Zündfunke MIZ 3/09

Kulturverfall
Den christlichen Kirchen wird im Allgemeinen eine große Bedeutung für Erhalt und Verbreitung der Kultur in Europa zugeschrieben. Rolf Bergmeier stellte diese Sichtweise in einem eindrucksvollen Vortrag bei der Giordano Bruno Stiftung grundlegend in Frage. Der Untergang der Antike, so seine These, hat nicht allein mit römischer Dekadenz und Völkerwanderung zu tun, den entscheidenden Wendepunkt markiert der Aufstieg des Christentums und seine Erhebung zur Staatsreligion unter Theodosius. Denn die umgehend einsetzende Bekämpfung der polytheistischen Kulte wird flankiert von der Zerstörung der griechisch-römischen Kultur (denn diese war untrennbar mit der antiken Götterwelt verbunden).

Bergmeier erinnerte an groß angelegte Bücherverbrennugen oder an die Vernichtung der Bibliothek von Alexandria. Neben heidnischen Werken fallen den christlichen Pyromanen dabei auch als „häretisch” eingestufte Schriften christlicher Dissidenten zum Opfer. 529 wird die Akademie in Athen geschlossen, die letzten sieben Philosophen wandern nach Persien aus. Keine zwanzig Jahre später wird ein generelles Lehrverbot für Nichtchristen verkündet, betroffen sind nicht nur „Grammatiker” sondern auch Ärzte und Juristen. Die Verfolgung der Wissenschaftler ist freilich nur Ausdruck einer völlig veränderten Einschätzung des fürs Diesseits nützlichen Wissens. Fortan stehen nicht mehr die sieben Künste im Zentrum der Bildung, sondern die sieben Stufen des Gebets.

Dramatische Folgen hat dies für das Schulwesen, das schlicht verschwindet. In der Antike existierten zumindest in den Städten Volksschulen, die nicht nur der Oberschicht offenstanden. Weiterführende Schulen vermittelten Kenntnisse in Medizin, Recht oder Philosophie. Nachdem sich das Christentum durchgesetzt hat, gab es keine Schulen mehr, die eine elementare Bildung für größere Teile der Bevölkerung anboten. In den kirchlichen Schulen wurde die sachbezogene Bildung weitestgehend durch religiöse Unterweisung ersetzt. Zugang hatten zudem fast ausschließlich die Kinder des Adels und Schüler, die für die geistliche Laufbahn bestimmt waren.

Die Missachtung weltlichen Wissens ebenso wie die deutlich sinkende Alphabetisierungsrate führten schließlich zum Zusammenbruch des Kopierwesens. Insbesondere Papyri mussten aber regelmäßig abgeschrieben werden, da die Schrift-rollen aufgrund des Materials nur etwa 50 Jahre haltbar waren. Eine große Menge an Wissen ging so allein durch den natürlichen Verfall verloren, weil kein Kopierdienst mehr existierte. Bergmeier geht von einem ungeheuren Verlust aus: Auf eine erhaltene Schrift kommen nach seiner Berechnung etwa 1.000 verlorene. Die Bibliotheken, die in antiker Zeit zu 95% mit säkularen Themen gefüllt waren, verschwinden. Mit den Papyri geht auch das Wissen über Landwirtschaft, Bewässerung, Astronomie und Medizin verloren. Was bleibt, ist Literatur, die sich mit theologischen Fragen und Bibelauslegung beschäftigt. Nur diese wird in den Klosterschulen halbwegs systematisch kopiert. Der Verfall der antiken Kultur kann somit als direkte Folge der Christianisierung Europas verstanden werden.


Politischer Islam
Ein Auftritt des sich als Islamreformer verkaufenden Tariq Ramadan am 7. Juli an der Uni Münster war Anlass für eine Kritische Tagung zur Debatte um den politischen Islam, zu der die Münsteraner Gruppe et2c für den 26. September eingeladen hatte. Nach einem Input der Veranstalter gab zunächst Klaus Blees vom Kompetenzzentrum Islamismus der Aktion 3.Welt Saar einen Überblick über die Geschichte des islamischen Antisemitismus. Er stellte die Feindschaft des Frühislams gegen die Juden und ihre Unterwerfung unter einen sie entrechtenden Schutzvertrag im islamischen Herrschaftsbereich des Mittelalters dar. Den Schwerpunkt legte er auf die Herausbildung des modernen islamischen Antisemitismus und die Rolle, die der mit den Nationalsozialisten kollaborierende Mufti von Jerusalem sowie die 1928 in Ägypten gegründete Moslembruderschaft dabei spielten und beschrieb die Entwicklung bis zum heutigen palästinensischen Terrorimus und Ahmadinejads Vernichtungsdrohungen gegen Israel.

