absurdität bis heute als Selektionsinstrumente gebräuchlicher Produkte des Behaviorismus sichtbar werden lässt: der “Intelligenztests” und der ihnen zugrunde liegenden Vorstellung vom “Intelligenzquotienten”. Wenn Duncker auch den Darwinismus als eine der Wurzeln des behavioristischen Weltbildes kritisch ins Visier nimmt, so ist das nicht als kreationistische, die Evolution leugnende Haltung misszuverstehen. Er bezieht sich, wie aus dem Kontext seiner Äußerungen deutlich wird, auf die Deutung der Triebkräfte der Evolution im Sinne einer mechanischen Selektion.
Kernstück des Bandes ist der Aufsatz “Erscheinungslehre und Erkenntnistheorie des Gegenstandsbewußtseins”. Duncker hat damit einen der wichtigsten Grundlagentexte des Kritischen Realismus verfasst. Aufbauend auf eine gründliche phänomenologische Erfassung der Vorgänge beim Gewahrwerden von Gegenständen formuliert er eine stringente “Erkenntnistheorie des Bewusstseins”, eine im besten Sinne materialistische Erkenntnistheorie, auch wenn Duncker selbst diese Bezeichnung von sich gewiesen hätte. Dabei gelingt ihm auch eine zwingende Widerlegung des Solipsismus.
In seinem Beitrag zur Kritik des ethischen Relativismus entlarvt er es als Fehlinterpretation, aus in verschiedenen Kulturen und Epochen unterschiedlichen Bewertungen gleicher Handlungen das Vorhandensein unterschiedlicher ethischer Maßstäbe zu folgern. Denn diese Interpretation übersieht die unterschiedlichen Bedeutungen, die gleiche Handlungen in verschiedenen kulturellen, historischen oder situativen Kontexten haben können.
Zur Klärung einer alten Streitfrage trägt ebenso sein Aufsatz “Über Lust, Emotion und Streben” bei, nämlich des Streites zwischen den “Hedonisten”, die Lust als letztes Ziel jeden Strebens ansehen, und den “Hormisten”, für die Lust das Ergebnis einer Zielverwirklichung, aber nicht das Ziel selbst ist. Dunckers genaue phänomenologische Untersuchung zeigt, wie in diesem Streit sehr unterschiedliche Sachverhalte miteinander vermengt werden und beide Auffassungen jeweils einen von zwei Polen verabsolutieren, die ein sehr breites, in seinen Differenzierungen zu begreifendes reales Spektrum markieren.
In seinem hier zum ersten Mal veröffentlichten Manuskript zur Kritik der materialistischen Geschichtsauffassung unterzieht Duncker die Mehrdeutigkeit einiger ihrer wesentlichen Grundannahmen und die darauf basierenden Fallstricke und Täuschungsmanöver einer scharfsinnigen Analyse, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten und die Lehre völlig zu verdammen. Für den Wert, den klärenden Charakter der Analyse ist es ohnehin zweitrangig, ob Dunckers Kritik wirklich die Verfechter der materialistischen Geschichtsauffassung insgesamt trifft oder nur einen bestimmten, einem dogmatischen Reduktionismus verhafteten Teil des unter diesem Etikett firmierenden heterogenen Spektrums. Zur historischen Einordnung ist auf jeden Fall Boeges einführender Aufsatz zu dieser Schrift sehr hilfreich. Er stellt dort das Diskussionsklima in den Intellektuellenmilieus der Endphase der Weimarer Republik dar, ein Klima, das Duncker wesentlich prägte und aus dem heraus sein Text entstand. Unter anderem verweist Boege auf die linken Diskussionszirkel und Arbeiterbildungseinrichtungen Berlins, wo Duncker lebte und arbeitete und wo er gemeinsam mit dem marxistischen Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld und dem Gestalttheoretiker Kurt Lewin eine Arbeitsgruppe bildete.
Von Boege enthält der Band außerdem die Rezension einer Duncker-Biographie des Psychologen Sören Wendelborn, die Boege als bar jeden Verständnisses von Leben und Werk Dunckers verreißt. Boeges zum Teil auf eigenen Recherchen beruhende Richtigstellungen steuern ihrerseits wichtige biographische und historische Hintergrundinformationen bei.
