von Gunnar Schedel
Vielleicht mag sich manche Leserin fragen, warum eine atheistisch ausgerichtete Zeitschrift sich mit den Auseinandersetzungen zwischen den beiden christlichen Großkirchen und “Sekten”1 überhaupt befaßt; Querelen, die manchem Leser anmuten mögen wie ein Streit zwischen Herrn Maier und Herrn Meyer, wer denn nun der richtige sei. Doch die Frage, wer hier das “Richtige” glaubt, wer das “richtige” höhere Wesen auf die “richtige” Art und Weise verehrt und wer den falschen Propheten folgt (all das soll uns tatsächlich nicht interessieren) – diese Frage nach Glaubenswahrheiten ist nur ein Teil-aspekt der Debatte. Zugleich geht es immer auch um die Durchsetzung von Definitions- und Sprechmacht: Wer bestimmt den öffentlichen Diskurs über Religion? Wer definiert, was Religion ist? Wer darf Religionen inhaltlich bewerten? Oder konkreter: Wer wird in Expertenrunden eingeladen? Bei wem holen sich Parteien und Verbände Rat? Wer findet – als Interviewpartner oder Kolumnist – Zugang zu den Medien mit wirklich großer Reichweite?
Für das Verhältnis von Religion und Politik ist es von eminenter Bedeutung, wer sich hier durchsetzt. In Deutschland sind die religionsfreundlichen Kräfte so dominant, daß Religion als abstrakter Begriff ganz überwiegend ausschließlich positiv besetzt ist. Nach den Anschläge vom 11. September verkündete Bundeskanzler Gerhard Schröder, daß diese Taten nichts mit Religion zu tun hätten – obwohl die religiöse Motivation der Täter offensichtlich war. Auch die Kohl-Regierung arbeitete mit dieser Methode, bei nicht mehr zu leugnenden negativen Erscheinungsformen des Religiösen, diesen schlicht den Religionscharakter abzusprechen. In einer vom Bundesfamilienministerium herausgegebenen Broschüre von 1996 wird die Auffassung vertreten, “daß die Scientology-Organisation weder eine Religions- noch eine Weltanschauungsgemeinschaft” sei, deren Selbstbezeichnung als Kirche stelle nur einen Vorwand dar, der die wirtschaftlichen Aktivitäten absichern solle. In einem solchen Umfeld hat Religionskritik naturgemäß einen schweren Stand.
Andererseits herrscht im religiösen Supermarkt reger Wettbewerb; die Glaubenswilligen werden von einer wachsenden Zahl an Anbietern umworben – die sich gegenseitig heftig kritisieren. Die Kirchen haben seit je eine eigene Abteilung zur Bekämpfung der unliebsamen Konkurrenz. Heute sind es die Sektenbeauftragten der Landeskirchen bzw. Diözesen, die sich mit den kleinen Religionsgemeinschaften auseinandersetzen und sie öffentlich kritisieren. Auch wenn das Bemühen, die “Sekten” möglichst schlecht aussehen zu lassen, im Vordergrund steht, sind die Vorgehensweisen sehr verschiedenen. Sie reichen von weitgehend sachlich begründeter Kritik bis hin zur Kampagne, die mit sämtlichen demagogischen Mitteln verfolgt wird. (Ein besonders dreistes Beispiel für die irrationale Dämonisierung einer “Sekte” waren die Mutmaßungen des “Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Ev.-Luth. Kirche in Bayern” Wolfgang Behnk, beim Universellen Leben sei ein Massenselbstmord möglich.)2
