von Christoph Lammers
Das Grundprinzip der meisten Wirtschaftsordnungen weltweit basiert auf den Annahmen des Neoliberalismus. Über die Ausbreitung dieses marktwirtschaftlichen Konstrukts ist seit Marx so viel publiziert worden, dass es ganzer Bibliotheken bedürfte, um die Bücher zu erfassen. Vor allem in den letzten Monaten und Wochen ist, im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise, viel über den Niedergang des Kapitalismus und des Neoliberalismus geschrieben worden. Lange Zeit galt die freie Marktwirtschaft als alternativlos und als Zukunftsmodell unseres Zusammenlebens. Es gibt kaum eine Wirtschaftsideologie, welche solch verheerende Folgen in sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Hinsicht bis heute nach sich zieht. Dass es sich bei dem Konstrukt des ewigen Wachstums um eine Glaubenssache handelt, realisieren viele von uns erst jetzt.
Kritik am Kapitalismus und dem neoliberalen Dogma des freien Marktes galt lange Zeit als verpönt. KritikerInnen dieser zweifelhaften Ideologie wurden als ewig Gestrige charakterisiert. An den Instituten und Hochschulen verschwanden schließlich die letzten Mahner, insbesondere Keynesianer. Auch in Deutschland pflegte und pflegt man landauf, landab die Vorzüge der Deregulierung zu predigen. Die Politik, allen voran die etablierten Parteien, gaben sich die größte Mühe, dem Neoliberalismus den Weg zu ebnen. Wer glaubt, dass allein die Christdemokraten oder die Liberalen dafür verantwortlich sind, was in Deutschland passiert ist, irrt gewaltig. Gerade die rot-grüne Bundesregierung ermöglichte die Aufhebung sozialer und politischer Rechte in Deutschland und ließ keinen Zweifel daran, dass der Markt alles würde richten können. Nichts bleibt verschont, alles unterliegt dem Gesetz der Profitmaximierung.
Nun mögen ein jeder Leser und eine jede Leserin zunächst fragen, was eine Kritik des Neoliberalismus in einem politischen Magazin für Konfessionslose und AtheistINNen zu suchen hat. Was hat ein ‘Opelaner’, egal woher er kommt und wo er arbeitet, mit uns gemein, abgesehen davon, dass er in unserem Staat dazu verpflichtet ist, die Kirchen zu subventionieren? Kämpfen wir nicht, statt gegen oder für ökonomische Gesetze, für die strikte Trennung von Staat und Kirche, für Vernunft, Toleranz, Emanzipation und Menschenrechte? Wozu also der Themenschwerpunkt Neoliberalismus? Die Autoren unseres Schwerpunktes werden den LeserInnen viele Beispiele und interessante Analysen bieten, in denen sie zeigen, wie ähnlich sich Religion und Neoliberalismus sind. Es gibt überaus viele Gemeinsamkeiten dieser beiden Ideologien. Ohne den Autoren etwas vorwegnehmen zu wollen, sei kurz umrissen, worum es sich hierbei handelt.
Das neoliberale Denken speist sich aus der irrationalen Vorstellung der unsichtbaren Hand. Adam Smith, die Ikone des Wirtschaftsliberalismus, sah in der Welt ein göttliches Wesen wirken, “dessen Wohlwollen und Weisheit seit aller Ewigkeit die ungeheure Maschine des Weltalls so ersonnen und gelenkt hat, dass sie zu aller Zeit größtmögliches Maß von Glückseligkeit hervorbringe”. Diese quasi-religiöse Metapher immunisiert den Neoliberalismus gegenüber Kritik von außen. Es werden, ähnlich wie in religiösen Offenbarungsmythen, Aussagen formuliert, die gegen Falsifizierungsversuche immun sind, da sie auf Annahmen beruhen, die realitätsfern und idealisierend sind. Es werden nicht nur Regeln als natürlich angenommene bestmögliche Strukturen beschrieben, aus streng ökonomisch bzw. streng wissenschaftlich Perspektive ist es zudem nicht nachweisbar, ob der Markt effizienter koordiniert als gesellschaftliche Akteure dies könnten. Damit bleibt der Neoliberalismus hinter dem Anspruch wissenschaftlicher Klarheit ebenso zurück wie die Religion. Schließlich kann die Annahme freier Märkte vieles erklären. Die Realität jedoch, das lässt sich aktuell zeigen, richtet sich nach einer komplexeren Logik, die mit Glaube und Vorhersage nichts zu tun hat. Damit jedoch nicht genug.