Hans-Jürgen P. Walter, der zweite Herausgeber, würdigt Duncker umfassend in einem ursprünglich zu dessen 100. Geburtstag 2003 in der Zeitschrift Gestalt Theory erschienenen Aufsatz. Dort geht er auch auf das armselige Niveau der heutigen Mainstream-Psychologie in Deutschland ein und die Bedeutung, die Dunckers Werk für ihre Erneuerung haben könnte. Nicht nur Psychologen, alle, die sich mit grundlegenden Fragen menschlicher Erkenntnis und daraus entspringenden Handelns auseinandersetzen, können durch die Lektüre dieses Bandes zu erneuernden Einsichten geführt werden.
Klaus Blees
Der Streit um Kreationismus, Evolution und Intelligent Design. Gießen 2009. Brunnen Verlag; 227 Seiten, kartoniert, 12,95 Euro, ISBN 978-3-7655-1429-6
Der Biologe und Theologe Hansjörg Hemminger, zugleich Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, hat ein Buch zur aktuellen Auseinandersetzung um den Kreationismus veröffentlicht. Dies scheint mir auch das einzige zu sein, was man dem Autor positiv anrechnen darf.
Hatte Hemminger noch in den 1980ern, als einer der ersten, eine durchaus interessante Studie zum Kreationismus veröffentlicht, kann man nicht umhin festzustellen, dass der Autor mit dem aktuellen Buch weder interessante Fakten vorlegen konnte, noch ernsthaft an einem gleichberechtigten Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glaube interessiert ist. Kommt er doch schon zu Beginn seines Buch zu dem Schluss, dass man “mit Recht davon aus[geht], dass alles, was uns widerfährt, seinen letzten Grund in Gottes Willen hat, ob wir Erklärungen dafür haben oder nicht” (S. 6). Es ist dem Autor auf jeder Seite anzumerken, wie sehr er hin- und hergerissen ist zwischen Naturwissenschaft und Glauben. Der Grund dafür mag in den Themen des Buches begründet sein: Fundiert über Biologie und Schöpfungsglaube berichten und über das eigene (christliche) Denken nachdenken; Erkenntnis und Naturerkenntnis im Sinne einer Wirklichkeitswahrnehmung; Ergebnisse der Naturwissenschaft als Gottesbekenntnis verstehen.
In sieben Kapiteln, ohne Glossar und mit einem schlecht ausgestatteten Quellenverzeichnis, bemüht sich der Theologe keinesfalls um eine objektive Darstellung. Hemminger ist zwar promovierter Biologe, dieses Buch ist jedoch von einem Christen für Christen geschrieben. Insbesondere dort, wo er sowohl dem Kreationismus als auch dem so genannten Neuen Atheismus entschieden widerspricht, zeigt sich das eigentliche Problem vieler moderner Theologen. Es ist weniger die Naturwissenschaft, die eine Bedrohung des religiösen Selbstverständnisses der Menschen darstellt, es ist vielmehr die moderne Theologie und ihre historisch-kritische Exegese, die Glauben nicht nur unmöglich, sondern auch obsolet macht.
Hemminger ist sich dieser Sache sehr wohl bewusst, mag es doch der Anstoß gewesen sein, dieses Buch zu schreiben und mit derselben Unnachgiebigkeit auf Dawkins und andere Naturwissenschaftler zu schimpfen, wie auf die Vertreter des Kreationismus. Dabei tritt weniger Faktenwissen zutage, sondern vielmehr die in der Theologie implizierten Probleme: wie bringe ich Erkenntnisgewinn und Glaube zusammen, ohne den eigenen Verstand zu verlieren? Indem man dualistische Denkmodelle frühchristlicher Erziehung weitertransportiert. Gerne spricht Hemminger von der antikirchlichen Propaganda der Sowjetunion, dem militanten Atheismus in den USA oder einer religionskritischen Front in Deutschland. Dieses Denken ist weniger geprägt von einer Präzision des genauen Hinschauens, denn von einer typischen Arroganz der Theologie, die von eigenen Problemen abzulenken versucht.
Keine Frage, um die Theologie scheint es, ähnlich wie um die Kirche selbst, schlecht bestellt zu sein, wenn ihre Vertreter keine Mühen scheuen, nach links und rechts zu schlagen, um sich als die wahren Vertreter eines gemäßigten Standpunktes auszuloben. Hier vergibt der Autor zahlreiche Möglichkeiten, um einen nötigen Dialog anzustoßen.
Christoph Lammers
Artikel aus MIZ 4/09
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