Andererseits funktionalisieren kleine Religionsgemeinschaften in dieser Auseinandersetzung kirchenkritische Argumentationen. Seit je hatten “Sekten” für sich in Anspruch genommen, daß bei ihnen die “wahre” Spiritualität zu finden sei, und sich diesbezüglich von den Großkirchen abgegrenzt, hatten teilweise deren Machtverständnis, Pomp oder Starrheit kritisiert. In den letzten Jahren kam es dann häufiger vor, daß “Sekten” Aspekte atheistischer bzw. säkularistischer Kirchenkritik in ihre Rechtfertigungsdiskurse einbauten. Es war vor allem das Universelle Leben, das die historischen Verbrechen der Kirche und den spezifisch deutschen Staats-Kirche-Filz in seinen Druckschriften und auf Veranstaltungen anprangerte, und sogar eine Initiative zur Errichtung eines Mahnmals für die Opfer der Kirche ins Leben rief.3
Eine solcherart polarisierte Debatte bewirkt vor allem, daß der jeweilige Gegner ins Zentrum aller Argumentationen rückt. Weder den beiden Großkirchen noch den “Sekten” geht es um die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern in erster Linie um eine Ausweitung der eigenen Möglichkeiten resp. die Eindämmung der Aktivitäten des jeweils anderen. Dieses “Wer-nicht-für-mich-ist...”-Denken treibt dann groteske Blüten, etwa wenn die Kirchen darauf verweisen, daß sie den Staat im Sozialbereich bedeutend entlasten, weil Kirchenmitglieder ehrenamtlich arbeiten – und dies angeblich nicht aus sozialer Verantwortung, Mitmenschlichkeit oder Bürgersinn, sondern allein aufgrund ihrer kirchlichen Bindung. Wenn hingegen “Sekten”-Mitglieder unentgeltlich in Einrichtungen ihrer Religionsgemeinschaft tätig sind, kommen “Sektenbeauftragte” schnell mit dem Vorwurf der Ausbeutung willenloser Opfer einer charismatischen Führungsperson daher. Dabei ist das Klischee, daß alle Katholiken oder Evangelen sich mündig und bewußt für ihren Glauben entscheiden, während die Sektierer unwissend und in psychischer Notlage in die Fänge ihrer Religionsgemeinschaft geraten sind, nicht haltbar (obgleich es selbstverständlich solche Fälle gibt). Der ganze Diskurs bleibt letztendlich religiös, da es beiden Parteien eigentlich um die Frage geht, wer seine Religion öffentlich propagieren und missionieren darf (und dahinter steht wiederum die Auseinandersetzung, welcher Glaube nun denn wahr bzw. falsch sei). Die Sachkritik, so richtig die vorgetragenen Fakten im Einzelnen auch sein mögen, wird in diesem Zusammenhang nur funktionalisiert.
Wenn sich Konfessionslose in diese Debatte einmischen und positionieren wollen, ist es wichtig, zuvor den eigenen Standpunkt geklärt zu haben. Ich sehe dabei einen formalen und einen ideologischen Aspekt. Zum einen zieht die Forderung einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche das Eintreten für die Gleichbehandlung aller weltanschaulichen Richtungen durch den Staat nach sich. Denn eine Abkehr vom Ideal staatlicher Nichteinmischung würde nicht nur das Problem aufwerfen, wer denn entscheiden soll, welche Religionsgesellschaften staatlich privilegiert, welche staatlich diskriminiert werden. Es würde wohl auch dazu führen, daß sich die bislang einflußreichen Religionsgemeinschaften durchsetzen. Die Arbeit der seinerzeitigen Enquete-Kommission des Bundestages über “Sogenannte Sekten und Psychogruppen” sollte hier mahnendes Beispiel sein, denn damals wurden weder die Anthroposophen noch irgendeine Gruppierung unter dem Dach einer der beiden Großkirchen untersucht, obwohl vielfach keine grundlegenden inhaltlichen Unterschiede zu den behandelten “Sekten” zu erkennen waren. Aus dieser Position heraus kann es notwendig sein, sich gegen bestimmte diskriminierende Maßnahmen staatlicher Einrichtungen auszusprechen oder sensationistische Darstellungen in den Medien bzw. Hetze durch kirchliche Sektenbeauftragte richtigzustellen.
