von Mary Devery
In Frankreich gilt das Kopftuchverbot in der Schule nicht nur für Lehrerinnen, sondern auch für Schülerinnen. Dort herrschen klare Verhältnisse seit 2004, als die Regierung das Verbot gegen erheblichen Widerstand und nach einer jahrzehntelang andauernden Debatte durchsetzte. Von solchen Verhältnissen können wir in Deutschland nur träumen. Unsere Gesellschaft scheint von einer massiven falschen Toleranz ergriffen zu sein. Jegliche Kritik an der Religion im Allgemeinen oder am Islam im Besonderen ist verpönt. Das erschwert es, in Sachen Kinderkopftuch ein Problembewusstsein herzustellen.
Das Recht vieler muslimischer Frauen und Mädchen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wird mit Füßen getreten, doch weil die Religion als Heilige Kuh gilt, werden nur wenige Stimmen des Protestes laut. Warnungen von Frauenrechtlerinnen wie Seyran Ates, dass teilweise achtjährigen Mädchen der Kopf geschoren wird, um sie zum Tragen des Kopftuches zu zwingen, werden ignoriert oder von den Medien verschwiegen. Heutzutage sehen wir jedoch immer häufiger Mädchen im Grundschulalter und sogar im Kindergarten mit Kopftuch. Wer glaubt, dass diese Kinder das Kopftuch freiwillig tragen?
Gabi Schmidt, eine engagierte Sozialpädagogin aus Nordrhein-Westfalen, hat eine Petition gegen das Kinderkopftuch verfasst und an den Landtag geschickt. Auslöser war, dass der Schuldirektor der Anne-Frank-Realschule in Düsseldorf vom Kultusministerium die Anordnung bekam, das Kopftuch in seiner Schule zu dulden. Der aufgeklärte Pädagoge wollte muslimischen Mädchen einen Raum bieten, sich gleichberechtigt zu entwickeln, entsprechend §3 (2) des Grundgesetzes. Deshalb bat er die muslimischen Eltern, ihre Töchter ohne Kopftuch in die Schule zu schicken. Das Kopftuch hat er nicht verboten, sondern er bat um eine kopfbedeckungsfreie Schule. Dies geschah auch monatelang, ohne dass sich jemand beschwerte. Doch als er das Thema in einem Elternbrief ansprach, fühlte sich ein nicht-muslimischer Elternteil verpflichtet, sich für die Religionsfreiheit der Muslime stark zu machen. Der Protest ging an das Kultusministerium, das – anstatt seine beratende Funktion auszuüben – den Schuldirektor anwies, das Kopftuch ab sofort zu dulden. Und das, obwohl ausgerechnet diese Schule schon mehrfach wegen ihrer gelungenen Integrationsarbeit ausgezeichnet worden war.
Gabi Schmidts Petition plädierte für das Recht der muslimischen Mädchen, sowie der anderen Kinder, die Schule als neutrale Bildungsstätte ohne religiöse Symbole erleben zu dürfen. Sie berief sich auf den Gleichberechtigungsartikel im Grundgesetz und auf die Werte und Normen der Aufklärung sowie auf das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Um diese Forderungen zu unterstreichen, regte Gabi Schmidt eine öffentliche Veranstaltung zum Thema Kinderkopftuch an. Diese fand am 30. Januar 2009 an der Universität zu Düsseldorf statt. Teilnehmende waren neben Gabi Schmidt der Publizist Ralph Giordano, Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime, Collin Schubert, Islamexpertin bei Terre des Femmes, Klaus Blees vom Kompetenzzentrum Islamismus der Aktion 3.Welt Saar sowie Emel Zaynelabidin, ehemalige Kopftuchträgerin.
Die Beiträge des Podiums machten deutlich, dass Mädchen zum Tragen des Kopftuchs gezwungen werden, sei es durch Drohungen oder durch Einreden, dass gute muslimische Mädchen dadurch ihre Liebe zu Allah zeigen. Terre des Femmes berichtete über eine Verdoppelung der Zahl der Hilfesuchenden in den letzten zwei Jahren, die von Zwangsverschleierung, Zwangsheirat oder Ehrenmord bedroht werden. Wie Fatma Bläser und Necla Kelek fordert die Frauenrechtsorganisation ein Verbot des Kopftuchs in der Schule und an der Universität. Ralph Giordano fragte, ob wirklich als Fremdenhasser abgestempelt werden soll, „wer die Überlegung nachgeht, ob das Tuch nun ein Zeichen religiöser Selbstbestimmung von Zwölfjährigen sei oder eine von den Eltern verordnete Zwangsmaßnahme?”
