Buchbesprechungen MIZ 3/09

Ulrich Kutschera: Tatsache Evolution

Was Darwin nicht wissen konnte. München 2009. dtv, 340 Seiten, 103 Abbildungen, kartoniert, Euro 14,90, ISBN 978-3-423-24707-8

Im „zweifachen Darwinjahr” 2009 – zwei Jahrhunderte nach Darwins Geburtstag und 150 Jahre nach der „Entstehung der Arten” – noch einen griffigen, nicht abgegriffenen Titel zu finden, ist gar nicht mehr so leicht. An der „Tatsache Evolution” zweifelt kein vernünftiger Mensch mehr. Dass es noch immer so viele Unvernünftige gibt, ist auch eine Tatsache, die am Rande auch Gegenstand des vorliegenden Buches ist. Vor allem aber wird dargestellt, was Darwin wusste und dachte und wie immer mehr bekannt wird, „was Darwin nicht wissen konnte”. Dieser Untertitel ist Programm, und der Inhalt wird den Erwartungen gerecht. Dabei geht Kutschera für einen Wissenschaftler im positiven Sinne recht journalistisch vor. So taucht schon ziemlich zu Anfang neben den üblichen historischen und biografischen Begebenheiten und Anekdoten um Darwin und die Entstehung der Evolutionstheorie etwas Verblüffendes auf, von dem der Leser sich zunächst fragt, was das hier zu suchen habe: eine kurze Mozartbiografie mitsamt der Verwandtschaft des genialen Komponisten. Dieser Schwenk in die Welt der Mozartverehrer, zu denen auch Darwin vor allem in seiner Jugend gehörte, dient als Beispiel, wie sicher oder unsicher Hypothesen und Theorien (hier zu Mozarts Tod) sind und wie bedeutsam die passende Verflechtung von individuellem Genom und den Zufälligkeiten der Umwelt ist. Dieser Faden wird im letzten Absatz des Buches noch einmal aufgegriffen, wo Darwin auch unter dem Aspekt einer inzwischen entstandenen Mozart- und Darwinindustrie zum Mozart der Biologie avanciert.

Dem Autor gelingt es durchweg, den Gedankenfaden weit flattern zu lassen, ohne ihn zu verlieren. Dadurch lassen sich auch scheinbar fernerliegende universelle Zusammenhänge unauffällig integrieren. Es ist ein Buch nicht nur über Evolution, sondern auch über Wissenschaftsgeschichte und Erkenntnistheorie. Die Leser lernen die verschiedenen Seiten Darwins kennen, den Mediziner und Theologen, den Zoologen, Botaniker, Pflanzenphysiologen, Ökologen, Verhaltensforscher und Paläontologen, und auch – vielen wohl weniger geläufig – den Geologen. Das Alter der Erde war auch nach Darwins Ansicht auf jeden Fall nach Jahrmillionen zu bemessen, und so beträchtlich, dass er die biblizistischen Berechnungen überhaupt nicht für erwähnenswert hielt. Der Geochronologie, den Erdzeitaltern, gilt ein eigenes Kapitel. Zu Darwins Zeiten war nur eine relative Datierung möglich. Welche Möglichkeiten einer absoluten Datierung bis heute entwickelt wurden, wird überblickartig erläutert. Vor 4,6 Milliarden Jahren hat sich nach derzeitigen Erkenntnissen unser Planet im Sonnensystem kondensiert. Nebenbei finden auch die „modernen” Kreationisten mit ihren ganz anderen Vorstellungen in diesem Zusammenhang Erwähnung.

