Zündfunke MIZ 4/09

Land unter im Kinderparadies

Das von Aziz Nesin ins Leben gerufene Kinderparadies ist schwer von der Überschwemmungskatastrophe, die im September die Region um Istanbul heimgesucht hat, getroffen worden. Teile der Hauseinrichtung sind den Wassermassen zum Opfer gefallen, die Bibliothek ist ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie zahlreiche technische Geräte. In einem Brief an den in Bremen ansässigen Förderverein der Nesin Stiftung (FöNeS) beschreibt Ali Nesin die Katastrophe: “Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, unsere Stiftung besteht aus Schlamm! Das Kellergeschoss ist völlig, der erste Stock eineinhalb Meter mit Wasser überschwemmt.” Glücklicherweise ist niemandem etwas passiert, aber “alles, was zum zivilisierten Leben gehört, ist zerstört und unbenutzbar”. Insgesamt beläuft sich der Schaden bzw. die Summe, die voraussichtlich benötigt wird, um die Gebäude wieder zu sanieren, auf mehrere Hundertausend Euro.

Die Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) München, Assunta Tammelleo, die das Kinderparadies seit langem unterstützt, hat ebenso zu Spenden aufgerufen wie FöNeS. Anfang November hat der Förderverein unter dem Motto “Für trockene Füße nach der Flut” eine Benefizveranstaltung durchgeführt, auf der Klaus Liebe-Harkort über die aktuelle Situation informierte. Der bunte Abend, auf dem Musikstücke, Lieder und Gedichte von Aziz Nesin vorgetragen wurden, erbrachte 1.200 Euro, die nach Catalca überwiesen wurden.

Auch vor Ort hat das Kinderparadies durch die kommunalen Behörden, aber auch durch Firmen und Privatleute, Unterstützung erfahren, so dass die Räume mittlerweile zumindest wieder bewohnbar sind.
Spenden können an der Förderverein der Nesin Stiftung überwiesen werden: FöNeS e.V., Kto 102 625 09, Sparkasse Bremen (BLZ 290 501 01).


Der Himmel ist leer...

Ende Oktober hatte die Freiburger Regionalgruppe des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) Peter Henkel zu Gast. Der ehemalige Korrespondent der Frankfurter Rundschau las aus seinem Buch Ach, der Himmel ist leer. Wie im Untertitel des Werkes versprochen, stellte der Autor “lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben” vor. Dabei zielt er in erster Linie auf Gleichgesinnte, die mit ihm “aufatmen und sich wappnen können”.
Henkel betonte, dass Gott ein “menschengemachtes Konstrukt” sei. Allein das Bedürfnis von Menschen nach Schutz, Bedeutung und Orientierung existiere tatsächlich. Solchen Sehnsüchten mache der Glaube ein Angebot. Es sei aber keine “angemessene Haltung”, sich von Wunschdenken leiten zu lassen, auch wenn dies das Leben mitunter erleichtere. Letztlich sei Religion nämlich nicht unentbehrlich für das Zusammenleben der Menschen, Moral sei auch diesseitig begründbar, führte Henkel aus: “Viele, die sich der religiösen Illusion verweigern, leben das heute schon vor. Wer wollte ernsthaft behaupten, sie wären schlechtere Menschen als Gläubige?”

Dagegen berge unhinterfragter Glaube durchaus Gefahren, wie Religionskriege und Anschläge uns auch noch tagtäglich vor Augen führen. Immer wieder gebe es Menschen, die sich darauf berufen, dass den jahrhundertealten Schriften Folge geleistet werden müsse. Doch: “Sie täuschen sich, und sie werden getäuscht. Sie alle verkennen eine ganz anders geartete, nämlich gott-lose Wirklichkeit.”


Auf dem Kreuzzug zurück

Unter dem Titel “Auf dem Kreuzzug zurück” referierte am 25. November Christoph Lammers im interkulturellen Zentrum Don Quijote in Münster über christlichen Fundamentalismus. Zu der Veranstaltung hatten neben dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) der AStA der Fachhochschule Münster, die Antifaschistische Linke Münster und die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union  Münsterland eingeladen.
Lammers zeichnete in seinem Vortrag Inhalte und Entwicklung des christlichen Fundamentalismus weltweit, aber auch seinen zunehmenden Einfluss innerhalb Deutschlands während der letzten Jahre nach. Während die klassischen Konfessionen mit rückläufigen Zahlen zu kämpfen hätten, strömten fundamentalistischen evangelikalen Gemeinschaften die neuen Mitglieder förmlich zu. Durch geschickte und aggressive Medien- und Lobbyarbeit schafften es die Evangelikalen ferner, zentrale Positionen innerhalb der Gesellschaft zu besetzen und damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Lammers wies darauf hin, dass die Gefahren dieses christlichen Fundamentalismus in der linken Szene deutlich unterschätzt würden. Er hob hervor, dass evangelikale Jugendorganisationen sich inzwischen die Dress- und Sprachcodes der Linken angeeignet hätten, um gezielt Jugendliche anzuwerben: “Sie sehen aus wie wir, sie sprechen wie wir – aber das, was sie sagen, ist eben ganz etwas anderes.” Statt für linkes Gedankengut werde hier im Dress- und Sprachcode der Linken gegen Abtreibung, gegen die Rechte von Frauen und Homosexuellen, gegen moderne Wertvorstellungen für ein fundamental-christliches Leben argumentiert.

