Blätterwald MIZ 3/09

Buskampagne in der Süddeutschen
Die Buskampagne war für die gesamte säkulare Szene sicherlich einer der größten Medienerfolge der letzten Jahre. Doch gerade in diesem Moment zeigte sich, dass die Form der Berichterstattung nicht allein vom Ereignis abhängt, sondern manchmal tiefer liegende Gründe hat.

Für die Süddeutsche Zeitung wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass sie eine eher liberal eingestellte Leserschaft bedient – ein Publikum also, unter dem sich zahlreiche Konfessionslose befinden dürften, die durch die Buskampagne ja angesprochen werden sollten. Am 12. Juni war denn auch unter dem Titel „Wenn Gottlose auf Touren kommen” ein Beitrag über die Atheismus-Tour, insbesondere über den Stopp in Frankfurt, zu lesen. Bereits in der Unterüberschrift irritiert die Behauptung, da seien „Religionsgegner, die zum Atheismus bekehren wollen”, unterwegs. Stand nicht auf der Webseite der Buskampagne, dass es „um eine ‘atheistische Missionierung’” gerade nicht gehe? War die Zielgruppe dort nicht klar benannt: „Mit der Kampagne möchten wir öffentlich bekunden, dass eine nicht-religiöse, aufgeklärte Weltsicht eine positive Möglichkeit darstellt. Nicht-religiöse, Agnostiker und Atheisten sollen wahrnehmen können, dass sie nicht alleine sind...” Macht die Annahme, Atheisten könnten zum Atheismus bekehrt werden, wirklich Sinn?

Wohl kaum. Wer weiterliest und selbst auf der Abendveranstaltung im Saalbau Gallus anwesend war, wird einige Mühe darauf verwenden sich zu erinnern, ob es vorher vielleicht einen Sektempfang gab. Andererseits: mein Sitznachbar hat trotz zweier Weißbiere die Geschichte von dem fünfjährigen Jungen, der verzweifelt aus dem Kindergarten nach Hause kommt und seine Eltern fragt, ob in der Sintflut denn auch alle Meerschweinchen ertrunken wären, richtig verstanden. Der Artikel in der Süddeutschen hingegen suggeriert, dass es jemand aus dem Publikum gewesen sei, der die „Bibel buchstabengläubig zitiert” habe. Wenn die Buskampagne bei allen geschätzt 20 Millionen Menschen, denen sie im Frühsommer 2009 begegnet ist, einen solchen Eindruck hinterlassen hätte, sähe das nach einem gewaltigen PR-Problem aus.

Vielleicht trägt es zur Klärung der offenen Fragen bei, die Perspektive zu wechseln und nicht den Text, sondern die Autorin unter die Lupe zu nehmen. Schreiben ist nämlich erst die zweite Berufung der Renate Meinhof. Zunächst studierte sie Theologie. Das schlägt in der letzten Spalte des Artikels durch, wenn sie in einen apologetischen Predigtton verfällt und den Konfessionslosen indirekt das Recht auf gesellschaftliche Repräsentation abspricht. Ansonsten verfolgt sie jedoch eine andere rhetorische Strategie. Sie weiß, dass bei einem liberalen Publikum missionarisches Eiferertum nicht hoch im Kurs steht. Und der Eindruck drängt sich auf, dass genau deshalb die Sache mit der Mission im Text wiederholt wird und Michael Schmidt-Salomon als „eifernden Sprecher der [Giordano Bruno] Stiftung” auftritt. Augenscheinlich wird das Bild eines „merkwürdigen Humanismus” wohlkalkuliert entworfen, um der SZ-Leserschaft zu signalisieren: die Buskampagnen-Leute stehen ungefähr auf dem Niveau der Zeugen Jehovas, sie sind verbohrt und wissen eigentlich nicht, wovon sie reden – da lohnt es nicht, sich weiter zu informieren. Es passt ins Bild, dass sich Renate Meinhof nicht zu schade ist, die leicht nachprüfbare Tatsache, dass die Konfessionslosen in Deutschland ein knappes Drittel der Bevölkerung ausmachen, im Konjunktiv darzustellen und über die Gründe, warum die angefragten Verkehrsbetriebe es abgelehnt hatten, Stadtbusse mit den atheistischen Werbeslogans fahren zu lassen, nur die halbe Wahrheit zu berichten (letzteres ganz offensichtlich wider besseres Wissen, denn sie befand sich im Saal, als Carsten Frerk zu dieser Frage ausführlich Stellung nahm).