Natürlich hat die Erfindung der Evolution nicht nur mit Charles Darwin zu tun. Alfred Russel Wallace hatte aufgrund seiner ebenfalls gründlichen Vorarbeiten dieselbe Theorie entwickelt wie Darwin und ihm ein Manuskript davon zukommen lassen. Das war bekanntlich für Darwin der Anstoß, endlich mit seinem Entwurf an die Öffentlichkeit zu treten. Im Gegensatz zu Darwin, der zeitlebens – anders als meist in Schulbüchern verbreitet – eigentlich Lamarckist war, lehnte Wallace ausdrücklich die Vererbung erworbener körperlicher Eigenschaften ab. (Am Rande: Über die Epigenetik kommt ein Hauch von Lamarckismus heute wieder in die Biologie zurück.) Weniger bekannt ist vielleicht auch, dass der von Darwin geschätzte Wallace neben seiner evolutionären aufklärerischen Idee später hoffnungslos dem Spiritismus erlegen war. „Leider ist dieser talentierte Naturforscher später geisteskrank geworden”, wird Ernst Haeckel zitiert. Dieser Punkt scheint ein wesentlicher Grund für die, verglichen mit Darwin, relative Bedeutungslosigkeit von Alfred Wallace im Urteil der Geschichte zu sein.

An der Weiterentwicklung der Evolutionstheorie hatten noch andere skurrile und tragische Genies ihren Anteil. Wenig bekannt und deshalb erwähnt ist Constantin Merezhkowsky. Dieser, „in seiner Bedeutung Charles Darwin gleichrangige Naturforscher”, hatte schon 1905/1910 die ab 1970 vor allem von Lynn Margulis vertretene Symbiogenese-Theorie formuliert. Nach seiner erst heute zögerlich auch in die Schulbiologie vordringenden Erkenntnis waren Mitochondrien und Chloroplasten einst selbständige Lebewesen, die von anderen phagozytiert, gefressen, aber nicht verdaut wurden. Sie leben weiter und dienen ihnen nun als intrazelluläre Symbionten. Die Mitochondrien stellen als Spezialisten für Atmung die Energiewährung ATP bereit, und die Chloroplasten, auf diese bezog sich Merezhkowsky, binden Sonnenenergie chemisch ein, und machen sie so zunächst den Pflanzen und dann aber auch der ganzen nachfolgenden Nahrungskette nutzbar. Was man zur Zeit von Merezhkowsky noch nicht wissen konnte, sonst hätte man ihn sicher ernster genommen: Noch heute besitzen diese Zellbestandteile eigene DNA und gehen durch Teilung aus ihresgleichen hervor. Die Symbiogenese, die Vereinigung der unterschiedlichen Organismen zu völlig neuen Lebensformen, das war ein makroevolutionärer Schritt. Und die Erkenntnis dieses Prozesses war ein gewaltiger Schritt in der Weiterentwicklung der Evolutionstheorie. Der ruhelose weltläufige Merezhkowsky befasste sich mit vielen Themen, er schrieb auch Novellen utopischen Inhalts. Seine gesellschaftspolitischen Ideen – er sah sich wohl auch gern als Retter der Menschheit – und sein Antisemitismus brachten ihn in geistige Nähe von Adolf Hitler. Das war vermutlich auch ein Grund dafür, dass er von der Fachwelt, auch von Margulis, ignoriert wurde. 1921 beging er auf technisch ausgeklügelte Art nach Begleichung seiner letzten Rechnungen aus Geldmangel in einem Genfer Hotel Selbstmord. Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich manchmal nahe beieinander...

Neben solchen Dingen erfahren die Leser, wie die Evolutionstheorie evolviert, insbesondere unter Einbeziehung der modernen Erkenntnisse der Genetik. Sie alle verfestigen das Bild von der Tatsache Evolution. Das Buch ist Fundgrube und Genuss für jeden interessierten Geist, der gerne mal über den Tellerrand seines engeren Arbeitsgebietes hinausblickt und auf spannende Weise etwas über den neuesten Stand der Evolutionsforschung erfahren will. Der Inhalt ist reichlich mit Literaturangaben belegt. Da der Autor schon manches zu vielerlei Themen publiziert hat, wird der Leser auch reichlich auf Kutschera als Quelle verwiesen. Wie der Stoff, sind auch die Abbildungen sehr gut ausgewählt. Ein Register erlaubt eine schnelle Orientierung im Text. Es ist schon ein ausgezeichnetes und ungewöhnliches Buch zur Tatsache Evolution.
Bernhard Verbeek 

