von Christoph Lammers
Quo vadis Europa?
Der christlichen Religion wird für Europa eine außerordentliche Bedeutung beigemessen. Nicht umsonst sprechen Politik und Kirchen permanent vom christlichen Abendland und der Bedeutung der christlichen Moral und des christlichen Werteverständnisses für Europas BürgerInnen. Was hier unterschlagen wird, ist nicht nur die Tatsache, dass Europa weniger durch die christliche Nächstenliebe als durch die auf Gott und Vaterland begründeten (Vernichtungs)Kriege geprägt wurde, sondern auch der Fakt, dass Europa längst keinen monolithischen Block mehr darstellt. Sieht man von der emotional aufgeladenen Diskussion um die (kulturelle) Geschichte Europas, der Vergangenheitsbewältigung und der historischen Verantwortung ab, bleibt vor allem eine Frage, die es zu beantworten gilt: Quo vadis Europa? Wohin wird Europa (religiös) steuern?
Europa wurde bis 1990 in zwei strikt voneinander getrennte Blöcke eingeteilt. Auf der einen Seite, als Westeuropa bekannt, waren Länder vertreten, die weltanschaulich sehr unterschiedlich aufgestellt waren. Hier fanden sich Staaten mit einer säkularen Tradition ebenso wie Länder, die eine sehr intensive kirchliche Bindung aufwiesen bis zu klerikal-faschistischen Ländern, in denen die (katholische) Kirche einen außerordentlichen Einfluss genoss. Auf der anderen Seite fand sich der gottlose, atheistische Ostblock. Der Anteil konfessionsfreier Menschen war in der Sowjetunion sehr hoch. Die Kirchen besaßen keinen oder eher geringen Einfluss. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Transformation von postsozialistischen zu marktkapitalistischen Staaten hat sich die Situation in Europa radikal verändert.
Als der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama vom Ende der Geschichte sprach und auf Hegels Gedankengang vom Ende aller weltpolitischen Widersprüche zurückgriff, dachte sicher niemand, welche Folgen der Umbruch in Osteuropa für Westeuropa, sogar für die ganze Welt haben würde. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass mit dem Ende der staatssozialistischen Staaten eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung einherging. Viele EuropäerInnen gingen stillschweigend davon aus, dass mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes eine Zeit des Friedens und der unbegrenzten Freiheit Einzug halten würde. Viele hielten Helmut Kohls Versprechen von blühenden Landschaften und jede Menge Videorekorder für ebenso realistisch wie die Vorstellung, dass Märkte alle Probleme lösen würden. Auch waren viele Konfessionsfreie davon überzeugt, dass mit dem Anschluss Osteuropas, vor allem Ostdeutschlands an Westdeutschland, den säkularen Interessen mehr Verständnis und Mitgestaltungsrechte eingeräumt werden würden. Der Anteil an Konfessionsfreien stieg rapide, die Kirchen verloren weiter an Mitgliedern, nur waren weder blühende Landschaften zu sehen, noch bekam die säkulare Szene den nötigen politischen Einfluss zugesprochen. Ganz im Gegenteil, der politische Kampf um Mitbestimmung dauert an.
Eine Folge des Zusammenbruchs war die Entstehung neuer Märkte. Die Globalisierung, die bis dato nicht in alle Länder hatte vordringen können, nahm an Geschwindigkeit und Komplexität zu, so dass mittlerweile kein gesellschaftlicher Bereich mehr von der Globalisierung ausgeschlossen ist – auch nicht die Religion. Die Identifikation von Westeuropa als kirchen- und religionsfreundlichem Gebiet hat sich ebenso wenig gehalten wie die Annahme, dass Osteuropa weithin religionslos bleiben würde. Die MIZ greift das Thema Europa deshalb auf, um deutlich zu machen, dass (gesellschaftliche) Grundannahmen, von denen wir vor etwa 20 Jahren ausgingen, sich nicht in die Realität haben umsetzen lassen bzw. die nicht real geworden sind. Die Beispiele Spanien und Russland zeichnen diese überaus komplexe und paradoxe Entwicklung sehr deutlich nach. Während das vormalig klerikal-faschistische Spanien mit der Verabschiedung der demokratisch legitimierten Verfassung von 1978 eine säkulare Wende einläutete, lassen sich im heutigen Russland Entwicklungen beobachten, die an einen Backlash erinnern. Hier ein durch Demokratisierung und Europäisierung geprägtes Spanien, welches die Weichen für eine striktere Trennung von Staat und Kirche gelegt hat und mit der aktuellen sozialistischen Regierung unter Zapatero auf historische Spurensuche geht. Dort das ehemals idealisierte Russland, welches immer stärker von Klerikalen als auch Geschichtsfälschern und Zaristen unter Druck gerät und sich säkular-demokratische Kräfte nur sehr schwer Gehör verschaffen können.
Wer unsere Beiträge aufmerksam liest, wird feststellen müssen, dass die Säkularisierung keinesfalls ein Selbstläufer ist, sondern dass wir gemeinsam für die Rechte der Konfessionsfreien werden eintreten müssen. Der blinde Glaube an einen Geschichtsdeterminismus ist ebenso fehl am Platz wie die politische Apathie in Europa. Da wir als Redaktion überzeugt sind, dass Geschichte gemacht wird, möchten wir den Leserinnen und Lesern zeigen, wie wir auf der Ebene der europäischen Länder für die Rechte der Konfessionsfreien eintreten können. Ein Beispiel hierfür ist die 1991 gegründete European Humanist Federation (EHF). Ein supranationaler Zusammenschluss verschiedener säkularer Verbände kann jedoch nicht den Einzelnen aus der Verantwortung der politischen Artikulation von religiösen Missständen entlassen. Daher ist zu hoffen, dass wir mit dieser Ausgabe einen einführenden Blick auf die neuen Herausforderungen im neuen politischen Europa werden geben können.
Die Frage, wohin Europa steuern wird, lässt sich daher nicht so ohne weiteres beantworten. Wir werden jedoch den Prozess der schleichenden Wiederkehr des Religiösen kritisch begleiten und uns auf einen anregenden Diskurs freuen. In diesem Sinne, Geschichte wird gemacht!
Artikel aus MIZ 3/09
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