Die unabdingbare Kehrseite solchen Einsatzes für Weltanschauungsfreiheit, der sich gegen ein Einschreiten des Staates unterhalb der strafrechtlichen Ebene ausspricht, ist eine entschieden religionskritische Perspektive. Denn in Menschenbild oder Vorstellungen gesellschaftlicher Ordnung sind “Sekten” oft weit reaktionärer als der Durchschnitt kirchlicher Positionen. Und Informationen der Sektenbeauftragten über diese Gruppierungen sind nicht deshalb per se falsch, weil sie zum Nutzen der Kirche eingesetzt werden können. Verteidigt werden müssen die Prinzipien der Gleichbehandlung und der staatlichen Nichteinmischung, nicht die “Sekten” selbst.
Um es auf den Punkt zu bringen: wir dürfen uns nicht vor die Alternative “Sekt oder Selters” stellen lassen. Es ist, nach meinem Dafürhalten, weder die Aufgabe der Konfessionslosen, kleine Religionsgemeinschaften pauschal gegen kirchliche Kritik in Schutz zu nehmen (denn ihre Lehre und soziale Praxis ist in der Regel unvereinbar mit der Idee einer säkularen Gesellschaft) noch kann es unser Anliegen sein, bei jeder von kirchlichen Stellen oder Sensationsmedien angestoßenen Hexenjagd mitzumachen (dazu sind solche Kampagnen oft zu irrational ausgelegt und richten sich teilweise gegen Vereinigungen ohne großen Wirkungskreis). Eine einseitige Entscheidung für Weltanschauungsfreiheit oder Religionskritik ließe uns zum Spielball kirchlicher bzw. sektiererischer Interessen werden. Zentrales Kriterium, eine konkrete Situation zu bewerten, sollten die gesellschaftlichen Auswirkungen der bezogenen Position sein. Solches Vorgehen wird uns beizeiten von beiden Parteien den Vorwurf einbringen, das Geschäft der jeweils anderen Seite zu betreiben (und von dritter Seite das Verdikt der Standpunktlosigkeit eintragen). Aber das ist auch gut so.
Was ein Heft mit diesem Schwerpunkt nicht leisten kann, ist die Vorstellung und Einordnung einer relevanten Anzahl kleiner Religionsgemeinschaften (dazu gibt es die einschlägigen Handbücher). Dafür werden einige der wichtigen Fragen anhand von Einzelbeispielen erörtert. Wie lassen sich “Sekten” und autoritäre Gruppierungen innerhalb der Kirche vergleichen? Wie nah darf jemand, der in einem staatlich unterstützten Projekt zur Aufklärung über den Themenbereich Religion & Esoterik arbeitet, seinem Forschungsgegenstand kommen? Welche Form von Religionskritik wird öffentlich belobigt? Mit welchen Rechtfertigungstrategien wehren sich sektiererische Vereinigungen gegen Kritik?
Anmerkungen:
1 “Sekten” meint im Folgenden die Fülle kleinerer Religionsgemeinschaften, wobei ich, was die formalen Aspekte von Religionsfreiheit angeht, nicht nach der jeweiligen ideologischen Ausrichtung differenziere. Anhänger von “Sekten” machen in Deutschland etwa 0,5% der Bevölkerung aus. Nicht darin einbezogen sind Anhänger esoterischer Lehren, die sich nicht zu festen und dauerhaft aktiven Gruppen zusammenschließen.
2 epd-Meldung vom 21.4.1993. Wenige Tage zuvor waren in Waco/Texas einige Dutzend Anhänger der Davidianer-Sekte ums Leben gekommen; mutmaßlich als sie ihre von der Polizei belagerte Farm angezündet hatten.
3 Jüngste derartige Publikation ist die 36-seitige Broschüre Gott ja – Kirche nein, die vom Verein Kultur im Leben und Denken herausgegeben wird, der unter der Adresse des Verlags Das Weisse Pferd, der als Sprachrohr des Universellen Leben gelten kann, firmiert. Darin sind zu den üblichen Reizthemen (kirchlicher Reichtum, Sexualität, Demokratieverständnis, Menschenrechte) Zitate von Kirchenkritikern von Immanuel Kant bis Karlheinz Deschner aufgeführt.
Artikel aus MIZ 2/02
zurück zum Inhaltsverzeichnis