In den vergangenen zwei Jahren haben in der SZ auffällig häufig ausgerechnet Theologen (Friedrich-Wilhelm Graf ) und kirchennahe Journalisten (Alexander Kissler) über atheistische Bücher oder Events geschrieben. Ein Schelm, wer sich in einer vom Zufall bestimmten Welt etwas dabei denkt.
Gunnar Schedel


Freidenkerinnenkalender 2010
Seit vielen Jahren erscheint ein von den Ulmer Freidenkern herausgegebener Monatskalender, manchmal hieß dieser „Antiklerikaler Kalender”, manchmal waren andere schwäbische Freidenkerverbände an der Publikation beteiligt. Doch ob kirchenkritische Karikaturen präsentiert oder frei denkende Persönlichkeiten vorgestellt wurden – im Vordergrund standen immer Männer. Diesmal hingegen ist das anders. Im Freidenkerinnenkalender 2010 stellen zwölf Ulmer Freidenkerinnen anhand eines Zitats zwölf wichtige Frauen – Schriftstellerinnen, Philosophinnen, Künstlerinnen, politische Aktivistinnen – vor und erklären, warum sie selbst sich ihrerseits der Freidenkerei verschrieben haben. Auf einem Zusatzblatt erfahren wir dann mehr über die zitierten Frauen (darunter so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Miriam Makeba, Rosa Luxemburg und Simone de Beauvoir). Das Kalendarium weist wie jedes Jahr auf die Geburts- und Sterbetage frei denkender Personen hin – und hier sind, aus den bekannten Gründen, die Männer dann doch wieder in der Überzahl.
Freidenkerinnenkalender 2010. 12 Ulmer Freidenkerinnen zitieren 12 Frauen. Hrsg. von den Freidenker/innen Ulm/Neu-Ulm. 15 Blatt, A4, vierfarbig, Euro 8.-
Erhältlich bei den Freidenker/innen Ulm/Neu-Ulm oder unter www.denkladen.de.


Schriftenreihen
Der dritte Band der Schriftenreihe der Giordano Bruno Stiftung dokumentiert den Festakt, der zu Ehren von Charles Darwins 100. Geburtstag in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt stattfand. Die Broschüre enthält die dort vorgetragenen Reden einschließlich der fiktiven Ansprache Darwins (die allerdings zahlreiche Zitate aus seinen Briefen und Schriften enthält).
Darwin-Jahr 2009. Happy Birthday, Charly! Aschaffenburg 2009. Alibri, 60 Seiten, geheftet, Euro 5.-, ISBN 978-3-86569-202-3

Band 2 der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin ist einer historischen Persönlichkeit gewidmet, die für die Trennung von Staat und Kirche in Deutschland große Bedeutung hat: Adolph Hoffmann. Der Sozialdemokrat bewirkte in seiner kurzen Zeit als preußischer Minister im November 1918 mehr, als in den darauffolgenden 90 Jahren durchgesetzt werden konnte. Der Aufsatzband würdigt nicht nur Hoffmanns entschlossenes Handeln in jenen revolutionären Tagen, sondern stellt eine der schillerndsten Figuren der Arbeiterbewegung vor; einen Autodidakten, der es bis zum Verleger brachte, einen angriffslustigen Parlamentsredner und Kriegsgegner.
Horst Groschopp (Hrsg.): „Los von der Kirche!” Adolph Hoffmann und die Staat-Kirche-Trennung in Deutschland. Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin, Bd. 2. Aschaffenburg 2009. Alibri, 157 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 15.-, ISBN 978-3-86569-056-2
 


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