Linker Antirassismus und der Diskurs über „Islamophobie” war das Thema des Vortrags von Udo Wolter, unter anderem für die Wochenzeitung Jungle World schreibender freier Autor. Er untersuchte die politische Funktion der gegen Islamkritiker gerichteten Vorwürfe der „Islamophobie” und des „antimuslimischen Rassismus”, die seit der Kampagne gegen Salman Rushdie zunehmend erhoben werden. Diese laufen wesentlich auf eine Täter-Opfer-Umkehr hinaus. Wenn beispielsweise Moslems zu den Juden von heute erklärt werden, dann kann im Umkehrschluss auch Israel als Nazistaat verleumdet werden.

Unser guter Islamist – der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan im Fokus von Jörg Sundermeier, Gründer des Verbrecher Verlags. Er machte, veranschaulicht mit oft realsatirisch anmutenden Zitaten, den missionarischen Charakter der Bestrebungen Ramadans deutlich. Der „Eugen Drewermann des Islam”, wie er ihn nannte, hält am unantastbaren Charakter des Korans fest. Sein Ziel ist nicht ein westlicher Islam, sondern die Islamisierung des Westens. Dabei ist Ramadan schwer zu greifen, denn für jede seiner Aussagen findet sich irgendwo in seinen Schriften auch das Gegenteil.

Die Diskussionen im Anschluss an die einzelnen Vorträge und im Abschlussplenum waren zum Teil kontrovers, aber sachlich und fruchtbar. Obwohl es die erste von den Veranstaltern durchgeführte Tagung war, ist sie, auch unter organisatorischen und logistischen Gesichtspunkten, als gelungen zu betrachten.
Audiomitschnitte der Vorträge sind zu finden unter http://et2c.wordpress.com/.


Probleme des Islamunterrichts
Zur Frage „Islamunterricht an öffentlichen Schulen?” referierte am 29. September der Saarbrücker Religionswissenschaftler Prof. Dr. Karl-Heinz Ohlig an der Volkshochschule Saarbrücken. Nach einem Abriss der Geschichte des Religionsunterrichts in Deutschland behandelte der sehr informative Vortrag die Schwierigkeiten, die mit der Einführung des Islamunterrichts verbunden sind. Die größten Hürden sind laut Ohlig rechtlicher Natur. Vor allem fehlt auf islamischer Seite ein Ansprechpartner, da der Islam keine institutionelle, den Kirchen vergleichbare Struktur aufweist. Es existieren unterschiedliche Strömungen und eine Reihe verschiedener Verbände, von denen sich wiederum die Mehrheit der Muslime in Deutschland nicht repräsentiert fühlt. Künftige islamische Religionslehrer benötigen ein wissenschaftliches Studium, was die Einrichtung von Lehrstühlen voraussetzt. Der erste Lehrstuhl dieser Art wurde in Münster etabliert, doch hat das NRW-Wissenschaftsministerium sich dem Druck der Islamverbände gebeugt und dessen Inhaber, dem Islamwissenschaftler Muhammad Sven Kalisch, die Ausbildungsbefugnis für Lehrer entzogen. Die Verbände haben interveniert, weil Kalisch den Islam kritisch-historisch betrachtet und, sich Ohlig und dessen Kollegen von der „Saarbrücker Schule” anschließend, die historische Existenz Mohammeds in Frage stellt. Der aus Sicht Ohligs illegalen Entpflichtung Kalischs folgte die Schaffung eines zweiten, mit einem reaktionären Professor besetzten Lehrstuhls gegen den Willen der Universität Münster.

Neben rechtlichen thematisierte Ohlig inhaltliche Hürden. Denn der Islam ist keine bloß private Religion, sondern möchte alles bestimmen und umgestalten. Er hat keine Aufklärung durchlaufen und verzichtet nicht prinzipiell auf die Scharia. Als Voraussetzung der Etablierung von Religionsunterricht fordert Ohlig daher vom Islam, seinen rechtsbestimmenden Charakter aufzugeben und statt dessen die Werte des Grundgesetzes zu gewährleisten, insbesondere Frauenrechte anzuerkennen.

Der Referent hätte es für besser gehalten, wenn die Kirchen auf ihr Recht auf schulischen Religionsunterricht verzichtet und so den Weg für ein interkonfessionelles Fach Religionskunde frei gemacht hätten, weil er in einem konfessionell getrennten Unterricht die Gefahr der Separation sieht. Da dies zu seinem Bedauern nicht geschehen ist, müssten jetzt allerdings muslimischen Schülern dieselben Rechte eingeräumt werden wie christlichen. Wie in der anschließenden Diskussion angemerkt wurde, könnten die Bedingungen für einen konfessionsübergreifenden Unterricht, der dann ebenso nichtreligiöse Weltanschauungen einbeziehen sollte, auch über eine Grundgesetzänderung geschaffen werden. Dass die Chancen dafür sehr schlecht stehen, ist jedenfalls kein Grund, eine richtige Forderung fallenzulassen.
Klaus Blees