Das Publikum beteiligte sich beherzt an der Diskussion. Besonders der Beitrag eines Lehrers aus Recklinghausen trug viel dazu bei, den Ernst der Lage zu verdeutlichen. An seiner ehemaligen Schule seien muslimische Mädchen ohne Kopftuch geschlagen und gemobbt worden. Der moralische Druck seitens der muslimischen Jungs und der kopftuchtragenden Mädchen ging so weit, dass Mädchen ohne Kopftuch, ob muslimische, christlich oder konfessionslos der ständigen Gefahr ausgesetzt waren, von muslimischen Jungs begrapscht und gemobbt zu werden, weil sie ohne Kopftuch als „Schlampen” gelten. Der Lehrer, der sich für die Mädchen eingesetzt hatte, wurde zu seiner eigenen Sicherheit vom Dienst zwangsbeurlaubt, weil er aufgrund seiner kritischen Haltung und seines Evolutionsunterrichts, Morddrohungen bekommen hatte.
Mina Ahadi betonte, dass das Kopftuch das Zeichen schlechthin des politischen Islams sei und dass es eine Kampagne geben müsse, um gegen das Kinderkopftuch in der Schule vorzugehen. Ein Problem ist und bleibt, dass viele Menschen, die die schleichende Islamisierung der Gesellschaft beobachten – symbolisiert durch das Kopftuch und die Missachtung der Frauenrechte –, Angst haben, Kritik zu üben, um nicht in die rechte Ecke gestellt zu werden. Deshalb rief sie zur Bildung einer „Dritten Kraft” auf, die weder rechts noch unkritisch links stehe.
Der Landtag hat die eingereichte Petition später abgelehnt mit der Begründung, dass, obwohl der staatlichen Neutralitätspflicht, dem Erziehungsrecht der Eltern und der negativen Religionsfreiheit der Schülerinnen ein größeres Gewicht als der positiven Religionsfreiheit der Lehrerinnen beizumessen sei, dies im Falle kopftuchtragender Schülerinnen nicht zur Geltung komme, weil letztere kein Dienst- und Treueverhältnis zum Staat hätten. Oder anders ausgedrückt: Hier wird dem Recht auf Religionsfreiheit eine größere Wichtigkeit eingeräumt als der Gleichberechtigung der Geschlechter bzw. der negativen Religionsfreiheit.
Das Thema ist aber lange nicht erledigt, trotz der Versuche der Politik und der Presse, sie zu verschweigen.1 So befasst sich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Emma mit dem Themenkomplex. Darin findet sich auch ein Artikel über zwei Schulen, die ohne Kopftuch auszukommen versuchen (eine davon ist die besagte Anne-Franke-Realschule in Düsseldorf). Alice Schwarzer warnt in ihrem Beitrag „Kein Kopftuch in der Schule” vor die „Schariasierung” des deutschen Rechtssystems. Das Kopftuch ist und bleibt ein Politikum ersten Ranges, wie Ralph Giordano es formulierte.
Anmerkungen:
1 Nur eine Pressevertreterin war in Düsseldorf anwesend, aber ein Artikel zum Thema ist meines Wissens nie erschienen. Meinen an den Kölner Stadt Anzeiger geschickter Artikel wurde abgelehnt mit dem Vermerk, er hätte mit Köln nichts zu tun. Die Zeitung schwieg auch zu einer öffentlichen Veranstaltung des Zentralrates der Ex-Muslime, als dieser eine Protestkundgebung gegen die Verhaftungen im Iran organisierte, hat aber etwa zwei Wochen später über eine ähnliche Kundgebung von Amnesty International ausführlich und mit Foto berichtet.
Mary Devery ist bei Terre des Femmes in der Städtegruppe Köln aktiv.
Artikel aus MIZ 3/09
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