Das Menschenbild sowohl der Religion als auch des Neoliberalismus widerspricht dem humanistischen Grundgedanken. Der Mensch als solcher genießt in beiden Ideologien keinen Wert. Zwingt die Religion die Menschen dazu, Gesetzen zu folgen, die gegen ihre Bedürfnisse und menschenverachtend sind, stülpt der Neoliberalismus uns das Korsett des homo oeconomicus über. Die idrischen Statthalter der Götter (zumindest der in Europa hauptsächlich angebeteten) sehen es als Ziel menschlichen Strebens an, wenn das Leben ganz auf das Jenseits ausgerichtet ist. Die Messdiener des Marktes reduzieren den Menschen auf seine nutzenmaximierenden und rational handelnden Anteile. In beiden Fällen basiert das Menschenbild nicht auf Beobachtungen, beschreibt nicht, wie Menschen tatsächlich sind. Stattdessen wird der Mensch so beschrieben, dass er am besten zu den von der betreffenden Religion bzw. vom Neoliberalismus erhobenen Forderungen passt. Ob “reuiger Sünder” oder “low performer” – beide Begriffe verraten wenig über die real existierenden Menschen, aber viel über die Ideologien, die sie erdacht haben. Dass Menschen religiöse Regeln internalisieren, wissen wir; auch dass dadurch Individuen und ganze Gesellschaften deformiert werden können. Inwieweit auch der Neoliberalismus diese Macht besitzt, zeigt Boris Schöppner am Beispiel Chiles.
Hieran schließt sich der eingeschränkte Freiheitsbegriff an. In der Religion gibt es, ebenso im Neoliberalismus, keine wirkliche Freiheit. Betonte noch der Liberalismus des 19. Jahrhunderts die besondere Bedeutung des Einzelnen gegenüber dem herrschaftlichen Staat, ist der moderne Liberalismus, und die FDP ist dafür das beste Beispiel, zum Handlanger der neoliberalen Doktrin verkommen. Der normative Freiheitsbegriff wurde längst umfunktioniert. Diejenigen, die den Markt beherrschen, verlangen vom Individuum den uneingeschränkten Gehorsam gegenüber den Gesetzen des Marktes. Freiheit herrscht nur innerhalb des Rahmens, der von den Gesetzen der Ökonomie abgesteckt wird.
Schließlich spielt in beiden Fällen die Heilsbotschaft und die Prophetie eine überaus große Rolle. Wir sind es gewohnt, und das nicht nur an Sonn- und Feiertagen, dass uns die Religion ein ums andere Mal ihre Heilsbotschaft von der Gottesallmacht und dem einzig wahren Glauben aufzwingt. Jede Religion braucht zugleich ihre Heilsbringer, welche die Botschaft vom himmlischen Vergnügen und der höllischen Verdammnis unter das Volk bringen. Doch auch im Neoliberalismus finden wir religiöse Motive und Propheten, den Katechismus und das Märchen vom ewigen Heil (diesmal auf Erden). Und wer nicht daran glauben will, muss schließlich daran glauben. Millionen von Menschen sind im Laufe der Jahrhunderte im Namen der Religionen getötet worden. Kaum ein Land wurde von der Schreckensherrschaft der Glaubens-ideologen verschont. Zwang man zu Beginn des neuen Zeitalters die indigene Bevölkerung in Amerika sich zum Glauben an die christliche Drohbotschaft zu bekennen, fielen in den 1970ern die Neokons und Neoliberalen in die lateinamerikanischen Staaten ein und lieferten GewerkschafterInnen, SozialistInnen und DemokratInnen ans Messer.
Wer die MIZ die letzten Jahrzehnte verfolgt hat, wird nicht umhin können festzustellen, dass wir unseren Vorstellungen von einer freien, emanzipierten und humanistischen Gesellschaft nicht näher gekommen sind. Auch wir, die wir gegen jede Form von religiöser Vertröstung und Prophetie ankämpfen, haben uns eingebildet, dass mit dem Ende des 20. Jahrhunderts endlich ein Jahrhundert des Friedens, der Gerechtigkeit und des Humanismus beginnen würde. Doch die Erwartungen sind nicht erfüllt worden. Der Neoliberalismus hat die Prinzipien der Unterdrückung des Menschen von der Religion übernommen und perfektioniert. Es ist daher unsere Aufgabe, den Verantwortlichen auf der Welt die Bedeutung und den Wert jedes einzelnen Menschen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Und vor allem ist es unsere Aufgabe, dem Liberalismus kräftig auf die Finger zu klopfen, ihn zu ermahnen und seinen VertreterInnen deutlich zu verstehen zu geben, welche fatale Entwicklung er im letzten Jahrhundert genommen hat.
Mit dem Neoliberalismus hat eine neue Form von Irrationalität Einzug gehalten und wir sind gut beraten auch aus konfessionsfreier Sicht einen kritischen Blick darauf zu werfen. Oder, um mit Marx zu sprechen, “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist”. Dies ist unser aller Anliegen, daher sind alle dazu aufgerufen, sich zu beteiligen. Auf, auf, Geschichte wird gemacht!
Artikel aus MIZ 4/09
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