Der Mann im Islam
Im Rahmen der Vortragsreihe der Säkularen Humanisten Rhein-Main referierte Anfang September die Journalistin und Sozialpädagogin Arzu Toker zum Thema ”Geschlechtergerechtigkeit und die Rolle des Mannes im Islam”. Sie ging dabei von der Grundannahme aus, dass auch Männer durch das traditionelle islamische Geschlechterbild Nachteile erfahren. Besonders deutlich lasse sich dies an Einwanderern zeigen. Diese fänden sich häufig auf den unteren Stufen der sozialen Leiter wieder. Dies suchten sie unter anderem dadurch zu kompensieren, dass sie sich als auserwählte Angehörige der einzig wahren Religion ansehen. Diese Konstellation führt nicht nur zu einem von Narzissmus geprägten Selbstbild, sie verhindert auch, dass diese Männer islamische Traditionen hinterfragen. Dass diese Traditionen Frauen oft abwertend beurteilen, ist wenig verwunderlich, da bereits Mohammed ein Verhalten an den Tag legte, das wenig Achtung vor Frauen erkennen ließ. Gerade in der ”Diaspora” sehen muslimische Männer (nicht-muslimische) Frauen eher als ”Beute” denn als Partnerin an. Letztendlich macht eine solche Sozialkultur jedoch auch sie zu Verlierern.#

In der Diskussion wurde die am Islam und am Propheten nicht bestritten, jedoch verwiesen Migrantinnen darauf, dass es auch in Deutschland die Notwendigkeit von Frauenhäusern gebe.



Evangelikale in den Medien

Innerhalb des Christentums erfreuen sich die Evangelikalen der größten Zuwachsraten. Die Gründe dafür liegen nicht zuletzt in ihrem „modernen” Umgang mit Medien Dies verdeutlichte Christoph Lammers in einem Vortrag am Rande der Mitgliederversammlung des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA). Da sich die Evangelikalen als Bewegung verstehen, sind sie in viel höherem Maße als die beiden Amtskirchen bereit, auch auf unkonventionelle Weise öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Gleichzeitig ergeben sich durch Kooperationen mit der EKD, die vor 20 Jahren in dieser Form kaum denkbar gewesen wären, neue Möglichkeiten: so war im Mai 2008 der erste evangelikale Gottesdienste im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Zudem haben die Evangelikalen in den letzten Jahren medial selbst stark aufgerüstet. Seit 2001 verfügt die Szene mit Bibel-TV sogar über einen eigenen Fernsehsender. Auch im Internet wird die Präsenz stetig ausgebaut, insbesondere für Jugendliche wird das „Web 2.0” als Rekrutierungsfeld genutzt. Anders als viele kirchliche Angebote, bedienen sich evangelikale Zeitschriften und Webseiten ganz bewusst der Sprache und des Habitus der Jugendszenen.
Diese propagandistischen Bemühungen werden begleitet von gezieltem und oft koordiniertem Vorgehen gegen kritische Berichterstattung. Lammers nannte als Beispiele die Kampagne gegen die Schülerzeitung Q-Rage (vgl. MIZ 1/09) sowie die Protestwelle gegen die Berichterstattung des Politmagazins Frontal21 über die im Jemen ermordeten Missionsschülerinnen.

In der anschließenden Diskussion wurde herausgestellt, dass die Evangelikalen eine „marktförmige” Variante von Religion repräsentieren. Da sie sich weitestgehend selbst finanzieren und nicht in erster Linie auf eine staatliche Privilegierung ausgerichtet sind, berührt sie die Forderung nach der konsequenteren Trennung von Staat und Kirche nicht. Die Auseinandersetzung muss folglich auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln geführt werden.


Kirchenprivilegien
Beim Regionalverband Freiburg des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) referierte René Hartmann über Kirchenprivilegien in Deutschland. Leitmotiv des Vortrags war die These, dass von der unvollständigen Trennung von Kirche und Staat in Deutschland allein die Kirchen profitieren. „Wo immer individuelle Rechte mit den Interessen der Kirchen in Konflikt geraten, wird den Kircheninteressen Vorrang eingeräumt”, meinte der IBKA-Vorsitzende Hartmann und führte als Beispiel den staatlichen Kirchensteuereinzug an, der abhängig Beschäftigte zwinge, ihre Religionszugehörigkeit ihrem Arbeitgeber zu offenbaren. Auch das Austrittsverfahren sei schikanös, da die Bürger persönlich vor der Behörde erscheinen und zudem noch eine Gebühr entrichten müssen. Als weiteres besonders gravierendes Beispiel führte Hartmann das besondere kirchliche Arbeitsrecht an, das kirchlichen Einrichtungen gewissermaßen erlaube, Angestellte aufgrund ihrer Weltanschauung und Lebensweise zu diskriminieren.
  


Artikel aus MIZ 3/09

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