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Jean-Baptiste de Panafieu / Patrick Gries: Evolution

München 2007. Frederking & Thaler Verlag, 292 Seiten, gebunden, Euro 58.-. ISBN 978-3-89405-694-0

„Dies ist das ungewöhnlichste Buch über die Evolution, das es je gegeben hat”, so heißt es auf der Rückseite des Bildbandes. Und dies ist keine Übertreibung. Den Autoren ist mit diesem etwa 2,5 Kilogramm schweren Werk etwas gelungen, was nur wenigen vorbehalten ist, die sich mit dem Thema Evolution beschäftigen: die Zusammenführung von wissenschaftlichen Fakten und ästhetischen Bildern. Der habilitierte Naturwissenschaftler und bekannte französische Dokumentarfilmer Jean-Baptiste de Panafieu weist in seinem Vorwort ausdrücklich darauf hin: „Das vorliegende Buch (...) verfolgt einen zweifachen Ansatz: einen sinnlichen und einen intellektuellen.” (S. 9)

Das Buch ist in sechs Kapitel eingeteilt und wird durch einen ausführlichen Anhang ergänzt. Dort finden sich, neben einer kurzen Erläuterung zur Systematik und zum phylogenetischen Stammbaum der Wirbeltiere, ein Glossar, eine Kurzbibliografie zum Thema und ein allgemeiner sowie ein zoologischer Index. Alle sechs Kapitel werden mit einer Einleitung bedacht, die als Grundlage für ein tieferes Vordringen in ausgewählte Aspekte genommen werden.
Die Texte bieten einen verständlichen Überblick über die Geschichte der Evolution und die Entwicklung des Lebens aus der Sicht eines anerkannten Wissenschaftlers, der die komplexe und komplizierte Evolutionstheorie zu erklären weiß. Panafieu nutzt die Texte, um die evolutionären Grundprinzipien zu verdeutlichen und verzichtet auf zusätzliche Kästen, Fußnoten oder Definitionen. Es ist dem Buch anzumerken, dass sich der Autor auf dem Gebiet der populären Wissensvermittlung so gut auskennt, dass er einerseits das Wissenschaftliche nie aus den Augen verliert, andererseits zu philosophieren weiß.

Die „Philosophie des Lebens” endet nicht mit den Texten, sie wird von Bildern eingerahmt, die der 1959 in Luxemburg geborene Fotograf Patrick Gries beisteuert. Die Abbildungen, aus verschiedenen französischen Museen stammend, sind im klassischen Schwarz-Weiß-Stil gehalten und verzichten auf unnötige farbliche Effekte. Alle erzählen ihre eigene Geschichte und sind doch zugleich Zeugen des gemeinsamen Ursprungs allen Lebens. Mit beeindruckender Kenntnis und Schärfe reihen sich die Bilder in die Kapitel ein. Kaum ein Bild, das nicht das Interesse weckt, seien es die Skelette eines Menschen und seines Pferdes, auf dem er reitet (S. 13), das Skelett einer fliegenden Ringeltaube (S. 198f.) oder das einer Python (S. 226f.). Den Lesern wird das Gefühl vermittelt, dass man in diese Bilder hinein tauchen kann, als sei man ein Teil dieses evolutionären Prozesses und würde somit einen Blick in die Geschichte unserer gemeinsamen Ursprünge wagen.

Zum Thema Evolution ist in den letzten Monaten jede Menge gesagt und geschrieben worden und man wird das Gefühl nicht los, dass dabei nur wenige Bücher und Namen tatsächlich im Gedächtnis bleiben. Doch sei an dieser Stelle ans Publikum appelliert, sich dieses Buch einmal näher anzuschauen, denn es ist mehr als nur ein Buch über die Evolution, es ist eine Augenweide und ein Blickfang ohnegleichen. Wenngleich dieses Buch mit seinen 58 Euro alles andere als günstig ist, sei es allen ans Herz gelegt, die die Einheit und Vielfalt der Evolution aus einer naturwissenschaftlichen wie bildhaften Perspektive zu betrachten suchen.
Christoph Lammers