Neben Nachfragen zu christlich-fundamentalistischen Hochburgen in der Region NRW (Bielefeld, Siegen) wurde die anschließende Diskussion im Wesentlichen von der Frage dominiert, wie es denn sein könne, dass eine zunehmende Anzahl von Menschen an “so unsinnige Dinge” wie z.B. den Kreationismus glauben würde. Lammers gab diesbezüglich zu bedenken, dass die Evolutionstheorie im Denken der Menschen immer einen schweren Stand gehabt habe, da sie nicht nur das Märchen vom Plan der Schöpfung entzaubert, sondern dem Menschen eben auch seine Sonderstellung als ‘Krone der Schöpfung’ entzogen habe. Hinzu komme der Verlust von Strukturen in der postmodernen Gesellschaft, während der Mensch jedoch offensichtlich ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Strukturen besitze. All diese emotionalen Bedürfnisse werden im christlichen Fundamentalismus befriedigt: Eine einfache Erklärung der Welt, der Mensch als Gottes Lieblingskind und die feste Einbindung in eine strenge Gemeinschaft und damit klare Strukturen. In diesem Zusammenhang machte Lammers deutlich, dass die frühe Schulung des Verstandes ein probates Mittel gegen eine Ansteckung mit dem Glauben sei. “Die Gefahr, Opfer evangelikaler Missionierung zu werden, ist deutlich erhöht, wenn man aus einer bildungsfernen Schicht stammt.”
Daniela Wakonigg


Preisverleihungen

Seit einigen Jahren bringt der Bund für Geistesfreiheit (bfg) München Lob und Tadel für weltanschauungsrelevante politische Leistungen durch die Vergabe von Preisen zum Ausdruck. Am 1. November war es wieder so weit. Den “Schraubenschlüssel am Bande” für besonders dumme öffentliche Äußerungen erhielt der Fernsehmoderator Günther Jauch für seine Aussage, in Berlin werde der Religionsunterricht “schulpolitisch diskriminiert”. In der Auseinandersetzung um die Volksabstimmung zum Religionsunterricht in Berlin hatte Jauch für die Initiative Pro Reli geworben. Sein penetrantes Eintreten für religiöse Belange war zuvor bereits vom evangelikalen Medienverbund KEP mit dem Medienpreis Goldener Kompass honoriert wurde.

Im Gegensatz zu Jauch waren die anderen Preisträger persönlich erschienen, um den Preis für Zivilcourage “Gache Wurzn” entgegenzunehmen. Ausgezeichnet wurden der bekannte Comic-Zeichner Ralf König, der sich unter anderem auch in der Giordano Bruno Stiftung engagiert, sowie der Filmemacher Jochen Hick, der seinerzeit eine Dokumentation über den Atheistenkongress in Fulda gedreht hatte (die, obwohl bereits in den Programmzeitschriften angekündigt, kurzfristig abgesetzt und niemals ausgestrahlt wurde). Die bfg-Vorsitzende Assunta Tammelleo stellte die beiden Preisträger als Künstler vor, die durch ihre Arbeit “maßgeblichen Anteil an der zunehmenden Verwirklichung der Bürgerrechte in Deutschland” gehabt hätten und sich “für echte Geistesfreiheit, für echte Freiheit” einsetzten. Als homosexuellen Männern gelte ihr Einsatz nicht zuletzt einer selbst bestimmten Sexualität. Hierin trifft sich ihr Engagement mit dem von Mina Ahadi, die durch ihre Arbeit im Internationalen Komitee gegen Steinigung Frauen das Leben rettet, die aufgrund sexueller Straftatbestände (z.B. “Ehebruch”) zum Tode verurteilt werden. Sie wurde an diesem Abend zum Ehrenmitglied im bfg München ernannt wurde.

Die Veranstaltung fand allerdings nach der Verleihung der Preise – einer Skulptur als Sparbüchse (in diesem Jahr eine Buchattrappe mit obenauf liegendem täuschend echtem “Kondom des Grauens” als Geldeinschieb-Vorrichtung) mit 1.111,11 Euro – und den Dankesreden der Geehrten ein unerwartet jähes Ende. Als ein Ausschnitt aus einer Filmdokumentation von Jochen Hick gezeigt wurde, erkannte einer der Anwesenden, dass hier seine Geschichte erzählt wird. Die unvermittelte Erinnerung an die Schrecken seiner Jugend und einen seinerzeitigen Selbstmordversuch lösten derartig heftige Gefühle aus, dass der Mann die Besinnung verlor. Daraufhin verzichtete der bfg auf die Fortführung des Programms.
 

 


Artikel aus MIZ 4/09

zurück zum Inhaltsverzeichnis